Series II Band 1 · No. 75.
LEIBNIZ AN OTTO VON GUERICKE
[17. August 1671.] [62.77.]
HochEdeler, Vhest und Hochweiser, Sonders Großg. Hochgeehrter H.
Deßen nüzliches mit vielen wichtigen gedancken und Experimenten angefültes Antwortschreiben samt beyliegenden Indice Capitum, und Extract von bewegung der Planeten habe zu recht erhalten, und hätte längst geantwortet, wenn unterschiedtliche Reisen mich nicht an reiffer erwegung, welche die Sach erfodert, verhindert hätten. Numehr nachdem ich etwas mehr Zeit übrig habe, als habe mich verbunden erachtet mit gebührender antwort und zugleich schuldigster bedanckung wegen erzeigter so unverdienter Gunst länger nicht anzustehen.
Wenn M. h. H. nichts anders iemahls erfunden oder entdecket hätte, als die Kugel von Wunderlicher würckung zu erleüchtung menschlicher wißenschafft, und die ausschopfung der Lufft zu vermehrung menschlicher Kräffte, hätte derselbe sich das Menschliche Geschlecht gnugsam verbunden. Und wer auch in einem oder andern etwa von den daraus formirten Hypothesibus oder Theoria abweichen würde, wird dennoch, wenn er anders eine ader der Billigkeit in sich hat, der Experimenten (welche so beschaffen, daß sie nicht von ohngefehr sondern durch reiffes nachsinnen gefunden) hohe wichtigkeit bekennen müßen. Mich wundert daß H. Janson sich der gestalt aufhält, mit einem so realen werck, und würden sich gewißlich ohne ihn viel andere in Franckreich England und Holland finden, damit er wohl bedrohet werden kan.
Sonsten Meines Hochg. Herrn Hypothesin betr. ist allerdings zu billigen, daß derselbe die
Sonn im mittelpunct stellet, und von deren bewegung umb ihren eignen, das ist den allgemeinen
Mittelpunct dieser Planetenwelt (magni orbis), die bewegung aller Planeten hehrführet,
daß derselbe ferner dazu thut, ie größer der Planet, ie mehr sey er von der Sonne entfernet
blieben, und ie weiter er von der sonne entfernet, ie langsamer sey die bewegung, und in desto
länger Zeit vollende er seinen lauff. Daß auch die sonne und planeten gleichsam mit einem
allgemeinen Band welches die kräffte von einem auff den andern tregt, an einander gehanget,
und dadurch gleichsam an einander, wie weit sie auch entfernet, stoßen, welches M. h. H.
spatium, ich aber aetherem, andere sonst nach gelegenheit nennen. Die Maculas in
Nur allein achte meines wenigen orths folgende puncte mehrer erclärung zu bedürffen:
daß mein Hochg. H. dafür hält, dieses geschopf so da zwischen den Welt-Cörporen sich
befindet, und macht daß die bewegung des einen auff das andere weit entfernte trifft, so er
Spatium nennet, sey 1) etwas mehr als spatium illud nudum vulgare secundum trinam dimensionem,
2) sey unbeweglich, 3) penetrire alles, und könne doch 4) impetum impressum des
einen sine alio medio auff das andere per quasdam virtutes mundanas transferiren. 5) Eine
Solche virtus mundana sey auch ursach warumb das bewegte einerley faciem dem bewegenden
bisweilen entgegen kehre, als ^&.za
Allein es ist für allen dingen acht zu haben, daß man nicht nach art der Scholasticorum etwa sich solcher worth bediene, so wohl gesagt, aber nicht ausgelegt oder verstanden werden können. Denn wie mein Hochg. H. hochvernünfftig ermeßen kan, so ist was virtus mundana sey, wenn keine mehrere erclärung dazu komt, so wenig verständtlich, als was da sey forma substantialis, sympathia et antipathia, vis magnetica, species immateriales, und dergleichen mehr. Und ob mein Hochg. H. gleich mit einem schöhnen experiment solche virtutes mundanas beweiset, so sind sie doch damit nicht ercläret, denn es eben so tunckel bleibt, wohehr sowohl in globo illo ex mineralibus composito, als in mundo solche virtutes entstehen. Sagt nun Mein Hochg. H. das spatium so alles durchdringet sey eine Ursach daß die krafft der Welt-Cörper, und auch dieses globi mineralis fortgepflanzet werde, so müßen wir gleichwohl solche vim transplantativam ihm nicht nur zulegen, sondern auch erclären, wie sie aus seiner natur folge, welches denn nicht wohl thunlich, so lange wir solches medium transplantativum pro quadam