Series II Band 1 · No. 103.
OTTO VON GUERICKE AN LEIBNIZ
Magdeburg, 1. März 1672. [101.104.]
Wohl Edler Vest: und hochgelerter etc.
Insonders g: günstig. hoch geehrter Herr etc.
Desselben gar angenehmes vom 31 Jan. hatt mich die uberkunfft der Schwäffel kugel verständigett und daß sie wegen anderer geschäffte noch nicht rächt probiret werden können; doch hette er die wärme und funcken gar wohl gespührett etc. Nuhn weiß nicht, ob etwa ein mißverstand hierbey, weil mihr von wärme bey der kugel nichts bewust, die funcken aber, müsten etwa von dem leüchten zu verstehen sein, wan man sie mitt trucken henden bey der nachtt oder im finstern gemach, bestreichett, so gibtt sie, wie der zucker, leüchtung von sich: Aber die anderen operationes die sie thutt, sind viel vorträfflicher, davon alles mein tractat mitt mehren mälden wird, wan er erstlich herauß ist; wan ich wüste daß dem Herrn de Carcavi nicht zuwieder, wolte ich durch vermittelung meines hochgeehrten Herrns solche kugel wohl schicken und sie in dem gläsern globo lassen darin sie gegossen, daß man sie alda frisch herauß nehmmen könte, dan, die schon lange durch mancherley hende gegangen, nicht so guth operiren.
Anlangend die quaestiones: 1) wie weith es mitt compression der lufft zu bringen, ob 1000 oder mehr mahl so viel in ein geschir zu bringen als vor darin gewesen, und ob die lufft nicht entlich gar zu wasser würde? 2) ob ich in acht genohmmen, wie viel in quantitate refractionis die außgepumpte lufft oder daß Vacuum, von der gemeinen lufft und die gemeine von der geprässeten differire? Uff diese quaestiones wird man die resolutiones auß meinem Buche nehmen können: den dasselbe zeigett die gradus der lufft an; Ex. gr. hier bey unß uff der erden, ist sie gepresset (ob suam gravitatem) so sehr als praeter propter 20 ellen hoch wassers drucken können; ie hoher sie ist ie weniger ist sie gepressett, ergo tanto rarior est. Nuhn halte ich daß rarissimus aër (der auch anders nichts ist als Telluris odor) wohl entlich biß uff ein par 1000 Meilen hinauff steige, da er dan zuletztt so subtil und rar wird, daß er nichts mehr, sondern daß spatium purum ist: Also, wen man von dem aëre, so sehr hoch droben stehett, zusammen präste, könte man leichtlich 1000 und mehr mahl so viel hinein treiben als zuvor darin gewesen; hergegen wen man hier unten uff der Erde, von der, schon also geprässeten lufft, wolte zusammen prässen, glaube ich nicht daß man mehr als 20 oder 30 mahl so viel würde hinein bringen, alß schon darin gewesen; Ich habe auch bey den lufft büxen wohl so viel gemärckett, daß die lufft entlich so feste stehett, wie daß wasser und sich im geringsten nichts mehr prässen lässett; aber wasser wird nimmermehr auß lufft, waß einmahl lufft worden ist, daß bleibtt lufft, welches alles ich durch experimenta beweise; unterdes ist wahr, daß lufft wasser an sich nihmmett und allezeitt auch die druckene lufft, wasser bey sich habe; meine Experimenta zeigen auch augenscheinlich, wie man kan im augenblick (in einem hellen glase) daß wasser so in der lufft desselben glases ist, separiren von derselben lufft. Weil es nuhn mitt der ienigen lufft, so da hier bey unß uff der Erde, gegen die so höher ist, so eine grosse differentz, habe ich mich nihemahlen bekümmern mögen, wie vielfältiges mahl sie zu comprimiren sey, sondern lieber die zeitt uff andere ding [gewendett], darauß dan nicht allein dergleichen waß von der lufft gemäldett, sondern anders zu erfinden gewust: Ex. gr. habe ich die machinulam in bekommenden iconismo, mitt A signiret, erfunden; Die wird uber die helfft mitt wasser gefüllett, und daß öber ende c, unten gekehrett, damitt die röhre cd auch voll wasser werde, und dan wieder uffgerichtett, und weil sie mitt dem orificio d im wasser stehett, kan daß wasser auß dieser röhre cd nicht lauffen, alias würde ein Vacuum in der röhre wie allen bekand ist. Nach diesem so appliciret man diese machinulam, mitt dem pompwercke, und zeügtt die lufft auß dem glase A, so muß daß wasser so in der röhre cd ist, herunter fallen, und wird ein vacuum in derselben; Allein, weil alle dinge ihren odorem oder ihre lufft haben (welche ich auch effluvium corporale heisse) so gibtt daß wasser durch und durch viel kleine Bläsichen, so daß man schwüre es penetrirte die lufft durchs glaß, welches doch nicht geschichtt; den wen man diese machinulam, innerhalb 14 tagen, ein mahl 3 oder 4 also außzeügtt, gehen entlich keine blasen mehr hervor, biß also gar keine mehr gespürett werden. Dann so lassett man die röhre cd wieder voll wasser lauffen Und extrahiret allen lufft herauß und verschlissett die ventil e, so kan man in der schmalen röhre cd daß summum vacuum zu wege bringen, weitter es von mänschen nicht kan gebrachtt werden. und geschihett also, daß man die machinulam, wie vor gemäldet sincken lassett damitt die röhre cd voll wasser lauffe; dan richtett man sie wieder auff (doch so daß daß orificium d immer im wasser bleibe) und tritt daß wasser gantz herunter ohne von sich gebung einiger bläßlein, also daß es mitt dem Vacuo nicht hoher kan gebrachtt werden weil durch dieses mittel, daß einsteigen aller bullulen, gantz nicht geschihett, welches die anderen, so meine machinam pneumaticam nach gemachtt, noch nihemahlen verwehren können. Wohbey dan ferner zu wissen, weil kein dingk in der welt daß ohne corporali effluvio, also auch daß wasser in spatio vacuo nicht unterlassett, dennoch einigen odorem von sich zu geben, welcher odor (wen man die röhre cd wiederumb voll wassers lauffen lassett) als eine bullula einer erbiß groß, oben in der obersten spitzen c gespürett wird; welche bullula, weil sie in spatio vacuo, da sie sich zu dilatiren machtt hatt, gesehen wird, alias non; den wen man daß ventil e öffnett, steigtt daß wasser gantz in die röhre hinauff, und wird die bullula so klein, daß sie nicht mehr kan gesehen werden. Ubi notandum: wan daß ventil stracks uff ein mahl geöffnett wird, so gehett die gantze machina mit grossen schräcken uff stücken. Bey dieser Machina sind noch viel andere dinge zu finden, so mein tractat außweisett; diß habe ich nuhr deßwegen geschriben, daß man, wie träfflich sich die lufft dilatiren könne, augenscheinlich märcke.
