Aufsatz zu Lockes Essay für den ‚Monatlichen Auszug“ (1700)

GerhardtGerman

Essai Philosophique concernant l'Entendement humain, où l'on montre, quelle est l'etendue de nos Connoissances certaines et la maniere dont nous y parvenons, traduit de l'Anglois de Mr. Locke par Mr. Pierre Coste, sur la quatrieme edition, revue, corrigée et augmentée par l'Auteur. A Amsterd. 1700 in 4to.

Philosophischer Versuch, betreffend den Menschlichen Verstand, alwo gewiesen wird, wie weit sich unsre gewisse Erkändtnüssen erstrecken, und auf waß Weise wir darzu gelangen; auß den Englischen übersetzet von Hrn. Peter Coste nach der vierten vom Autor selbst übersehenen, verbesserten und vermehrten Edition. 5. Alph. 12 Bog.

Es ist unvonnöthen, daß wir von diesem herrlichen Buche einen gantzen Außzug geben, nachdem uns der Herr Autor selbst dieser Mühe überhoben, da er anno 1688. dem Herrn Clerc dergleichen in seiner Bibliotheque universelle T. VIII. p.49. sqq. einzurücken zugeschicket, ehe er es noch dem Druck übergeben. Im Jahr 1690. kam es zu erst zu London in folio herauß und hat es Herr Clerc in besagter Biblioth. univers. T. XVII. p.399. wiederum weitläufftig excerpiret. Bald drauff kahm eine neue Englische edition hervor, die mit vielen Stücken und sonderlich mit einem gantzen Capitel1 von der Identität und Diversität, oder unterschiedlichkeit, welches er überauß deutlich und artig abgehandelt, vermehret war.

In besagter andern edition erkennet der Herr Locke, daß er sich in der ersten geirret, da er nach der gemeinen Art gesetzt, daß daßjenige, waß den Willen zu einiger Veränderung der Würkung in dem Laufe der wilkürlichen actionen bringe, die Gewahrnehmung eines viel grössern Gutes sey. Denn da er die Sache reiflicher

erwogen, hat er gefunden, daß vielmehr eine gegenwärtige unruhigkeit, welche in dem Verlangen bestehet, oder doch von denselbigen allezeit begleitet wird, dem Willen seine Gräntzen setze. Die Uhrsachen hievon besiehe l. 2. c. 21. Doch will er sich gern eines bessern unterrichten lassen. Einige Zeit hernach kahm die dritte und im Jahr 1699. die vierte heraußgabe zum Vorschein, in welcher letztern der Herr Lock seine vorige Gedancken durch viele Zusätze entweder weiter erkläret, oder durch gantz neue Gründe unterstützet. Nach diesen hat der Herr Peter Coste seine Ubersetzung eingerichtet, und hat er, da ihm der Herr Lock sein Mstum communiciret, über zwey Jahr an derselbigen gearbeitet. Der Herr Lock selbst hat diese Ubersetzung vor gut und seinen Gedancken gemäß gehalten, daß sie uns also um ein großes lieber seyn soll.

Alle neue Zusätze zu erzehlen, würde zu weitläufftig fallen, daher wir uns mit den zwey wichtigsten vergnügen wollen, welche zwey absonderliche Capitel machen, davon der erste l. 2. c. 33. stehet und von der Association vergesellschafftung der Ideen handelt.

Der Herr Lock saget, es sey fast niemand, der in den Meinungen, schlüssen und thun andrer Leute nicht etwas antreffe, welches ihm fantastisch und außschweifend vorkomme und auch in der That sey. Ein jeder habe scharfsichtige Augen genung, bei einem andern den geringsten Fehler von dieser Art anzumercken, wenn er nur von dem, welchen er selbst hat, unterschieden sey und er selbst satsamen Verstand habe, denselben zu mißbilligen, ob er gleich sonst in seinen eigenen Meynungen und seiner eignen Außführung die grösten Unrichtigkeiten habe, deren er gewahr würde und deren er, wo nicht unmöglich, doch schwerlich überführet werden könne.

Dieses kommt, fahrt er fort, nicht bloß von der eigenliebe her, ob gleich diese Leydenschafft offt grossen Theil dran hat. Denn man siehet täglich solche Leute an dergleichen Fehler kranck liegen, welche sonst klug genug sind und gantz kein Wesen von ihren eigenen Meriten machen.

