Series II Band 1 · No. 42.
LEIBNIZ AN HERZOG JOHANN FRIEDRICH VON HANNOVER
[Mainz, 13. Februar 1671.] [58.]
Durchleuchtigster Herzog, Gnädigster Fürst und Herr.
Als ich unlängst meine wenige meditation, vom freien willen des menschen, göttlicher Vorsehung, glück und unglück und versehen oder schickung, Gnadenwahl, mitwirkung mit dem Thun und Lassen der creaturen, gerechtigkeit [in] verlassung des einen, und annehmung des andern und von recht oder unrecht, so den Verdammten geschieht, zu papier gebracht und aus meinem ersten concept um bessern gebrauchs willen, copiren lassen, auch dem Herrn Baron von Boineburg zu lesen geben, hat wohlgedachter Herr von Boineburg Ew. Hochfürstliche Durchlaucht solches gleich zugeschickt, um der zeitgewinnung; wiewohl ich es nicht gewußt und willens war, solche erste copie, als die voll lituren, vor mich zu behalten und eine andere verfertigen zu lassen und alsdann unterthänigst zu schicken. Daß nun solches nicht geschehen, wollen Eure Hochfürstliche Durchlaucht nicht mir, noch einigem manquement höchst schuldigsten respects, sondern erwähnter ursache zuzuschreiben gnädigst geruhen.
Die sache selbst belangend, so hoffe, eines und das andere beygebracht zu haben, so bisher wenig oder gar nicht in acht genommen, gleichwohl aber ein gewicht dem ganzen werck zu geben scheint. Mein Zweck aber ist, wie sonst, also auch hier gewesen, nicht etwa mit leeren, in die luft geschriebenen büchern die läden zu füllen, sondern wo müglich damit einen nuzen zu schaffen; und habe daher gegenwärtige arbeit vorgenommen, um mit diesem specimine zu beweisen, wie so oft wichtige dinge leicht und durch wunderliche terminos verdunckelt werden, wenn man diese nebelkappe abziehe und alles mit solchen worten gebe, so jedermann in seiner sprache braucht. Was ist wohl jemals mit mehrer Hize verfochten worden von allen seiten der philosophen und religionen der Völcker, als die materie von der praedestination und was ihr anhängig? und gleichwohl hat ein großer Politiker recht gesehen, nemblich daß einer den andern nicht verstehe, daß aller dieser zanck von mißbrauch der worte komme, daß (kürtzlich zu sagen) in der that der unterschied gering und zum wenigsten nicht capital, oder wie man heutzutage redet, fundamental sey. Ich getraue mir, wenns der mühe werth wäre, über hundert unterschiedene secten und meinungen (dem ansehen nach), in der that widereinander laufende arten zu reden, in dieser materie zusammen zu bringen, so ihre autores nicht anders, als wenn der menschliche wohlstand daran hinge, verfolgt, und diesen artikel zu einem solchen labyrint gemacht haben, daß dergleichen keiner in der welt zu finden und daß der längstlebende mensch nicht zeit genug haben würde, nur die und dergleichen distinctionen und verdrehungen der worte zusammen zu bringen und aus einander zu sezen.
Weil aber ein einiges, clares, von jedermann erkannt[es,] aus gemeinem leben genommen[es,] mit einer gewissen definition umbschränktes wort, mehr krafft hat, die gemüther zu erleuchten, als tausend termini scholastici und distinctiones, so habe ich das wiewohl unzählbare spinngewebe abgekehrt und mit natürlichen redearten, deren sich auch ein lateinischer Bauer (wenn einer in der welt wäre) gebrauchen würde, alles geben. Ich hätte es lieber teutsch geschrieben, sonderlich weil die teutsche sprache keine terminaisonen leidet, man wolte dann fremde worte ungescheut hineinflicken; allein es hätte dergestalt dem ausländer nicht communicirt werden können. Meine intention nun damit ist gewesen, zu versuchen, ob etwa mit guter manier, verständiger sanftmuth, von theologen von allen seiten, von catholischen, evangelischen, reformirten, remonstranten und sogenannten jansenisten, practicirte judicia, und dieses zum wenigsten erhalten werden könte, daß, wo sie nicht alles billigten, dennoch bekenneten, nichts darin, so verdammlich oder dem also lebenden und sterbenden an seiner seeligkeit schädlich, zu finden. Welches gewißlich ein schöner grad zu einer mehreren näherung und einigkeit wäre, wenn in einer so wichtigen und schweren sache dergleichen specimen zu bewircken wäre. Es müsten aber die, so judiciren sollen, weder den autorem und dessen religion, noch die intention der mitcensores wissen, und jeder der meinung seyn, daß es von einem seiner parthey komme.
Wie solches vielleicht am füglichsten zu thun, habe dem Herrn Baron von Boyneburg ausführlicher zugeschrieben. Bitte, Eure Hochfürstliche Durchlaucht wollen solches alles gnädigst vermercken und ich verbleibe [dero] Hochfürstlichen Durchlaucht unterthänigster ──