Ueber das Schreiben Leibnizens an Antoine Arnauld wird hier Folgendes bemerkt:

GerhardtGerman

Der Freiherr von Boineburg bekleidete, als er im Jahre 1669 Leibniz in seine Nähe zog, kein öffentliches Amt mehr; er widmete seine Zeit den Wissenschaften und seiner ausgebreiteten Correspondenz. Ursprünglich Protestant war er im Mannesalter zur catholischen Kirche übergetreten; ob in Folge dessen oder ob es ursprünglich in seiner Natur lag, für Boineburg war die Religion die ernsteste Angelegenheit des Lebens geworden. Er erschien deshalb auch als die geeignetste Persönlichkeit, die Verhandlungen über die Wiedervereinigung beider Kirchen, die um das Jahr 1660 begannen, in die Hand zu nehmen.2 Dadurch kam er mit den berühmtesten Theologen Deutschlands und des Auslandes in Berührung; ebenso konnte es nicht ausbleiben, daß die, welche sich in seiner unmittelbaren Nähe befanden, in Discussionen über religiöse Fragen mit hineingezogen wurden. Auch Leibniz betheiligte sich durch Wort und Schrift aufs lebendigste daran.

Eine solche Discussion über die Lehre vom Abendmahl wurde für Leibniz die Veranlassung, ein sehr umfangreiches Schreiben an Antoine Arnauld zu richten. Es ist von der größten Wichtigkeit, insofern er darin über den Gang seiner philosophischen Studien sehr eingehend berichtet, und es bildet deshalb gewissermaßen eine Ergänzung zu den Schreiben Leibnizens an den Herzog Johann Friedrich.

Er habe begriffen, bemerkt Leibniz, daß die Geometrie die Grundlage zur Lehre von der Bewegung bilde und daß von der letzteren zur philosophia de mente d.i. zur Metaphysik fortgeschritten werden könne. Aus der weitern Darstellung läßt sich schließen, daß Leibniz ursprünglich von der Bewegung ausgegangen ist (war doch damals allgemein das Bestreben der Gelehrten darauf gerichtet, die Urkraft zu entdecken, durch welche alle Bewegungen erklärt werden könnten) und daß er zur Begründung seiner dynamischen Sätze auf die Geometrie, insbesondere auf die Geometrie des Untheilbaren, geführt wurde. Bekanntlich wurde das Verfahren, das Cavalieri zur Untersuchung der Probleme der höheren Geometrie aufstellte, von ihm Geometria indivisibilium genannt; dasselbe Verfahren dient auch Leibniz als »fons inventionum et demonstrationum«. Indivisibilia, meint Leibniz, sind zwar nicht nachweisbar (nulla esse indivisibilia), aber es giebt Größen ohne Ausdehnung, z.B. ein Punkt ist ein kleinerer Raum als irgend ein angebbarer; es giebt Theile eines Punktes, die jedoch in Betreff ihrer Lage nicht von einander unterschieden werden können (esse partes puncti, sed indistantes); ein Punkt ist größer als ein anderer um ein kleineres Verhältniß, als anzugeben möglich ist; der Winkel besteht in dem Punkte der seine Spitze bildet (angulum esse quantitatem puncti). Dies sind offenbar Sätze, durch die der Begriff des Continuirlichen zu fixiren gesucht wird. Indem nun Leibniz sie auf die Phoronomie anwendet, gelingt es ihm, den Unterschied zwischen Ruhe und Bewegung aufzuheben. Er findet, daß das, was die Consistenz des ruhenden Körpers (d.i. die feste unabänderliche Lage der einzelnen Theile des Körpers zu einander) genannt wird, nicht vorhanden sei (nullam esse cohaesionem seu consistentiam quiescentis) und daß jeder Körper aus dem Zustand der Ruhe durch eine noch so kleine Bewegung gebracht und getheilt werden könne. Es giebt also keinen Körper im Zustand der Ruhe (corpus quiescens nullum esse nec a spatio vacuo differre), und demnach besteht das Wesen eines Körpers nicht, wie Cartesius behauptet hatte, in der Ausdehnung, sondern vielmehr in der Bewegung. Leibniz faßt offenbar den Zustand des Körpers, der gewöhnlich Ruhe genannt wird, als Beginn und Antrieb zur Bewegung (conatus), und ihm verhält sich dieser Antrieb zur wirklichen Bewegung wie der Punkt zum Raum. Von diesen phoronomischen Sätzen geht nun Leibniz zur philosophia de mente. Der Satz, daß der wahre Ort unsers Geistes irgend welcher Punkt sei, den man als Mittelpunkt auffassen könne (locum verum mentis nostrae esse punctum quoddam seu centrum), dient ihm als Ausgangspunkt. Wie oben erwähnt, verhält sich nun der Punkt zum Raum eben so wie der conatus zur Bewegung, demnach besteht die Thätigkeit des in einem solchen Punkte befindlichen Geistes, die cogitatio, in dem conatus, ebenso wie der Körper in der Bewegung besteht (cogitationem consistere in conatu ut corpus in motu); der conatus ist aber eine einen Moment dauernde Bewegung, es kann deshalb jeder Körper als mens momentanea aufgefaßt werden (omne corpus intelligi posse mentem momentaneam). Im Folgenden verbreitet sich Leibniz weiter, wie diese Auffassungen zur Lösung anderer philosophischer Probleme zu benutzen sind.

