Series VI Band 1 · No. 20

Von der Allmacht und Allwissenheit Gottes und der Freiheit des Menschen

1670-1671 (?

German

(§. 1.) Unter allen fragen, so das Menschliche Geschlecht verwirret, ist keine mit mehrer hize getrieben, öffter wiederhohlet, gefährlicher und grausamer ausgeübet worden als diese Strittigkeit: wie mit der allmacht und allwißenheit des alles-regirenden Gottes der Freye wille des Menschen, Straffe und Belohnung, stehen könne. (§. 2.) Denn wiewohl die erste frage bey allen Volckern und Glaubens-Bekändtnüßen vorkommen kan: "wie doch bey gegenwertigen Elend der Frommen und Glück der Boshafften eine Göttliche Versehung statt habe"; so hat doch solche, zwar in den gemüthern mehr, aüserlich aber soviel wesens nicht gemacht, dieweil die feinde der Versehung Gottes sich nicht viel blicken laßen dürffen. (§. 3.) Sobald man aber mit dieser richtig, und also einig gewesen, daß solche dem ansehen nach unrichtige austheilung der Gaben und Welt-Güther dieses Lebens den allweisen Regirer nicht auffhebe, sondern alle diese Verstimmung in einem andern Leben durch behörige Gegengriffe der Straffe und Belohnung gleichsam nach Musicalischen Regeln in eine weit vollkommenere Harmony ersezet werde: Ist man auff die andre gefallen, wie denn nun solche Straffen und Belohnung der Billigkeit gemäß, und von partheyligkeit entfernet seyn können, wann ja dieser allweise Regent der Welt, durch die wunderliche austheilung seiner Gaben macht daß bey einem Straffe beym andern Belohnung, oder wie es die Christen nennen, Seeligkeit und Verdammung nicht wohl anders als folgen kan. (§. 4.) Hier haben sich die Menschen hauptsächlich getheilet: kein Comet, kein Erdbeben, keine Landplage hat mehr schaden gethan: hier hat die faulheit einen unterschleiff, die bosheit eine farbe gefunden, und Gott selbst hat ein deckmantel beyder seyn müßen. Doch mit zimlicher mäßigkeit der Heyden, so solche Frage so viel müglich in den Schuhlen und Philosophischen Gallerien verschloßen; und mit nuzen der Türcken so der eingebildeten Kette einer unvermeydtlichen nothwendigkeit sich zu einer blinden tollkühnheit bey ihrer Miliz bedienet. Wir Christen allein haben weder den Torrent auffhalten, noch als er ausgebrochen, uns zu nuz machen können, sondern nach unsern gewohnlichen bösen gebrauch alle Schulfragen auff die Canzeln zu bringen, und dem Volck zu wißen nöthig zu machen, so viele Secten erwecket, daß selten ein Riß unter uns entstanden, da die Versehung und Gnadenwahl nicht eingemenget worden. (§. 5.) Es haben sich herfür gethan die 2 Ursprünge der Manichäer, der Platonischen Christen vermischung Nichts und Etwas, schatten und Liechts, so sie durch in einander strahlung zweyer einander entgegen gesezten Triangel ercläret, Origenis barmherzigkeit gegen die Teüfel und Verdamten, der Pelagianer Stolz, der halben Pelagianer List, der Massilienser wiederspenstigkeit, der Schuhl-Lehrer ausflüchte, und endtlich die nur alzu bekandte lezte erregungen der welt, darinn gewislich Fatum, Praedestinatio, Liberum Servumqve arbitrium, Necessitas, Gratia resistibilis vel irresistibilis, praeveniens vel subseqvens, Auxilia gratiae, Scientia Media, Concursus DEI cum Creaturis, Decreta ab aeterno, Voluntas antecedens et Conseqvens, absoluta et Hypothetica, Supra-Lapsarii et Infra-Lapsarii, und was der Nahmen mehr, so alles verwirret, die Blut-Fahnen geführet. (§. 