Diesen Mangel der Vernunft pflegt man auf die Erziehung und auf den Nachdruck derer Vorurtheile zuschieben, und dieses nach der gemeinen Meynung nicht ohne Uhrsache, alleine, nach des Herrn Lockes Ausspruch, gehet es nicht recht auf den Grund des übels, und zeiget nicht ausführlich desselbigen Uhrsprung und Eigenschaft.

Er selbst erklährt es folgender Massen: Etliche von unsern Ideen [sind seine Worte] haben unter sich eine genaue übereinstimmung und Verbündniß. Die Schuldigkeit und grösseste Vollkommenheit unsrer Vernunft bestehet darinnen, daß sie dergleichen Ideen entdecke und in derselbigen Einigkeit und übereinstimmung zusammen halte, als welche sich auf ihr absonderliches Wesen gründet. Es giebt noch eine andere Verbündniß der Ideen, welches von etwaß ohngefährers oder von der Gewohnheit dependiret, so daß die Ideen, welche natürlicher weise gantz und gar nicht miteinander verwandt sind, im Esprit2 gewisser Personen so genau miteinander vereinigt werden, daß man sie gar schwerlich von einander sondern kan. Sie leisten einander stets Gesellschafft und eine kan sich nicht so bald dem Verstande (intellectui) darstellen, daß die andre oder auch mehr, so miteinander verknüpffet sind, nicht auch gleich erscheinen solten, ohne daß sie jemahls voneinander getrennt werden könnten.

Diese Vergeselschafftung der Ideen, welche der Esprit sich selbsten entweder mit guten Willen oder von ohngefähr außwircket, ist die eintzige Uhrsache des Mangels, davon wir nur geredet. Und wie diese starcke Verbündniß der Ideen nicht durch die Natur veruhrsachet ist, so ist sie dieserwegen gantz unterschieden in unterschiedlichen Personen, nemlich nach dem Unterschied ihrer Neigungen, Auferziehung und Eigennutzen.

Daß dergleichen Vergesellschaftungen der Ideen seyn, welche die Gewohnheit in dem Esprit der meisten Menschen gezeuget, daran kan, nach Herrn Lockens Ausspruch, niemand zweifeln, der sich und andre Leute mit rechtem Ernst betrachtet. Und man kan vielleicht dieser Sache mit Fug und Recht das meiste Theil derer Sympathien und Antipathien zuschreiben, die man bey den Menschen antrifft und die eben so starck würcken und eben so regulirte Effecten hervorbringen, als wenn sie natürlich wären, welches denn auch macht, daß man sie also nennet, ob sie schon dem ersten Ansehen nach keinen andern Uhrsprung, als die zufällige Verknüpffung zweyer Ideen gehabt haben, die durch die Macht einer ernstlichen Eindrückung oder eines alzu grossen Nachgebens so starck vereiniget, daß sie hernach alzeit zusammen im esprit des Menschen bleiben, als wenn sie nur eine eintzige Idee wäre. Der Herr Locke leugnet aber nichts destoweniger nicht, daß es gantz natürliche Antipathien gebe, die von unsrer uhrsprunglichen Beschaffenheit herzuleiten und mit uns gebohren seyn. Er glaubet aber, daß man nach eigentlicher Betrachtung der meisten von denen, die vor natürlich gehalten werden, erkennen würde, daß sie im Anfange von solchen Eindrückungen veruhrsachet, die man gar nicht gemercket, ob sie sich gleich zeitig genung, oder doch durch eine lächerliche Fantasie angegeben. Der Herr Lock mercket beyläufftig den unterscheid an, welcher zwischen natürlichen und angenommenen Antipathien gemacht werden könne, damit diejenigen, so Kinder haben oder doch dieselben erziehen müssen, sehen mögen, wie wohl diese Sache von ihnen in acht genommen und mit was vor Sorgfalt dieser unordentlichen Verbündniß der Ideen im Esprit der Jugend vorgebeuget werden müsse.

Er zeiget hierauf durch etliche Exempel an, wie eine solche Verbündniß der Ideen, die nicht von sich selbst vereiniget sind, noch auch eine von der andern dependiren, geschickt genung sey, uns in unsern sittlichen und natürlichen Thun, ja selbst in unsern notionen eine Hinderniß zu machen.

