Briefwechsel zwischen Leibniz und Remond. 1713-1716
Leibniz an Hugony.
Einleitung 599
1713-1716.
Leibniz an Hugony.
Nicolas Remond, Chef des Conseils de M. le Duc d ’Orleans1, war ein begeisterter Verehrer der Platonischen Philosophie. Von Natur leicht erregt, wie es scheint, wurde er von Enthusiasmus ergriffen, als er Leibnizens Theodicee kennen lernte. Sie gab Veranlassung, daß Remond im Jahr 1713 mit Leibniz eine Correspondenz begann2. Die Erwähnung Platon’s von Seiten Remond’s bestimmt Leibniz, in seiner Erwiederung darauf hinzuweisen, daß er die platonische Philosophie weiter gebildet und dadurch auf allgemeine Wahrheiten gekommen sei. Als eines Mittels, um in philosophischen Studien nicht zu irren, gedenkt er seiner »Specieuse generale«, jenes berühmten Projects, das er sein ganzes Leben hindurch verfolgt hat, und giebt hier eine ganz bestimmte Charakteristik desselben. Gelegentlich des Inhalts der Theodicee kommt Leibniz weiter auf seinen philosophischen Bildungsgang zu sprechen, namentlich wodurch es geschah, daß er sich der Mathematik zuwandte, daß er aber erkannte, daß diese nicht ausreiche zur Begründung der Gesetze der Dynamik, wozu metaphysische Begriffe nothwendig sind. »La source de la Mecanique est dans la Metaphysique.« Daher Leibnizens Studien in Betreff der Metaphysik, die er hier ausführlich auseinandersetzt. In dieser Hinsicht ist dieses erste Schreiben Leibnizens an Remond eins der wichtigsten.
Die folgenden Briefe Leibnizens bis zur Mitte des Jahres 1714 enthalten eine Fülle interessanter Einzelheiten aus dem Gebiet der Philosophie; sie finden gewissermaßen ihren Abschluß in einem nicht abgeschickten, bisher ungedruckten Schreiben Leibnizens, datirt Jul. 1714, in welchem er auf dringendes Bitten Remond’s und seiner Freunde einen Versuch macht, seine Metaphysik im Zusammenhang darzustellen. An Stelle dieses zurückbehaltenen Schreibens übersandte Leibniz an Remond einen Monat später eine Abschrift der Abhandlung: Principes de la Nature et de la Grace, fondés en raison, welche er während seines damaligen Aufenthalts in Wien für den Prinzen Eugen von Savoyen abgefaßt hatte. In Betreff dieser Abhandlung ist die Charakteristik von Wichtigkeit, welche Leibniz in dem Begleitschreiben, datirt Vienne 26 d’Aoust 1714, darüber giebt: J’ay esperé que ce petit papier contribueroit à mieux faire entendre mes meditations, en y joignant ce que j’ay mis dans les Journaux de Leipzig, de Paris, et de Hollande. Dans ceux de Leipzig je m’accommode assés au langage de l’Ecole, dans les autres je m’accommode davantage au style des Cartesiens, et dans cette derniere piéce je tache de m’exprimer d’une maniere qui puisse être entendue de ceux qui ne sont pas encore trop accoutumés au style des uns et des autres. Es erhellt daraus, daß diese Abhandlung ebenso abgefaßt ist als die Theodicee; sie ist allgemein verständlich, nicht speciell für die Männer der Wissenschaft geschrieben. Von nicht minderer Wichtigkeit ist, was Leibniz in dem zuletzt genannten Schreiben über die Benutzung und Verwerthung der Leistungen älterer Philosophen für sein philosophisches System beibringt.
