Briefwechsel zwischen Leibniz und Jaquelot. 1702-1706

GerhardtGerman

Einleitung 439

1702-1706.

Isac Jaquelot (geb. 1647 zu Vassy in der Champagne, gest. 1708 in Berlin als Hofprediger und Pfarrer der französischen Colonie) verließ nach dem Widerruf des Edicts von Nantes sein Vaterland. Nachdem er einige Zeit in Heidelberg sich aufgehalten, erhielt er 1686 eine feste Stellung im Haag. Als Kanzelredner berühmt, wurde Jaquelot von dem König von Preußen in die Stelle eines Hofpredigers nach Berlin berufen.

Jaquelot war zuerst als philosophischer Schriftsteller aufgetreten mit der Schrift: Dissertation sur l'existence de Dieu par la réfutation du systême d'Epicure et de Spinoza, à la Haye 1697. Ueber denselben Gegenstand erschien von ihm in dem Journal des Savans 1701 die Abhandlung: Examen d'un écrit qui a pour titre: Iudicium de argumento Cartesii pro existentia Dei petito ab ejus idea, worin er den Verfasser der genannten Schrift, Samuel Werenfels, vertheidigt. In Folge dessen wurden in dem Journal des Savans, in der Histoire des Ouvrages des Savans, in den Nouvelles de la République des Lettres in den Jahren 1701 bis 1703 mehrere Streitschriften veröffentlicht. Es konnte nicht fehlen, daß, als Leibniz während seines Aufenthalts in Berlin im Jahre 1702 die Bekanntschaft Jaquelot's machte, die Unterhaltung zwischen beiden auf denselben Gegenstand kam. Der Cartesianische Beweis für das Dasein Gottes war ja das Thema, von dem aus fast ein Menschenalter früher Leibniz den Angriff auf die Philosophie des Cartesius eröffnet hatte. Es ist interessant zu sehen, welche Hingabe und welchen Eifer Leibniz diesem für ihn althergebrachten Thema von neuem zuwendet.

Als Leibniz im Frühjahr 1703 sich wiederum in Berlin aufhielt, erneuerten sich die philosophischen Unterhaltungen mit Jaquelot. Leibniz hatte dabei als Definition der Materie aufgestellt: une substance qui agit et qui souffre. Sie wird von Jaquelot angegriffen, insofern agir und souffrir zwei einander entgegengesetzte Eigenschaften sind, die nicht in einem und demselben Subject vorkommen könnten. Dadurch wurde Leibniz veranlaßt, über die Metaphysik seiner Philosophie sich eingehend auszusprechen.

Zu Anfang des Jahres 1704 schreibt Jaquelot an Leibniz und bittet um Aufklärung über die Harmonie préétablie, namentlich in wie fern sie sich von dem systême des causes occasionnelles unterscheidet. Als bemerkenswerth ist aus der Antwort Leibnizens vom 9. Februar 1704 hervorzuheben die folgende Stelle: L'ame est excitée aux pensées suivantes par son objet interne, c'est à dire par les pensées precedentes. Car il y a une suite ou liaison comme dans les momens. Le miracle ou plustost le merveilleux consiste en ce que chaque substance est une representation de l'univers suivant son point de veue. C'est la plus grande richesse ou perfection que l'on puisse attribuer aux creatures et à l'operation du Createur, et comme un redoublement de mondes dans ces miroirs innomerables de substance, par lesquels l'univers est varié à l'infini. Ces substances simples sont toutes comme des petites divinités respectives, depuis leur commencement, car pour de la fin, elles n'en ont point. Or le point de la representation de l'univers dans chaque Monade estant establi, le reste n'est que consequences, et vos questions, Monsieur, se resolvent, ce semble, d'elles mêmes. - Jaquelot findet den Unterschied zwischen beiden Systemen unerheblich; in dem System der Harmonie préétablie würden die Ideen als vorherbestehend in der Seele angenommen, in dem systême des causes occasionnelles seien sie Eindrücke, die durch die Körper entständen (traces corporelles). Er setzt hinzu: Pour moi, la plus grande difficulté que je trouve dans cette philosophie, c'est qu'elle me paroit détruire entiérement le franc arbitre, et que je suis autant persuadé de ma liberté que je le suis de mon existence. Die Behauptung Jaquelot's, daß mit den angebornen Ideen, wie sie von Leibniz angenommen werden, die menschliche Freiheit nicht vereinbar sei, bildet fortan den Hauptgegenstand der Correspondenz. Sie wird von Leibniz sehr ausführlich zurückgewiesen.

Die Correspondenz zwischen Leibniz und Jaquelot wird hier nach den Handschriften der Königlichen Bibliothek in Hannover veröffentlicht. Sie war bisher ungedruckt.