Series II Band 3 · No. 83.
LEIBNIZ AN GABRIEL WAGNER
[Hannover, 30. Oktober 1696.] [82.84.]
WohlEdler, insonders Geehrter Herr
Nachdem derselbige seine zu mir habende Neigung undt von mir habende guthe meinung öffentlich undt zwar allerdings über mein Verdienst bezeiget, ehe er mit mir einige kundschafft gehabt, so ist mir deßen unlängst erhaltenes Schreiben samt denen beygefügten gelehrten undt nachdencklichen Vernunfftübungen so er durch den Druck herausgegeben, umb so viel mehr angenehm gewesen: Undt befinde ich mich dadurch verbunden demselben danck zu erstatten, auch mich zu angenehmen Diensten zu erbieten, dabeneben auch über ein undt anders meine wohlmeinende doch ohnvorgreiffliche gedancken auffrichtig zu eröffnen, der Hoffnung es werde es mein geehrter Hr. im besten auffnehmen, undt vielleicht bey reifflicher überlegung darunter etwas dienliches finden.
Ich vernehme demnach daß deßen Vernunfftübungen einigen gelehrten Leuten gelegenheit gegeben sich zu entrüsten, undt solche also auff zu nehmen, als ob er der in schwanck gehenden gelehrsamkeit so auff den hohen undt anderen schuhlen getrieben undt insgemein gelobet undt verlanget wirdt, zum theil, undt sonderlich so weit sie von der Natur-Kunde etwas entfernet, gleichsam den Krieg damit angekündiget, undt ihm fürgenommen den gantzen orden deren so sich darauff legen bey anderen Leuten in schimpff undt verachtung zu bringen. Nun bin ich zwar versichert daß solches seine Meinung ganz nicht sey, kan auch nicht loben, daß man sie ihm zum ärgsten außdeutet; zu mahlen er sich selbst deßwegen verwahret, undt ich aus dem Lateinischen so ich von ihm gesehen, wahrgenommen, daß es ihm selbst an solcher gelehrsamkeit nicht ermangele, undt seine schreibarth so er darinn gebrauchet offt (nicht weniger als im Deutschen) etwas ohn gemein zierliches undt nachdrückliches, auff schlag der alten an sich habe, so da weiset daß ihm deren Kundschafft gar nicht abgehe, noch zu wieder seyn müße. Weilen aber gleich wohl ein undt anders den wiedrigen urtheilen einen schein gegeben, so solte ich fast dafür halten, Mein geehrter Herr würde löblich thun sowohl zu rettung der vermeint verletzten Ehren solcher gelehrten, alß auch zu seiner Entbürdung, wenn er ein undt anders erclären undt etwa bey dem fortsatz der Vernunfft-Übungen, oder sonst offentlich zu vernehmen geben wolte, daß er nicht die wißenschafften oder arthen der gelehrsamkeit, auch nicht die so denen selben fleißig obliegen undt solche wohl verstehen, weniger den gantzen orden gewißer gelehrten tadeln, am allerwenigsten aber iemand schimpfen oder verachten wollen.
Ich bekenne an meinen wenigen orth, daß ich in meiner ersten jugendt geneigt gewesen
viel zu verwerffen, so in der gelehrten welt eingeführet. Aber bey anwachsenden Jahren, undt
näherer insicht habe den Nutzen mancher Dinge befunden, die ich zuvor gering geachtet,
mithin numehr gelernet nicht leicht etwas zu verachten; welche Regell ich für beßer
undt sicherer halte, alß die so einige Stoische Liebhaber der weißheit undt aus ihnen Horatius
gelehret nichts zu bewundern. Wie ich dann in Franckreich undt sonsten den so genandten
Cartesianern solches zu verstehen geben, undt sie gewarnet, daß sie durch anzapfung der
Schuhlen, weder für sich, noch für die Studien wohl thun, undt nur gelehrte Leute gegen neue
auch sonst guthe gedancken verbittern würden. So auch zum theil erfolget, wie des hochgelehrten
Hrn. Bischofs von Avranches Huetii nicht gantz unverdiente Censur außweiset. Undt
habe ich an dem Hn. Pater Malebranche so sonst mein guther freundt, nicht billigen können,
daß er baldt die Critik undt untersuchung des Römischen undt Griechischen Alterthums, baldt
die Lesung der Rabbinischen undt arabischen bücher, baldt den fleiß der Sternseher, baldt sonst
etwas durchziehen will, da doch alle diese Dinge ihren Nutzen haben, undt guth daß Leute
seyn, so ihr werck davon machen, welche man durch Lob bey ihrer mühe auffrischen undt nicht
durch verachtung von der vor das gemeine wesen offt ohne belohnung unternommenen großen
arbeit abschrecken muß. Zweiffle auch nicht daß M. G. Hr. hierinn mit mir guthen theils einig
seyn werde, immaßen er sich wegen der Orientalischen Sprachen, der Sternkunst undt anderen
gantz wohl ercläret.