substantia omnia penetrante, et proinde immobili halten. Denn durchdringet diese substanz alles, so ist sie freylich unbeweglich. Denn causa motus unica est, ne sequatur penetratio, und dahehr mus eines dem andern in casu concursus weichen, oder müßen beyde ruhen. Ist nun ferner solche substanz unbeweglich, so kan sie auch keiner passion oder impression fähig seyn, und dahehr virtus quaedam mundana ihr a sole keines weges imprimirt werden. Item, wo sie unbeweglich, so kan sie auch nichts bewegen. Nihil enim movet, nisi moveatur, excepta Mente, kan also diese substanz, so mein Hochg. H. spatium nennet, nichts so ihr a sole imprimirt worden denen planeten wieder imprimiren. Man weis aus der erfahrung, daß alles was eine impression leiden oder thun kan, einen wiederstand haben und impenetrabel seyn müße, da denn aus dem conflictu selbst eine gleichsam eingedrückte marque folgt. Eine andere impression, kan man sich nicht wohl einbilden, da doch eines Philosophen amt die dinge clar und einbildlich zu machen. Wenn auch diese substanz so M. h. H. spatium nennet etwas anders als trina dimensio oder spatium vulgare ist, so mus sie spatium vulgare (welches daß es in rerum natura sey gleichwohl nicht gelaügnet werden kan) füllen. Füllet sie solches, so ist sie ein beweglicher Cörper. Denn darinn bestehet des Cörpers natur, daß er den plaz fülle, und weil der plaz ein ens homogeneum, undeterminirt sey diesen oder jenen zu füllen. Ist aber dieses spatium nichts anders als das gemeine spatium oder der plaz, so longus latus et profundus, und an sich selbst nichts mehr, so kan er kein medium transvehendarum virtutum seyn. Welches ich gedencken wollen, keinesweges aus temerität M. h. Hrⁿ zu wiedersprechen sondern aus begierde und hofnung, fernere erclärung und information zu erlangen, auch zu dem ende, damit die jenigen cavilli von M. h. Hrⁿ abgeleinet werden, so heüt zu tag, alles was man de virtutibus und qualitatibus und dergleichen redet, verachten, und ex magnitudine figura et motu locali allein ercläret haben wollen. Welches aber M. Hochg. H. keinesweges zu verargen, weil Gilbertus und Kircherus selbst die doch von solchen dingen am besten geschrieben, annoch mit qualitatibus mundanis und dergleichen sich beholffen. Numehr aber fengt man an deren soviel müglich zu entbehren. Wenn M. h. H. zeit leiden möchte, meine geringfügige Hypothesin zu erwegen, würde er befinden daß daraus fast alle bekandte fürnehmste phaenomena leicht zu erclären und für andern sie mit M. Hochg. H. hypothesi gar wenig ausgenommen zu conciliiren. Und ist umb kürzlich zu wiederhohlen solche meine Hypothesis diese.
Ich seze die Sonne in die mitten dieser unsrer planeten welt, und laße sie samt ieden planeten sich bewegen umb ihr centrum, und denn achte dafür daß der ganze übrige plaz mit einem subtilen cörper, deßen stück alle an sich selbst ruhen, und also nicht an einander hangen (dieweil keines conatum auff seinen nachbarn hat), so viel nöthig erfüllet sey. Denn ob eben alles voll ut nullus sit praecise locus corpore vacuus, will ich noch zur zeit nicht determiniren. Nun indem die sonne umb ihr centrum sich drehet (und auch vielleicht per internam ebullitionem strahlen das ist subtile corpora herausschickt) so bewegt sie aetherem omnem circumjacentem, gleichwie ein globus im waßer umb sein centrum herumbdrehet, das ganze waßer, so zuvor ruhig, samt den darauff schwimmenden staüblein umb sich herumb circuliren macht, alleine ie weiter das waßer vom centro oder globo illo motore, ie langsamer ist die bewegung wie ration und erfahrung giebt. Müßen also auch die planeten cum sole circulato tardius celeriusque pro distantiae ratione circuliren. Einer ist aber näher als der andere wie M. h. H. recht sagt, pro magnitudinis ratione. Denn desto mehr treibt er durch seine eigne circulation, als die ob majorem circumferentiam fortior, die auf ihn würckende impressionem radiorum solis zurück, gleich wie ein größer rad. Dahehr kommen die kleinern planeten der Sonne näher: die ursachen aber der proportionen können