Briefwechsel zwischen Leibniz und de Volder. 1698-1706
Einleitung 141
1698-1706.
Burcher de Volder (geb. 1643 zu Amsterdam, gest. 1709 zu Leyden) bekleidete die Professuren der Philosophie, der Physik und der Mathematik an der Universität Leyden. Als Philosoph gehörte er anfangs zur Schule des Cartesius, später entfernte er sich von ihr1. De Volder stand unter seinen Zeitgenossen in hohem Ansehn; dies beweist unter anderm der Umstand, daß Hugens in seinem Testamente ihn zum Herausgeber seines wissenschaftlichen Nachlasses bestimmte.
Auf einem Ausfluge, den Joh. Bernoulli von Gröningen unternahm, machte er in Leyden die persönliche Bekanntschaft de Volder's. Hierbei kam das Gespräch auf Leibniz; de Volder erhob Schwierigkeiten in Betreff der Differentialrechnung; er stand auch in dem Streite, in den Leibniz mit den Cartesianern über das Maß der Kräfte damals verwickelt war, auf Seiten des Cartesianers Papin. Namentlich in Bezug auf diesen Streit bemerkte de Volder, daß Leibniz die Elasticität der Körper annehme, ohne dadurch etwas zu effectuiren; sie sei nicht allen Körpern gemeinsam, und wenn vollkommen harte Körper vorausgesetzt würden, so träfen die Schlüsse Leibnizens nicht mehr zu. Joh. Bernoulli vermochte nicht die Einwendungen de Volder's sofort zu beseitigen; er versprach ihm Auszüge aus seinem mit Leibniz geführten Briefwechsel in Betreff dieses Gegenstandes zu schicken, woraus de Volder ersehen würde, weshalb er (Joh. Bernoulli) in diesem Streite auf Seiten Leibnizens stände2. - Als Joh. Bernoulli an Leibniz hiervon Mittheilung machte, führte letzterer in seiner Antwort aus, daß anfangs auch er der Ansicht de Volder's gewesen sei, daß nämlich das Wesen des Körpers lediglich in der Ausdehnung und Undurchdringlichkeit bestehe; aber er habe die Ueberzeugung gewonnen, daß die Structur des Körpers erfordere, daß die Kraft der Elasticität jedem Körper innewohne, insofern sie zur Erhaltung der Kräfte nöthig sei. Als nun aber de Volder darauf dringt anzugeben, wie dieses neu Angenommene zu fassen sei, ob als Substanz oder »modus«, so kann Leibniz nur antworten, daß die Erfahrung dazu nöthige, daß außer der Ausdehnung und Undurchdringlichkeit noch ein Drittes angenommen werden müsse; ob wir uns davon eine Vorstellung machen könnten oder nicht, sei gleichgültig3. In einer eigens für de Volder verfaßten Antwort4, die Leibniz an Joh. Bernoulli überschickt, bemerkt er weiter, daß ohne die Annahme der Elasticität das Gesetz der Continuität, oder wie er sich auch ausdrückt, daß die Vorgänge in der Natur geschähen ohne einen Sprung zu machen, nicht möglich sei. Nachdem Joh. Bernoulli in seinen weiteren Briefen aus dem Jahre 1698 eine Reihe von Einwendungen gemacht, die sich darauf beziehen, wie jenes Dritte zu fassen sei, das von Leibniz außer der Ausdehnung und Undurchdringlichkeit in den Körpern angenommen wird, überschickt er unter dem 2. December 1698 letzterem einen Brief de Volder's, in welchem ebenfalls Einwürfe gegen die Leibnizische Dynamik enthalten sind, und räth ihm, selbst an de Volder zu schreiben.