6.) Ich sage noch einmahl, daß solche nahmen alles verwirret, daß deren Misbrauch und unzahlbare verdrehungen die Christenheit in einen unendtlichen Labyrinth geführet, daß in erclärung der Worthe, welches ohne schahm und erbarmung nicht zu lesen, keiner mit dem andern überein komme, daß also keiner den andern Verstehe oder Verstehen wolle; daß also auch hier was überall, wahr, daß man erdichteten oder auff eigne art gebrauchten Nahmen der Philosophen, so sie Terminos nennen, alle finsternüß der Wißenschafften zuzuschreiben habe. Daß also kein ander mittel herans zu kommen, als daß man ohne einmischung solcher Wörther so nur den streit erneüern, die gemüther verbittern, der alten zanckereyen erinnern, zu unzahlbaren Verlegenen unverständtlichen Distinctionen ursach geben; sich der aller einfältigsten, gemeinesten, cläresten red-arten, so der armeste Bauer der von der sach seine meinung sagen müste, brauchen würde, bediene, und Versuche ob nicht dergestalt müglich sey etwas zu sagen, so zu erclärung der Sach gnug, und doch von niemand wiedersprochen werden könne. Die Teütsche Sprache ist am beqvemsten dazu, die an nuzlichen zu gemeinem Leben gehörigen und sichtbare oder Verständtliche dinge bedeütenden Nahmen einen überfluß hat, zu den vermeint-Philosophischen Chimären aber nicht als mit Hahren gezogen und gleichsam genothzüchtiget werden kan. Dahingegen die Lateinische ihrer Jungferschafft vorlängst beraubt, und ihre töchter, die Italian- und Französische die Laster der Mutter anzunehmen alzu geneigt gewesen. Solte dieses angehen, und Verständigen Billigen Leüten ein genüge geschehen, wird man vielleicht diesen Griff, wils Gott, zu mehrern Proben brauchen. (§. 7.) Es sind zwey Haupt-Sophismata oder betrügliche vernunfft-schlüße in dieser Materi, der eine vor die Sünder, der andre wieder Gott; der eine wieder die Buße und vermeidung künfftiger Sünden, der andere wieder die Straffe der vergangenen gerichtet; der eine von der Vorsehung, der andere von der Versehung, der eine von der Wißenschafft und allweisheit, der andere vom Willen und Allmacht Gottes genommen. Der Erste lautet also: Gott siehet alles zukünfftige vorhehr, siehet also daß ich werde seelig oder verdammet werden, eins von beyden mus wahr, und also von ihm gesehen seyn. Siehet ers nun vorhehr, so ists ja nicht anders müglich es mus geschehen, Mus es geschehen, so wird es geschehen, ich thue auch was ich immer wolle. (§. 8.) Ist alles zu dulden bis auff den lezten zusaz: ich thue auch was ich immer wolle, sondern wenn deine Verdamnüß gewis seyn wird, wird auch deine vorhehrgehende Sünde und unbusfertigkeit gewis seyn. Wir wollens aber umb alle unordnung zu vermeiden in einen Form-Schlus bringen: Was Gott vorhehr siehet daß mus geschehen oder kan nicht unterbleiben. Gott siehet vorhehr daß ich werde verdammet (seelig) werden. Derowegen mus meine verdamnüß (seeligkeit) geschehen, oder kan nicht unterbleiben. Ferner Was geschehen mus oder nicht unterbleiben kan, daß ist unvermaidtlich, oder wird geschehen man thue was man wolle. Meine Verdamnüß (seeligkeit) mus geschehen, oder kan nicht unterbleiben. Derowegen ist meine Verdamnüß (Seeligkeit) unvermaidtlich oder wird geschehen, man thue gleich was man wolle. (§. 9.) Dieses Sophisma stehet in einer bey allen Nationen und Sprachen eingerißener zweydeütigkeit der so gar gemeinen und dem ansehn nach ganz deütlichen wörther müßen, item nicht anders seyn können und anderer gleichgeltenden, dahehr auch dieser Betrug einen verständigen Mann nicht leicht auffhalten wohl aber einen einfältigen Verwirren wird. Nehmlich was heist das: Es muß seyn? Ercläre mir die worthe deines Schlußes, so will ich antworten. Es heist: es ist nicht anders müglich oder kan nicht anders seyn. Was heist denn Mügligkeit, oder was heist: können seyn, was verstehen wir Menschen unter diesen worthen, sie werden