Series II Band 3 · No. 94.

LEIBNIZ AN GABRIEL WAGNER

Hannover, 19. (29.) Januar 1697 [84.95.]

German

Hanover 19 januar 1697 Monsieur

Mein Am Kopf der Seite von Leibniz' Hand: an Hrn. Gabriel Wagner, Hamburg jüngstes wird demselben vermittelst Hrn. Bussingii geliefert worden seyn, welchen weg ich ergreiffen müßen, dieweilen ich meines geehrten Hrn. adresse nicht gewust, und von Mons. Hinüber lange nichts gehöhret, biß er mir leztens geschrieben.

Weilen mir aber inzwischen eine gelegenheit für gekommen damit demselben vielleicht eine Zeitlang gedienet seyn möchte, so habe ich solche forderlichst wißen laßen wollen. Und bestehet in folgenden.

Es haben des Hrn. Grafen von Bückeburg Hochgrafliche Gnaden (ist ein Graf von der Lippe, und residiret zu Bückeburg etliche meilen von hier) gegen mich gemeldet, daß Sie wohl iemand verlangten, der ihro in erclärung des Euclidis auch zu zeiten in lectione Historicorum, damit Sie sich belustigen, an Hand gienge. Doch wären sie nicht gemeinet eine Person deswegen in beständige Dienste zu nehmen, sondern auff eine zeitlang kommen zulaßen.

Weilen ich nun vernehme, daß Monsieur einige gelegenheit suchet, so hat mich gedüncket, es dürffte ihm voriezo mit diesem Vorschlag gedienet seyn. Immaßen ihre Hochgrafl. Gnaden neben dem unterhalt an Kost und Kleidung, auch so viel geben wollen, nach proportion der Zeit, als zweyhundert Thaler besoldung jährlich ertragen, also daß vom halben jahre über den Unterhalt, noch hundert Thaler fallen würden. Und wird man wenigstens auff ein halb jahr staat machen können.

Das Haupt-absehen, wie gedacht, gehet auff den Euclidem, und hat der Hr. Graf bereits alle Propositiones der sechs ersten Bücher durchgangen, er ist aber über libros 7, 8, 9, 10 weggesprungen, und hat sich das 11te Buch auch erclären laßen. Aniezo ist er an dem 12ten buch. Ich habe gesagt, daß ich dafür hielte, sie würden wohl thun, wenn Sie die übrigen 7, 8, 9, 10, auch nachhohleten, zumahlen solche in den folgenden bißweilen citiret würden. Ich habe auch gesagt, daß ich nicht anders wüste, als daß mein geehrter Hr. andere bereits, und zwar auch in Mathesi, wenigstens Geometricis informiret habe.

Weilen aber nicht ohne ist, daß die lezten Bücher Euclidis von vielen negligiret werden, und daher wohl seyn kan, daß Monsieur die bücher 11, 12, 13, 14 etc. so von solidis handeln selbst nicht mit fleiß durchgangen; so halte doch dafür, es werde ihm solches ohnschwer fallen, weil nichts anderes als attention erfordert wird. Und weilen auch nöthig, daß ein solcher Herr durch Dinge geführet, so in die augen fallen, so wolte ich rathen, man praeparirte oder ließe sich praepariren die 5 Cörper iedes aus an ein ander hengenden hedris so etwa von pappe oder charten blättern seyn köndten, so sich zernehmen, und an einander fügen laßen. Und zweifle ich nicht Hr. Bussingius als ein gelehrter und höflicher Mann würde gern mit rath und Instruction an die hand gehen. Doch ware eben nicht nöthig daß absehen ihm oder anderen zu sagen, auch bey dem H. Grafen von Reali und dergleichen vielleicht zu abstrahiren.

Man köndte sich auch etliche kleine libros ad docendum aptos schaffen, als des Pere Pardies opera darunter seine compendiose Geometria, und zwey wercklein des Pere Lami, deren eines heißet: Elemens de la Grandeur und ist wie ein Compendium Algebrae, das andere heißet Elemens de Geometrie darinnen er diese Scienz nicht ubel ad captum discentium darstellet, sonsten wäre des Clavii Euclides guth umb diesen Autorem wohl zu untersuchen.

Die Histori betr. ist der Hr. Graf mit der Historia superioris seculi aniezo beschaftiget und hat kurzlich den Guicciardinum gelesen. Und würde ihm lieb seyn, wenn ihm iemand mit Enucleatione Sleidani vel Thuani an die hand gienge. Ich zweifle nicht, daß Meinem geehrten Hrn. leicht seyn werde ihm auch darinn zu dienen. Der Hr. Graf hat eine eigne Regirung, thut bisweilen reisen biß in Italien. Solte Mein Hr. sich bey ihm in guthe opinion wegen treue und dexterität sezen können, würde es nicht undienlich seyn. Es sind aber Ihre Hochgräfl. Gnaden etwas delicat, und ist daher nöthig auff seiner Hut zu seyn, haben im übrigen genereuse sentimenten gegen die jenigen, so Sie vergnügen. Solte nun Mein geehrter Hr. dieses alles anstandig befinden, so kondte man sich forderlichst zu dem Hrn. Grafen erheben, und hat man zwar ganz nicht nothig prachtig aufzuziehen, sondern nur schlecht als ein reisender, doch aber die propreté und nettigkeit in acht zu nehmen. Welches alles ich wohl meynend melden wollen, verbleibend

Meines geehrten Hrn. Dienstergebenster Gottfried Wilhelm Leibniz

P.S. Weilen der Hr. Graf sagt die Geometri sey das Haupt-absehen, so wäre gut wenn man laminas oder karten bletter bekomen köndte, so nach der Geometria Empirica Jungiana geschnitten, denn da kann man in der that darstellen, wie eine figur auß der andern per Transpositionem zu formiren. Solte man sie aber nicht bekommen können (wie ich denn selber sie nie gesehen, auch nicht weis wer sie hat) so köndte ich anleitung geben wie man das selbst erfinden köndte, wie ich denn einsmahls einen modum pro prop. 47ma Imi (quod quadrata laterum in triang. rectang. aequentur quadrato baseos) vor mich ausgedacht wie solches mit laminis sichtbar zu machen. Solcher modus ist recht vor Herren.