Leibniz und Spinoza
1671-1677.
Leibniz erhielt die erste Nachricht von dem Erscheinen von Spinoza's Tractatus Theologico-Politicus (1670) durch den bekannten Philologen Graevius, mit dem er in Correspondenz stand. Letzterer schreibt ihm in einem Briefe Trajecti ad Rhenum d. 12. April. 1671: Anno superiore prodiit hic liber pestilentissimus, cujus index est: Discursus Theologico-Politicus, qui et ipse Hobbesianam secutus viam, sed longius tamen saepissime ab ea etiam deflectens, injustissimum jus naturale constituit, et labefactata sacrorum voluminum auctoritate, latissimam atheotêti fenestram aperuit. Auctor ejus dicitur esse Judaeus, nomine Spinosa, qui dudum aposynagôgos fuit propter opinionum monstra, sed et ejus liber eandem ob causam proscriptus est ab Ordinibus. Puto te vidisse; si non vidisti, operam dabo ut ad te perferatur.1
Die Charakteristik, die hier Graevius von der erwähnten Schrift wie von ihrem Verfasser giebt, bewirkte wahrscheinlich, daß Leibniz in dem Briefe, den er in demselben Jahre an Spinoza richtete, lediglich von einer optischen Erfindung schreibt, über die er ein Flugblatt hatte drucken lassen.2 Er überschickt dasselbe, um Spinoza's Urtheil darüber zu vernehmen. Leibniz meinte nämlich, es sei möglich eine neue Art Linsen zu construiren, durch die man die wahre Entfernung und Größe eines Objectes aus einem Standorte messen könnte. Spinoza bezweifelte, ebenso wie Otto von Guericke, die Möglichkeit der neuen Erfindung; er fand auch die Beschreibung nicht recht deutlich. Hiermit bricht der Briefwechsel ab.
Erst durch die Bekanntschaft mit dem Freiherrn von Tschirnhaus, die Leibniz während seines Pariser Aufenthalts im Jahr 1675 machte, und mit dem er in Folge gleicher Studien sofort in ein sehr intimes Verhältniß trat, erhielt er nähere Mittheilungen über die Lehre Spinoza's. Tschirnhaus hatte ein Jahr vorher (1674) zu Amsterdam mit den Schülern Spinoza's Umgang gehabt und war durch sie mit der Philosophie Spinoza's bekannt geworden. Namentlich hatte er einen Arzt, Namens Schuller, kennen gelernt, der in sehr naher Beziehung zu Spinoza stand.3 Bei einem zweiten Besuch in Holland machte Tschirnhaus entweder im Haag oder, was wahrscheinlicher, zu Amsterdam die persönliche Bekanntschaft Spinoza's und wurde von ihm in seine Methode zur Erforschung des Wahren eingeweiht. In einem Schreiben an Leibniz aus dem Jahre 1678 berichtet Tschirnhaus hierüber ausführlich: Deinde cum in cognitionem pervenissem Dn. Spinosae, Dn. Schullerum rogavi ut ab ipso inquireret in veram methodum investigandi veritatem (quia tunc temporis domum eram ex Hollandia reversus), sed mihi in responsione retulit, quod ipsius praecipua cura fuerit, ideam veram ab omnibus aliis ideis, falsa, ficta et dubia distinguere, et hinc se incredibilem facilitatem in progressu veritatis acquirendae ostendisse; cum demum in Hollandiam reversus, ipsum accessi et post varia, quoque ostensa Cartesii epistola, quid de illa sentiret, rogabam, sed ille ridendo respondebat: credisne, mi Amice, omnia quae Cartesius dixit, vera esse? dixi: non; bene tum replicavit, res itaque haec nobis non magnam solicitudinem causabit, et sic alia uti solebat.4 - Tschirnhaus ging von Holland nach London, wo er mit Oldenburg und Boyle verkehrte; der erstere hatte Spinoza persönlich kennen gelernt und stand mit ihm in Briefwechsel. Aus einem Schreiben Schuller's an Spinoza (25. Jul. 1675 in Ad Spin. op. suppl. p.313 sq.) ersieht man, daß Tschirnhaus Oldenburg's Auffassung, die derselbe sich über Spinoza aus dem Tractatus Theolog.-Politic. gebildet, zu Gunsten des letzteren verbesserte.5 Mit Empfehlungen Oldenburg's an Leibniz kam Tschirnhaus gegen Ende des Jahres 1675 nach Paris. Ueber das Zusammentreffen mit Leibniz berichtet wiederum Schuller auf Grund von Mittheilungen, die er von Tschirnhaus erhalten, an Spinoza (suppl. p.316) und bemerkt: Idem ille Leibniz magni aestimat Tr. Theol. Polit.
