Series II Band 3 · No. 95.
GABRIEL WAGNER AN LEIBNIZ
Hamburg, 22. Januar (1. Februar) 1697. [94.96.]
HochEdler Vest u. Hochgelehrter Herr, Hochgeneigter H. HofRaht
Auf di beilage, welche zurükbliben, warte mit großem Verlangen, weil ich Gottlob in keiner Sache den Vorwahn mich so einnehmen laße, daß ich gutem unterrichte den rigel vorschöbe. Daß Cartes. in viel Dingen aus Keplern klug worden, habe etlicher maßen im Reali d. V.; das aber habe noch nicht gewust, kömmt mir auch etwas zweifelhaft vor, daß er seine erklärung der schwere, solte aus Keplern haben, u. von der rejectorie per tang. auf die depressionem aetheris gefallen sein: sollte derowegen eine ziemliche wahrscheinligk. deßen sein, wolte ich in der Deuts. Ehre nicht vergeßen, wi ich denn dergleichen histörchen schon mehr habe, doch deren nicht zuviel haben kan. Wenn Sie einig bedenken bei der deüts. Ehre haben, bitte gehors. mir solches zu eröfnen. Den Caes. Fürstnerium habe Ihnen zugeeignet, wi auch, daß Sie di theoriam motus im 25.sten jahr geschriben; ich werde verhoffentl. damit nicht geirt haben. Ich hätte gar lust ihren lebens lauf zubeschreiben, wenn ich di materie dazu hätte. Der mangel der büchereien, briefwechsel, u. aller menschl. Hülfe. u. daß ich wieder di warheit nicht gern was setzen wolte, macht mich so kühn nochmals zu fragen, ob Pechlin, welcher in Holstein wohnt, nicht von geburt ein Holländer sei? Ob Aizema ein ost= oder westfrise? Kufler de motu et algebr. ist in Berlin gedrukt, die holländer pflegen aber in unserm deütschlande wenig drukken zulaßen, drum denke ich, ob er nicht etwa ein deütscher? Ob Pegels catal. nicht in Helmstäd zubekommen möchte wol wißen; wenn unreife gedanken unter seinen erfindungen sind, kan man doch, halte ich, von Rogerii erfind. in Engell., eben so denken, mit welchen ich Pegeln verglichen. Marc. Meibom hat in Kopenhagen u. Stockholm gewohnt, weil ich aber in disen ländern das Meiboms. Geschlecht nicht vermuhte, möchte ich wißen, ob er ein Helmstäter, denn ich ihn als den grösten Criticum der alten music, aus meinem register der deütschen, nicht gern verliren möchte.
Daß Kepler in abstractionen nicht geübt gnung, halte ich zwar auch, doch deücht mich, der mangel habe nicht an der log. u. metaph. sondern dem willen u. versuch, sich in der Pneumatic, Speculation von elementen u. politic zu üben, gelegen, weil er sonst in der geom., di auch abstract, glücklich gnung war. Daß alles in der Natur seine richtige gewiße Ursachen habe, ist auch jeder Zeit meine meinung gewesen, doch hab ich di nohtwendigk. nicht ganz ausgeschloßen, sondern die bewegungsgesez vor unveränderl. di arten der materie aber vor ungläublich mancherlei gehalten, daher fatum u. Zufal zugleich geglaubt; alles nothwendig in ansehung der bewegung, alles zufällig in betracht der materie: denn wenn di bewegungs gesez beständig, bei solcher u. solcher materie so u. so sein, di arten der materie aber unermeslich unterschiden, so scheint nothwendig casus et fatum zusam. zuhängen: di neigung aber hab ich allein den denkenden Geschöpfen zugeeignet, weil si mit den Gedanken zihen u. die gedanken willkürlich ändern können. Nach der Dynamice verlangt mich sehr, bitte mir zu berichten, wenn sie herauskömt, damit ich sehe, ob meine pneumatic grund habe, denn ich der ganzen Welt Schöpfung u. untergang, selen unsterbligk., Gottes wilkürliche regirung u.a. m. vor lauter glaubens artic. halte denen di vorführis. Vernunft ganz wiederspricht; glaube, daß ein Weltweiser aus bloßer Vernunft, nur ein bewegend, nicht aber freies denkendes urwesen beweisen könne: di bedeütenden, nicht phantasirenden träume scheinen zwar (u. außer den weißagungs studiis scheint nichts) eine götliche Vorwißenheit darzutuhn, doch daß Gott dem glük u. Zufal unterworfen sei nach den arten des Stofs, den er beweget, daher auch der magie u. weißagenden studien ungewisheit; daher auch ich vor mich, di absichten u. zwek der dinge, wovon di Dynamice, mit Cartesio nicht finden kan; daher ich di schul ethic vor albern, di physische vernünftige ethic vor gefährlich, di Bibel aber desto höher halte, weil si dinge offenbart, di man ohne si nimmer, ja durch di Vernunft, das gegentheil gefunden hätte.
Meine scharfe schreib art rührt nicht her, aus einer herzens unart, di aus anderer leüte verkleinerung ihre ehre sucht, sondern aus der meinung oder auch irthum, daß klarer stolz, unwarh. u. unbilligk., müße ohne barmherzigk. zurückgetriben u. ausgereütet werden, wo man nicht warh. u. tugend selbst wolle unterdrükken laßen. Daß Prof. Meier das pasquil auf mich gemacht, habe 7. Wochen vorher, ehe es heraus kommen, erfahren. Ihre erinnerung, daß das glük der menschen oft oft an kleinen Zufällen hange, ist so klar, daß ichs, wenn sonst nirgend, gnung an mir sehen könte: wenn das unglük sonst nichts wieder mich weis, wil mirs eine jugend vorwerfen, wi ich noch itzo in Hamburg, sowol von Doct. Meiern als im pasquil erfahren müßen, da ich doch mein tage nicht gehört, daß leüte, die 2/3 meines alters haben, jünglinge heißen; ja schon vor 2 jahren, als jemand mir wolte geholfen wißen, u., weil mich das studiren nicht ernehren wolte, auf allerlei anschläge fiel, dadurch man auch oft sein glük befestigt, hieß es endlich, das u. das wäre angangen, wenn ich nicht zu alt; da hatte das einzige alter die schuld; wenn ich also von beföderung rede, heiße ich zu jung, ist die frage von andern sachen, so bin ich schon zu alt; das heist wol nach Ihrer erinnerung: der menschen glük hängt an kleinen ursachen. Doch hoffe ich, indem ich dises erwehne, Ihre gütigk. werde bei vorfallender gelegenh. meiner gedenken u. gegen mich verdoppelt werden; durch Professor Vorschub, die zwar der warheit fortzuhelfen, ihre besoldung bekommen, werde ich nimmer zu nichts kommen, denn die warheit u. seinen guten nahmen vertheidigen, nennen si Verbrechen.
Ich bitte gehors. mir den deütlichsten besten algebristen zu benennen, weil ich noch nicht soweit drin bin, als ich wünsche.
Befehle mich dienstl. als
M. HochEdl. Hn. HofR. u. Patrons gehorsamster Gabriel Wagner, Philos.
Hamburg 22. Jan. 97
Mein Brief ist abzugeben auf dem H. Geist Kirchhofe bei Hrn. Putensen.