Die Ideen des Esprits oder der Phantasie kommen so wenig mit der Finsterniß alß mit dem Lichte überein; Wenn aber eine tumme Magd diese unterschiedlichen Ideen in den Esprit eines Kindes einflösset und erwecket, alß wenn sie mit einander verknüpfet wären, so wird das Kind dieselbe vieleicht sein Lebtage nicht von einander unterscheiden können: so daß ihm die Dunckelheit immerfort mit dergleichen entsetzlichen Ideen begleitet zuseyn vorkommen wird.

Wenn jemanden ein empfindliches Unrecht von eines andern wegen gelitten hat, so dencket er zum öfftern auf die Person und That; und indem er also stark oder eine lange Zeit über drauf dencket, so leimet er gleichsam diese zwey Ideen so fest zusammen, daß er sie fast zu einer eintzigen macht und niemahls der Person sich erinnert, daß ihm auch das empfangene Unrecht nicht in den Kopff komme. Und indem er diese beyde Sachen gar schwerlich unterscheiden kan, hat er eben so einen Abscheu vor dem einen als vor dem andern. Daher kommts, thut Herr Locke hinzu, daß offt ein Haß geringer und nichtswürdiger Uhrsachen wegen entstehet und daß die Zänckereyen in der Welt sich unterhalten und immerwährend bleiben.

Einer von den Freunden des Herrn Locke war von einen gewissen Manne von der Raserey durch eine sehr empfindliche operation gantz und gar curiret worden, vor welchen Dienst er sich ihm Lebenslang sehr verbunden erkannte, als der so beschaffen war, daß er von niemanden einen grössern sein lebtage verlangen könte. Es mogten ihm aber die Vernunfft oder die Erkentlichkeit einsagen waß sie wolten, so kunt er doch diesen Wund-Artzt niemals vor Augen sehen. Denn wie ihm sein Ansehen allezeit die Idee des grössesten Schmertzens, den er von seinen Händen außstehen müssen, wieder ins Gedächtniß brachte, so war es ihm unmöglich diese Idee zu ertragen, so hefftige Impressionen verursachte sie in seinem Gemüthe.

Viele Kinder geben die meisten schlimmen Tractementen, so sie auf Schulen außgestanden, ihren Büchern, welche die Gelegenheit hiezu gewesen, schuld, und vereinigen diese Ideen so wohl, daß sie ein Buch mit grossem Eckel ansehen und ihr Tage das Studieren und die Bücher nicht lieb gewinnen können, weil ihnen das Lesen, welches sie sonst sehr ergötzet haben würde, zu einer warhafftigen Marter geworden.

Ein wegen seiner Besonderheit merckwürdiges Exempel ist folgendes, so dem Herrn Locke ein vornehmer Mann, der es selbst gesehen zu haben versichert, erzehlet: Es hatte ein junger Mensch sehr artig und volkommen tantzen gelernet. Es war aber in dem Saal, da ers gelernet, ungefähr eine alte Kiste gestanden, deren Idee sich so mit seinem herumgange und Schritten im Tantzen unvermerckt combiniret, daß ob er wohl unvergleichlich auf diesem Saale tantzen kunte, so kunte er es doch nur, wenn die alte Kiste zugegen war, an andern Orten aber kunte er gar nicht tantzen, es müste denn die alte oder eine ihr ähnliche Kiste daselbst an ihrem gewöhnlichen Orte gestanden haben.

Die habitus intellectuales, welche man durch dergleichen Vergeselschafftung der Ideen sich zuwege gebracht, sind, wie Herr Locke ferner berichtet, eben so starck und häuffig und müssen eben so wohl sehr inacht genommen werden. Gesetzt es wären die Ideen des Seyn und der Materie entweder durch die Auferziehung oder durch eine alzu grosse application auf diese zwey Ideen, nachdem sie also in dem Gemüthe zusammen geknüpfet, miteinander recht starck vereinigt; Was würden dieselbe nicht vor notionen und Vernunfft-Schlüsse, waß unterschiedene Esprits betrifft, hervorbringen? Wenn eine von Jugend auf angenommene Gewohnheit eine Form oder Figur mit der Idee Gottes verbunden hätte, in was vor Absurditäten würde uns nicht ein solcher Gedancken in Betrachtung der Gottheit stürtzen? Man wird ohne zweifel finden, thut Herr Locke hinzu, daß es nichts anders alß dergleichen übel-gegründete und wider die Natur laufende Zusammenbindungen der Ideen sind, welche die viele einander widerstreitende Secten in der Philosophie und Religion auf die Bahne bringen; denn es ist nicht zu glauben, daß ein jeder auß denen, welche dergleichen unterschiedene Secten haben, sich gutwillig selbst betriegen, und wider sein besser Wissen und Gewissen die ihm durch klare Beweißgründe dargethane Wahrheit verwerffen werde. Es ist zwar gewiß, daß bißweilen das interesse grossen Theil an dieser Art Sachen nimmt, doch wird sich niemand können bereden lassen, daß dasselbige gantze grosse Gesellschaften so einnehmen und verführen könne, daß sie alle, keinen außgenommen, offenbahre und wissentliche Falschheiten behaupten solten. Denn man muß gestehen, daß zum wenigsten ein und andrer seyn müste, der daßjenige thue, waß die andern zuthun vorgeben, das ist, der die Wahrheit aufrichtig suche.