Durch den innigen Verkehr, der zwischen Leibniz und Tschirnhaus stattfand, vielleicht auch durch das Zusammentreffen mit Oldenburg, den Leibniz während seines kurzen Besuchs in London sprach, war in ihm der Wunsch rege geworden, Spinoza persönlich kennen zu lernen, was er bekanntlich auf seiner Rückreise nach Deutschland im November 1676 ausführte. Der Brief, den er über seine Unterredung mit Spinoza von Amsterdam 18/28 Novembr. 1676 an Oldenburg richtete, ist nur zum Theil, in Betreff seines mathematischen Inhalts gedruckt, das auf Spinoza Bezügliche fehlt.6 Vor der Hand sind wir auf einen Brief an Galloys aus dem Jahre 1677 angewiesen, worin Leibniz ausführlicher als in der bekannten Stelle der Theodicée (III Partie, 376) über sein Gespräch mit Spinoza berichtet: Spinosa, heißt es daselbst, est mort cet hiver. Je l'ay veu en passant par la Hollande, et je luy ay parlé plusieurs fois et fort long temps. Il a une étrange Metaphysique, pleine de paradoxes. Entre autres il croit que le monde et Dieu n'est qu'une même chose en substance, que Dieu est la substance de toutes choses, et que les creatures ne sont que des Modes ou accidens. Mais j'ay remarqué que quelques demonstrations pretendues, qu'il m'a monstrées, ne sont pas exactes. - Zu Amsterdam machte auch Leibniz die Bekanntschaft des oben genannten Schuller, der die Correspondenz Spinoza's vermittelte; durch ihn (oder auch von Spinoza selbst) erhielt er die drei Briefe Spinoza's an Oldenburg und das, was unter der Aufschrift: Communicata ex literis D. Schull. in den Beilagen unten folgt. Die Bemerkungen, mit denen Leibniz seine Abschriften versehen hat, sind noch in Amsterdam geschrieben,7 später aber, wie sich aus der verschiedenen Handschrift schließen läßt, nochmals revidirt worden. Sie sind von Interesse, insofern sie den damaligen Standpunkt seiner philosophischen Anschauungen wiederspiegeln.
Zu Anfang des Jahres 1678 erhielt Leibniz durch Schuller ein Exemplar von Spinoza's Opera posthuma zugeschickt. Aus den Bemerkungen, die er zur Ethik und zum Tractatus de intellectus emendatione beigeschrieben, erhellt, wie sehr diese Schriften Spinoza's seine Aufmerksamkeit reizten und wie eingehend er sie durchgearbeitet hat. Besonders war es die Ethik, die ihn fesselte, denn außer den erwähnten Bemerkungen sind mehrere Manuscripte vorhanden, in welchen er eine ausführliche Beurtheilung derselben niedergelegt hat. Eine solche über den ersten Theil von Spinoza's Ethik, zugleich mit den in dem erwähnten Exemplar beigeschriebenen Noten zu den andern Theilen, folgt als Beilage.
In einem Schreiben an Tschirnhaus aus dem Jahre 1678 hat Leibniz sein Urtheil über Spinoza zusammengefaßt: Spinosae, schreibt er daselbst, opera posthuma prodiisse non ignorabis. Extat et in illis fragmentum de Emendatione intellectus, sed ubi ego maxime aliquid expectabam, ibi desinit. In Ethica non ubique satis sententias suas exponit, quod sic satis animadverto. Nonnunquam paralogizat, quod inde factum, quia a rigore demonstrandi abscessit; ego certe puto, utile esse in Geometricis discedere a rigore, quoniam in illis facile caventur errores, at in Metaphysicis et Ethicis summum demonstrandi rigorem sequendum puto, quia in illis facilis lapsus; si tamen Characteristicen constitutam haberemus, aeque tuto in Metaphysicis ac in Mathematicis ratiocinaremur. - Leibniz verfolgte gerade um diese Zeit den Plan einer allgemeinen Charakteristik (calculus philosophicus) aufs lebhafteste; er arbeitete unter dem frischen Eindruck, daß es ihm im October 1675 gelungen war, lediglich durch Einführung des Integral- und Differentialzeichens den Algorithmus der höheren Analysis zu entdecken; das Manuscript über die Characteristica geometrica ist aus dem Jahre 1679 datirt. Er hoffte, daß das was er auf dem Gebiet der Mathematik durch Einführung passender Zeichen erreicht hatte, auch auf jedem andern Gebiet möglich sein werde; er war überzeugt, daß wenn nur erst genauere Begriffsbestimmungen (definitiones perfectae) vorhanden wären, durch Rechnungsoperationen mit den Begriffen entsprechenden Charakteren neue Wahrheiten entdeckt werden könnten.8 In dieser Hinsicht befriedigten ihn die Leistungen Spinoza's nicht.
