Series II Band 3 · No. 84.
GABRIEL WAGNER AN LEIBNIZ
Hamburg, 10. (20.) November 1696. [83.94.]
Die Deutsche Ehre od[er] Untersuchung Ob Deutschlandes ruhm so hoch als Frankreichs
steigen könne. Nebst abbildung des Sonderlichen Staatsmannes in seinem irrthum mit Philosophischer
prüfung vorgestelt, von einem Der gern ein deütscher sein wolte, wenn man nur dürfte.
1693.
Inhalt der Kap.
1. Theil Von deütschen gaben. Kap. 1. Von den Dingen, die ein land berühmt machen; absonderlich von der Franzosen 6. rühmlichen gaben. 2. Wonach man sich richten müße, wenn man deütschl. u. frankr. wil vergleichen. 3. Von der deütschen erdstrich od[er] himmelsgegend. 4. reichtum. 5. macht. 6. tapferk. u. tahten. 7. andern rühml. dingen. 8. verstande, wie di ausländer von den deütschen, und dise von sich selbst reden. 9. Prüfung der beweistümer, daß die deütschen einfältig wären. 10. Etliche irthümer der Gelehrten, von eigensch. der länder u. verstande der menschen. 11. Rechte regel, nach welcher man einen sinnreichen erdstrich erkennet.
2. Theil, Vom deütsch. Verstande absonderl.
12. Die ausländer bedinen sich der deütschen sehr; die holländ[er] können ohne di Hochdeutsch. fast nicht
auskommen.
13. Vergleichung der vornehmsten deütsch. mit den vornehmsten franz. in geringern studiis.
14. Betrachtung subtilsten deütschen u. franzosen in der welt-weisheit.
15. Verzeichnis noch etlicher deütscher mathematicorum.
16. Scheidekünstler u. Naturkundiger.
17. Ingenieur, Mahler u. FrauenZimmer, u. Vergleichung der
Naturalisten.
18. Bemerkung Von Erfindungen insgemein.
19. Di bekantesten erfindungen der Spanier.
20. Welschen.
21. Engelländer.
22. Franzosen.
23. Niderdeüts.; insonderh. Von der buchdruckerei.
Hochdeüts. u. Vergleichung diser mit den Französischen.
24. Wo die filosofis. freiheit am grösten sei? u. in welchen studiis jede er 5. Haupt-nationen excellire?
25. Zwei anmerkungen vom deüts. verstande.
3. Theil Von deüts. fehlern, und Vom Sonderlichen Staatsmanne.
26. Rechte Ursachen warum die deüts. vor dum gehalten werden.
27. Beantwortung des problematis: Ob Deutschl. u.s.f.; u. was ein sonderlicher Staatsmann sei.
28. Von der deütschen lächerlichem ehrgeiz.
29. demuth u. selbstverleümdung.
