Philosophische Abhandlungen

GerhardtGerman

1702-1716

Die Abhandlung I: Sur ce qui passe les sens et la matiere, hat denselben Ursprung wie die Theodicee; sie ist auf Anregung und durch das Interesse der Königin Sophie Charlotte für philosophische Fragen entstanden1. Leibniz entwarf diese Studie in allgemein verständlicher Fassung, um das Verständniß der Grundlagen des Denkens und Erkennens der Königin zu vermitteln. Der folgende Brief ist der erste Entwurf eines längeren Schreibens an die Königin, in welchem Leibniz denselben Gegenstand ausführlicher behandelt. Die Schlußredaction dieses Schreibens überbrachte vielleicht Leibniz selbst — er traf im Mai 1702 in Berlin ein — der Königin; es ist dies der erste der folgenden Briefe an die Königin. Sie werden hier mitgetheilt, um ein Bild von dem philosophischen Verkehr am Hofe der Königin Sophie Charlotte zu geben. Für Leibniz waren die Jahre 1700 bis zum Tode der Königin Sophie Charlotte (1. Februar 1705) die glücklichste Zeit seines Lebens; er bekleidete an zwei aufstrebenden Fürstenhöfen die glänzendsten Stellungen; er war der Vertraute zweier hochbegabten Fürstinnen. In Berlin hatte sich der von ihm schon so lange verfolgte Plan verwirklicht, nach dem Beispiel der Königlichen Akademien von Paris und London auch in Deutschland eine Akademie der Wissenschaften ins Leben zu rufen; er war ihr erster Präsident. Er fand in Berlin einen großen Kreis wissenschaftlich gebildeter Männer, mit denen er über wissenschaftliche Gegenstände mündlich, wie Leibniz es so gern hatte und was er in Hannover so sehr vermißte, sich unterhalten konnte. In Berlin hielt sich damals (1702) der Irländer John Toland auf, der an dem Königlichen Hofe in religiöser Hinsicht Propaganda machte. Leibniz war mit ihm schon vorher in Hannover bekannt geworden. Ihm übergab die Königin Leibnizens Schreiben zur Beurtheilung. Die wenig eingehende Antwort desselben, die hier als Beilage zum ersten Briefe Leibnizens an die Königin mitgetheilt wird, wird in dem zweiten Briefe Leibnizens sehr schonend behandelt; er zeigt, daß im Grunde Toland’s Ansichten mit den seinigen übereinstimmen, und daß es, vielleicht auch aus politischen Gründen, nicht gerathen wäre, ihn weiter zu behelligen. Dieser zweite Brief Leibnizens an die Königin enthält eine allgemein verständliche Auseinandersetzung über den Zusammenhang von Seele und Körper; von besonderem Interesse ist die Anwendung des von Leibniz zuerst aufgestellten Continuitäts-Princips in seinen äußersten Consequenzen; er bestreitet die Trennung der Seele von dem Körper nach dem Tode (l’ame demeure tousjours unie encor apres la mort à quelque chose d’organique, quoyque fort subtil, et toutes les fois qu’on peut redresser la machine, l’ame se fait remarquer aussi. L’ame et même l’animal ne sont point éteints non plus, et la cessation des fonctions de l’ame n’est qu’apparente, parce qu’il n’y a point de perceptions remarquables). An die Stelle Toland’s, der die Discussion der philosophischen Probleme aufgab, trat ein anderer mit Leibniz Befreundeter, der General-Feldmarschall Graf von Flemming. Leibniz hatte ihm das Schreiben an die Königin Sophie Charlotte mitgetheilt, worauf derselbe in einem Briefe an die Königin seine Ansichten entwickelte. Nach der Mittheilung Leibnizens behauptete Graf von Flemming, das Immaterielle sei activ, das Materielle passiv, jenes könne eine aufsteigende Stufenfolge bilden: Körper, lebendes Wesen, Mensch, Gottheit. Dieses Schreiben wird von Leibniz in einem Briefe an die Königin besprochen. Er ist im Princip mit der Idee Flemming’s einverstanden, nur das bestreitet er, daß die Gottheit auf solche Weise construirt werden kann. Das fünfte der hier mitgetheilten Schreiben Leibnizens an die Königin Sophie Charlotte ist jedenfalls später abgefaßt; es behandelt die damals oft gedruckte und viel gelesene Schrift des Jesuiten Bouhours: Manière de bien penser dans les ouvrages d’esprit (zuerst gedruckt Paris 1684), die Leibniz hier einer scharfen Kritik unterwirft2.