ja etwas zu bedeüten haben. Das kan ich nicht sagen, wird man mir antworten, so wenig als was heist warm oder kalt seyn. Allein, umb verzeihung guther Freünd, es ist ein unterscheid. Daß das feüer wärme, fühlestu, und darffsts und kansts anders nicht beweisen, als wenn du einen dazu führest, daß ers auch fühle. Aber wenn du beweisen wilt, daß etwas so auch nicht ist, noch gewesen ist, seyn oder nicht seyn könne, so brauchstu dich keines fühlens sondern unterschiedener Vernunfft-gründe; ist nun die mügligkeit, oder das seyn können etwas welches durch vernunfftsgründe zu beweisen, so ist es auch etwas so zu erclären. Denn aller beweis so nicht durch eine empfind- und erfahrung geschicht, sondern auch dem ders nicht erfahren durch Vernunfftsgründe beybracht wird, bestehet auff einer erclärung, entweder deßen so man beweisen, oder deßen davon man beweisen will, oder beyder. Nun kan die mügligkeit von einer sach die keine erclärung bedarff, als zum exempel von der Zahl drey, bewiesen werden; mus also auff solchen fall die mügligkeit selbst ercläret werden, und also an sich selbst ercläret werden können. (§. 10.) Es klappet fast eben so wunderlich fragen was ist mügligkeit, als: was ist wahrheit, und dennoch wenn man die Schuhl-Lehrer de radice possibilitatis wie sie es nennen, oder von der wurzel und innern Natur der Mügligkeit fragen wird, wird man so wunderliche und so verwirrte dinge höhren, daß man Gott dancken wird wenn sie aufhöhren. Aber umb Gottes willen, was brauchen doch die Menschen für mittel, wenn sie beweisen wollen daß etwas müglich oder nicht müglich sey. Wenn man ihnen auff die Hände oder vielmehr auff Maul und Kopf achtung geben wird, wird sich befinden daß sie unterweilen ein vergangenes oder gegenwertiges Exempel anführen, und denn ist die sach ausgemacht. Denn was geschehen ist, daß kan geschehen. Bisweilen aber aus mangel gleichförmiger exempel brauchen sie einen andern griff, sie bringen exempel für, so eben so wenig oder noch weniger müglich scheinen, und doch wahr und also auch müglich gewesen. Brauchen sich also der unmügligkeit zu beweisen die mügligkeit. Wie sie sich denn bisweilen damit zufrieden stellen, daß sie sagen; Es bleibt dieß solange müglich, bis einer komt, der die unmügligkeit beweiset. Wie beweiset man denn nun die unmügligkeit? Gieb achtung auff der Leüte gedancken und reden, so wirstu es finden. Nehmlich sie bemühen sich die sach, an deren mügligkeit gezweifelt wird, zu erclären, läst sie sich nun ganz deütlich erclären, und fein umbständiglich einbilden, so hält man sie für müglich; komt man an etwas, so sich mit sich selbst verwirret, und wiederspricht, so helt mans vor unmüglich; komt man auf etwas, da man stuzet, und die erclärung noch nicht bey der hand hat, so stellet mans annoch dahin, glaubets oder nicht, nach dem der ist, so es vorgebracht. Ist also müglich was sich deütlich ohne verwirrung und wiedersprechen gegen sich selbst erclären läßet. (§. 11.) Nun wollen wir solche erclärung der Mügligkeit zu unserem Form-Schluß bringen. Deßen erster saz lautet also: was Gott vorhehr siehet das mus geschehen, oder ist nicht müglich daß es unterbleibe. Wenn nun die erclärung der mügligkeit vor die mügligkeit gesezet wird, lautets also: was Gott vorhehr siehet, deßen unterbleibung kan ich mir nicht einbilden, das ist bilde ich mir nicht ein wenn ich gleich will. Aber so ist der Saz falsch. Wenn ich will so bilde ich mir ein, nicht ich, sondern ein ander sey verdammet, oder seelig; ja ich kan mir wenn ich will einbilden, es sey weder Himmel noch Hölle, wie es denn auch müglich ist, denn Gott kan sie wenn er