Briefwechsel zwischen Leibniz und Bayle. 1687-1702

GerhardtGerman

Einleitung 23

1687-1702.

Pierre Bayle (geb. 1647, gest. 1706) war von 1677 bis 1681 Professor der Philosophie an der Academie zu Sedan. Als diese im letztern Jahre aufgehoben wurde, erhielt er eine Lehrstelle der Philosophie an der neu errichteten hohen Schule zu Rotterdam. Hier gab er seit dem Jahre 1684 eine gelehrte Zeitschrift unter dem Titel: Nouvelles de la République des lettres, monatlich heraus, die wegen der gründlichen und geistvollen Anzeige und Beurtheilung der neuesten Schriften vielen Beifall fand. Durch Krankheit genöthigt, übergab Bayle im Jahre 1687 die Weiterführung seiner Zeitschrift an Basnage de Beauval, der sie unter dem Titel: Histoire des ouvrages des Savants, bis zum Jahre 1709 fortsetzte. In Folge von Angriffen und ungerechtfertigten Beschuldigungen von Seiten seiner Feinde, als sei er ein Gottesleugner, ein Feind aller Religion, ein im Solde Frankreichs stehender, gegen das Wohl der vereinigten Staaten gefährlicher Schriftsteller, wurde Bayle im Jahre 1693 seines Amtes entsetzt; er lebte fortan lediglich seinen gelehrten Arbeiten und verwandte seine Zeit auf die Herausgabe des großen Werkes, des Dictionnaire historique et critique.

Bekanntlich eröffnete Leibniz seine Angriffe gegen die Cartesianer mit der kurzen Abhandlung: Brevis demonstratio erroris memorabilis Cartesii et aliorum circa legem naturalem, secundum quam volunt a Deo eandem semper quantitatem motus conservari, qua et in re mechanica abutuntur (Act. Erudit. Lips. an. 1686), in welcher er zeigte, daß die Cartesianer die Wirkung mit der Ursache verwechselten, daß nicht die Quantität der Bewegung, wohl aber die Quantität der Kraft in der Natur unverändert erhalten bleibt. Aus der Mitte der Cartesianer nahm der Abbé Catelan den Kampf auf; seine Entgegnung erschien zugleich mit einer Uebersetzung von Leibnizens Abhandlung in den Nouvelles de la République des lettres An. 1686 Septemb. Dies gab Leibniz Veranlassung, an Bayle zwei Schreiben gleichzeitig zu richten. In dem ersten bespricht er vornehmlich das eben erschienene Prachtwerk: Iusta funebria Serenissimo Principi Iohanni Friderico Brunsvicensium et Luneburgensium Duci a Rmo et Smo Fratre Ernesto Augusto Episcopo Osnaburgensi Duce Brunsv. et Luneb. persoluta, an dem Leibniz so großen Antheil hatte1; das zweite enthält Leibnizens Erwiderung auf Catelan's Abwehr. Da diese äußerst schwach war, so wendet sich Leibniz zugleich gegen Malebranche, den Verfasser des berühmten Werkes: Recherche de la Vérité, der im sechsten Buche dieses Werkes von den Cartesianischen Regeln über die Bewegung der Körper gehandelt und sie für wahr angenommen hatte. So wurde Malebranche mit in den Streit gezogen; die Nouvelles de la République des lettres bildeten den Kampfplatz. In Nummer III finden sich die Entgegnungen Leibnizens auf die Erwiderungen Catelan's und Malebranche's. In der ersteren stellt Leibniz, um den Streit zu beendigen, ganz bestimmte Fragen über die streitigen Punkte zur Beantwortung, und schließt gewissermaßen triumphirend, indem er den Cartesianern als Prüfstein für die Kraft der Cartesianischen Analysis das Problem der isochronischen Curve zur Lösung vorlegt: Trouver une ligne de descente, dans laquelle le corps pesant descende uniformément et approche également à l'horison en tems égaux. Das Problem wurde noch in demselben Jahre 1687 von Hugens gelöst; 1689 machte Leibniz seine Lösung bekannt, im nächsten Jahre 1690 folgte die von Jacob Bernoulli. Die Cartesianer schwiegen. In der Entgegnung auf Malebranche's Erwiderung ergreift Leibniz die Gelegenheit, über die große Wichtigkeit des Princips der Continuität sich zu verbreiten, dessen Anwendung ihn zu den wichtigsten Ergebnissen auf den Gebieten des Wissens geführt habe2.