Auch die Abhandlung II: Considerations sur la doctrine d’un Esprit Universel Unique, hat denselben Ursprung und dieselbe Tendenz wie die vorhergehende; sie ist höchst wahrscheinlich auf Anregung der Königin Sophie Charlotte im Jahre 1702 zu Lüzenburg (Charlottenburg) entstanden und zu ihrer Instruction in allgemein verständlicher Sprache abgefaßt. Leibniz bekämpft darin die Lehre von einem allgemeinen Geist, von welchem die einzelnen Seelen nur die modi, nach der Auffassung Spinoza’s, sind. Er zeigt, daß es vernünftiger und naturgemäßer ist, in jedem lebenden Wesen eine besondere Seele anzunehmen; dadurch ist es möglich, nicht allein die Fortdauer der Seele, sondern auch die des lebenden Wesens zu beweisen. Die einzelnen Seelen bleiben so immer in den besonderen Functionen, die ihnen zukommen und welche zur Schönheit und Ordnung des Universums beitragen; andernfalls werden sie in die Ruhe der Quietisten in Gott versetzt, oder mit andern Worten, in einen Zustand von Nichtsthun und Unnützlichkeit3.

Die Abhandlung III: Considerations sur les Principes de Vie, et sur les Natures Plastiques, erschien als Zuschrift an Basnage de Beauval, den Herausgeber der Histoire des ouvrages des savans, in dieser Zeitschrift im Jahre 1705. Leibniz war von Leclerc, dem Herausgeber der Bibliothèque choisie aufgefordert worden, in dem Streit zwischen den Engländern Cudworth und Grew auf der einen Seite und Bayle auf der andern über das Lebensprincip und die plastischen Naturen von dem Standpunkt seines Systems ein Urtheil abzugeben. Er ergriff diese Gelegenheit, um weitere Erklärungen in Betreff seines Systems zu veröffentlichen; insofern ist diese Abhandlung von besonderer Wichtigkeit. Das von Naturphilosophen angenommene Lebensprincip und die plastischen Naturen, um die organischen Bildungen aus den unorganischen herzuleiten, waren für Leibniz unnöthig, indem er mit Hülfe des Princips der Continuität die verborgen liegenden Dinge, die sich dem Anblick entziehen, durch die sichtbaren und nahe liegenden erklären konnte. Dieses Princip der Continuität bringt er hier wiederum in seinen äußersten Consequenzen zur Anwendung (la naissance et la mort, qui sont les plus grands changemens, ne produisent pas dans le fonds une aussi grande difference qu’on s’imaginoit). In einem unvollendeten Briefe an Mylady Masham aus dem Jahre 1705 verbreitet sich Leibniz über die in Rede stehende Abhandlung wie folgt: Je vous diray, Madame, qu’à mon avis la matiere, quoyque destituée de connoissance, peut agir d’une maniere propre à obtenir une fin, sans qu’il soit besoin pour cela de luy appliquer une direction particuliere de Dieu ou de quelque intelligence durant l’action; car on peut concevoir que Dieu luy a donné d’abord une structure propre à produire dans le temps des actions conformes à la raison. Et puisque nos ouvriers dont les talents sont si bornés, en peuvent donner des echantillons en certaines rencontres, par le moyen des machines qui imitent raison, il est aisé de juger que ce qu’il y a de plus beau dans l’artifice des hommes se doit trouver par plus forte raison dans les ouvrages de Dieu, et que Dieu dont l’art surpasse infiniment le nostre, pourra obtenir cet effect en toute sorte de rencontres, sans avoir besoin ny de certaines natures plastiques, ny de son propre concours particulier à ce qui se fait dans la formation des animaux. Et c’est justement en quoy mon hypothese est differente des autres. Car je ne voudrois pas employer dans les choses naturelles cette direction particuliere de Dieu qui ne peut estre que miraculeuse, ny recourir à des natures plastiques incorporelles qui n’auront aucun avantage sur la machine. Je diray donc que les corps ont en eux des natures plastiques, mais que ces natures ne sont autre chose que leur machine même, laquelle produit des ouvrages excellens sans avoir connoissance de ce qu’elle fait, parceque ces Machines ont esté inventées par un Maistre encor plus excellent. La force plastique est dans la Machine, mais l’idée de ce qu’elle fait est en Dieu. Ainsi je n’accorde point de pouvoir aux creatures dont on ne conçoive clairement la possibilité. Et la formation des animaux est d’autant plus explicable, qu’elle vient tousjours d’une preformation, c’est à dire qu’il y a tousjours un animal de sa forme. Les actions habituelles aussi (commes celles qu’on exerce en jouant au clavessin, sans penser à tout ce qu’on fait) confirment ce que je viens dire, c’est à dire que la Machine est capable d’agir raisonnablement sans le savoir, lorsqu’elle y a esté predisposée par une substance raisonnable; car on ne jouiroit pas bien sans y penser assés, si on ne s’estoit donné auparavant la disposition necessaire pour cela, lorsqu’on y avoit pensé en apprenant à jouer. Quand je dis que la direction particuliere de Dieu est miraculeuse, je la distingue de cette direction universelle en vertu de laquelle Dieu conserve les choses suivant les loix de la nature. Mais cette direction est particuliere ou miraculeuse, lorsque ce qui se fait n’est point conforme à ces loix, ny par consequent explicable par les notions distinctes des choses créées. Par exemple, un corps dans le vuide ne pourroit aller librement en ligne circulaire sans une direction particuliere, et si les planetes alloient dans le vuide, il faudroit qu’ils fussent menés par une intelligence assistante, car naturellement et suivant les loix mathematiques le corps laissé à soy même, iroit par la ligne droite qui touche le cercle et s’ecarteroit du centre aussitost qu’il auroit la liberté de le faire. Je crois donc que toutes les difficultés qu’on s’est fait sur les natures plastiques cessent de la maniere que je viens de les expliquer. — Das erste Manuscript dieser Abhandlung scheint nicht mehr vorhanden zu sein; in der Beilage folgt eine von Leibniz bereits revidirte und verbesserte Abschrift. Eine Vergleichung derselben mit dem, was er an Basnage geschickt, zeigt, wie sehr die Ursprünglichkeit und Frische der Darstellung durch die wiederholte Ueberarbeitung verwischt ist und wie dadurch die Durchsichtigkeit des Inhalts gelitten hat, besonders in Betreff der Auseinandersetzung über das Verhältniß seines Systems zu dem von Descartes und den Peripatetikern. Diese Erscheinung wiederholt sich öfters bei Leibniz sowohl in seinen Abhandlungen, als in seinen Briefen, die drei-, viermal umgeschrieben und corrigirt werden.