30. Hochachtung ausländischer Dinge.
31. SittenSklaverei.
32. Reisen.
33. Großes Elend der französ. Sprache; u. wi sich der deütsche dabei geberde?
34. Wer sonderl. an der SittenSklaverei schuld habe.
35. Urtheil über die Vindicias nominis Germanici.
36. Ob dise arbeit rühm- u. nüzlich sei? u. was jeder deütsche zu seiner u. seines landes ehre thun solte?
HochEdler und Hochgeneigter H. HofRaht
Ihren angenehmsten Brief habe den 6. Nov. bekommen; daß ich das glük der gewünschten kundschaft mir nicht mit schleüniger antw. befestigt, ist, daß ich wolte di antw. auf Prof. Meiers pasquil wieder mich, gern mitschikken; es ist aber doch noch nicht gedrukt. Ihrer gewogenheit mich nun würdig zumachen, mus ich erstlich meine harte schreibart entschuldigen: daß solche nicht aus bosheit oder einiger Herzensunart, di nur an anderer leüte beschimpfung lust hätte, herrühre, sondern aus aufrichtigk., solten auch wol etliche meiner feinde gestehen, di mich kennen: Ich meine, es sei gnung, daß ich keinen an würde u. ehre angreiffe, wi vor disen H. Thom., da er seine wiedersacher gleich suchte üm amt u. wolfart zubringen durch beschuldigungen, di er unmügl., wenns zur sache kommen wäre, hätte beweisen können: solte ich di pedantlehre auch nicht angreifen, würde ich immer denken, bonis nocet malis qui parcit: di erfinder oder Gelehrten der ersten gattung, haben da weder zeit noch gedult zu; also kömts denn auf di der andern gattung, (mich u. meines gleichen) an: solten di es auch nicht thun, würden di der dritten gattung, di pedanten, di oberhand, di si ohnedem schon haben, noch mehr bekommen, u. di Erfinder nicht mehr, ja nicht einmahl soviel gelten sollen, als ein gemeiner Profess. oder Doctor; Ein Student oder Gelehrter der vierten gatt. wird seine Exzellenz, wenn si schon mit Rhenio oder Scharfio nicht einmal zu vergleichen, vor ein größer Lumen als Cartesium u.d.g., ja dise leüte der ersten gattung, wol gar vor grillenfänger, ketzer oder narren halten; wieder solche leüte nun hilft nichts als herzhaftige aufrichtigk. u. mäßige satyren ohne ehrenrührige aufrückkungen u. injurien, wi ich hoffe daß meine scherzsatyren sein werden; der stolze troz eines Veltems, Thomasii u.d.g. würde einen sehr verachten u. verlachen wenn man nur mit der nakkenden warheit wieder si aufzöge; werden si aber einwenig gezwakt, so werden si einwenig roth. Soviel zu meiner entschuldigung; damit wenn ich ja einen falschen vorsaz oder grund hätte, ich doch aus dem argwohn der bosheit komme, di aufrichtigk., welche ich vor meine leibtugend halte, mir nicht übel gedeütet, u. ich vileicht gar der gewogenheit des Hn HofRaths verlustig werde: denn da bleibts bei, heücheln ist wider meine natur. Von Hn. Tenzel halte ich viel, weil er aufrichtig u. sich vor nichts mehr als einen antiquarium ausgibt, welches er auch mit ehren und rechtschaffen ist. H. Plak gefält mir deswegen nicht, weil er so unleidlich u. grob, u. die physic samt allen studiis nach der ethic u. Theol. richtet, da doch di ethic sich solte nach der Physic richten, als dem ursprung, u. wonach sich die ganze welt richten mus. Auch lästert u. verleümdet er mich hir schändlich. Daß ich Sie, mein H. HofR., unter di Verächter der logic gesezt, ist aus unwißenheit, u. guter meinung, nicht aus tükke, als suchte ich Ihren hohen nahmen zu profaniren und meinen Kleinigkeiten dadurch beifal zuerwekken, geschehen; hoffe daher Verzeihung, wi auch unterricht, wiewol ich in dieser sache geirt zuhaben, vor unmügl. halte, denn ich wol 6. jahr das ding überlegt, u. nun glaube, weil mir Gott nichts großes beschert, so habe er mir dis kleine entdekken wollen: doch dient nichts unversucht u. ununtersucht, es hat mir, wi bekant, noch nie keiner deswegen einige gründe entgegengesezt. Daß sonst Ihren Sin, mein Patron, ich in der ethic, NaturRecht, u. darin daß Cartesius in etlichen Keplers schüler sei, getroffen, erfreüet u. bekräftigt mich; von Keplern, das hab ich an 2 oder 3 orten im Reali d.V. Ihre gedanken vom