Diesem zufolge muß also noch waß anders ihnen den Verstand verblenden und sie verhindern, daß sie die Falschheit derer Sachen, die sie vor pure und lautere Warheit halten, nicht erkennen. Wenn man nun dieses, waß die Vernunfft gefangen nimmt und den Verstand der sonst aufrichtigsten Leute verfinstert, genaue untersuchte, wird man finden, daß er bloß und allein etliche freye Ideen setze, die eigentlich keine Verbündniß unter sich haben, die aber sich im esprit durch die Auferziehung, die Gewohnheit und das Wesen so davon auf ihrer Parthey ohn unterlaß gemacht wird, also vereinigen, daß sie eben so wenig als eine eintzige Idee von einander gesondert oder unterschieden werden können. Daher kömmet es, verfolget Herr Locke, daß oft die ungereimtesten Dinge vor treffliche Meynungen, die Absurditäten vor Demonstrationen und unleidliche und abgeschmackte Folgerungen vor feste und wohlfliessende Vernunfft-Schlüsse aufgenommen werden.

Das andere Capitel so wir vorzustellen versprochen, handelt vom Enthusiasmo und ist das XIX. im IV. Buche. Des Herrn Locke Gedancken darüber sind folgende:

Wer die Warheit mit ernste suchen will, muß zuerst vor allen Dingen eine Liebe zu ihr gewinnen. Wer die Warheit nicht liebet, denselben muß man nothwendig das Gegentheil zueignen. Daher man mit Recht sagen kan, daß unter denen, die sie zusuchen vorgeben, gar wenig sind, welche sie recht lieben. Einen rechten Sucher der Warheit kan man erkennen, wenn er einen Vortrag nicht vor gewisser annimmt, als es die Beweise, darauf er gegründet, zulassen. Wer über dieses Maß schreitet, der ergreiffet die Wahrheit nicht aus Liebe zur selbigen, sondern zu einen andern indirecten Endzwecke. Denn indem die unstreitige Klahrheit eines Vortrages in den Beweißgründen wahrhaftig bestehet (ausgenommen diejenigen so vor sich selber klar genug sind), so ist offenbahr, daß so viel als dem Beyfalle über die unstreitige Klahrheit einer Sache Raum gegeben wird, das übrige Theil der Versicherung nicht von der Liebe zur Wahrheit sondern von einer andern Paßion herzuleiten sey. Denn so unmöglich die Liebe zur Wahrheit jemand dazu bringen kan, daß er einer Sache weiter beyfalle, als er von der Wahrheit derselben vergewissert ist, eben so unmüglig ist es auch, daß jemand aus Liebe zur Wahrheit einen Vortrag billigen könne in Betrachtung einer solchen evidence, daraus er nicht absehen kan, ob der Vortrag wahr seye; Welches würcklich eben so viel wäre, als den Vortrag wie eine Wahrheit aufnehmen, weil es müglich oder gar probabel ist, daß er der Wahrheit nicht gemäß seye.

Herr Locke thut hinzu, es folge unvermeydlich aus dieser üblen disposition des Esprit, daß man sich die Macht zueigne andern Leuten seine eigne Meynungen vorzuschreiben. Denn wie solte derjenige der seinen eigenen Glauben betrogen hat, nicht willig seyn auch anderer Leute Glauben zubetriegen? Wie stehet zu hoffen, daß derjenige gegen andre kräfftige Argumente und Beweißgründe brauche, der sie gegen sich selbst zubrauchen nicht gewohnt ist, der seinen eigenen Kräfften Gewalt thut, der über seinen Esprit tyrannisiret, und den Vorzug, den die Wahrheit alleine hat, nehmlich daß sie nichts billige als was unstreitig wahr ist, mißbrauchet.