Die Act. Erud. Lips. an. 1705 Octobr. enthielten eine Recension von Jaquelot’s Werk: Conformité de la Foy avec la Raison, Amsterd. 1705, das vorzugsweise gegen die Angriffe Bayle’s auf die Religion gerichtet war. Am Schluß desselben befand sich ein Anhang: Systeme abregé de l’Ame et de la liberté, in welchem ausgeführt wurde, daß das System Leibnizens, welches sich von dem Systeme des causes occasionnelles nur wenig unterschiede, zur Lösung der Schwierigkeiten, die in Betreff des Zusammenhanges von Seele und Leib sich zeigen, nicht genüge. Leibniz nahm hiervon Veranlassung im Decemberheft derselben Zeitschrift die unter num. IV folgende Observatio in Betreff seines Systems zu veröffentlichen, zumal da bisher in den Act. Erudit. Lips. sein System noch nicht zur Sprache gekommen war. Wahrscheinlich hatte Leibniz während seines Aufenthaltes in Berlin im Jahre 1704 ein Exemplar der Schrift Jaquelot’s erhalten, bevor sie in den Buchhandel kam. In Folge dessen entstand ein Briefwechsel zwischen beiden, den die Beilage enthält, und in welchem Leibniz mit großer Lebhaftigkeit die Ausstellungen Jaquelot’s zurückweist.