Weilen aber gleichwohl M. G. Herr hauptsächlich wie ich sehe, dahin zu gehen scheinet, daß die Vernunfftkunst oder Logick, sambt ihrer nahen anverwandtin der gemeinlichen wißenschafft oder Metaphysick gäntzlich zu verwerffen undt gleichsahm zu verbannen, undt mich selbst, den er zwar eines alzugroßen Lobes würdiget, unter die verächter der Logick außdrücklich zehlet, hat mich solches umb so viel mehr bewogen, meine erklärung darüber an ihn zu thun. Undt zweifele ich zwar zuförderst nicht daß M. G. Hr. aus wohlmeinenden Eyffer zu auffnahm der wahren undt nützlichen wißenschafften ein solches geschrieben, damit die menschen mit vergebenen Grübeln zu Verlust der edlen Zeit nicht aufgehalten würden, undt mir darinn eine Ehre gethan, daß er mich gleichsam zum zeugen einer so wohl gemeinten erinnerung geruffen. Weilen aber gleich wohl ich von der Sache selbst auff gewiße Maaße eine andere meinung führe, so habe versuchen wollen, ob wir uns darüber in etwas verstehen undt vergleichen köndten, ich glaube auch daß M. G. Hr. wie ers im Sinn hat, recht habe, nur daß seine außdrückung weiter gehet alß seine befindung. Unter der Logick oder denckkunst verstehe ich die Kunst den Verstandt zu gebrauchen; also, nicht allein was fürgestelt zu beurtheilen, sondern auch was verborgen ist zu erfinden. Wenn nun eine solche Kunst müglich, das ist, wenn treffliche Vortheil in solchen würckungen dar zu geben, so folget, daß diese kunst auff alle weise zu suchen undt hoch zu schäzen; ja aller künste undt wißenschafften schlüßell zu achten.
Nun scheinet daß M. G. Herr zugebe daß im nachdencken undt erforschen sich schöhne vortheill finden wenn er derohalben nicht zugeben wolte, daß man deren Begriff eine Logick nennen soll, so würde der Streit vom worthe seyn. Weil ihm aber dergleichen nicht zutraue, so sehe nicht wie seine gedancken anders zu nehmen als daß er zwar nicht die wahre Logick, wohl aber das ienige verwerffe, was wir bißher unter deren nahmen verehren.
Wenn esnun diese meynung hat, so muß ich zwar bekennen, daß alle unsere bißherigen Logicken kaum ein schatten deßen seyn so ich wündsche undt so ich gleichsahm von ferne sehe, muß aber gleichwohl der wahrheit zu steur, undt einem ieden seyn gebührendt recht zu thun, bekennen daß ich auch in der bißherigen Logick viel guthes undt nützliches finde, dazu mich dann auch die Danckbarkeit verbindet, weilen ich mit wahrheit sagen zu können vermeine, daß mir die Logick auch wie man sie in schuhlen lehret ein großes gefruchtet. Ehe ich noch zu einer SchulClaß kam, da man sie treibet, war ich gantz in den Historien undt Poëten vertieffet, denn die Historien hatte ich angefangen zu leßen fast sobaldt ich leßen können, undt in den verßen fandt ich große Lust und Leichtigkeit, aber sobaldt ich die Logick anfienge zu höhren, da fandt ich mich sehr gerühret, durch die vertheilung undt ordnung der gedancken die ich darinn wahrnahm. Ich begundt gleich zu mercken daß ein großes darinn stecken müste soviel etwa ein Knabe von 13 Jahren in dergleichen mercken kan. Die gröste lust empfand ich an den so genanten Praedicamenten, so mir vorkam alß eine Muster-Rolle aller dinge der welt, undt suchte ich in allerhandt Logicken nach, umb zu sehen wo solch allgemein Register am besten und ausführlichsten zu finden. Ich fragte offt mich undt meine Mitschüler, in welches Praedicament undt deßen fach wohl dieß oder ienes gehören möchte, ob mir wohl nicht anstundt, daß man so viel davon gantz außschloß; einige der praedicamenten alß sonderlich die zwey wo nicht vier letzten auch bey mir baldt weg fielen weil sie in den vorigen begriffen oder deren Nutzen sich in der That nicht zeigen wolte. Ich kam baldt auff einen lustigen fundt wie man offt vermittelst der Praedicamenten etwas errathen undt sich erinnern könne was einem ausgefallen, wenn man nehmlich das bildt davon noch hat, aber solches in seinem Hirn nicht sofort ertappen kan, denn da darff man sich oder andere nur nach gewißen praedicamenten [oder Claßen der Dinge] undt deren ferneren eintheilungen (davon ich gar außführliche Tafeln auß allerhandt Logicken zusammen getragen hatte) befragen undt gleichsahm examiniren, so schließet man baldt aus was zur Sach nicht dienet undt treibet das werck der gestaldt in die enge, daß man auff das recht schuldige kommen kan, undt dergestaldt hätte vielleicht Nebucadnezar auch seinen vergeßenen Traum wieder erwecken können. Bey solchen Eintäffeln der Kennißen, kam ich in übung der eintheilung undt afftereintheilung (divisionis undt subdivisionis) alß einen grundt der ordnung undt alß ein bandt der gedancken, da mußten die Ramisten undt halben Ramisten hehrhalten. Sobaldt ich ein Register zusammen gehörender Dinge fandt, undt sonderlich so offt ich ein geschlecht oder gemeines antraff, so eine zahl der besondern arthen unter sich hatte, alß zum Exempel, die zahl der gemüthsbewegungen oder der tugenden undt laster, so muste ich sie in eine taffel bringen undt versuchen, wie die arthen nach ein ander heraus kämen. Undt da fand ich gemeiniglich, daß die erzehlung unvollkommen, undt noch mehr arthen beygesetzt werden köndten. Mit solchen allen hatte ich meine besondere lust, schrieb auch allerhandt Zeug zusammen, so zwar nicht geachtet sondern verlohren [gehen laßen,] doch lange jahre hernach etwas davon ohngefehr gefunden so mir noch ietzo nicht gantz mißfält. Den Nutzen dieser übung befandt ich hernach wenn ich eine Materi außführen wolte undt erinnere mich daß einsmahls da etwas von mir auffgesetzet, mich ein gelehrter freundt gefraget, wie mir doch alles so ich anbracht, auch dienlich, aber nicht sofort zu erblicken beygefallen, dem ich geantwortet (wie es dann auch wahr), daß es durch divisiones undt subdivisiones geschehen, die ich gleichsam als ein Netz oder Garn gebrauchet das flüchtige wildt zu fangen. Ich fandt auch daß die Eintheilung diene, rechte beschreibungen von den dingen zu machen ander Nutzen zu geschweigen. Zu allen glück war ich in den so genanten humanioribus zimlich fortgeschritten ehe ich zu diesen gedancken kommen, sonst würde ich mich schwerlich haben überwinden können wieder zurück von den Sachen zu den worthen zu gehen.