Von Leibniz aufgefordert, in Betreff seiner Metaphysik Einwürfe zu machen oder Aufklärungen zu fordern, stellt Remond in dem Schreiben vom 9. Janv. 1715 vier Punkte auf, über welche er eine nähere Auseinandersetzung wünscht. Der erste bezieht sich auf die Seelenwanderung, welche Leibniz nicht zuläßt, da sie im Widerspruch zu dem Gesetz der Continuität steht. Dagegen hält er hinsichtlich des zweiten Punktes eine Umwandlung und Entwickelung der Materie für zulässig. Drittens erklärt sich Leibniz gegen jede Unordnung und Störung in der Welt, auch nicht in den Monaden. Der vierte Punkt betrifft die Trägheit (inertie) der Materie; Leibniz erklärt sich dahin: Comme la matiere elle même n’est autre chose qu’un phenomene, mais bien fondé, resultant des monades, il en est de même de l’inertie, qui est une proprieté de ce phenomene.
Seit seiner Rückkehr von Wien, im September 1714, befand sich Leibniz in einem leidenden Zustande; die Gicht hinderte ihn am Gehen und zuweilen auch am Schreiben; an einem Bein hatte sich ein offener Schaden gebildet. Dennoch aber blieb seine Arbeitskraft ungebrochen; die große historische Arbeit, die Annales Imperii Occidentis Brunsvicensis, wurde fortgesetzt; ebenso wurden kleinere Arbeiten vollendet. Nicht minder pflegte Leibniz aufs sorgfältigste die ihm unentbehrlich gewordene Correspondenz mit Gelehrten; dies beweist namentlich sein Briefwechsel mit Remond in den beiden letzten Jahren seines Lebens. Da dieser alles, was Wissenschaft und Gelehrsamkeit betraf, aufmerksam verfolgte und in Paris gewissermaßen einen geistigen Mittelpunkt bildete, so verbreiten sich seine Schreiben und ebenso die Antworten Leibnizens über die mannigfaltigsten Dinge in Literatur und Tagesgeschichte. Remond’s Mittheilungen erhalten ein erhöhteres Interesse, seitdem der gelehrte venetianische Patricier Antonio Schinella, der unter dem angenommenen Namen eines Abbé Conti3 in Paris verkehrte, zu dem Freundeskreise desselben gehörte. Conti ging bekanntlich von Paris nach London und trat in unmittelbaren Verkehr mit Newton, über welchen er an Remond Bericht erstattete. Die Auszüge, die Remond aus Conti’s Briefen an Leibniz überschickt, erscheinen hier zum ersten Mal gedruckt. Aus dem letzten ergiebt sich, wie sehr Conti sich hatte von Newton gewinnen lassen. Diese Auszüge, sowie ein Schreiben Conti’s, das dieser noch vor seinem Abgange von Paris an Leibniz richtete, wurden die Veranlassung, daß Leibniz mit Conti in Correspondenz trat; sie wird unter den mathematischen Correspondenzen ihren Platz erhalten, da Conti die Vermittelung des Streites zwischen Newton und Leibniz über die Erfindung der Differentialrechnung versuchte.
Zugleich mit der Mittheilung (4. Septembr. 1715), daß Malebranche im Sterben liege, überschickt Remond die Schrift des Jesuiten du Tertre gegen die Philosophie Malebranche’s. Sie giebt Leibniz Veranlassung zu einem längeren, bisher ungedruckten Schreiben vom 4. Novembr. 1715, in welchem er die ungerechten Angriffe auf die Metaphysik Descartes’ zurückweist, und sehr eingehend handelt, in welchen Punkten die seinige mit derselben übereinstimmt und in welchen sich beide von einander unterscheiden.
Aus der Correspondenz Leibnizens mit Remond waren bisher nur 10 Leibnizische Briefe gedruckt; sie sind hier um fünf ungedruckte vermehrt. Von den Briefen Remond’s war noch keiner veröffentlicht.
Ein Brief Remond’s de Monmort und Leibnizens Antwort darauf sind als Beilage zu dem Schreiben Leibnizens, datirt Hanover ce 17 de Janvier 1716, eingeschaltet.