Die Abhandlungen V und VI, deren Abfassungszeit sich nicht genau bestimmen läßt, die aber jedenfalls nach dem Jahre 1706 geschrieben sind, stehen zu der vorhergehenden in Beziehung, insofern darin Leibniz über die Philosophie Malebranche’s handelt. In den Schriften Locke’s, die nach seinem Tode erschienen (Posthumous works, Lond. 1706) findet sich eine Besprechung und Prüfung der Behauptung Malebranche’s, daß wir alle Dinge in Gott schauen. Es war für Leibniz von Interesse, zu sehen, wie Locke, der auf dem direct entgegengesetzten Standpunkt stand, das System Malebranche’s beurtheilte. Die Abhandlung V enthält, was Leibniz in dem Aufsatz Locke’s bemerkenswerth erschien. Für ihn war das Princip Malebranche’s unverständlich; Leibniz, der eine mittlere Stellung einnimmt, ist zum Theil mit den Einwürfen Locke’s, die seinem System nahe kommen, einverstanden, zum Theil vertheidigt er Malebranche und erklärt, wie der Ausspruch desselben, daß wir alle Dinge in Gott schauen, zu verstehen ist4.

Das Manuscript der Abhandlung VI hat als Aufschrift: Entretien de Philarete et d’Ariste, suite du premier entretien d’Ariste et de Theodore5. Diesem Titel nach schließt sie sich an die im Jahre 1688 erschienene Schrift Malebranche’s: Entretiens sur la Métaphysique et sur la Religion, in welcher Malebranche als Théodore seine Gedanken dem Ariste, der ihm Einwendungen macht, auseinandersetzt; Théodore erhält Unterstützung durch Theotime, der die Behauptungen des Théodore weiter entwickelt. In der gegenwärtigen Abhandlung übernimmt Ariste die Rolle des Théodore, und Philarète (Leibniz) bekämpft die Behauptungen des Théodore. Die Abhandlung wurde, wie die mehrfach verbesserten Manuscripte beweisen, von Leibniz mit besonderer Sorgfalt ausgearbeitet; sie ist populär abgefaßt, wie Leibniz selbst in dem Briefe an Nic. Remond in Paris (29. Jul. 1715), dem er sie zusendet, bemerkt. Item, une maniere de petit Dialogue sur quelques sentimens du R. P. Malebranche. Mais on peut dire que ce sont des Discours Exoteriques, et nullement Acroamatiques. Hervorgehoben zu werden verdient die Stelle, in welcher Philarète (Leibniz) eine Uebersicht über sein philosophisches System giebt: Cette force active primitive (d.i. Entelechie premiere par Aristote) qu’on pourroit appeller la Vie, est justement selon luy (Leibniz) ce qui est renfermée dans ce que nous appellons une Ame, ou dans la substance simple. C’est une realité immaterielle, indivisible et indestructible: il en met par tout dans les corps, croyant qu’il n’y a point de partie de la masse où il n’y ait un corps organisé, doué de quelque perception, ou d’une maniere d’ame. Ainsi ce raisonnement nous mene directement à la distinction de l’ame et de la matiere. Et quand on appelleroit Corps ce que j’aimerois mieux appeller avec luy Substance corporelle, composé de l’ame et de la masse, ce ne seroit qu’une question de nom. Or cette Force Active est justement ce qui montre le mieux et d’une maniere bien sensible, la distinction de l’Ame et de la Masse, parceque les principes du mechanisme, dont les loix du mouvement sont les suites, ne sauroient etre tirés de ce qui est purement passif, Geometrique ou materiel, ny prouvés par les seuls axiomes de Mathematique. Car cet auteur (Leibniz) a marqué dans plus d’un endroit du Journal des Savans de Paris, et des Actes de Leipsig, et encor ailleurs où il a parlé de sa Dynamique, et même depuis peu dans sa Theodicée, que pour justifier les regles dynamiques, il faut recourir à la Metaphysique reelle et aux principes de convenance qui affectent les Ames, et qui n’ont pas moins d’exactitude que ceux des Geometres. Vous trouverés aussi dans les lettres qu’il a échangées avec M. Hartsoeker, inserées dans les Memoires de Trevoux, comment par des considerations plus elevées il detruit le vuide et les Atomes, y employant même sa Dynamique en partie, au lieu que ceux qui ne s’occupent que du materiel ne sauroient decider la question. C’est ce qui a fait que les nouveaux Philosophes etant ordinairement trop materialistes, et n’etant point stylés à allier la Metaphysique avec les Mathematiques, n’ont point eté en état de decider s’il y a des Atomes et du vuide, ou non; et plusieurs mêmes sont portés à croire qu’il y en a, c’est à dire, ou le vuide avec les Atomes ou du moins des Atomes nageans dans un fluide qui exclut le vuide. Mais il montre que le vuide, les Atomes ou la dureté parfaite, et enfin le fluide parfait sont egalement contre la convenance et l’ordre.