Da Bayle die Fortsetzung der Nouvelles de la République des lettres im Jahre 1687 aufgab, so unterblieben auch die weiteren Mittheilungen Leibnizens. Vorübergehend, vielleicht im Jahre 1693, kamen Leibniz und Bayle durch die Vermittelung von Basnage de Beauval, dem Herausgeber der Histoire des ouvrages des Savants, in Berührung. In einer kurzen Notiz äußert sich Bayle über die Auffassung des Wesens der Materie von Seiten Leibnizens beifällig; er ist indeß nicht überzeugt, daß das Wesen der Materie ohne die Ausdehnung verstanden werden könne3. Die directen Mittheilungen zwischen Leibniz und Bayle begannen wieder nach dem Erscheinen von Bayle's Dictionnaire historique et critique im Jahre 1698. In einem längeren Schreiben, das er an Basnage de Beauval richtete, hatte Leibniz die Ausstellungen Bayle's in Betreff seiner Auffassung über die Verbindung von Seele und Leib zurückgewiesen. Dies Schreiben wurde von Basnage vor dem Abdruck an Bayle übersandt, um sein Urtheil darüber zu vernehmen. In Folge dessen schickte Bayle an Leibniz einen Brief durch die Vermittelung von Basnage, der unter den Leibnizischen Manuscripten auf der Königlichen Bibliothek zu Hannover bisher noch nicht aufgefunden ist. In seiner Antwort (IV) hebt Leibniz, wie es scheint geflissentlich, hervor, daß Malebranche sowohl als Johann Bernoulli sich von der Cartesianischen Auffassung der Bewegungsgesetze losgesagt und zu der seinigen sich bekannt hätten, um Bayle zu einer Aeußerung darüber zu veranlassen. Bayle's Antwort ist unter den Leibnizischen Manuscripten nicht vorhanden; aus dem folgenden Briefe Leibnizens (V) kann man jedoch ersehen, daß Bayle die Leibnizischen Ideen über Kraft und Bewegung einer Kritik unterworfen hatte4. Leibniz nimmt deshalb Veranlassung, den Gang seiner Untersuchungen über die Natur der Kraft und die Bewegung der Körper ausführlich darzulegen.

Die zweite Ausgabe von Bayle's Dictionnaire, die im Jahre 1702 erschien, gab Leibniz eine neue Veranlassung, an denselben eine Mittheilung zu machen. Bayle gestand im Artikel Rorarius, daß durch Leibnizens erste Erwiderung auf seine (Bayle's) Ausstellungen die Schwierigkeiten mehr aufgeklärt wären, und man würde die Hypothese der Harmonie préétablie der Cartesianischen vorziehen können, wenn die Möglichkeit (possibilité) der ersteren nachgewiesen wäre; aber diese Möglichkeit sei schwer zu begreifen. Leibniz ließ seine Entgegnung zugleich mit dem Schreiben VIII durch die Vermittelung de Volder's an Bayle gelangen; dieser aber, wie aus de Volder's Brief an Leibniz vom 20. October 1702 (Bd. II, S.244) hervorgeht, schickte sie nach wenigen Tagen an de Volder zurück zugleich mit dem an Leibniz gerichteten Schreiben IX. Er kommt darin auf seine früheren Bedenken zurück und bemerkt: On ne peut, ce me semble, bien combatre la possibilité de votre hypothese, pendant que l'on ne connoit pas distinctement le fond substantiel de l'ame, et la maniere dont elle se peut transformer d'une pensée à une autre. Et peutetre que si l'on connoissoit tres distinctement cela, on verrait que rien n'est plus possible que ce que vous suposez. Personne n'est plus capable que vous, Monsieur, de nous eclairer sur ce grand point, et je suis seur que cette analyse des idées dont vous parlés à la fin de votre ecrit seroit le plus grand secours qu'on puisse donner à l'esprit humain, et l'une des plus importantes choses de la philosophie. Je souhaitte que celui qui l'a conçue la produise au public. C'est de vous, Monsieur, que je parle. Darauf antwortet Leibniz in seinem letzten Schreiben X ausführlich. Die mehrfachen Entwürfe, die noch vorhanden sind, beweisen, wie sorgfältig er dasselbe abgefaßt hat.