Ich hatte auch sonsten viel einfälle die ich zu zeiten den Lehrmeistern fürtrug, alß unter andern ob nicht gleich wie die Termini Simplices oder kennißen (Notiones) durch die bekanten praedicamenten in ordnung bracht, also auch eigne praedicamenten undt ordentliche Reihen für die Terminos complexos oder wahrheiten zu machen; ich wuste nehmlich damahls nicht, daß der Wißkünstler Grundtbeweise (Mathematicae Demonstrationes) eben das ienige seyn was ich wünschte. Ich bemerckte auch daß die Topica oder Sammelplätze der erklärungs- undt beweißmittel nicht wenig dienen uns des ienigen so wir zwar im kopf, aber nicht in gedancken haben zu gehöriger zeit zu erinneren; also nicht nur von den Sachen viel her zu schwätzen, sondern auch sie beßer zu untersuchen. Undt bemerckte ich bereits damahls daß solche Plätze (Loci) oder Hauptsitze als quellen zu gebrauchen nicht nur der beweißmittel einer dargestelten wahrheit, sondern auch der erklärungsmittel einer vorgegebenen Sache; undt daß sie also nicht allein beweißlichkeiten (argumentabilia) so zu reden, sondern auch beylegligkeiten (praedicabilia) seÿn. Also die bekanten fünff praedicabilia des Porphyrii bey weiten nicht zureichen, welche nur die praedicata in recto oder benennungen, undt auch die nicht alle in sich halten; maßen noch die begrentzung (definitio, bepaeling nennens die Holländer) undt eintheilung (divisio) beyzufügen, denn es ia auch eine beylage ist daß zum Exempell ieder Regulirter Cörper entweder 4= oder 6= oder 8= oder 12= oder 20seitig sey aber die ienigen praedicabilia so da dienen pro praedicatis in obliquo oder die quellen der anbeylagen, wenn ich so reden solte, hat Porphyrius übergangen undt diese stecken in Topicis maßen ursach, werck, gantzes, theil, etc. in der that dergleichen seyn undt finde ich daß Hr. Placcius berühmter ICtus in Hamburg (deßen gelehrsamkeit, fleiß, nachdencken undt sonderlich guthes absehen ich hoch schätze undt deßen kundtschafft M. G. Hr. wündsche) von den Locis vor anderen wohl gehandelt undt den kern zusammen gefaßet. Die Juristen haben sich in ihren Locis legalibus undt sonst der Dinge nützlich bedienet. Es entstehet auch eine gewiße kunst zu fragen, nicht nur den Richtern und Berichtenden dienlich, sondern auch auff reisen wohl zu gebrauchen bey denen gelegenheiten da selzame Dinge oder sonderbare Persohnen zu sehen oder zu sprechen von denen viel zu erfahren stehet, damit man nehmlich solche vorbey streichende undt nicht wieder kommende fügung wohl brauche undt nicht hernach auff sich selbst böse sey, daß man dieß oder ienes nicht gefraget oder beobachtet. Dahin gehöret auch die kunst die Natur selbst auszufragen undt gleichsahm auff die folterbanck zu bringen, Ars Experimentandi so Verulamius wohl angegriffen. Mein G. Hr. wirdt sagen, daß die wackersten Köpffe sich solcher vortheill wenig bedienen, sondern mit ihrem naturlichen verstand gnug zu recht kommen undt daß schlechte tropfen mit allen vortheillen es ihnen nicht gleich thun. Es ist nicht ohne, es ist aber auch wahr, daß wenig seyn so die vortheil wißen oder brauchen, undt daß es gleichsahm ein Verhängniß für das Menschliche Geschlecht, daß es die von Gott erzeigte gnaden undt schätze der güthigen Natur so wenig sich zu nutz macht, wie ich dann der meinung bin, daß die menschen bereits ietzo unglaubliche Dinge leißten köndten, wenn sie recht darzu thun wolten, aber ihre Augen werden annoch gehalten, undt alles muß zeit zeit haben, reiff zu werden. Demnach stehe ich in den gedancken, daß ein schlechter kopf mit den Hülffsvortheilen undt deren übung es den besten bevor thun köndte, gleich wie ein Kindt mit dem Lineal beßere Linien ziehen kan, alß der gröste meister aus freyer hand. Die herrlichen ingenia aber würden unglaublich weit gehen können, wenn die vortheile dazu kämen.