Die Mémoires de Trévoux, mit deren Herausgeber, dem Jesuiten Tournemine, Leibniz in Correspondenz stand, enthielt im Jahre 1704 eine Bemerkung, die von Leibniz gegen die Cartesianer gemacht sei, daß nämlich die zusammenhängende Uebereinstimmung (accord), die nach ihrer (der Cartesianer) Annahme Gott unmittelbar zwischen Seele und Körper unterhält, eine wahrhafte Vereinigung (union) nicht wäre, weil sonst die prästabilirte Harmonie nicht würde mehr leisten können. In der in n. VII folgenden Remarque stellt Leibniz in Abrede, eine solche Bemerkung jemals gemacht zu haben. Dieser kurze Aufsatz erhält eine besondere Bedeutung durch das, was Leibniz in Betreff seines Systems hinzufügt. Seine Absicht, führt er aus, sei lediglich das auf natürliche Weise zu erklären, was die Cartesianer durch unausgesetzte Wunder erläutern, und von den Erscheinungen, die zwischen Seele und Leib stattfinden, den Grund anzugeben. Mais comme l’Union Metaphysique, setzt er hinzu, qu’on y adjoute, n’est pas un Phenomene, et comme on n’en a pas même donné une Notion intelligible, je n’ay pas pris sur moy d’en chercher la raison. Leibniz giebt demnach hier selbst zu, daß die prästabilirte Harmonie zur Erklärung der wahrhaften Einheit zwischen Seele und Körper nicht vollständig ausreicht.

In Betreff der Abhandlungen VIII und IX ist durch die Herausgeber von Leibnizens philosophischen Schriften eine Verwirrung entstanden. Der Sachverhalt ist der folgende: Als Leibniz einen längern Aufenthalt in Wien nahm (Ende 1712 bis zum September 1714), verfaßte er für den Prinzen Eugen von Savoyen eine Schrift über die Metaphysik seines Systems. Er gab ihr die Aufschrift: Principes de la Nature et de sa Grace, fondés en raison. Aus seiner gleichzeitigen Correspondenz mit Nic. Remond in Paris geht hervor, daß auch der letztere einen gleichen Wunsch Leibniz gegenüber äußerte; in Folge dessen schickte Leibniz eine Abschrift der in Rede stehenden Abhandlung

an Remond. Dieser führt in seiner Antwort (9. Janv. 1715) daraus die Worte an: Il n’y a donc point de metempsycose, mais il y a metamorphose, und erwähnt auch in demselben Briefe die Ueberschrift der Abhandlung. Es ist demnach kein Zweifel, daß die genannte Abhandlung die Schrift ist, die Leibniz für den Prinzen Eugen von Savoyen verfaßte. Von dieser Abhandlung sind drei Manuscripte vorhanden: 1. Der erste kurze Entwurf ohne Ueberschrift, welcher aus zwei Capiteln besteht; das zweite Capitel beginnt mit den Worten: Jusqu’icy nous n’avons parlé qu’en simples physiciens. 2. Das zweite Manuscript, ebenfalls ohne Ueberschrift, enthält eine weitere Ausführung des ersten Entwurfs. Die Eintheilung in Capitel ist darin aufgegeben. Dieses zweite Manuscript ist von Leibniz wiederholt durchgearbeitet worden. Er hat darin die zusammenhängende Darstellung verlassen, und schließlich eine Eintheilung in Paragraphen hinzugefügt. 3. Das dritte Manuscript, das die oben angegebene Ueberschrift hat, ist eine Abschrift des zweiten, die aber von Leibniz nochmals revidirt und wiederholt verbessert worden ist. Nach diesem dritten Manuscript ist die Abhandlung VIII abgedruckt. Sie ist, wie aus den Manuscripten hervorgeht, von Leibniz mit der größten Sorgfalt abgefaßt worden. — Von der Abhandlung IX, welcher Erdmann die Aufschrift: La Monadologie, gegeben hat, sind ebenfalls drei Manuscripte vorhanden; keines derselben hat eine Aufschrift. Diese drei Manuscripte sind: 1. Der ursprüngliche Entwurf; er ist sogleich ursprünglich in Paragraphen getheilt. 2. Die von Leibniz revidirte Abschrift von 1; er hat darin die bezüglichen Paragraphen aus der Theodicee beigeschrieben. 3. Eine zweite, ebenfalls von Leibniz revidirte Abschrift. Mit dem Manuscript 2 ist die Abhandlung IX verglichen worden. — Beide Abhandlungen enthalten viel Uebereinstimmendes, sodaß die Annahme berechtigt ist, daß die Abfassung derselben um dieselbe Zeit stattgefunden hat. Da die letztere die vollständigere ist, so dürften die Principes de la Nature et de sa Grace früher geschrieben sein. Vielleicht entwarf Leibniz zum leichteren Verständniß seiner Philosophie die letztere in kürzern Sätzen und in besonderer Anlehnung an die Theodicee, worin die weitern Ausführungen gegeben waren, auf die er nun hinwies. — In Betreff des Inhalts der Principes de la Nature et de la Grace hat Leibniz selbst in dem oben angeführten Briefe an Nic. Remond (Vienne 26. d’Aoust 1714) bemerkt: J’ay esperé que ce petit papier contribueroit a mieux faire entendre mes meditations, en y joignant ce que j’ay mis dans les Journaux de Leipzig, de Paris, et de Hollande. Dans ceux de Leipzig je m’accommode assés au langage de l’Ecole, dans les autres je m’accommode davantage au style des Cartesiens, et dans cette derniere pièce je tache de m’exprimer d’une maniere qui puisse être entendue de ceux qui ne sont pas encore trop accoutumés au style des uns et des autres. Leibniz betont hier, daß um sein philosophisches System zu verstehen, die Abhandlung Principes de la Nature et de la Grace mit den betreffenden Abhandlungen, die er früher veröffentlicht hat, in Verbindung zu setzen ist. —