Nachdem Herr Locke dieses Fundament gelegt, schreitet er zur Untersuchung des Enthusiasmi, welchem gewisse Leute eben so viel Macht zuschreiben, als dem Glauben und der Vernunfft, und wollen die Offenbahrung ohne Beyhülffe der Vernunfft feste setzen, wodurch sie aber auf einmahl sowohl die Vernunfft als Offenbahrung vernichten, und an ihrer stat in ihrem Gehirne geschmiedete Fantaseyen ohne eintzigen Grund sich vorbilden, welche sie zur Richtschnur ihrer Meynungen und Aufführung erwehlen. Die Vernunfft ist nichts anders als eine natürliche Offenbahrung, wodurch GOtt den Menschen denjenigen Theil der Wahrheit, welchen er der Fähigkeit ihrer natürlichen Kräfte eingegossen, mittheilet. Die Offenbahrung ist die natürliche Vernunfft, die durch einen neuen Grund solcher Entdeckungen vermehret ist, welche da unmittelbahr aus GOtt fließen, und deren raison die Wahrheit durch Zeugniß und Proben, welche sie zubeweisen, daß dieselben Entdeckungen würcklich von GOtt kommen, gebrauchet. Wer dahero die Vernunfft deswegen vernichtet, daß er der Offenbahrung Raum mache, löschet diese beyde Lichter zugleich aus. Wie aber die Menschen finden, daß eine unmittelbahre Offenbahrung ein viel leichteres Mittel sey, ihre Meynungen zubekräftigen, und ihre Aufführung einzurichten, als die Mühe alles nach vernunfftmäßiger Richtigkeit anzustellen, welche insgemein verdrießlich, schädlich und meistentheils ohne glücklichen Fortgang ist; so muß man sich nicht verwundern, daß sie gar öffters Offenbahrungen vorgewendet und sich überredet, GOtt dirigire sie sonderlich, was anlange ihr Thun und Meynungen, und vornemlich diejenigen, welche sie durch Sätze der Vernunfft nicht rechtfertigen können. Wenn ihr Esprit einmahl von diesen Gedancken eingenommen ist, so müssen die abgeschmacktesten Meynungen, die sich ihrer Fantasie hart eindrücken, alsobald aus dem Geiste GOttes kommende und Göttliche Authorität habende Erleuchtungen seyn. Alles unordentliche Wesen, dazu sie durch eine starcke Neygung gezogen werden, das halten sie gewiß vor einen himmlischen Beruff, dem sie folgen müssen, und vor einen Befehl aus der Höhe, in dessen Außführung sie unmöglich irren können.

Dieses ist eigentlich was durch den Enthusiasmum zuverstehen, welcher nicht auf die Vernunft noch auf die Göttliche Offenbahrung gerichtet ist, sondern nur von der Einbildung eines erhitzten und eingebildeten Geistes entspringet, und der, so bald er nur ein wenig eingewurtzelt, viel stärker über die Meynungen und actionen der Menschen meister spielet, als die Vernunfft oder Offenbahrung absonderlich oder zusammen.

Ob nun wohl die ausschweifenden actionen und Meynungen, worein der Enthusiasmus die Leute eingewickelt hat, sie anspornen solten, sich besser vorzusehen und die falschen principia, welche so wohl ihren Glauben als auch ihre Aufführung auf Abwege führet, zu meiden; nichts destoweniger so wird doch durch die Liebe zu extraordinären Sachen, durch die Bequemlichkeit und durch den Ruhm erleuchtet und durch außerordentliche Wege zur Erkäntniß gekommen zu seyn, die Faulheit, Unwissenheit und Eitelkeit vieler Leute gekitzelt und sie werden dahin gebracht, daß, nachdem sie auf solche Weise von einer unmittelbahren Offenbarung, einer erleuchtung ohne Nachforschung, einer Gewißheit ohne Beweiß und Untersuchung eingenommen seyn, es sehr schwer ist, sie wiederum hiervon zu bringen.

