Series II Band 3 · No. 82.

LEIBNIZ AN GABRIEL WAGNER

[Hannover, 30. Oktober 1696.] [76.83.]

German

WohlEdler insonders geehrter Herr

auß deßen durch den druck gemein gemachten viel schohnes in sich haltenden schriften habe die zu mir obschohn unbekandten tragende besondere Neigung wahrgenommen. Nachdem nun M. G. H. aniezo neben einem hoflichen schreiben seine gelehrte und nachdenckliche Vernunft-Übungen mir uberschicket, so habe hiemit nicht ermanglen sollen, meine Verbindung zu bezeigen; und wundsche deren wirckliche Proben geben zu können. Inzwischen kan aus aufrichtigem gemüth nicht wohl umb hin von einem und andren meine gedanken zu erofnen: Ich finde sehr loblich daß er die Ehre Teutschlandes verficht, und daß Er die nüzlichsten und wurcklichsten wißenschaften vor andren treibet; möchte aber wundschen daß es iedes mahl mit guthem glimpf ohne ander beschimpfung und entrüstung geschehen köndte, weilen gemeiniglich dadurch auch die besten erinnerungen ohne frucht bleiben, und andren nicht nuzen, dem Erinnrer aber selbst schaden. Sonderlich besorge es möchte das worth Universitäten fast durchgehends ubel gedeutet werden. Ich finde auch ins gemein das wackere Leute als Hr Thomasius, Hr Tenzelius und andere die ich hoch schäze mehr erinnerung bedurften wenn sie iemand tadeln, als wenn sie etwas von dem ihrigen sagen. Ich sehe sonst daß M. G. H. mich unter die Verachter der Logick zehlet, nun bin ich ihm verbunden, daß er mein Zeugniß anzuführen würdiget, seine wohlmeinende gedancken zu bestärcken. Wiewohls ich gern bekenne, daß sein Lob in diesen und vorigen Schriften allerdings über mein Verdienst gehe, kan aber auch nicht in Abrede sein, daß ich die wahre Logick nicht verachte, sondern in großem Werth halte. Wie ich dann meine Gründe vielleicht M. G. H. selbst also furstellen köndte daß er etwa auf andere gedancken kommen durfte und gleich wie ich in erlernung der Sprache nicht rathe mit der Grammatick sich aufzuhalten, sondern anfangs mit einem kleinen Vorschmack derselbigen sich zu vergnügen, die meiste Zeit aber auff die übung zu wenden, maßen man die Sprachen ohne alle beschribene in ordnung brachte Grammatic[k] durch die bloße übung lernen kan, auch insgemein lernet; wann man aber in der Sprache zimlich weit kommen, selbst der meynung bin, daß die Grammatick viel zur Vollkommenheit helffen könne; also ist es auch mit der Logick bewand. Eine kleine Nachricht davon in den Schuhlen ist guth, man hat sich aber ins gemein damit nicht auf zuhalten, sondern auff die wißenschafften und gelehrten Künste selbst zu gehen als welche freylich ohne beschriebene in ordnung brachte Logick großen theils gefunden oder erlernet worden. Wann man aber einen Vorrath schöhner Gedancken hat, so kan man dann eine musterung derselben anstellen, ihre Ordnung betrachten, auch die vortheil der Erfindung und des Urtheils bemerken, umb hoher zu steigen. Wie dann die gemeine Logick nur gleichsam wie das ABC ist gegen die höhere denckkunst so theils vorhanden, theils noch zu erfinden. Fast gleiche meinung habe ich von der Ethick, und von Natur-Recht welche allerdings so nicht zu verachten.

Sonst da M. G. H. in der 8ten Übung die Vorfahren des Cartesii nennet, so hätte vor allen andren Kepler gesezet werden können, der vor dem Cartesius einige seiner schohnsten sachen erkant, was Hugenius mit mir bemercket.

Wenn in der 7 Ubung stehet, daß nichts genau in der welt, so ists zu verstehen nach denen Linien, die wir begreiffen als zum exempel nach zirkeln und geraden strichen, es ist aber alles gerade in der welt nach gewißen höhren linien, welche nicht wie die zirkel oder oval auf eine oder etliche, sondern unzählbare Puncta sehen und daher über allen unseren begriff gehen; wir nehmen inzwischen billig das quid pro quo oder Succedanea das ist die begrifflichen Linien die am nächsten kommen. Diese Betrachtung ist vorkommen bey meinen gedancken vom infinito.

Vermuthe aus M. Hinübers schreiben, daß er nun von Hamburg abgereiset seyn wird. Ich hatte ihm aufgetragen sich nach einer Person umb zu sehen, so mir in Analysi Mathematica zu hülffe kommen köndte. Weiß nicht ob M. G. H. mit H. Placcio kundschafft habe, ich halte viel von seiner gelehrsamkeit so wohl als guthen absehen, und vernehme von ihm selbst, daß er von H. Weigelii didactica staat mache, auch selbige gern befordert sehen möchte. Alß M. G. H. Gedancken da sie etwas gemildert würden, von der ihrigen nicht weit entfernet seyn dürften. Hn. Placcii Weg die Sittenlehr auff Art der arzneykunst verhandlen gefält mir sehr wohl. Möchte wundschen daß muntere köpfe die Medicin selbst immer beßer angreiffen, und die betrachtung mit der handanlegung vereinigen möchten. Ich weiß nicht was M. G. H. für art der Studien vornehmlich erwehlet. Wäre es die arzney wurde ich ihr und uns gluck wündschen.

Der ich verbleibeL.