Bisher habe von dem theil der bekanten Logick geredet so zur Erfindung dienet, nun muß
auch von dem Theil gedencken, so zum Urtheil gehöret, welches zwar einiger maßen vorhergehen
solte undt und da kommen für die Schlußfolgen mit sambt den Figuren und arthen der
schlüße. Dieß theill hält man für das unnützlichste undt spottet über Barbara, Celarent; ich
habe es aber auch anders befunden, undt ob zwar Hr. Arnaud in seiner Denck-Kunst selbst
meinet, die Menschen fehleten nicht leicht in der form sondern fast allein in der Materi, so
verhält sichs doch in der That gantz anders, undt hat Hr. Hugens mit mir beobachtet, daß
gemeiniglich die Mathematischen fehler selbst, so man paralogismos nennet, von verwahrloster
form entsproßen. Es ist gewiß kein geringes daß Aristoteles diese formen in unfehlbare
gesetz bracht, mithin der erste in der that gewesen der mathematisch außer der Mathematick
geschrieben. Ich habe auch etwas zur neügierigkeit beygetragen, indem ich wißkunstig bewießen,
daß iede der vier figuren just nur sechs gültige arthen habe undt also (gegen die gemeine lehre)
eine, soviel alß die andere, immaßen die Natur in allen dingen regular. Und dieß dünckt mich
nicht weniger betrachtungs würdig als die zahl der Regularen Cörper. Zwar ist diese arbeit des
Aristotelis nur ein anfang undt gleichsam das ABC, wie es dann andere mehr zusammengesäzte
und schwerere formen gibt, die man als dann erst brauchen kan wenn man sie mithülff dieser
ersten undt leichten formen fest gestellet, alß zum exempell die Euclidischen Schlußformen, da
die verhaltungen (proportiones) versetzet werden, invertendo, componendo, dividendo rationes,
etc.; ja selbst die Additionen multiplicationen oder divisionen der zahlen wie man sie in
den Rechenschuhlen lehret, sindt beweisformen (Argumenta in forma) undt man kan sich
darauff verlaßen, weil sie krafft ihrer form beweisen. Undt auff solche weiße kan man sagen,
daß eine gantze buchhalters rechnung förmlich schließe, undt aus Argumentis in forma bestehe.
So ist es auch mit der Algebra undt vielen anderen förmlichen beweißen bewandt, so nehmlich
nackendt undt doch vollkommen. Es ist nicht eben nöthig daß alle schluß-formen heißen:
omnis, atqui, ergo. In allen unfehlbaren wißenschafften wenn sie genau bewießen werden, sindt
gleichsahm höhere Logische formen einverleibet, so theils aus den Aristotelischen fließen,
theils noch etwas anders zu hülff nehmen. Cardan hat dieß in seiner Logick gesehen undt
gleichwie man den Bauren überläßet mit den fingern zu zehlen undt mit strichen undt kreuzen
sich zu behelffen, dahingegen ein rechner viel höhere Künste hat: also nachdem man die
Logick in den rechten wißenschafften höher gesteigert, hat man den Schülern überlaßen, daß
sie mit omnis, atqui, ergo gleichsahm an den fingern rechnen; undt so zu sagen auff einmahl
nicht mehr alß drey zehlen können weil ihre schlüße undt Syllogismi tritermini nur 3 Sachen
undt 3 Säze haben. Doch ists bißweilen rathsam daß man sich an solche bauer rechnung undt
KinderLogick halte. Denn gleichwie man geringer geldt mit würffen annimbt, große stück aber,
zumahl von goldt lieber zehlet, undt wenn man Diamanten zu berechnen hätte, gern die mühe
nehmen würde, solche an den fingern abzuzehlen, weilen diese rechnung zwar am schlechtesten,
doch aber am sichersten ist, dahingegen ie höher, künstlicher und geschwinder die
rechnung, ie leichter auch sich zu verrechnen; so ist es auch mit der Logick bewandt; daß man
nehmlich in wichtigen, zumahl Theologischen Streit Sachen so Gottes wesen undt willen auch
unsre seele betreffendt, wohl thut, wenn man alles mit großem Fleiß aufflöset undt auff die
allereinfältigsten undt handtgreifflichsten Schlüße bringet, da auch der geringste Schüler ohnfehlbar
sehen kan was folge oder nicht. Undt wird sich finden daß man offt bey wichtigen
gesprächen stecken blieben, undt still stehen müßen weil man von der form abgewichen:
gleichwie man einen ZwirnsKnaul zum Gordischen Knoten machen kan, wenn man ihn unordentlich
aufthut. Undt muß ich hiebey meine gedancken vom rechten gebrauch des förmlichen
disputirens in etwas setzen. Man hat es in die Auditoria der hohen undt niedern Schuhlen
verbannet undt eines der wichtigsten Mittel die menschlichen fehler zu meiden, fast bloß zu
einem Kinderspiel gemacht, deßen man sich hernach gleichsahm schähmet, wenn man zu waß
rechtes schreitet. Es ist auch kein wunder wie mans damit macht, denn offt scheint daß mans
nicht brauchen wolle hinter die wahrheit zu kommen, sondern nur iungen leuten ein wenig
muth zu machen umb sich öffentlich zu zeigen undt zu verantworten. Daher fängt man etwa
einen Syllogismum an, aber den Satz so verneinet, oder unterschieden wirdt, beweiset man
selten wieder mit einem neuen Syllogismo, viel weniger den streitigen Satz des prosyllogismi