Sie sind über die Vernunfft entzücket, und die Vernunfft ist bey ihnen verderbet. Sie sehen ein ihrem Verstande eingeflösstes Licht und können sich nicht mehr betriegen. Dieses Licht erscheinet sichtbarlich als der helleste Sonnenstrahl und bedarff keines andern Beweises als seiner eignen Klarheit. Sie fühlen, ihrer Aussage nach, die Hand Gottes, welche sie innerlich treibet; sie empfinden triebe des Geistes und können sich in ihrer Empfindung nicht betriegen. Derohalben sie sich auch überreden, es habe die Vernunfft mit demjenigen was sie in sich selbst sehen und empfinden, nichts zu thun. Die Sachen welche sie handgreiflich erfahren, sind ausser allen Zweifel, und brauchen keines Beweises; und was der wunderlichen Reden dieser Leute mehr sind. Sie sind dieser Sachen versichert, weil sie derselben versichert sind, und ihre Meynungen sind recht, weil sie in ihrem Geiste sich fest gesetzet. Denn darauf lauffen alle ihre Worte hinauß, wenn man die Metaphoren des Hören und des empfinden, darein sie dieselben eingehüllet, davon absondert.

Der Herr Locke untersucht den Grund dieses innerlichen Lichts und des Empfindens, darauf diese Leute so starck sich gründen, und redet davon also: Ist dieses sehen des Lichts eine Verspürung der Warheit eines gewissen absonderlichen Vortrages, oder vieleicht dessen, daß es ein von Gott kommende Offenbahrung seye? Ist diese Empfindung eine Verspürung einer Neigung, welche entweder auß einer Fantasie etwas zuthun, oder aus dem Geiste Gottes, der in ihnen diese Neigung gezeuget, herkommt? Dieses sind zwey gantz unterschiedliche Empfindungen, welche sorgfältig von einander gesondert werden müssen, wenn wir unser selbst nicht mißbrauchen wollen. Ich kan die Warheit eines Vortrages erkennen; deßwegen aber kan ich noch nicht erkennen, ob es eine unmittelbahre Offenbahrung von Gott sey. Ich kan im Euclide die Warheit einer proposition erkennen, ohne daß sie sey oder daß ich wisse, daß es eine Offenbahrung sey. Ich kan auch wissen, daß ich die Erkäntnis davon nicht durch natürliche Mittel erlanget; daher nun kan ich zwar schliessen, daß sie mir offenbahret ist, ich kan aber deswegen noch gar nicht erkennen, daß es eine von Gott kommende Offenbahrung ist: weil es solche esprits giebt, welche ohne von Gott deshalben empfangene Vollmacht diese Ideen in mir erwecken und meinem esprit sie in solcher Ordnung, daß ich ihre connexion erkennen mag, vorstellen können. Daß also die Erkändtnis einer proposition, die mir, ich weiß nicht wie, in den Kopff kommen, nicht also gleich ein Merckmahl ist, daß sie von Gott komme. Noch viel weniger ist eine starke Einbildung, daß diese Einbildung wahr sey, ein gewisses Merckmahl, daß sie von Gott komme, oder auch daß sie wahr seye.

Man mag einem solchen Einfalle den Nahmen eines Gesichts oder des Lichts geben, so ists doch nichts mehr als eine Credulität und Confidentz. Denn wenn von einem Vortrage gehandelt wird, dessen Warheit sie sich eingebildet haben, ohne zuerkennen, daß er wahr sey, so kan es hier nicht heißen sehen sondern gläuben, man mag auch einer solchen Einbildung vor einen Nahmen geben, welchen man wolle. Waß ich glaube, muß ich auf eines andern Zeugniß wahr zu seyn außsetzen, und muß auf den Fall gewiß wissen, daß dieses Zeugniß würcklich abgeleget; denn ohne dieses wäre mein Glaube ohne Grund. Ich muß sehen, ob mir Gott dieses offenbahre, oder ob ich nichts sehe. Es läufft also darauf auß, daß ich wisse, wie ich erkennen solle, daß mir Gott etwas offenbahre, daß diese impression in meiner Seele durch den Heil. Geist geschehe und daß ich folglich derselben zu folgen verbunden sey. Wenn ich dieses nicht weiß, so ist meine confidentz sie mag so groß seyn als sie wolle, ohne das geringste Fundament, und alles Licht, von welchen ich mich erleuchtet erkenne, ist ein blosser Enthusiasmus. Denn es mag die Proposition, welche man offenbahret zu seyn setzet, an sich selbst handgreifflich wahr seyn, oder sichtbarlich probabel, oder sie mag schwerlich durch ordinäre Wege der Erkäntniß können beurtheilet werden, so muß doch dieses vor allen klärlich bestätiget und erwiesen werden, daß Gott diesen Vortrag offenbahret habe, und daß daßjenige, waß ich vor eine Offenbahrung aufnehme, mir gantz gewiß von sich selbst in den Sinn kommen, und daß es keine illusion, die jemand anders eingeschoben oder meine eigne Fantasie erwecket habe, seye. Bevor man nicht so weit hierinnen kommen, ist alle confidentz, die man hat, daß diese Offenbahrung von Gott komme, nur eine blosse Muthmassung; und alles Licht davon man verblendet, ist nichts anders als ein Irrwisch, welcher uns ohn Aufhören in diesen Zirkel umher führen wird: Dieses ist eine Offenbarung weil ichs feste glaube; und ich glaube es, weil es eine Offenbarung ist.

