Series II Band 3 · No. 99.
GABRIEL WAGNER AN LEIBNIZ
Hamburg, 7. (17.) Februar 1697. [96.103.]
Hamburg, 7. Februar 97
HochEdler, Vest= u. Hochgelehrter Herr, Hochgeneigter Hr. HofRaht
Ihren brief vom 19. Jan. habe gestern erst bekommen von Doct. Christiani alhir, welcher damit so saümselig gewesen: ich bin hoch verpflichtet vor di gute Vorsorge vor mich; hätte ich eher das glük gehabt, mit einem wahren Philosopho bekant zu werden, deßen eigenschaft nicht nur weisheit, sondern auch gütigk. ist, vileicht wäre ich längst nicht mehr so in der irre herumgezogen. Und weil großen Hrn. vor 200. dinen, vileicht eher zur beföderung hilft, als bürgersleüten vor 300., wil ichs ohn bedenken annehmen, wünsche nur, tüchtig gnung zusein, des Hrn. Grafen curiosität zustillen, welches ich doch hoffen wil, wenn er nicht zuviel practica, architectur u. ingenieurswesen wird verlangen, welches denn bei denen, di mathesin nur zur lust studiren, gemeinigl. zugeschehen pflegt, ich aber mit meinem großen leidwesen, ein lauterer theoreticus bin, fast keines geschäfts, als des stetigen denkens u. grillisirens fähig; doch weil Bükenburg in der landkarte etwa 6. 7. meile von Hannover scheint, wird meiner künheit, im fal einiger unwißenheit, verhoffentlich di Zuflucht nicht versagt werden. Ich wundere mich, daß bei einem solchen Hrn. lust u. gedult zu finden, zu den mühseligen demonstrationen der lezten 6. bücher, welche auch bei dem Tacquet schon ekel gnung sind, geschweige im Euclide u. Clavio. Honoratus Fabry ist vileicht leichter, wi ich aus dem Sturm merke. Doch hab ich ihn noch nie gesehen: am liebsten aber wäre mir Sturm, wenn ich nur hinten den algebris Anhang verstünde; ich verstünde auch vileicht, wenn ich meine tage 14 tage hätte unterricht darin gehabt; aber wenn ich ein 6 wöchentlich collegium geom. ausnehme, so ist meine ganze übrige mathesis, wie auch di meisten übrigen studia, eine autodidaxie. Ob sonst Renaldinus oder Wallis, welche ich in Sturms math. enucl. oft finde, vor mich beßer sei, bitte gehors. zuberichten. Dis eine könnte noch bedenken machen, wo man in oder etl. vierthel jahren, weil doch der Graf nur eine kurze Zeit jemand verlangt, hin solte; doch weil ich hoffe, man werde so schleünig, gegen den Winter, ohne 2, 3 monatliche ankündigung, bis sich sonst wo was ereignete, nicht verstoßen werden: Wil also in wenig tagen, wenn ich werde bei meinen itzigen auditt. einen schlus gemacht haben, hir abreisen; vileicht habe das glük innerhalb 14 tagen dem Hrn. HofR. erfreüligst aufzuwarten, weils doch über 4, 5 meilen nicht scheint aus dem Wege «zu» sein. Die neülig ausgeblibene einlage verhoffe künftig, «der ich verbl.»
HochEdler Hr. HofRaht, dero verbundnester Gabriel Wagner