Hiermit beginnt die Correspondenz zwischen Leibniz und de Volder; sie geht durch die Hände Joh. Bernoulli's, und deshalb bildet der Briefwechsel
zwischen Leibniz und Joh. Bernoulli in den Jahren 1699 bis 1706, in welchem dieselben Gegenstände berührt werden, eine Ergänzung dazu. Da Leibniz erkannte, daß er in de Volder einen Mann gefunden hatte, dem es um die Ermittelung der Wahrheit zu thun war und dessen Eingehen auf die behandelten Gegenstände für ihn selbst fruchtbringend sein dürfte, so beschloß er so erschöpfend als möglich ihm zu antworten. Daher enthält das erste Schreiben Leibnizens eine umfassende Erörterung über die zur Besprechung stehende Frage: über die von Leibniz angefochtene Cartesianische Messung der Kräfte, daß nämlich die Kraft nicht gleich dem Product aus der Masse in die Geschwindigkeit, vielmehr gleich dem Product aus der Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit zu setzen sei, und daß nicht jenes, die sogenannte Quantität der Bewegung, sondern das Letztere unverändert bleibe5. Dies Ergebniß hatte Leibniz gefolgert aus der Ordnung der Dinge und aus metaphysischen Principien, und war so zu der Annahme gekommen, daß in jedem Körper ein eigenthümliches Fluidum (fluidum Elastrificum) enthalten sein müßte, das die Elasticität hervorbringt. Diese Vorstellung hält er unabänderlich fest; er schreibt hier: Elasma ego corporibus essentiale puto ex rerum ordine et metaphysicis principiis, etsi in natura non aliter quam per fluidum intercurrens peragatur. So wird Leibniz am Schluß seines Schreibens auf metaphysische Erörterungen geführt, daß aus der Annahme jenes in jedem Körper vorhandenen elastischen Fluidums folge, daß in den Welten Welten vorhanden seien, daß es kein erstes Element gebe, sondern daß das elastische Fluidum als Ursprüngliches zu setzen sei6. Hierbei kann jedoch Leibniz sich nicht der Klage enthalten, daß es ihm noch unmöglich sei, seine metaphysischen Gedanken vollkommen klar darzustellen, wenn er auch den Einwänden begegnen könne, wie dies bei verschiedenen Gelegenheiten in Zeitschriften geschehen sei. Da de Volder in seiner Antwort bemerkt, daß er das »fluidum«, welches Leibniz in den Körpern annimmt, nicht verstehe, so geht Leibniz in dem folgenden Schreiben noch einmal ausführlich auf den Begriff der Substanz ein, um dessen Klarlegung sich fast der gesammte Inhalt der folgenden weiteren Correspondenz bewegt, so daß die Correspondenz zwischen Leibniz und de Volder gewissermaßen die Fortsetzung der Correspondenz zwischen Leibniz und Arnauld bildet. Die Substanz - so beginnt Leibniz - bestehe nicht lediglich in der Ausdehnung, denn die Ausdehnung sei kein einfacher Begriff, sie enthalte eine Mehrheit, Continuität und gleichzeitiges Vorhandensein der Theile, welches letztere nur dem Ausgedehnten zukomme. Hieraus gehe hervor, daß immer etwas vorausgesetzt wird was sich im Körper zusammenhängend verbreite (continuatur vel diffunditur), wie z.B. das Beharrungsvermögen (resistentia) in der Materie, denn die Continuität an sich mache ebenso wenig die Substanz aus, als die Menge oder Anzahl an sich, in Betreff welcher Begriffe etwas vorhanden sein muß was gezählt und wiederholt wird. Itaque magis, fährt Leibniz fort, in notione tôn dynamikôn quam extensionis cogitationem nostram compleri et terminari credo, nec potentiae vel vis aliam notionem quaerendam quam ut sit attributum ex quo sequitur mutatio, cujus subjectum ipsa est substantia. Nec video quid hic fugiat intellectum. Auch das Beharrungsvermögen, welches jedem Körper innewohnt, könne nicht allein aus der Ausdehnung hergeleitet werden; itaque, schreibt Leibniz weiter, Materiae resistentia duo continet, impenetrabilitatem seu antitypiam et resistentiam seu inertiam, et in his, cum ubique in corpore sint aequalia vel extensioni ejus proportionalia, principii passivi seu materiae naturam colloco, ut in vi Activa varie sese per motus exercente Entelechiam primitivam et ut verbo dicam Animae analogum agnosco, cujus natura in perpetua quadam ejusdem seriei mutationum lege consistit, quam inoffenso pede decurrit. In dem folgenden Schreiben VI. bemerkt in Bezug hierauf Leibniz weiter: Animam esse ideam vivam seu substantialem, rectius tamen esse substantiam ideantem. In dem Schreiben VIII. führt Leibniz aus, daß ein ausgedehnter Körper, wie er in der Natur vorkommt, keine Einheit bildet, sondern ein Haufen von Substanzen ist, die mehr oder weniger unter einander Zusammenhang haben; Unum ergo verum, setzt er hinzu, (non ad sensum tantum) seu Monadem esse intelligo, ubi illud est, in quo plures substantiae non sunt.