und so fort, wie es dann seyn solte wenn man wahrhafftig in form disputiren wolte; sondern
man bricht baldt ab, fället auff die Gespräch undt Discursen, undt endtlich auff ein Ehren-worth
oder Compliment. Nun bekenne ich daß es bey dem Zweck einer bloßen übung der jugendt
nicht wohl anders seyn kan. Denn wenn man förmlich außdisputiren wolte, würden etliche tage
auff einen Syllogismum gehen umb solchen recht zu verfolgen undt wo bliebe das Auditorium
mit den übrigen opponenten? So würde auch die große Zahl der Prosyllogismorum einen
rechten irrgarten machen, daraus ohne Protocoll nicht zu kommen. Zu geschweigen des großen
verstandes undt ungemeiner scharffsinnigkeit so erfordert würde, aus dem stegreiff sich recht
zu begreiffen und den beweiß immer biß auff die ersten ursprünge undt grundtwahrheiten fort
zu setzen. Ist es derowegen eines von den menschlichen verkehrungen, daß man die form allein
braucht, wo sie wenig helffen kan, undt bald abgebrochen werden muß, nehmlich bey mündtlichen
streitgesprächen undt zwar junger Leute, undt bloß zur übung. Aber wo die form aus
großen schwürigkeiten helffen köndte, nehmlichen bey schriftlichen disputations-gesätzen,
zumahl in wichtigen geistlichen Streitigkeiten, da wird sie außer acht gelaßen; so gar daß offt
dadurch schädliche irrthümer entstehen auch unterhalten werden, weilen in freyen discursen es
mehr auff die fertigkeit, beredtsamkeit spitzfündigkeit, auch gunst undt ansehen, alß grundt der
wahrheit ankomt, undt wenn beyderseits ansehnliche wackere Leute die rede führen, nichts
gerichtet wirdt, sondern die partheyen nur gesteiffet werden. Ich habe zu unterschiedenen
mahlen der Sach nach gedacht, auch einige Proben angestellet, undt sehe daß nicht fehlen kan,
wenn der ienige so etwas zu beweisen unternimbt, bey einem ieden gantz oder zum theil
geleugneten Satze wieder einen Syllogismum formiren solte, er endtlichen nothwendig entweder
auß mangell des beweißes auffhöhren undt das erkennen, oder den gegenpart auff
unverneinliche sätze mithin auch zum gestandtnüß treiben, oder doch (welches zumahl in
zufälligen Materien zu maße komt) sich des beweißes auf ihn entladen werde. Daher die
Disputir-form zwar in nothwendigen sachen da ewige wahrheiten vorfallen, zur nothdurfft
ausgemacht nicht aber in zufälligkeiten, wo man das wahrscheinlichste wehlen muß; alda
zweyerley annoch auß-zuführen, erstlich von der praesumtion das ist wenn undt wie einer
den Beweiß von sich auff einen andern zu legen macht habe, vors andere von den gradibus
probabilitatis, wie man die anzeigungen so keinen vollkommenen Beweiß machen undt gegen
einander laufen (indicantia et contra-indicantia, wie die Medici reden) abwegen undt schätzen
solle, umb den außschlag zu geben. Denn man ins gemein gar wohl sagt, rationes non esse
numerandas sed ponderandas, man müße die anzeigungen nicht zehlen, sondern wägen, aber
niemandt hat noch darzu die Wage gezeiget; wiewohl keine dem werck näher gekommen, undt
mehr hülff an handt gegeben, alß die Juristen daher ich auch der Materi nicht wenig nachgedacht,
undt dermahleins den mangell in etwas zu ersetzen hoffe. Undt dieses dienet auch zur
auslegungskunst undt einfolglich in der Theologi; undt stecket darin ein untrüglicher Schiedesrichter
der Streitigkeiten: nicht daß uns allemahl erlaubet die wahrheit aus zu finden, denn
solche in den hohen geheimnißen sich Gott offt selbst vorbehalten undt uns waß wir gern wißen
wolten nicht allemahl offenbahret; sondern man kan dieß zum wenigsten allemahl ausmachen,
erstlich ob die sach vollkommlich bewießen, vors andere wo nicht, ob undt wie weit sie
glaublich gemacht worden. Ich habe in einer halb Mathematischen Streitigkeit einsmahls mit
einem gelehrten mann einen Versuch gethan, wir beyde suchten die wahrheit undt wechselten
briefe mit einander zwar mit höfligkeit, doch nicht ohne clage des einen gegen den andern, als
ob einer dem andern seine Meinung undt reden wie wohl unschuldig verkehrte; da schlug ich
die syllogistische form für, so mein gegenpart beliebte. Wir triebens über den 12teⁿ Prosyllogismum.
Von stundt an, da wirs angefangen, hörete das clagen auff, undt einer verstundt den
andern nicht ohne ferneren nutzen zu beyden seiten. Weil nun dieses leicht undt lustig zu
practiciren, daß man sich die Syllogismos undt Prosyllogismos mit den formlichen antworten
schicke undt wiederschicke, so solte man offt dadurch auch in wichtigen fragen der wißenschafften
auff den grundt kommen undt sich aus seinen einbildungen undt träumen helffen
können; weil dergestaldt alles wieder hohlen, ausschweiffen undt unnöthige weitlaufftigkeit,
denn ferner alle mangelhafftigkeit, verschweigung undt geflißenes oder versehenes übergehen,
letzlichen auch alle unordtnungen, mißverstände undt unanstandige bewegungen durch die arth
des processes selbst abgehen würden.