will abschaffen. Derowegen ob gleich wahr ist: was Gott vorhehr siehet, das wird geschehen, ist doch nicht zuzulaßen: was Gott vorhehr siehet, das uns geschehen. Denn sagen: Gott siehet es vorhehr: ist eben soviel, als: Gott dencket: es wird geschehen, weil nun seyne gedancken wahrhafft, so wird es geschehen. Ist derowegen eben soviel: was Gott vorhehr siehet wird geschehen. Als: was Gott dencket es werde geschehen, wird geschehen. Oder, weil Gott wahrhafft: was geschehen wird, das wird geschehen. So wohl als: was geschehen ist, das ist geschehen. Derowegen ist nicht nöthig Gott in diesen Formschluß zu mengen: Man hätte stracks also schließen können: was geschehen wird, das wird nothwendig geschehen, oder mus geschehen. Gleichwie: was geschehen ist, das muß ja fürwahr geschehen seyn. Sagstu: ist denn das nicht wahr, nein, wenn nicht etwas drunter verstanden wird welches die Menschen umb kürze willen, und wiederhohlungen zu vermeiden, auszulaßen pflegen, so die wahre Ursach ist, warumb dieses Sophisma, diese aeqvivocation in allen Sprachen gilt, die weilen in allen Sprachen die Menschen den wiederhohlungen feind seyn. Denn wenn ich sage: was geschehen wird das mus ja fürwahr geschehen, ists eben soviel als wenn ich gesagt hätte: was geschehen wird, weil es geschehen wird, oder wenn es geschehen wird, so mus es geschehen, oder: vor das wort: muß, seine erclärung gesezet, wird der ganze Form-Schlus also: was geschehen (oder von Gott vorgesehen) wird, kan man sich nicht einbilden, daß wenn es geschehen (oder von Gott vorgesehen) wird, es nicht geschehen werde. Nun meine Verdamnüß (Seeligkeit) wird geschehen (ist von Gott vorgesehen). Derowegen von Meiner Verdamnüß (Seeligkeit) kan man sich nicht einbilden, daß wenn sie geschehen (von Gott vorgesehen) wird, sie nicht geschehen werde. So wird der Erste Saz wahr, und der ganze Form-schlus thut nichts. Spectatum admissi risum teneatis amici, zu deütsch: lachet doch alle was ihr könnet, laufft denn ein so abentheüerliches Sophisma, so Gott oder den Menschen, daß ist entweder die Providenz oder den Freyen willen aus der welt vertreiben will, auff nichts anders hinaus? Die Schuhl-Lehrer pflegen gar recht inter necessitatem absolutam et hypotheticam zu distingviren, aber verhoffentlich ist der grund allhier etwas genauer untersuchet, und die Ursach eines so allgemeinen betrugs entdecket worden. (§. 12.) Will man aber die mügligkeit anders erclären, so fern sie mehrvon den Menschen, als von den dingen verstanden wird, daß nehmlich das jenige seyn müße, deßen unterbleibung nicht müglich ist, und müglich sey, oder daß man thun könne, das jenige so da geschicht wenn man will, wird der Form-Schlnß also: Was geschehen (von Gott vorgesehen) wird, das (mus geschehen, oder) unterbleibet nicht, wenn Gott gleich wolte daß es unterbleiben solte. Nun meine Verdamnüß etc. Derowegen etc. Also ist der erste Saz augenscheinlich falsch, man wolte ihn denn auch verdupplen oder reduplicative verstehen also: was geschehen wird unterbleibet nicht, wenn Gott gleich wolte, daß in dem es geschehen wird, es nicht geschehen solte (wiewohl Gott solches als ungereimt nicht kan wollen). So bleibt der erste Saz wahr, aber der schluß ist wieder niemand. (§. 