Ad 2dam quaestionem zu respondiren, berichte ich, daß in solchen kleinen corpore vitreo einige refractio aëris nicht zu spüren, hierzu gehöret ein groß spatium, ich habe aber in meinem buche auch de refractione aëris geschriben, viel so vorher nicht bekant gewesen.
Ad quaestionem, waß doch die maxima und minima altitudo mercurii, an unterschiden orthen sey? Respondeo: Die ist generaliter gleich uber den gantzen Erdboden; wird aber bald an diesen bald an ienen orthe geendert; Den an welchen orth die lufft viel wassers hatt an sich genohmmen, da ist sie schwär, aber woh sie viel wassers durch rägen abgibtt, da wird sie leichter; item da sich winde ereügen, wird sie leichter; dan die winde sind viventes essentiae so in der Erde generiret werden und wan sie herauß kommen, moviren sie die lufft, durch welche motion sie gehoben oder getragen, consequenter leichter wird, hernach wan diese essentiae gethan waß sie gekont, exspiriren sie und kömbtt der Mercurius wiederumb in vorigen stand. Von der Dennemarkischen lufft schraube weiß ich nicht. Die Thermometra in ungleiche theile zu theilen, würde caeteris paribus nicht uneben sein, ich habe aber nihmalen groß darauff geachtett, weilen sie auch ob variationem aëreae gravitatis (und also nicht allein wegen der wärme oder kälte) steigen, darauß dan unrichtikeitt erfunden. In meinem buche werden sich gar 3 andere arten Thermometrorum finden, darauff zuvor keiner gedachtt. Der Mond causiret keine schwäre der lufft, sondern Luna und Terra operiren per virtutes gegen einander (die kein gewicht haben) wie die Schwäffel kugel augenscheinlich zeigtt. Von uhrsache der määres flutten stehett auch etwaß in meinen Buche. Also und weil ich hoffe solches mitt göttl. hülffe balde herauß kommen werde, dardurch sich dan auch die quaestiones endern werden, spare es dahin; Daß Privilegium machett viel verhinderliches; dan erstlich habe ichs nicht weitter als uff 10 Jhar erlangen können, da doch die andern mehrenteils uff 20 Jhar gegeben werden; Dan muß ich 6 Exemplar geben, welcher wegen ich durch den Agenten Herrn Praunen caution machen lassen; hernach haben sie solche nicht annehmmen sondern die Exemplar zuvor haben wollen; wargegen ich remonstriret waß vor zeitt darüber hingehen würde (dan ausserhalb Leiptziger ostermässe ich die Exemplar nicht zu verschaffen wüste) und waß vor zeitt wiederumb verlauffen würde, ehe daß Privilegium nacher Amsterdam kehme. Also haben sie entlich die Caution angenohmmen; aber, da nuhn daß Privilegium gantz gefärtigtt, hatt sich befunden, daß im context etwaß versehen, daß es muß wieder umbgeschriben werden, darmitt gehett wiederumb einige zeitt wegk.
Deß erbietens wegen, da ich etwaß bey curiosis zu bestellen hette, bedancke mich gar sehr, weiß vor ietzo eben nichts, allein bitte mich der örter uffs beste zu recommendiren; wan sie erstlich daß Buch werden geläsen haben, so wird es wohl in einem oder andern, weil die materia weithleüfftig, scrupul abgeben, hoffe aber solchen mitt grunde wohl zu begegnen. Die Schwäffel kugel vermeine mitt unsern Buchführer uff die mässe mitt zu schicken.
In Publicis, und daß sich Engeland mitt Franckreich contra Holland, vereinbaren, hergegen Hispanien beständig bey die Unirte provincien stehen will, wird mein hochgeehrter Herr und waß hierunter daß Stifft Collen leidett, besser wissen. In Polen sihett es wieder seltzamb auß, daß theils vermeinen der Armee confoederation sey gar wieder den König, welches dem Türcken eine gewündschete sache sein würde, unter welchen wesen Teütschland von beyden seitten gefahr leiden dürffte, Gott steüre allem unheil, in welches gnädige vorsorge unß sembtlich ergebe und verbleibe
Meines gr. geehrten Herrns stäts willigster Diener Otto von Guericke
Magdeb. den 1 neüen Martii Ao 72.
A Monsieur Monsieur Gotfrido Guilielmo Leibnitio, J.U. Doct. et Conseillier de S.A. Ele de Mayence. Abzugeben bey Herren Johann Davidt Zunnern vornehmen Buchhändelern in Franckfurth am Meine. Franco.