Dieß ist was ich von dem großen von mir mehrentheils versuchten Nutzen der bekanten Logick, da sie recht gebrauchet wirdt, dießmahl melden wollen. Daß aber diese Vernunfft Kunst noch unvergleichlich hoher zu bringen, halte ich vor gewiß; undt glaube es zu sehen, auch einigen Vorschmack davon zu haben dazu ich aber ohne die Mathematick wohl schwehrlich kommen wäre. Undt ob ich zwar schon einigen grund darin gefunden, da ich noch nicht einmahl im mathematischen Novitiat war; undt hernach im 20teⁿ Jahre meines alters bereits etwas davon in druck habe doch gegeben, so endtlich gespühret wie sehr die wege verhauen undt wie schwer es würde gewesen seyn ohne hülffe der innern Mathematick eine öfnung zu finden. Was nun meines ermeßens darin zu leisten müglich, ist von solchem begriff daß ich mir nicht getraue ohne würckliche Proben gnugsahmen glauben zu finden, undt werde also lieber eine mehrere außführung annoch auß-setzen.
Will derowegen für dießmahl davon abbrechen, undt etwaß auff meines G. Hrn. gründe erwehnen so er der Logick entgegen gesetzet, ich finde aber daß sie nur gegen deren unbrauch undt mißbrauch gehen. Denn
1. kan die Logick als Denck Kunst zum ordnen und wohlreden dienen, obschohn die so sie lehren insgemein weder wohl ordnen noch wohl reden. Nur dieß folgt daraus daß sie ihre Kunst entweder nicht wohl verstehen, oder wenigstens nicht üben. Denn es kan einer alles verstehen was Ptolemaeus, Aristoxenus undt Zarlinus von der Musick geschrieben, der doch weder singen noch spielen kan.
2. daß keiner den andern überweiset, ist die ursach, weil man die form, das ist den ordentlichen Process, nicht zum ernst sondern gleichsahm zum spiel der jugendt brauchet, oder vielmehr kaum zu brauchen sich stellet.
3. Es ist nicht ohne, daß man einen großen theil der Künste, mit der bloßen Natürlichen Logick erfunden habe, undt auch lehren könne; aber es kan auch ein vernünfftiger mensch der weder schrifft noch ziphern verstehet, mit einer natürlichen Arithmetic die nothdurfft ausrechnen solte deswegen die Rechenkunst nichts seyn? Ich bin selbst der meinung, man thäte wohl daß man die Mathematick, Histori undt anders vor der außführlichen Logick lernete denn wie will der die gedancken wohl ordnen, der noch wenig bedacht. Wenn man aber mit einem vorrath guther gedancken versehen, dann kan man sie mustern, undt abmeßen, undt mit hülff der darinn sich zeigenden ordtnung desto beßer auff etwas neues kommen.
Es ist hierinn wie mit der Sprachkunst. Da bin ich auch der meinung man solle sich bey erlernung einer sprach mehr an die übung alß Grammatick halten, wenn man aber schon zimlich in der Sprach erfahren, denn dienet die Grammatick darinn höher zu steigen. Sonsten muß bey dem so allda vorkomt erwehnen, daß Plato nicht wenig in der Logick gethan, undt hatte das frag-disputiren auch seinen Nutzen. Sonst weiß ich nicht, ob Archimedes undt Cartesius unter die Verächter der Logick zu zehlen, wenigstens hat sie Cartesius bey den Jesuitern zur Flesche mit großem fleiß gelernet, und ist er in der Scholastischen Philosophi gantz wohl erfahren gewesen, welche auch viel guthes in sich hat wenns nur aus geklaubet wäre. Jungium halte ich überaus hoch, undt kan den verlust seiner Manuscripten nicht gnug beklagen. Felden ist auch bey mir in keinen geringen Praedicament. Die übrigen dabey erwehnten gelehrten Leute sindt auch nicht zu verachten.
4. Daß durch die Logick nichts erfunden, kan ich nicht allerdings zugeben; alles waß durch den verstandt erfunden, ist durch die guthen Regeln der Logick erfunden, ob schohn solche regeln anfangs nicht ausdrücklich auff gezeichnet oder zusammen geschrieben gewesen. Ein guther Mahler der sich durch die übung an die rechten Proportionen gewehnet, zeichnet nach der Meß- undt Seh-Kunst, undt wenn auch solche Künste gleich nicht beschrieben oder wenigstens ihm nicht ausdrücklich bekandt, so ist doch der grundt in ihm. Inzwischen ist alles auch in der Mahlerey weit vollkommener worden, nachdem die Perspectiv zu einem theil der Wißkunst erwachsen.
5. Es ist kein Zweiffel daß der so die Vortheile der Vernunfftkunst zu brauchen gewohnet, scharffsinniger als andere verfahre.