Als im Jahre 1711 Leibniz von des Maizeaux um Ueberlassung seiner Correspondenz mit Bayle gebeten wurde, die derselbe zu veröffentlichen beabsichtigte, übersandte er ihm an Stelle der Briefe die bis dahin nicht gedruckte Abhandlung: Réponse aux Reflexions contenues dans la seconde Edition du Dictionnaire Critique de Mr. Bayle, Article Rorarius, sur le Systême de l’Harmonie préétablie. Dieselbe erschien in der von Masson herausgegebenen Histoire critique de la République des Lettres tant Ancienne que Moderne, Tom. XI. p.78 sqq. (gedruckt zu Amsterdam 1716)6. Von Seiten des Redacteurs wurde ein an die Königin Sophie Charlotte von Preußen gerichtetes Schreiben, datirt A Berlin le 14. Janvier 1703, dessen Verfasser nicht genannt wird, hinzugefügt mit der Aufschrift: Remarques Critiques sur le Systême de Monsr. Leibnitz de l’Harmonie préetablie, où l’on recherche en passant pourquoi les Systêmes Metaphysiques des Mathematiciens ont moins de clarté, que ceux des autres: écrites par ordre de sa Majesté la feue Reine de Prusse. Höchst wahrscheinlich ist, wie auch Leibniz anzudeuten scheint, die Adresse dieses Schreibens fingirt, vielleicht auch die angegebene Zeit der Abfassung; es liegt die Vermuthung nahe, daß die Angriffe gegen das philosophische System Leibnizens, die das Schreiben enthält, mit dem berüchtigten Streit über den ersten Erfinder der Differentialrechnung in Verbindung zu bringen sind. Als Verfasser dieses Schreibens dürfte mit größter Wahrscheinlichkeit John Toland anzunehmen sein; außer daß am Schluß desselben es heißt: Heureux nôtre célèbre Newton etc. stimmt auch die Polemik, die der Verfasser gegen Newton in Betreff der Schwere richtet, mit den Ansichten Toland’s überein, daß nämlich die Bewegung eine wesentliche Eigenschaft der Materie sei (l’action est aussi essentielle à la Matiere que l’Etendue ou l’Impenetrabilité), daß also nicht durch die Anziehungskraft der Materie Bewegung entsteht. Leibniz erachtet in dem in n. X folgenden Schreiben an Masson diese kritischen Bemerkungen nicht eben von hohem Werth; sie geben ihm keine besondere Gelegenheit zu eingehender Discussion; indeß ist Einzelnes, was er zur Richtigstellung des darin Behaupteten beibringt, bemerkenswerth. Dahin gehört der Begriff der Substanz. Der Kritiker meinte, daß nach Leibniz es nur eine einzige Substanz für alle Dinge gäbe, und daß diese Substanz der Geist sei; darauf erwidert Leibniz, daß es so viele von einander verschiedene Substanzen gäbe, als es Monaden giebt, daß die Monaden keine Geister sind und daß durch die Zusammensetzung der Monaden, falls sie ein wahrhaftes Eins bildeten, was nicht der Fall ist, kein Geist entsteht. Auch kann nicht die Materie für eine wahrhafte Substanz gelten. Die Substanz ist etwas Einfaches; cependant la simplicité d’une substance n’empeche point qu’il y ait là dedans plusieurs modes tout à la fois. Il y a des perceptions successives, mais il y en a aussi de simultanées, car lorsqu’il y a perception d’un tout, il y a tout à la fois perceptions des parties actuelles, et même chaque partie a plus d’une modification; et il y a perception tout à la fois non seulement de chaque modification, mais encore de chaque partie: ces perceptions si multipliées sont differentes l’une de l’autre, quoyque notre attention ne puisse pas tousjours les distinguer, et c’est ce qui fait les perceptions confuses, dont chaque distincte en enveloppe une infinité, à cause du rapport à tout ce qui est dehors. — Zuletzt kommt Leibniz auf die Behauptung des Kritikers, daß die Mathematiker, die sich mit Philosophie befassen, darin nichts leisteten. In seiner Erwiderung bemerkt er, daß er Ausgedehntes nicht aus mathematischen Punkten zusammensetze; ferner daß er trotz seines »calcul infinitesimal« keine wahrhaft unendliche Zahl annehme, und setzt hinzu: Le calcul infinitesimal est utile, quand il s’agit d’appliquer la Mathematique à la Physique, cependant ce n’est point par là que je pretends rendre compte de la nature des choses. Car je considere les quantités infinitesimales comme des fictions utiles.