13.) Müßen derowegen wohl einfältige Leüte gewesen seyn, so sich durch dergleichen Schluß-arten übertaüben, und bereden laßen den acker ungebauet, die Baüme ungepflanzet, die arbeit ungethan zu laßen, weil ohne ihr zuthun was folgen soll doch geschehen würde. Du Narr, bistu zur armuth, so bistu auch zu solcher nachlaßigkeit versehen gewesen, und eben dieser logos argos die faule Regel (wie es die Rechenmeister nennen) hat dein elend so sehr befödert, als senen Sternseher seine eigene Behutsamkeit und vorhehrsehung sein unglück übern hals gezogen, welcher sich den todt von einem pferd prophezeyet, und zu entgehen nicht auf die gaß kommen, unterdeßen zu hause eine thüre so hart zugeschlagen, daß ein ährin pferd so herabgefallen ihn am haupt tödtlich verlezet. Wenn Gott das Ende so hat er auch die mittel vorgesehen, weis er daß ich werde seelig werden, so weis er auch daß ich gotts-furchtig lebe, Bin ich verdammet zu werden, so bin ich auch zu sündigen vorgesehen. So muß ich dann sündigen? Nein du sündigest und wirst sündigen, must aber nicht sündigen. Es stehet bey dir daß du zu keiner sünde versehen seyest. Wie so? ich wils beweisen: spize die ohren. Es stehet bey dir was an deinem willen lieget. Nun wenn du nicht wilst sündigen, so wirstu nicht sündigen, denn die sünde steht nur im willen, ein schlaffender, ein trunckender, wenn kein willen da, sündiget nicht. Wirstu nicht sündigen, so wirstu auch nicht zur sünde versehen seyn. Stehet also bey dir die erclärung ob du zur sünde versehen seyest oder nicht. Darffst also weder versehen noch Gott, sondern dich selbst, sondern deinen willen anclagen. (§.13.) Aber hier reget sich der lezte und härteste stoß: denn sagstu warumb hat mich Gott nicht beßer geschaffen, warumb hat er mir keine temperirtere complexion, keinen andern willen, keinen erclärteren verstand, keine glücklichere erziehung, keine vortheilhafftere gelegenheiten, keine gescheidere Eltern, keine fleißigere Lehrmeister, mit einem wort keine großere gnade geben. Daß ich also mus ein sünder, mus verdamt, mus verzweifelt, mus in ewigkeit verfluchet, und verfluchend seyn. Hier bin ich dir nicht schuldig zu antworten, gnug ists daß du nicht gewolt von sünden abzulaßen, und deiner seligkeit obzuliegen. Anff den bösen willen gehöhret die straffe, er komme wohehr er wolle. Sonst würde keine mißethat zu straffen seyn, es findet sich allezeit eine ursach des willens außer den wollenden, und dennoch ist der Willen der uns zu Menschen und Personen, zu sündern, zu seeligen, zu verdamten machet. (§. 14.) Nichts desto minder, wiewohl nicht bey dir, muß doch bey ihr selbst und an sich selbst die Weisheit Gottes gerechtfertiget werden. Denn es sey also, der arme mensch habe weil er gewolt die Straffe verdienet, so hätte doch gleichwohl anfangs bey Gott gestanden zu wege zu bringen daß er niemahls auff den willen zu sündigen gerathen und in sünde und Verdammung gefallen were. So kan man auch nicht sagen Gott habe nur zugesehen (wiewohl sonsten auch von einem verstendigen Menschen erfodert wird, geschweige denn was der weisheit und Güthe Gottes gemäß, dem elend eines andern nicht zuzusehen, sondern ihn nicht allein aus dem unglück, sondern auch aus unverstand, ja wo es müglich aus bosheit und Verderbten willen zu reißen), denn Gott überdieß die gelegenheit zu sündigen an die hand gegeben. Ein erzürnter verbitterter Mensch hat seinem feind den todt geschwohren, Gott giebt ihn wie die Schrifft redet, in seine Hände, und verschaffet (denn ja die anordnung aller dinge von ewigkeit hehr von ihm) daß er auf ihn stoßet, dahehr er ihn erwürget, und darüber, welches Gott wohl gewust, in Verzweifelung und Verdamnüß fället. Ist das nicht eben als wenn ein wildes ungezogenes kind in vollem lauff begriffen were, und ein Zuseher unterdeßen ihm eine fallthüre eröfnete, das kind seinen lauff vollführete, durchfiele und den hals abstürzete, der eröfner aber, ob er dieses alles gleich vorhehrgesehen, dennoch behaupten wolte, er were dieses falles keine ursach