In dem Schreiben X. ist die Discussion so weit gediehen, daß Leibniz zu beweisen genöthigt ist, daß der Substanz die Kraft des Handelns (activitas) innewohnt; er klagt zwar, daß seine weiteren Beschäftigungen ihn hindern, so tief in die Principien, wo noch so wenig geordnet ist, hinabzusteigen, daß er diesem Verlangen werde genügen können, er hofft indeß, durch fortgesetzte Discussionen mit de Volder sich diesem Ziele zu nähern. Leibniz veranlaßt deshalb de Volder eine Definition der Substanz aufzustellen, denn ehe dies nicht geschehen, könne von einem Beweise der Activität derselben nicht die Rede sein. In dem Schreiben XIII. definirt demnach de Volder die Substanz folgendermaßen: Per se existet, hoc est nullum, in quo insit, subjectum requiret, et accidentibus substabit. Praeter causam efficientem nulla indigebit re ut existat, quae Cartesii adumbratio est. Im Folgenden kritisirt nun Leibniz diese Definition, aber er weicht der Aufforderung de Volder's, ebenfalls eine solche zu geben, beharrlich aus, obwohl er auf dem Manuscript des Schreibens XVI. eine Definition der Substanz notirt hat: Substantia est atomon autoplêroun, Atomon per se completum seu se ipsum complens. Unde sequitur esse Atomon vitale seu Atomum habens entelecheian. Atomon idem est quod vere unum. Conflatum ex Substantiis voco rem substantialem. Wesentlich bleibt nun Leibniz im Folgenden bei dieser Auffassung der Substanz stehen, wie in dem Schreiben XXV: Substantiam ipsam potentia activa et passiva primitivis praeditam, veluti to Ego vel simile, pro indivisibili seu perfecta monade habeo, non vires illas derivatas quae continue aliae atque aliae reperientur; ebenso heißt es in dem Schreiben XXVII: Substantias id est Monades seu perfectas Unitates substantiales, ex quibus cetera omnia resultare necesse est. Gewissermaßen zur Klärung des Begriffs »Substanz« giebt Leibniz in dem Schreiben XXV. eine Zusammenstellung der Begriffe, die in der Discussion zur Sprache gekommen sind: Distinguo (1) Entelechiam primitivam seu Animam, (2) Materiam nempe primam seu potentiam passivam primitivam, (3) Monada his duabus completam, (4) Massam seu materiam secundam, sive Machinam organicam, ad quae innumerae concurrunt Monades subordinatae, (5) Animal seu substantiam corpoream, quam Unam facit Monas dominans in Machinam.
Die Correspondenz Leibnizens mit de Volder beweist recht deutlich, in welchem innigen Zusammenhang die Leibnizische Dynamik zur Metaphysik steht; er selbst bemerkt in dem Postscriptum zum Schreiben VIII., die Dynamik sei die Pforte, um zur wahren Metaphysik zu gelangen; dadurch werde der Geist von den falschen Begriffen anderer, namentlich der Cartesianer, in Betreff der Materie, der Bewegung und der körperlichen Substanz befreit, indem aus diesen falschen Begriffen die Gesetze der Kräfte und der Bewegungen nicht hergeleitet werden könnten. Ebenso heißt es in dem Schreiben IV: Nec sine Elasmate axiomata aut vitandorum saltuum aut conservandarum virium tam absolutarum quam respectivarum vel conciliationes legum vis mortuae et vivae compositionisque motuum cum quantitate virium obtineri possent. Et vero ista non nisi ex lege ordinis supremi demonstrari possunt, neque enim sunt absolutae necessitatis, ut contrarium implicet contradictionem. Innumerabilibus modis poterat constitui systema rerum, sed praevaluit, quod majore ratione nitebatur. Substantiae tamen activitas magis est metaphysicae necessitatis, et locum ni fallor habitura erat in systemate quocunque.
Von der Correspondenz Leibnizens mit de Volder war bisher nur das Schreiben XXIX. in König's Appel au Public gedruckt. Sie wird hier nach den in der Königlichen Bibliothek zu Hannover vorhandenen Manuscripten veröffentlicht.
- 1Siehe Joh. Bernoulli's Brief an Leibniz, Gröningen 6. Decembr. 1698.
- 2Siehe Joh. Bernoulli's Brief an Leibniz vom 5 Juli 1698.
- 3Leibniz gebraucht hier vielleicht zum ersten Male den Ausdruck »Monades«; siehe sein Schreiben an Joh. Bernoulli vom 29. Juli 1698.
- 4Das Postscriptum zum Briefe vom 20/30 Septembr. 1698.
- 5D'Alembert hat in der Vorrede zu seiner Dynamik entschieden, daß dieser Streit Leibnizens mit den Cartesianern eigentlich nur ein Wortstreit und ganz ohne Erheblichkeit ist. Das Product der Masse in der Geschwindigkeit wurde, wie schon oben erwähnt, die Quantität der Bewegung genannt; dagegen bezeichnete Leibniz das Product der Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit als die lebendige Kraft (vis viva), und die Kraft des ruhenden Körpers als die todte Kraft (vis mortua).
- 6Sed vel hinc sequuntur, ut sic dicam, Mundi in Mundis, atque adeo nullum //II144// esse Elementum primum, sed ipsum fluidum Elastrificum, etsi respectu corporis cui Elasma conciliat, uniforme videatur et simplex, revera tamen rursus proportione sua constare ex corporibus qualia sunt illa quae videmus, atque adeo et ipsa rursus alio subtiliore fluido ad proprium Elasma indigere, et sic iri in infinitum.