In dem »Monatlichen Auszug« des Jahres 1701 findet sich S.73 bis 75 zu dem vorhergehenden Aufsatz der folgende
Zusatz.
Was der Herr Locke von verbindung und begleitung der Ideen sagt, ist nicht zu verachten, und dienet sie offt zu erregung der Affecten; Was aber die irrthümer und falsche urtheile belanget, so kommen sie aus andern nähern und eigentlichern uhrsachen, nemblich, daß man falsche sätze annimmt, und sich einbildet, man habe deren beweiß einsmahls im gemüth gehabt, darin dan ein Gedächtnißfehler unterlaufft; und dan aus unrechten folgereyen, die man aus denen für bekand angenommenen sätzen machet, weil man sich die zeit und mühe nicht giebt, alles förmlich und ordentlich zu untersuchen. Inzwischen ist wahr, daß die Affecten zu dieser leichtgläubigkeit, betreffent die sätze und nachlässigkeit in der folgerey, viel helffen: Denn man glaubt und schliesset leicht was man gern hätte. Sonst ist bey diesem Buche des Herrn Locks anzumerken, daß er in seinen letzten Schrifften gegen den Seel. Herrn Bischoff Stillingfleet ein grosses theil seiner in diesem Tentamine oder Versuch vom Menschlichen Verstande enthaltenen Meynungen, die Natur eines Leibes betreffend, geändert: indem er in dem Tentamine mit den Neuen Philosophis insgemein, sonderlich den Cartesianis und Gassendistis dafür gehalten, daß bey dem Leibe nichts als grösse, soliditaet oder undurchdringlichkeit und bewegung oder veränderung der stelle anzutreffen; anietzo aber beginnet er dafür zu halten, daß sich noch ein mehrers darin befinde, so durch diese nicht zu erklären. Er verwirfft sonst in seinem Versuch die angebohrne ideen und das natürliche licht, scheinet aber nicht genungsam die nothwendigen wahrheiten, so aus der möglichkeit entstehen, von denen andern, deren grund man aus der Erfahrung der würcklichkeiten nehmen und also von aussen hohlen muß, unterschieden zu haben. Daher er mehr Aristotelis tabulam rasam, als Platonis einpflantzungen angenommen. Wahr ist es, daß wir auf die gedancken auch in denen abgezogensten materien ohne äusserliche empfindungen nicht kommen würden, aber in denen nothwendigen wahrheiten dienen solche empfindungen mehr zur errinnerung als zum beweis; welcher einig und allein im grund von inwendig kommen muß, so diejenigen nicht genugsam begreifen, die mit rechten demonstrationen wenig umgangen.