nicht, weil er das kind nicht lauffen machen. Zu geschweigen wenn einer dem andern einen trunck eingeben so ihn rasend, toll, truncken, erhizet, gemacht, ihn wißentlich also generirt, daß er der vernunfft nach boshafft werden müßen, ihn zu aller bosheit erzogen, und doch seiner sünden keine Ursach seyn wolte. Nun hat ja Gott nicht allein unser Raserey zugesehen, sondern auch zum fallthür und thor geöfnet, den betrüglichen apfel gleichsam in den weg geschaffet, umb daran schiffbruch der Glückseeligkeit zu leiden, ja gar uns und sonderlich Adam und Eva also geschaffen, daß die ganze Kette der umbstände von der erschaffung an mit sich gebracht, daß Eva der Schlangen, Adam der Eva zu wiederstehen nicht bastant gewesen, sondern ihren worthen gehöhr und beyfall geben, und zu ewigen schaden ihrer nachkommen überwunden worden. Nachdem nun solcher Fall geschehen, were nicht beßer daß Adam mit samt der Eva aus der welt geschaffet und neüe menschen an ihre statt gestellet worden, als daß wir ohne unsre schnld in unser unschuld und ersten moment der geburt mit einem frembden gifft zu vieler ewigen verderben angestecket, und aus solchem elend und zu sündigen und zu verderben geneigter art weis nicht mit was für einer partheyligkeit nur etliche durch eine unverdiente Gnade gerißen werden. (§. 15.) Dieß sind harte Knoten so mit keinem'Alexanders-Schwerd aufzulösen, und hierinn steckt das andere Haupt-Sophisma, so in folgenden Form-Schlus zu bringen: Wer wißentlich die Sünde zu läßet, alle gelegenheiten dazu verschaffet, und machet daß es der thäter thun kan; ja den willen des thäters selbst dazu reizet, und machet daß ers thun will: da er doch wohl die sünde hindern, ja die gelegenheiten dazu zu schaffen und den willen zu reizen, unterlaßen können, der ist ein Urheber der Sünde zu achten. Gott thut ein solches, wie erwiesen. Derowegen ist er ein Urheber der Sünde zu achten. Dieß ist der stein des anstoßens daran sovieler seeligkeit zu scheitern gangen, dieß ist der zweifelsknoten, der soviele entweder zur verzweifelung oder Ruchlosigkeit bracht. Welcher bis hehr nicht eben allemahl also aufgelöset worden, wie es so vieler armen Seelen nothdurfft erfodert hätte. (§. 16.) Wer hat iemahls leügnen können, daß in Gottes macht stünde alle sünde aus der welt zu bannen, daß thut er nicht, ergo will er sie bleiben laßen. Ja er will haben daß sie bleibe. Denn entweder er hält vor beßer daß sie bleibe, oder daß sie weiche. Ein drittes kan nicht gegeben werden. Hält er vor beßer daß sie weiche, so mus sie weichen, denn der allwißende will was er fürs beste hält, die Natur der Weisheit bringt mit sich das beste wollen, wer dieses laügnet verwirret allen gebrauch der Wörter. Denn wenn guth ist so man will (nehmlich wenn man deßen Natur verstehet), wie auch Aristoteles sagt, so wird das beste seyn so man für andern will, nehmlich wenn man es erkennet. Weil nun der allwißende das beste erkennet, folget ja daß ers wolle. Weil nun der allwißende will was er fürs beste hält, und weil er allmächtig, thut was er will, so folgt, daß die Sünde weichen müße, wenn er solches fürs beste hält. Weil sie aber in der welt bis dato bleibet, so ist ein zeichen daß Gott fürs beste halte und also haben wolle daß sie bleibe, und also die Sünde in der welt haben wolle. (§. 