6. Die Menschen sindt vernünfftig auch ohne beschriebene vernunfftkunst gleichwie sie
singen können auch ohne Kunst der Musick. Wenn man aber so viel fleiß angewendet hätte, die
rechte vernunfftkunst in übung zu bringen, alß man auff die Singkunst gewendet, würden die
Menschen wunderdinge geleistet haben, allein das ist unterblieben, weil man wenig auff die
Dinge geachtet, so nicht sofort mit den eüßerlichen Sinnen zu bemercken. Cicero sagt wohl es
sei nichts schöhner alß die tugendt, aber wie wenig sehens? Was von erklärung der Worthe
gemeldet wirdt, darauff diene, daß solche zugleich die dargebung der Ursach mit sich führen,
wenn es durch solche definitiones geschicht die ich reales nenne, welche anderst wo erkläret.
Man nehme ein Exempell, so ein wenig schwehrer alß das angeführte warumb 3 mahl 4 sey 12;
nehmlich warumb durch zusammensetzung der ungeraden zahlen nach einander, lauter
gevierdte zahlen entstehen, alß
1 4 9 16 25 36 49
1 ist | 3 und 1 ist | 5 und 4 ist | 7 und 9 ist 16 | etc.
7. Daß alles ohne folgerkunst gelernet werden könne, ist schohn gestanden, undt beantwortet. Alleine wie die Chinesen viel treffliche dinge gethan, ohne eine andere alß Natürliche Meßkunst zu haben, also ist auch viel ja das meiste ohne den gebrauch einer eigentlichen Denckkunst geschehen. Unterdeßen bleibt doch der Denckkunst ihr Preiß und Nutz sowohl alß der Meßkunst.
8. Es ist wahr daß man erst die Denckkunst in den guthen gedancken von den dingen, gleichsam als in Modellen, suchen müßen; nachdem sie aber darauß einmahl gefunden so richtet man ferner die gedancken nach der kunst, damit sie auch guth undt modellmäßig werden, doch ohne beyseitsezung der übung und betrachtung guther gedancken. Ein Mahler, Bildhauer undt Baumeister studiret an den Anticken undt formirt sich darauß ein Vorbildt. Man hat auch die sach daraus in regeln bracht, denen numehr gefolget wirdt; inzwischen unterlaßet man nicht schöhne kunstwercke fleißig zu beschauen.
9. Ohngeacht der veränderung undt mannichfaltigkeit der menschlichen gemüther bleibt doch nur eine Denckkunst vor alle, ob schohn im gebrauch sich ein ieder nach seinem Naturell richtet. Gleichwie eine Reitkunst vor alle bereiter undt pferde; ungeacht, nicht ieder sattel auff alle pferde gerecht. Die zahlen selbst werden auff vielerley arthen begriffen, die Mathesis pura ist zwar nicht die Vernunfftlehre an sich selbst, wohl aber eine dero ersten Geburthen undt gleichsahm deren gebrauch bey denen größen oder bey zahl, maaß und gewicht. Ich habe auch befunden daß die Algebra selbst ihre Vortheil von einer viel höheren Kunst, nehmlich der wahren Logick entlehne.
10. Die Logick hat viel schwehres undt viel leichtes in sich, wie die Rechenkunst. Was ist leichter alß deren erste lehren, was ist schwehrer alß die unaussprechliche zahlwurzeln (Radices surdae)? Man fänget billig vom leichtesten an, undt spahret das schwere, biß andere Wißenschafften begriffen; das erste dienet der jugendt zum vorschmack. Was aber höher in der Logick undt in der Arithmetick, gehöret vor die so bereits in Sachen undt Sprachen weit kommen undt nun noch höher steigen wollen. Bekandt ist daß Aristoteles von der Ethick undt Grotius von der Rhetorick gesagt, sie gehörten nicht vor schühler so ich verstehe vom höheren gebrauch dieser wißenschafften, indeßen wirdt weder Aristoteles die Civilitatem morum Erasmi, noch Grotius die Progymnasmata Aphthonii der Jugendt nehmen wollen.
11. Ich solte dafür halten alle folge stecke in den abgezogenen dingen undt nicht in den umbständen, alß nur in so weit solche etwas an handt geben so der abgezogenen form gemäß. Undt dieß hat statt bey allem gebrauch der Wißenschafften in Zufalliger Materi; die Kunst der Practick steckt darin daß man die Zufälle selbst unter das Joch der wißenschafft so viel thunlich bringe. Je mehr man dieß thut ie bequemer ist die Theori zur Pracktick. Zum Exempell vor alters bedachte man nur die Bewegungskräffte in der Mechanick, Galilaeus fieng an die stärke der Cörper die man bey der bewegung braucht Mathematisch zu betrachten undt überlegte welche form bey gleicher Materi zum wiederstand am besten, wie ich dann auch seine regeln verbeßert undt vermehret. Galilaeus hat von schwehrer dinge wurff gehandelt ohne den wiederstandt der Lufft in rechnung zu bringen; Blondel da er von Bomben schreibet, meinet auch, solches sey nicht nöthig, ich habe das gegentheil aus Vernunfft undt Erfahrungsgründen.
12. Die gemeine Logick ist freylich offt fehlsam. Was sie von geschlecht undt unterscheidt (Genere undt Differentia) sagt, hat wohl eine verbeßerung nöthig; undt kan man auß dem Genere eine differenz machen; undt hinwieder jenes aus dieser; undt wenn ich also (zwar lächerlich doch deutlich) reden soll kan man mit eben dem recht sagen homo est rational animale, alß man sagt homo est animal rationale. Wenn ich sage: cubus est parallelepipedum regulare, so kan ich welches ich will pro genere oder differentia halten.