vielleicht noch zur zeit nicht praecise entdecket werden. Und bishehr de systemate mundi, folgt ferner status globi nostri, und was sich darauff begiebt. Nehmlich indem die Erde täglich umb ihr eigen centrum gehet, von abend gegen morgen, hingegen das Liecht oder subtile aether der kein gewicht hat, so wenig als die Sonnenstrahlen, aus krafft der Sonne von morgen zu abend, so folgen daraus die ordentlichen bewegungen der winde und des meers, im systemate, und dann gewicht, feder, und compaß in den speciebus. Denn die starcke bewegung aetheris kan nicht leiden, daß sie verhindert werde. Wenn nun ein corpus so dicker ist als aether sich frey im aethere stellet, hindert es seine bewegung. Denn weil es nicht so subtil als aether, auch nicht so liquid ist, kan es sich nicht mit den partibus aetheris in gleicher subtilität theilen, und bleibet derowegen zurück, stehet im wege, und verhindert die bewegung. Ie mehr es nun vom centro terrae [entfernet], ie stärcker ist die bewegung und dahehr ie weniger läßet sie sich verhindern. Derowegen mus, was dicke oder hart weit vom centro entfernet, näher zum centro nach proportion seiner dicke oder härte weichen. Und das ist ursach des gewichts. Wenn aber dieses harte oder dicke corpus nicht allein zu boden zum centro gedrücket, sondern auch getheilet und zerstreüet werden kan (wenn es nehmlich durch eüserliche gewalt zusammen gedrückt, und nicht durch seine eigne innerliche bewegung circa centrum proprium firmirt und eüserlichen dividentibus wiederstehet) so geschicht solche zerstreüung damit es der universalbewegung desto weniger wiederstehe, und daraus folgt restitutio compressorum, als der lufft in einer Windbüchse. Und weil alle gar zu ausgethente dinge zugleich erfodern daß ein anders umb so viel desto mehr gepreßet sey, indem das gepreßte sich in vorigen stand stellet, und was ihm zu viel, wegstoßet, mus das gethente was ihm zu wenig, wieder empfangen. Endtlich wenn ein corpus, so umb sein centrum sich frey dem horizont gleich [beweget] hat, und weder weiter zerstreüet noch unterdrücket werden kan, gleichwohl aber der bewegung aetheris ab oriente versus occidentem sich entgegen stellet, so wird es vom aethere auff die seite gestoßen daß es seine spize weder gegen morgen noch gegen abend (denn wenn die eine gegen abend, ist die andre gegen morgen), sondern zwischen mitternacht und mittag seze, welches aber nicht in allen cörpern so mercklich als im magnet und dem an ihn gestrichenen eisen als der Erden erstgebohrene, deren pori mehr des aetheris fähig, als wie glas des liechts, und von zeit ihrer gebuhrt und formirung in der gruben von ihm bereits durch die tägliche circulation penetrirt und also eingerichtet worden daß gewiße theile gegen mittag, gewiße sich gegen mitternacht wenden. Von meer und winden zu reden würde zu weitlaüfftig fallen, ist in Hypothesi berühret, und theils zimblich clar. A gravitate kan man Vim Elasticam nicht wohl gänzlich hehr nehmen, denn man kan wohl sagen die schwehre der Lufft sey ursach warumb ein erschöpfter Recipient wieder gefüllet wird (wiewohl solche gewalt von schwehre der lufft alleine nicht zu [kommen] scheint, denn das gewicht der lufft vielleicht nicht so groß, maßen das experimentum Torricellii oder Valeriani M. mit Mercurio ausweiset und dahehr vis Elastica dazu zu nehmen), man kan aber ja nicht sagen die schwehre der lufft sey ursach warumb die lufft aus einer gepreßten windbüchse wieder herausgehet, sobald ihr der weg eröfnet, sondern vis Elastica, die ab aetheris motu sowohl als gravitas hehrrühret. Bestehet demnach der unterschied zwischen M. Hochg. H. und meiner hypothesi hauptsächlich darinn, daß das medium transplantationis motuum in distans bey demselben das unbewegliche spatium, bey mir aber der aller dinge poros (nicht die dinge selbst) penetrirende subtile bewegliche aether ist, durch deßen bewegung aller virtutum mundanarum ursach kan gegeben werden. Nam et sine dubio globus mineralis per motum corporis subtilis insensibilis inter se et plumam, plumae motum suum imprimit.