17.) Ja was noch mehr, weil Gott der lezte ursprung aller dinge und eine Ursach ist, warumb sie ehe seyn als nicht seyn und ehe also als anders seyn, so folgt dem ansehn nach daß Gott selbst die Sünde schaffe und mache. Worümb sündige ich iezo und begehe einen todtschlag? weil ich will und kan. Daß ich kan giebt mir Gott, daß ich will geben mir die umbstände, aber die hat ja Gott auch geschaffen mit der ganzen Kette ihrer Ursachen bis auf den anfang der welt zurück. Ich will, weil mich der andere (vielleicht unwißend) verlezet, und ich eines cholerischen temperaments, darinn durch erziehung gestärcket, etwa in lauter glück und freyheit erzogen, einer steten unterwerffung und schmeicheley gewohnt; dieß alles hat wieder seine Ursachen, daß man, wenn der menschliche Verstand fähig were diesem strohm bis zu seinem Qvell, ohne abbrechen nachzugehen, endtlich auff dem von Gott selbst erschaffenen ersten zustand der welt, daraus dieses alles gefolget, kommen würde. (§. 18.) Wieder diese Mauerbrecher hält keinen Stich was theils Schuhl-Lehrer ans den worthen etlicher heil. Vater aufgeführet, und weil nichts beßers da gewesen von vielen verständigen Leüten mit außgestreckten armen auffgefangen worden, nehmlich die sünde sey ein nichts, bestehe in mangel der gehörigen Vollkommenheit, Gott sey nur der Creaturen und in einer wirckligkeit stehenden dinge, nicht der entstehenden Unvollkommenheiten Ursach. Gleich als wenn einer so Ursach were der gedritten Zahl, leügnen wolte er were eine Ursach der Ungeradheit die drinnen stecket, und wenn er 3 Kinder gezeüget, sich erzürnen wolte, wenn man sagte er hätte sie also gezeüget, daß sie nicht alle paar und paar gehen köndten. Gewislich man bringt so lahme sachen vor Gott zu entschuldigen, daß sich deren ein Advocat eines beclagten vor einem Verständigen Richter schähmen würde. So ist denn ein übeler Musicant nur der schläge oder striche, und nicht der daraus folgenden dissonanz ursache. Scilicet, wer kan dafür daß sie sich nicht reimen wollen, soll deßen der Musicant entgelten? Ja ich sehe nicht warumb man dem sünder selbst für einen ursacher der Sünde hält, er thut die that (gleich wie Gott alles aus dem die that folget), wer kan dafür daß sie sich mit der Liebe Gottes nicht zusammen reimet; Es ist solche unvollkommenheit oder dissonanz ein non ens, ein negativum darein kein concursus noch influxus, wie sie es nennen statt hat. Dieß sind nun die schöhnen Advocaten Göttlicher gerechtigkeit, die zugleich alle sünder unstraffbar machen werden. Und wundert mich daß der tiefsinnige Cartesius hier auch gestrauchelt. (§. 19.) Andere bemühen sich unterm Vorwand des Menschlichen Freyen Willens die adamantine Kette der aus einander folgenden Ursachen zu zerreißen, und Gott zu erhaltung seiner Gerechtigkeit seine eigne Natur (daß er sey die erste und lezte Ursach aller dinge) zu benehmen. Derowegen obwohl die menschen ins gemein, so lang ihr gemüth von keinen gezwungenen unverständtlichen Grillen der Philosophen verdrehet und gleichsam gefälschet, dafür halten der jenige habe freyen willens gnug, der da thun kan, was er will, und will was er guth befindet; So haben doch die guthen Herren, welche gesehen daß eine Kette der Ursachen, daraus sie sich nicht wicklen können, gleich daraus folge (dieweil der will auf die erscheinende güthigkeit, und solche wiederumb aus andern umbständen wie ein effect aus seiner vollkommenen Ursach entstehet), alle ihre kräffte des gemüths angewendet, solche Natürliche auslegung aus den gemüthern zu tilgen. Welches sie dann bey ihren schühlern auch erlanget, und wunder meinen, wie sie der göttlichen gerechtigkeit geholffen haben. Demnach sagen sie der Freye wille ist eine solche Krafft eines verständigen Geschöpfs, daß es ohne einige Ursach dieses oder jenes wollen kan. Dieses nun heißen sie indifferentiam puram, geben ihm wunderliche Nahmen, titel und unterscheide, und bringen eine unzahlbare menge unbegreifflicher