Darauß fließet, daß diejenigen, welche dergleichen Offenbahrungen von dieser oder jener Warheit zu haben sich einbilden, versichert seyn müssen, daß es Gott sey, der sie ihnen offenbahret habe. Denn daß man sage, wie sie insgemein thun, daß sie erkennen durch das Licht, welches die Sache mit sich bringe, welches gläntze und in ihrer Seelen blitze und welchen sie nicht widerstehen könten; daß bedeutet nichts anders als daß es darum eine Offenbarung seye, weil sie glauben, daß es warhafftig eine sey; da doch alles Licht, wovon sie reden nichts als eine starcke Einbildung ist, die sich in ihren Geiste fest gesetzt und doch nicht das geringste Fundament, daß es eine Warheit sey, hat. Denn dieses müssen sie vor raisonnable und von einigem Beweise halten, der da zeige, daß es eine Warheit sey, genommene Gründe annehmen, daß sie erkennen müssen, wie sie dergleichen nicht haben. Weil, wenn sie dergleichen haben, sie dieselbige nicht mehr als eine Offenbarung, sondern als eine auf gemeinen Gründen befestigte Wahrheit aufnehmen: Und wenn sie glauben, daß es wahr sey, weil es keine Offenbarung ist, und wenn sie keine andre raison haben zu beweisen, daß es eine Offenbarung sey, als nur weil sie völlig überredet seyn, daß es wahr sey, ohne einig ander Fundament und nur um dieser Einbildung willen, so glauben sie, daß es allein darum eine Offenbarung ist, weil sie festiglich glauben, daß es eine Offenbarung ist. Wer siehet nun nicht, daß wenn wir auf dergleichen Gründe bauen, wir unsre eigne Fantasie zur eintzigen Regel unserer Meynungen und conduite machen und folglich uns den wunderlichsten Irrthümern und Verdrieslichkeiten unterwerffen? Denn eins vor alles, so ist die Macht unsrer Einbildungen kein Beweis ihrer Richtigkeit. Indem die Menschen wohl einen Irrthum als eine Warheit billigen können, wie bey denen eyferigen Leuten, die gegen einander zwey unterschiedliche Sachen auffs schärffste behaupten, zusehen ist.

Derowegen mercket Herr Locke gar wol an, daß, wenn das Licht, welches ein jeder in sich zu haben meynet, und welches auf diesen Fall nichts als eine Macht seiner eigenen Einbildung ist, ein Beweis wäre, daß die Sache, welche man sich eingebildet, von Gott käme, so müste man schliessen, daß alle wiedrige Meynungen das Recht vor göttliche Eingebungen zu passieren haben könnten; und würde Gott nicht nur ein Vater des Lichts, sondern auch ein Vater gantz entgegen gesetzter Lichter, welche die Menschen auf gantz einander zuwiederlaufende Wege leiteten, seyn.