Das Schreiben Leibnizens in n. X ist jedenfalls in seinem letzten Lebensjahre 1716 abgefaßt; es ist vielleicht das letzte, welches er in Betreff seiner Philosophie geschrieben hat.

  1. 1Leibniz erwähnt in einem Briefe Hanovre le 29 de Mars 1702 (Klopp, die Werke von Leibniz, Bd. 10 S.138f.), daß er von der Königin einen interessanten Brief »sur les sens« erhalten, dessen Inhalt ihn veranlaßt habe, über diesen Gegenstand einige Gedanken niederzuschreiben. Höchst wahrscheinlich ist dieser Brief derselbe, den Leibniz im Eingange des folgenden ersten Schreibens erwähnt.
  2. 2Die hier mitgetheilten Schreiben Leibnizens 1 nebst Beilage, 2 und 4 sind von Klopp (Die Werke Leibnizens, Bd. 10 S.167ff.), der Brief Leibnizens 3 (Bd. 8 S.364f.) veröffentlicht. Das Schreiben 5, so wie die Abhandlung Sur ce qui passe les sens et la matiere nebst dem folgenden Briefe waren bisher noch nicht gedruckt.
  3. 3Die Abhandlung II ist zuerst von Erdmann (Leib. op. philosoph. vol. I. p.178 sqq.) veröffentlicht. Der vorliegende Abdruck beruht auf einer neuen Vergleichung mit dem Originalmanuscript in der Königl. Bibliothek zu Hannover.
  4. 4Die Abhandlung V hat Raspe in der von ihm herausgegebenen Sammlung: Oeuvres philosophiques de Leibniz, S.499ff. zuerst veröffentlicht mit der Aufschrift: Remarques sur le sentiment du P. Malebranche, qui porte que nous voyons tout en Dieu, concernant l’examen que Mr. Locke en a fait. Das Leibnizische Manuscript hat keine Aufschrift.
  5. 5Diese Abhandlung erschien zuerst in Recueil de diverses pieces sur la philosophie, la Religion naturelle etc. Amsterd. 1720, Tom. II p.211 sqq. Der Herausgeber dieser Sammlung des Maizeaux gab ihr, dem Inhalt gemäß, die Aufschrift: Examen des principes du R. P. Malebranche.
  6. 6Leibniz an des Maizeaux (Hanover ce 8. Juillet 1711): Cependant, pour satisfaire en quelque chose à votre demande, Monsieur, je vous envoye ma Replique à ce que M. Bayle avoit mis à l’égard de mon Systeme dans la seconde Edition de son Dictionnaire, Article Rorarius. Hiernach ist das im Bd. IV. S.420 Angeführte zu ergänzen und zu berichtigen.