dinge und philosophischer wunderwercke wieleicht zu erachten darauß. Weil aber also die Kette der ursachen zerrißen wird, wißen sie nicht wie sie die allwißenheit Gottes, als die darauff gegründet, daß er die erste Ursach (Ens a se, a qvo omnia, wie sie selbst lehren) ist, erclären sollen. Zum Exempel, als Absathar dem David aus göttlichen eingeben prophezeyet, wenn Saul vor Ziclag käme, würden ihn die Bürger dem Belägerer liefern, da wißen sie nicht wie sie es machen sollen, umb zu sagen, wie doch Gott solches immermehr wißen können, was die Bürger von Ziclag einmahl würden gethan haben, da doch der Ziclager freyer wille ein ganz indifferentes an keine Ursachen gebundenes Ding, darinn Gott nicht das geringste sehen können (und wenn er gleich alle umbstände noch so genau betrachtet hätte, dahin doch menschen ihre zuflucht und offt unfehlbar gnugsam zu nehmen pflegen) daraus er gewis wißen können, wohin die balance ihres freyen willens ausschlagen würde. Wie mus es doch nun Gott immermehr gemacht haben, daß er dieses geheimnüß errathen. Seine allmacht, dadurch er alles weis was er schaffet, hat hier nicht helffen können, dieweil er dem freyen willen seine ungebundene Natur läßet, und nicht das geringste in ihn würcket, wie sie glauben, dadurch der ausschlag verursachet werde. So hat auch seine Unendtlichkeit und Allgegenwart, dadurch künfftige Dinge gleichsam als iezo gegenwärtig vor ihm stehen, nichts dabey thun können. Denn hier war nicht die frage was künfftig geschehen werde, sondern was da würde geschehen seyn, wenn Saul kommen, und David blieben were, obwohl weder David Blieben, noch Saul kommen. Hier ist nun der unvergleichliche Geist zweyer Spanier Fonsecae und Molinae der nothleidenden allwißenheit Gottes eben recht zu hülffe kommen, und hat dem Menschlichen Geschlecht eröfnet, wie daß Gott alle solche conseqvenzen der dinge da der freye wille mit eingemischet, wiße durch eine gewiße wißenschaft, so glaub ich im Himmel Scientia Media genennet werde. Mehr hat er nicht entdecket, prohibent nam caetera Parcae Scire Helenum fariqve vetat Saturnia Juno. O blinde menschen! Dieß wird als eine große subtilität, als eine übernatürliche erfindung, ja als ein Meisterstück des menschlichen Verstandes gerühmet, davon man nichts als den laut des worths verstehet. Die schwührigkeit stack darinn, wie aus den göttlichen attributis, und sonderlich aus dem unserm Verstand nach fürnehmsten haupt-attributo, daß er die Erste Ursach aller dinge sey, solches vorwißen heraus zu führen; dieses wird nicht gewiesen (wie es denn wenn gedachte erclärung des freyen willen bleibet, in ewigkeit nicht zu weisen, wenn aber der freye will zu seiner Ursach die erscheinende Gütigkeit der vor ihm stehenden dinge und umbstände hat, allerdings richtig, dieweil Gott die umbstände so alsdenn den Ziclagern für den gedancken schweben würden, aus gegenwertigen zustand den er geschaffet ohnfehlbar weis, gleichwie ein rechenmeister der 4 mit 8 zu multipliciren und das product mit 2 zu dividiren hat, da dann 16 heraus komt, wißen kan, daß wenn er die zahlen anders sezen und etwa 8 mit 2 multipliciren, das product mit 4 dividiren daß alsdenn 4 heraus kommen werde, nur mit dem unterschied daß Gott alle unzahlbare mügliche versezungen und conseqventien auff einmahl übersiehet, der rechenmeister zu ieder seine zeit haben mus), sondern anstatt deßen, der wißenschafft solcher dinge, daran niemand zweifelt, nur ein neüer nahmen geben, und auff die so sich dagegen sezen als ob sie die allwißenheit Gottes oder den Freyen willen des menschen verlaügnen wolten, fulminirt. (§. 20.) Damit wir aber -