infinito möchte gern wißen, weiß aber nicht, ob si in den actis erud. stehen, welche ich in 6 jahren leider nicht gelesen: daß alles nach unveränderl. linien bewegt werde, darin deücht mich, hab ich Ihre meinung getroffen, doch halt ich, es sei zugleich etwas an Epicuri Zufal; nemlich der bewegung nach, alles nothwendig, der materie nach alles ohngefähr, denn weil di materie an figur, größe u. poris so unterschiden, so wird zufälliger weise di nothwendige bewegung nach ihren unveränderl. gesetzen ohnzweif. auch unterschiden, daher denn kein ding dem andern in der welt volkommen gleich: aber hirin u. in der ganzen phys., math. u. hist. möchte wünschen Ihre unterweisung zugenießen, u. ist mir leid, daß sich jemand findet Ihnen im calculo analytico an di hand zugehen, denn ich solches gern wollt auf mich nehmen. Hibei mus ich mich über mein glük beklagen, daß ich nach solangen studiren u. reisen, u. nach aufwendung all des meinigen, nirgends aufrichtigk. u. Patrone finden kan, sondern di di wahrheit solten befördern, verfolgen si; wi mich denn nichts als di warh. ruinirt, da doch mancher weit schärfer, ja auch nicht ohne injurien geschriben, stat der lehre, seiner widersacher sitten und affecten examinirt, u. doch in vollen glük sizt, u. über seine feinde triumfirt: daher mus ein u. ander nüzl. werk, das ich noch vor hatte, ligen bleiben, denn ich in deütscher spr. gedachte eine ganze Philosophie (hist. Polit. math. u. Phys.) zu verfertigen, auf Cartesisch Leibnüzische principia u. Boyle experimente. Aber ich habe zu meiner deütsch. ehre nicht einmal muße u. einen Verleger finden können, da si doch nun schon 4. jahr fertig gewesen, vielmehr aber vor 3. jahren mir von den Leipzigern geraubt, daß ich si mit unglaübl. kummer u. Verdrus ein stück in ost, das ander in west nocheinmal machen müßen, meist aus dem gedächtnis (da es doch ein historisch werck ist) u. etl. alten blätterchen, di ich aus ihren Klauen als einen raub, noch errettet: den inhalt überschicke hirmit. Di Medicin hab ich von jugend auf wollen studiren bin aber von meinen eltern, di einen geistlichen erzwingen wolten, u. 1000 ander böse umstände immer davon abgehalten, daß ich also izt nach aller mühe u. unkosten, nichts als ein stükchen vom Philosopho u. infelice literato worden, wiwol über di helfte des lebens schon abgelegt. Solten Sie, nach Ihrem großen nahmen u. Vermögen etwa können zu einer Professur oder Bibliothecariat helfen, denn sonst diene ich zu nichts, würde es vieleicht nicht übel angewendet sein. Könte unterdes in Hannover gelegenh. sein zuleben, wolte ich da, mit der helfte des hisigen zufriden sein, nur M. HochEdl. Hn. HofRaths gunst u. lehre zu genießen, wiwol ich gestehe, daß mir nebst tisch u. kleidung wol etwas geld vonnöthen wäre, von meinen sachen, worüm mich Leipzig u. Halle gebracht, etwa einwenig wieder einzulösen. Zu erinnern noch, daß Kramers seine Vindiciae nominis Germanici ein jahr hernach in Berlin herauskahmen, als mir die Leipziger meine deütsche ehre geraubt, wiwol es damals einen anderen titel hatte. Hibei erkühne mich Ihrer gütigk. zumisbrauchen, u. zubitten soviel Ihnen extempore einfält, ohne verlust Ihrer höhern gedanken mir zuberichten: was Nemorarius üms jahr 1200., wovon Voßius, vor ein landsmann sei? ob Sie nicht der Caesarius Fürstenerius sein? ob Adolf Occo, der antiquar, Aizema der Politicus, Pechlin u. Kufler, holländer oder hochdeüts. sein? ob Sie Pegels catalogum seiner erfindungen haben? ob General Schomberg, der in Engell. bliben, u. Homberg der Philos. in Paris, gebohrene Deütsche sein, u. ob der lezte was sonderliches erfunden? ob Olearii Kugel in Gottorp was wichtiges sei, u. Detlev Kluver was wichtiges erfunden habe? ob Marcus Meibom ein hochdeütscher od. holländer? ob die Bernouillen Franzosen sein? Daß alles im besten werde aufgenommen werden, bitte u. hoffe ich von Ihrer gütigk., der ich mich gehorsamst übergebe, u. verbl.
HochEdler H. Ihr gehorsamster Gabriel Wagner
Hamburg 10. Nov. 96.