13. Stelle dahin ob undt wie weit zu sagen purus logicus est asinus. Scaliger wolte auch dergleichen von Mathematicis sagen. Auch ein fuhrmann wenn er keinen verstandt zeiget so baldt er vom wagen oder aus dem stall kommen, würde unter die menschen nicht dienen.
14. Die Mathesis pura weiset nichts das der Logick entgegen sondern gleichwie sie viel von ihr geborget also komt sie ihr auch wieder zu hülffe undt lehret ihr Exempell die Menschen zu warnen, als in M. G. Hrn. 23ter übung zu sehen. In Archimedis schnecken deren alda erwehnet ist das wunder nicht so groß als man meinet. Wenn eine Sache immer mehr gehoben wirdt als sie fället, was ist wunder daß sie endtlich in die höhe komt? Was vom rührenden winckel gesagt, hat auch seine maße wo mans recht nimbt. Wenn eine unendtliche austhenung zugelaßen, so folgt freylich daß eine größer alß die andere. Was in der 20teⁿ übung stehet, daß etwas in dem bewegten seyn könne, so ohne bewegung; ist nicht gegen die gemeine vernunfft, sondern nur gegen den gemeinen vernunfftschein, undt also paradox. Doch ist alda zu bemercken, daß die Ax-lini kein theil sey. Sonst gleichwie es sich nicht schicket allezeit verse zu machen, so schicket sichs auch nicht allezeit mit syllogismis umb sich zu werffen. Alle terminos definiren oder begräntzen, ist eben so wenig thunlich, als alle zahlen theilen wollen daß sie geradt aufgehen. Inzwischen halte dafür, daß auch die juristische definitionen der Logick gemäß.
15. Ist die Logick ein Sack voll guther erinnerungen, so ist sie ia nicht vergeblich. Die neue Logicos so die alten tadeln undt nicht verbeßern, lobe ich nicht; es ist nicht allemahl in unßer Macht die wahrheit zu finden wenn nicht gnugsahme data vorhanden, doch können wir uns allezeit wenn wir der sachen nachzudencken zeit haben vor irrthum hüten undt da wir die Logick vollends zur perfection bringen alles finden, was ex datis möglich wie ich denn zum Exempell mit meinem Calculo infinitesimali der Differentzen undt Summen die sach dahin gebracht daß man in physico-mathematicis viel übermeistern kan, was man vor diesen anzutasten nicht einmahl sich erkühnen dürffen. Wenn die data selbst mangelen, kan man wenigstens bemercken, was unß für data fehlen. Wofern wir gnugsahm übung der wahren vernunfftkunst hetten, würde sie uns auch in den gedancken helffen, die aus dem steigreiff genommen werden müßen. Aber noch zur zeit fehlet uns hierinn noch am meißten, undt ich habe nicht zeit gehabt diesen punct anzugreiffen. Sonst bekenne, daß wenn ein Logicus regeln ohne Exempell gibt, es eben sey alß wenn man mit bloßen worthen wolte fechten lehren.
17. Es ist viel schönes in Reali de Vienna, undt dieß ist vielleicht die ursach warumb man ihn destoweniger wiederleget. Ich an meinen Orth, halte wenig vom wiederlegen. Viel aber vom darlegen, undt wenn mir ein neu buch vorkombt, sehe ich was ich daraus lernen, und nicht was ich darin tadeln könne.
18. Ich solte meinen die Sorbona undt andere Collegia wären nicht zu verachten, meines wißens veracht man die Logick in Franckreich undt Englandt eben so wenig alß in Teudtschlandt; doch muß bekennen daß die gelehrtesten Leute, zumahl wenn sie vor iederman schreiben, beßer thun wenig Terminos Scholae zu gebrauchen. Sonst ist es, als wenn ein schneider die näthe sehen läßet wie mir Hr. Dillherr einsmahls gar artig von denen sagte die dergleichen auff die Cantzeln bringen.
Schließlich bin ich mit M. G. H. einig daß man ohne allzuviel wesen von der Logick undt dergleichen zu machen die jugendt sofort auff die thätlichen Wißenschafften führen solle, gleichwie ich darvor halte daß sprachen hauptsächlich auß der übung zu lernen; obschohn deßwegen die Grammatik nicht zu verwerffen, sondern zu [rechter zeit zu mehrer] Sprachrichtigkeit wohl zu gebrauchen.
Hoffe dieses [alles], (so weitläufftiger worden alß ich vorgehabt), werde gnug seyn meine gedancken also zu erkennen zu geben daß sie vielleicht zu einem vergleich oder Temperament dienen köndten. Zumahl man beyderseits ja die vernunfftkunst selbst annimbt, ob M. G. H. sie schon allein bey Mathesi pura suchen will darinn sie sich zwar am schönsten zeiget, doch aber nicht gäntzlich undt allein daran gebunden. Solte ich das glück haben zwischen ihm undt der gebräuchlichen lehrarth frieden zu machen, würde ich die vergnügung dabey finden daß M. G. Hr. dadurch mehr gelegenheit bekommen würde nicht nur was unnütz einzureißen sondern auch selbst zu gemeinen Nutz ohne Verhinderung etwas taugliches zu erbauen.
Der ich verbleibe Meines insonders geehrten Herrn Dienstergebenster G. W. L.