Briefwechsel zwischen Leibniz und Malebranche. 1674(?)-1711
Einleitung 317
1674(?)-1711.
Während seines Pariser Aufenthalts suchte Leibniz die Bekanntschaft der berühmtesten Männer jedes Faches zu machen. Als vornehmster Vertreter der Cartesianischen Philosophie galt damals Nicolas Malebranche, Priester des Oratoriums (geb. 1638, gest. 1715), der zugleich auch ein tüchtiger Mathematiker war.1 Es läßt sich nicht ermitteln, wann und durch welche Gelegenheit es Leibniz gelang, Malebranche, der ein zurückgezogenes Leben führte und wissenschaftliche Discussionen nicht liebte, persönlich näher zu treten.
Das erste Schreiben Leibnizens an Malebranche, das kein Datum hat, vielleicht aber 1674 oder 1675 geschrieben ist, giebt den Inhalt einer Unterredung zwischen beiden wieder. Es handelte sich um die Frage, ob das Wesen der Materie lediglich in der Ausdehnung bestehe. Sie wurde von Malebranche bejahet, von Leibniz bestritten. Um zu einer Entscheidung zu kommen, macht nun letzterer in diesem ersten Schreiben eine Zusammenstellung von Sätzen, deren Beweis er verlangt, wenn er die Behauptung Malebranche's als richtig anerkennen
soll. Da die Antwort Malebranche's etwas knapp gehalten ist, so erneuert Leibniz in einem zweiten ausführlichen Schreiben seine Polemik, ohne jedoch mit seiner Meinung bestimmt hervorzutreten.
Im Jahre 1679 knüpfte Leibniz von Hannover aus den Briefwechsel mit Malebranche wieder an; es waren ihm die Conversations chrétiennes, als deren Verfasser Malebranche genannt wurde, durch die Prinzessin Elisabeth, Schwester der Herzogin Sophie von Hannover, zugekommen. Er urtheilt beifällig über die Schrift, geht aber sofort zu einem heftigen Angriff auf Descartes über. Sein Ton ist hier nicht so behutsam, wie in den ersten Briefen; man sieht deutlich, wie bedeutende Fortschritte in der Erkenntniß er selbst gemacht hat. Je suis persuadé, bemerkt er, que sa (Descartes) mécanique est pleine d'erreurs, que sa physique va trop vite, que sa géométrie est trop bornée, et enfin que sa métaphysique est tout cela ensemble. Malebranche wird jedoch weder durch dieses allgemeine Urtheil, noch dadurch, daß Leibniz in dem folgenden Schreiben speciell über die Metaphysik des Descartes sich verbreitet, aus seiner Zurückhaltung gebracht.
Im Jahre 1684 begann Leibniz mit seinen Angriffen auf Descartes öffentlich hervorzutreten. Der Abhandlung - Meditationes de cognitione, veritate et ideis, folgte 1686 der Aufsatz: Brevis demonstratio erroris memorabilis Cartesii et aliorum circa legem naturalem, secundum quam volunt a Deo eandem semper quantitatem motus conservari, qua et in re mechanica abutuntur, in dem er zeigte, daß der von den Cartesianern behauptete Satz, daß die Quantität der Bewegung in dem Universum immer unverändert bleibe, falsch ist. Der Abbé Catelan, ein Schüler und Freund Malebranche's, reproducirte den Leibnizischen Aufsatz in den Nouvelles de la République des lettres desselben Jahres und antwortete darauf. In den so entstandenen Streit, für den die zuletzt gedachte Zeitschrift als Kampfplatz diente, wurde auch Malebranche verwickelt, er hatte bereits in dem 6ten Buche der Recherche de la Vérité das eine Cartesianische Princip, daß die Ruhe irgend welche Kraft implicire, aufgegeben, das oben erwähnte aber noch aufrecht erhalten. Malebranche antwortete in einer besondern kleinen Schrift: Traité des loix de la communication des mouvemens, die im Jahre 1692 erschien. Unter Beibehaltung des Cartesianischen Princips entwickelte er darin die Gesetze der Bewegung zuerst für absolut harte Körper und im leeren Raume, sodann wenn die Körper weich und elastisch angenommen werden, und handelte zuletzt von den Hindernissen der Bewegung, die durch das umgebende Medium und andere Umstände entstehen. Leibnizens Bemerkungen darüber, die hier zuerst veröffentlicht werden, die vielleicht aber in anderer als der vorliegenden Form Malebranche zukamen, so wie die weiteren Abhandlungen dynamischen Inhalts, die Leibniz bis zum Jahre 1698 in den Actis Eruditorum Lips. erscheinen ließ, bewirkten, daß Malebranche endlich das von ihm bisher noch festgehaltene Cartesianische Princip, daß die Quantität der Bewegung im Universum unverändert bleibe, aufgab, sich ganz für Leibniz erklärte und im Jahre 1698 seinen Traité des loix de la communication des mouvemens überarbeitete und verbesserte.
Die Correspondenz zwischen Leibniz und Malebranche schließt mit zwei Briefen aus dem Jahre 1711, welche die Theodicée betreffen, die Leibniz sofort nach ihrem Erscheinen an Malebranche übersandt hatte.
Die Briefe Leibnizens an Malebranche sind zufolge einer Notiz, die Guhrauer in den Anmerkungen zum 1sten Theil der Lebensbeschreibung Leibnizens S.69 mittheilt, zuerst veröffentlicht in: Lettres au P. Malebranche et au P. Lelong, Paris de l'imprimerie de F. Didot 1820. Diese Schrift ist aber nur in 30 Exemplaren für die Mitglieder der Société des bibliophiles gedruckt und deshalb so selten, daß selbst Cousin von ihr keine Kenntniß hatte. Er ließ sich Abschriften aus der Königlichen Bibliothek in Hannover kommen und veröffentlichte darnach die Correspondenz zwischen Leibniz und Malebranche in: Fragments Philosophiques, Philos. moderne, IIe partie. - Für den vorliegenden Abdruck sind die Originale von neuem verglichen worden.
- 1Das Hauptwerk Malebranche's, das von Leibniz so oft erwähnt wird, ist: La Recherche de la Vérité. Es besteht aus drei Bänden; der erste erschien 1674 und enthält le Traité des sens, le Traité de l'Imagination und le Traité de l'Esprit pur. 1676 folgte der zweite, in dem le livre des Passions, le livre des Inclinations und le Traité de la Méthode sich finden. Drei Jahre später erschien der dritte Band, der Eclaircissements enthält. Diese Schrift Malebranche's wurde viel gelesen; es erschienen noch bei Lebzeiten des Verfassers bis zum Jahre 1712 sechs Auflagen davon, und sie wurde in alle lebenden Sprachen Europas übersetzt. Auf Veranlassung des Herzogs von Chevreuse gab Malebranche die schönsten Stellen, die von der Religion und Moral handeln, besonders heraus unter dem Titel: Conversations chrétiennes, zu denen er sich als Autor in einem folgenden Briefe nicht bekennen will.