Die Correspondenz zwischen Leibniz und Bayle, die aus nur wenigen Briefen besteht, ist eine der inhaltreichsten und wichtigsten hinsichtlich der Leibnizischen Dynamik und Metaphysik. Bisher waren die Nummern II und III (gedruckt in Nouvelles de la République des lettres, An. 1687), ferner Nummer IV. V. IX. X (Beilage) (sieh. Commercii epistolici Leibnitiani selecta specimina ed. Feder, Hannov. 1805, S.117-136) und Nummer X veröffentlicht, die letztere von König in Appel au public. Leid. 1752, zugleich mit drei anderen Leibnizischen Schreiben. Von drei dieser vier durch König bekannt gemachten Leibnizischen Schreiben sind die Manuscripte in der Königlichen Bibliothek zu Hannover vorhanden und aufgefunden worden; in Betreff des Originals des ersten, datirt A Hannovre le 16. Octobre 1707, das den berüchtigten Streit zwischen Maupertuis und König verursachte, sind alle Nachforschungen bisher vergeblich gewesen. Nach Form und Inhalt ist es jedoch Leibnizisch.

  1. 1Guhrauer, Leibnitz. 1. Theil. S.366ff.
  2. 2La loy de continuité, que j'ay introduite et dont j'ay fait la premiere mention dans les Nouvelles de la Republique des lettres ...
  3. 3Siehe die Correspondenz zwischen Leibniz und Basnage de Beauval im Jahre 1693.
  4. 4Leibniz an des Maizeaux 8. Juillet 1711: Je vous suis fort obligé de l'honneur de votre Lettre, et de la communication que vous y joignez. On m'a sommé de votre part, quand j'étois à Berlin, de vous envoyer les Lettres que je pourrois avoir eues de M. Bayle. Mais les trois ou quatre, que j'ai eues de lui, n'étoient presque que relatives à d'autres Ecrits. Ce qui fait que je ne les ai point gardées avec soin, et que je ne les saurois retrouver aisément, quand elles seroient encore dans le tas de mes vieux papiers. Je me souviens que dans l'une de ses Lettres il croyoit que je concevois la force que je donne aux Corps, comme quelque chose qui y pouvoit être renfermé, lorsqu'ils sont même en repos. Mais je lui marquai, que chez moi la force est toûjours accompagnée d'un mouvement effectif, à peu près comme ce qui se passe dans l'Ame, est toûjours accompagné de ce qui y répond dans le Corps. Aussi un état momentané d'un Corps qui est en mouvement, ne pouvant point contenir du mouvement, qui demande du tems, ne laisse pas de renfermer de la force. - Auf die Briefe Bayle's kommt Leibniz in einem späteren Schreiben an des Maizeaux, Hanover ce 21. d'Août 1716, zurück: Je dois vous remercier de ce que vous prenez en main mes interêts. J'ai eu autrefois l'honneur de quelque commerce avec vous, tant du vivant de Monsieur Bayle qu'après sa mort, quand vous m'avez demandé si j'avois quelques Lettres de cet excellent homme qui mériteroient d'être publiées. Mais je vous avois répondu, Monsieur, que celles que j'avois reçues de lui, avoient été très courtes, et n'avoient été que des aveus de la reception de mes Reponses à ses Objections; où il avoit repliqué par après dans ses Ouvrages, excepté ma derniere Réponse, à laquelle je ne sai s'il a repliqué, car il ne s'en est rien trouvé dans ce qu'il a fait imprimer depuis ...