- 1Aus der Correspondenz zwischen Leibniz und Graevius aus der Königl. Bibliothek zu Hannover.
- 2Notitia opticae promotae. Francofurt. 1671
- 3Dieser G.H. Schuller ist offenbar dieselbe Person, welche von dem Herausgeber der Schrift: Ad Bened. de Spinoza opera quae supersunt omnia supplementum, Amstelod. 1862, G.H. Schaller geschrieben wird. Dies geht aus seiner vor mir liegenden Correspondenz mit Leibniz (1677-1678), in welcher er sich stets Schuller unterzeichnet, unzweifefhaft hervor. Es ist möglich, daß er ein Deutscher, Namens Schaller, war - seine letzten Briefe an Leibniz sind deutsch geschrieben - und daß er, wie es damals öfters geschah, im Auslande seinen Namen veränderte. Schuller befand sich in der Nähe Spinoza's, als dieser starb, und wußte sich in den Besitz seines wissenschaftlichen Nachlasses zu setzen. Seine oben erwähnte Correspondenz mit Leibniz beweist, daß er, wenn auch nicht der alleinige Herausgeber, doch wenigstens Hauptperson bei der Redaction von Spinoza's Opera posthuma (sie erschienen Amstelod. 1677) war; es ist bemerkenswerth, daß weder Bayle noch sonst einer der Bibliographen seinen Namen erwähnt. Schuller übersandte Anfang 1678 an Leibniz ein Exemplar von Spinoz. op posth. welches mit Marginalnoten von letzterem versehen noch gegenwärtig auf der Königl. Bibliothek in Hannover vorhanden ist.
- 4Vergl. Tschirnhaus' Brief an Spinoza (Spin. op. posth. Tom. I p.587), wo es heißt: Praesens mihi indicasti methodum, qua uteris in indagandis necdum cognitis veritatibus. Experior eam Methodum valde esse praecellentem, et tamen valde facilem, quantum ego de ea concepi; et possum affirmare hac unica observatione magnos me in Mathematicis fecisse progressus: optem idcirco, ut mihi veram traderes definitionem ideae adaequatae, verae, falsae, fictae ei dubiae.
- 5Es heißt daselbst. Caeterum refert Dn Boyle ei Oldenburg mirum de Tua persona formasse conceptum, quam ipse eisdem non solum ademit, sed rationes addidit, quarum inductione iterum non solum dignissime et faventissime de eadem sentiant, sed et Tr. Theol. Politicum summe aestiment.
- 6Es ist zu beklagen, daß Leibnizens Correspondenz mit Oldenburg, eine der wichtigsten, auf der Königl. Bibliothek zu Hannover nicht vollständig vorhanden ist. Sie muß durch Nachforschungen in London ergänzt werden. - Leibniz pflegte auf seinen Reisen den Inhalt der Unterredungen, die er mit berühmten Männern hatte, aufzuzeichnen. Unter seinen Papieren ist bisher ein Zettel aufgefunden worden, der Novembr. 1676 Hagae datirt, anfängt: Spinosa mihi retulit sequentia. Leider betrifft der Inhalt nur Politisches über die bekannten Brüder de Witt.
- 7Zu dieser Annahme berechtigt die Bemerkung, die in dem Briefe Oldenburg's an Leibniz vom 22. Febr. 1677 sich findet: Quid causae sit, quod Spinosae non tradidisti literas meas, divinare equidem non possum. Quas velis demonstrationes Metaphysicas, quae a te lectae et examinatae in literis tuis Amstelodamensibus dicuntur, non intelligo, cum earum Authorem subticueris.
- 8Nihil aliud enim, schreibt Leibniz in dem zuletzt erwähnten Briefe an Tschirnhaus, est Calculus quam operatio per characteres, quae non solum in quantitatibus, sed et in omni alia ratiocinatione locum habet.