Auf dieses Schreiben scheint Leibniz keine Antwort erhalten zu haben; es steht deshalb mit der spätern Correspondenz zwischen Leibniz und Arnauld, die durch Vermittelung des Landgrafen Ernst von Hessen-Rheinfels im Jahre 1686 begann, in keinem unmittelbaren Zusammenhang.

Das Original dieses ersten Leibnizischen Schreibens an Arnauld ist auf der Königlichen Bibliothek in Hannover nicht mehr vorhanden; es wurde zugleich mit einem kleineren französisch geschriebenen Briefe Leibnizens an Arnauld im Jahre 1804 dem Marschall Mortier auf sein Verlangen von der Bibliothekverwaltung ausgehändigt. Die gegenwärtig vorhandene Abschrift, nach welcher dieser Brief von Grotefend (Briefwechsel zwischen Leibniz, Arnauld und dem Landgrafen von Hessen-Rheinfels, Hannover 1846, S.137ff.) zum Druck befördert worden ist, zeigt weder den Ort noch die Zeit der Abfassung; letztere läßt sich aus dem im Eingange erwähnten Schreiben du Fresne's an Herrn von Boineburg, das Paris 27. Novembr. 1671 datirt ist, ohngefähr bestimmen. Leider scheint die Abschrift nicht sorgfältig mit dem Original verglichen worden zu sein.

Als Leibniz im Jahre 1670 seine Correspondenz mit Oldenburg, dem Secretär der Londoner Societät, begann, legte er ein Schreiben an Thomas Hobbes bei.3 Indem er darin die Lehren des letzteren, womit er nicht einverstanden war, nur vorübergehend berührt, verweilt er länger bei dem, was Hobbes über die Bewegung behauptet hatte und womit er im Wesentlichen sich einverstanden erklärt.

Dieser Brief, auf welchen höchst wahrscheinlich keine Antwort erfolgte, ist weder im Original noch in Abschrift auf der Königlichen Bibliothek in Hannover vorhanden. Guhrauer fand im British Museum eine von Oldenburg gemachte Copie desselben; nach dieser hat er ihn als Beilage zu seiner Biographie Leibnizens Theil II. S.61ff. abdrucken lassen, zugleich mit einem zweiten unvollendeten Schreiben Leibnizens an Hobbes, dessen Original in Hannover sich findet, von dem es aber fraglich ist, ob es vollendet wurde und an seine Adresse gelangte.

  1. 1Cavalerii Geometria indivisibilibus continuorum nova quadam ratione promota. Bonon, 1635.
  2. 2Vgl. Guhrauer, Leibniz, Bd. I. S.65ff.
  3. 3Das Postscriptum zu Oldenburg's erstem Brief lautet: Litteras tuas Dn. Hobbio inscriptas rus, ubi nunc degit, transmisi. Si quid responsi dederit, sine mora ad te curabitor.