Series II Band 1 · No. 210a.
LEIBNIZ AN JOHANN SIGISMUND ELSHOLZ
Hannover, 5. (15.) August 1679. [207b.212a.]
[L1 ]
Wohledler, Hochgelehrter insonders Vester Herr.
Dessen angenehmes mit der Beylage von Herrn Müllern habe erhalten. Wenn mir Herrn Müllers Höfligkeit und merita sonst nicht bekand, würde man diese manier zu antworten vor etwas rauh und mechanisch achten. Ego nemini clavem meam obtrudo - si quis princeps eam requirit, quid opus est quaesitis, si non requirit, quid opus est responsis.
Es hat schon vor alters geheißen: ignoti nulla cupido, wer ein pferd kaufft will sichs erst vorreiten laßen, und wenn das pferd nicht gleich bei der hand, so pflegt man wohl erst zu fragen, was es für alter farbe und qualitäten hat; darüber kein verkäuffer ungeduldig zuwerden pflegt. Was Herr Müller sonst beyfüget, lautet eben als wenn er gesagt hätte: wenn ich allen antworten solte, müßte ich viel zu thun haben; ich will nicht sagen, daß bisweilen ein kleiner unterscheid zu machen; auch nicht, daß deren so gar viel nicht seyn, die sich solche sachen angelegen sein laßen: ich auch in sonderheit, nicht sowohl meine als eines großen Fürsten curiosität zu vergnügen geschrieben: und glaub ich daß er mit wenigen Zeilen und ohne einige mühe [bricht ab]
[L2 ]
WohlEdler Vhest und Hochgelehrter, sonders Hochg. H.
Ich habe ein Chinesisch buch unterhanden, ist in qvarto, aber lang und schmahl, etwa von 80 blättern; möchte demnach wißen ob Herr Müller wohl über sich nehmen dürffte, solches entweder ganz, oder etwa nur ein theil davon zu expliciren. Nehmlichen daß er einem ieden characteri sowohl seine pronuntiationem Sinicam mit lateinischen Buchstaben so viel sich füglich thun laßet, als auch seine bedeütung in Latein beyfügen wolte, et quibus conditionibus.
Als ich dieses geschrieben bekomme sowohl M. h. H. als H. Müllers, antwort, über die manier der lezten verwundere ich mich ein klein wenig; doch ein ieder ist meister des seinigen, unterdeßen mus er die Leüte nicht verdencken, wenn sie die effectus die sie noch nicht sehen, zum wenigsten höhren wollen.
Was die demonstrationes physicas betrifft, so ist gewiß daß deren nicht wenig zu haben,
maßen die ganze scientia regularum motus in concreto, physica ist, Und doch ihre gewiße mit
der erfahrung übereinkommende demonstrationes hat. Doch mus man alles sano sensu und mit
einer gewißen moderation verstehen. Denn man sich mit einer certitudine morali et practica zu
vergnügen hat, offtmahls mus man mit conjecturis verlieb nehmen, wann man noch nicht
gnugsame data oder experimenta hat; aber alsdann kan man doch ipsam probabilitatem demonstriren,
das ist man kan weisen, was aus denen gegebenen experimentis am glaubwürdigsten zu
schließen. Eine Hypothesis kan demonstrativa seyn, wenn sie nichts pro arbitrio annimt,
sondern sich solcher suppositionum bedienet, die de facto unstreitig seyn. Wie die experimenta
zu wehlen, solches stehet zwar in genere darinn daß man a simplicibus ad composita gehe, und
allezeit von solchen observationibus anfange, so vielen dingen gemein, und doch nicht a
complicatione multorum entstehen. Allein solches alles distincte zu erleutern, erfodert einen
zimlich weitlaüffigen discurs, wie auch was die form und ordnung solcher tafeln betrifft mit
wenigen nicht wohl gesaget werden kan. Damit man aber gleichwohl allmählig und per gradus
zum zweck kommen köndte, were dieses Mein ohnmasgäblicher Vorschlag, Daß M. h. H. der
scriptis berühmt, und deßen profession naturae inquisitionem mit sich bringet, vor sich gleichsam
mit einigen curiosis medicis et philosophis naturalibus communicirte; Wie daß er nicht
allein selbst iederzeit befunden, sondern auch durch correspondenz mit einem curiosen freund,
ferner zu betrachten bewogen worden, wie so gar wenig wir bishehr in untersuchung der Natur
gewonnen; welches sowohl aus andern ursachen, als auch furnehmlich dahehr geschehen,
dieweil es uns gehet, wie einem Kaufman, der seine Bücher nicht richtig hält, und also selbst
nicht weis noch brauchen kan was er hat. Dahehr nicht allein dahin zu sehen, wie wir neüe
observationes ans tage liecht, sondern auch wie wir die so numehr bekand und unstreitig, in
ordnung und zu nuz bringen; wie denn obgedachter freund M. h. H. solches ausführlicher
vorgestellet, und denselbigen bewogen, der sache ferner nachzusinnen, und mit judiciosen
liebhabern zu communiciren, umb deren bedencken zu vernehmen ob man etwa communi
consilio etwas nüzliches thun könne, dieser allezeit wachsenden confusion zu steüern. M. h. H.
meinung sowohl als deßen mit dem er communiciret gienge dahin; es solten sich einige
Personen dahin verstehen, daß communi opera die ad scientiam pariter et praxin tam medicinae
quam aliarum artium nüzlichste observationes naturales, so nicht mehr zweifelhafft, in ein
corpus gebracht, und wohl zusammen geordnet werden köndten, dabey denn auszulaßen, alles
was nicht facti ist, sondern in ratiocinatione pura bestehet, alles was sich selbst verstehet, alles
was facili consequentia ex datis observationibus zu ziehen. Item alles was gar zu special und
mehr ad casus singulares et instantias contrarias faciendas, als ad universalia et observationes
dienlich. Modus tradendi müste seyn per aphorismos, das ist per propositiones omni verborum
supervacuo vestitu exutas, doch köndte man bisweilen scholia beyfügen. Ordo were a generalibus
ad specialia, a simplicibus ad composita. Haben andere vor uns den aphorismum schohn
gemacht, so allegirt man solche; haben wir ihn aber selbst ex inductione specierum formirt, so
sind wir gehalten, unsere rationes und inductionis factae modum anzuführen. Dieß were mit
wenig worthen, die substanz des vorschlags, soviel nöthig gegen andere anfangs zu erwehnen.
De demonstrationibus etc. hat man anfangs nichts zu gedencken, das lautet jactabundisch. Es
würde aber nüzlich seyn, daß mein h. H. den Kern dieses und voriger discurse in Latein sezte,
weitlauffiger extendirte, more suo erudito illustrirte, und das sowohl mir als auch hernach aliis
amicis, welche wir rathsam befinden würden, communicirte, umb auch deren gedancken zu
vernehmen. So köndte ich daraus abnehmen erstlich daß wir ein ander verstehen, vors
andere daß M. h. H. dazu eine nachdruckliche beliebung träget, drittens damit auch ich
M. h. H. nüzliche gedancken dießfals vernehmen möge, welches ferner zu gehen gelegenheit
geben wird. Ich verbleibe
M. h. H. Dienstergebenster G. W. Leibniz.