Daraus schliesset Herr Locke, man müsse das innerliche Licht, welches sich zum Führer anbietet, erst wol prüfen, wofern man nicht wolle in ein hauffen unordentlicher Verblendungen und Irrthümer fallen. Gott, sagt er, vernichtet den Menschen nicht, wenn er einen Propheten machet. Er lässet ihm alle seine Kräffte in ihren natürlichen Zustande, daß er dadurch urtheilen könne, ob die Inspirationes, die er in sich empfindet, von Gott oder nicht von Gott entsprungen. Wenn Gott haben wil, daß wir die Warheit einer Sache erkennen sollen, so lässt er uns diese Warheit entweder durch ordentliche Wege der natürlichen Vernunfft sehen, oder aber er giebt uns zu erkennen, daß es eine Warheit sey, die wir seiner Authorität wegen annehmen müssen, indem er uns durch gewisse Merckmahle, die die Vernunfft nicht verwerffen kan, überzeuget, daß sie von ihm komme. Ich will aber, thut Herr Locke hinzu, hiedurch nicht sagen, daß wir durch die Vernunfft einen Vortrag, so uns Gott offenbahret, examiniren sollen, ob er durch natürliche principia könne demonstriret werden, und wenn er dieses nicht könne, wir ihn zu verwerfen macht hätten; sondern ich will sagen, daß wir die Vernunft zu rathe ziehen sollen, um durch ihre Beyhülfe zu sehen, ob eine Offenbahrung von Gott oder nicht von Gott komme. Denn wenn die Vernunfft findet, daß es eine Göttliche Offenbahrung sey, so erkläret sie sich von stund an vor ihn, so gut als vor eine andre Wahrheit, und macht zu einer von ihren Regeln, daß er nicht könne verworffen werden.

Wenn dieses innerliche Licht ein Vortrag, der sich in unsern Geiste vor offenbahrt angiebt, den principiis der Vernunfft oder dem Worte Gottes, welches eine erwiesene Offenbahrung ist, gemäß befindet, so haben wir die Vernunfft zum Bürgen und können dieses Licht vor wahr aufnehmen und unsern Glauben und Wandel darnach einrichten. Wenn dieses Licht aber von keiner dieser Regeln bezeugt oder bewiesen wird, so können wir es vor keine Offenbahrung, ja nicht einmahl vor eine Warheit erkennen. Denn wenn wir gleich glauben, es sey eine Offenbahrung, so thut es doch nicht zu der Sache; es kan uns aber wohl durch ein ander Merckmahl dargethan werden, daß es würcklich eine Offenbahrung sey. Die alten Propheten hatten, wenn sie von Gott Offenbahrungen empfangen solten, einen andern Beweiß, alß das innerliche Licht, der sie versicherte, daß dieselbe Offenbahrungen würcklich von Gott herrührten. Sie bildeten sich nicht nur ein, daß ihre Einbildungen von Gott kähmen, sondern sie hatten auch äusserliche Zeichen, welche sie überführten, daß Gott der Uhrheber ihrer Offenbahrung sey. Und wenn sie andre dergleichen überführen solten, so empfingen sie vorher eine absonderliche Macht die Wahrheit des ihnen von den Himmel gegebenen Befehls mit sichtbarlichen Zeichen darzuthun. So sahe Mose einen brennenden und sich doch nicht verzehrenden Busch und hörte eine Stimme auß dem Busche. Dieses war etwas mehr als ein innerliches empfinden eines Antriebes, die Kinder Israel aus Pharaonis Händen zubefreyen. Doch glaubte Mose noch nicht, daß dieses genung wäre mit dem Befehl Gottes in Egypten zu gehen; biß ihn Gott durch noch ein Mirackel der in eine Schlange verwandelten Ruthe versichert, daß es sein rechter Wille wäre, und ihm die Macht verliehen hatte, eben dergleichen Wunder in Pharaonis Angesichte zu würcken. Eben dergleichen geschahe auch dem Gideon. Welche Exempel und andre der alten Propheten sattsam weisen, daß sie nicht geglaubet, daß ein innerliches Gesicht oder ihre eigne und mit keinen andern Behauptungen erwiesene Einbildung genung sey, sie zu überzeugen, daß ihre Einbildung von Gott komme; ob gleich die Schrifft nicht überal angemercket, daß sie dergleichen Beweise allezeit gebethen oder empfangen haben.

Dieses wenige haben wir aus dem sinnreichen Buche des Hn. Locke nach Anleitung des accuraten Übersetzers des Hn. Coste zur probe vortragen sollen. Vieleicht wird es ein mehrers hievon zureden Gelegenheit geben, wenn die Lateinische Übersetzung dieses Buchs, worüber man itzo in England beschäfftigt, hervorkommen wird.