Leibniz an den Herzog Johann Friedrich

GerhardtGerman

Nachdem ich von dem Herrn Baron von Boineburg, alß meinem sonderbahren förderer verstanden, daß E. Hochfürstl. Durchlt. dero mir ehemalen erzeigte hohe gnade annoch continuiren, alß habe meine unterthänigste schuldigkeit zu sein erachtet bey dieser gelegenheit zu bezeugen, wie sehr ein so unverdientes glück mich vergnüge, undt waß es mir doch auch hingegen für unruhe erwecke, so lang ich nicht in der that erweisen kan die unterthänigste devotion so zu E. Hochfürstl. Durchlt. ich schuldigster maßen trage.

E. Hochfürstl. Durchlt. geruhen sonsten sich gnädigst zu erinnern, waß einßmahls von vorhabender Rationali jurisprudentia ich unterthänigst berichtet, undt welcher gestalt ich mich getrawe, solche in dergestalt wenige, clare, undt bißher fast unberührte Regeln zu bringen, daß wer dieselbe sich eingebildet, oder gleichsamb in Einer taffel vor sich hat, darauß alleß waß nicht allein in Römischen Rechten vernunfftmäsig erörtert, sondern auch iemahlß sich zutragen undt gestritten werden kan, leicht undt gründtlich entscheiden könne. Wie auch im Process solche newe vortheil anzugeben, daß mann zu aller betrangten wohlfahrt, zu erhaltung der Justitz, zu abwendung der ruin so vieler familien mitt einer so viel möglich sicheren geschwindigkeit zur warheit kommen könne.

Gleichwie ich nun darinn Gottlob nicht wenig fortgang gehabt, undt zimblich auf den grundt kommen zu sein verhoffe, so werde doch durch die Römischen Rechte sehr auffgehalten, dieweil alle Leges deß gantzen Corporis juris gegen solche vernunfftmäsige gründe natürlichen rechts gehalten, in solche eingetheilt, undt also in eine natürliche ordnung bracht, undt entweder da sie eß leiden darauß geführt undt demonstrirt, oder aber da sie solchen zuwieder oder doch zum wenigsten Etwaß auß blosem willen des Gesetzgebers dazu thun, auch solches ahngezeigt, undt die pur umb schlechter Ding willkührliche Römische Rechte ebenmäsig in Einem kurtzen alleß in sich begreiffenden undt zu entscheidung der iemahlß vorkommenden sachen genugsamen Kern gleichsamb zusammen gepresset werden sollen. Doch hoffe eß werde vielleicht der nutzen einbringen, waß die Langsambkeit geschadet. Dann weil mich die Begierde so ich von Jugendt auff gehabt in diesen sachen auff einen beständigen grundt zu kommen, getrieben weiter zu gehen, undt die natur des Gemüths, der gedanken undt Affecten zu untersuchen; so hab ich mitt suchen allezeit newe materie zu suchen funden, undt nicht geruhet biß ich zu den letzten ursprünglichen Gründten kommen, so in der von größe, figur undt bewegung handelnden Kunst, daß ist in der mathesi undt Physica sich befinden. Diese arbeit ist auch ahn sich selbsten nicht unnützlich gewesen: dann in diesen wissenschafften selbst ich eines undt das andere entdecket, so bißher nicht in acht genommen. Ich habe gewiesen waß die wahre ursach in den Dingen sey, warumb das Eine leicht zu trennen, das andere aber auß fest zusammen haltenden stücken bestehet, so ich einer innerlichen subtilen bewegung und das corpus gleichsam wölbenden circulation umb ein centrum proprium1 zuschreibe, vermittelst deren jedeß theil auff seinen Nachbar dringet; ja ich habe eine Hypothesin formirt und gewiesen, daß ein einiger von niemand verneinlicher Universal-Motus2 und circulation des Liechts umb unsere Erdkugel alle 24 stunden, so kein Tychonicus noch Copernicanus verwerffen kan, es stehe gleich oder gehe die Erd, fast aller wunderlicher effecten der natur ursach sey. Nehmlich ich setze daß die starcke bewegung, so das Liecht oder der subtile mitt dem Liecht oder Sonnen sich bewegende alles durchdringende Aether, welcher von der lufft unterschieden, weil solche schwehr, er aber ein Kind der Sonne, nicht, sondern mit seiner bewegung eine ursach aller schwehre, täglich umb den Erd-Kreis thut, eine Ursach sey gravitatis, Elaterii, et verticitatis, oder des gewichtes der Erde und des Compasses, das ist 1) warumb die dinge, so man schwehr nennt, zu boden fallen, 2) warumb gewisse, gespannte oder gepressete dinge, alß gespante bögen, federn in Uhren, die gepressete lufft in den windtbüchsen etc. mitt solcher gewalt, so bald sie befreyet, sich in vorigen standt stellen; 3) warumb der Magnet undt andere dinge (doch nicht alle in gleicher vollkommenheit) wann sie sich frey bewegen können, ihre Enden nicht zwischen Osten und Westen oder anderß sondern zwischen Nordt und Süden stellen. Welches alleß dreyes auß dieser bewegung des Liechts gar klar entstehet. Dann diese alleß durchgehende

und zimblich starcke, geschwinde, in 24 stunden wohl 5400 teutsche meilen laufende ventilation bemühet sich alles was dick und grob, so deßwegen die subtile bewegung verhindert undt turbiret, entweder zu zerstreuen, so viel sie kan, und das thut sie in allen nur frisch gespanten sachen, welche sie wieder in ihren vorigen standt, so bald sie erlaßen, restituirt: wann sie sie aber gar nicht, oder nicht weiter zerstreuen kan, die weil sie von langer zeit durch ihren eigenen motum intestinum genugsamb befestiget undt gleichsamb gewölbet, oder doch von solchen dingen zusammen gehalten werden, so stößet sie solche zu boden, daß ist näher zum centro alwo wie allezeit, die bewegung schwächer undt daher die verhinderung eher vertragen werden kan undt mus. Ferner wann etwaß frey stehet, daß es sich wenden kan, wie es will, als eine magnetnadel, so kan es sich nicht wohl zwischen Osten und Westen, es sey gleich oder schräg, setzen, dann es sich dadurch dem torrenti aetheris moti als der mit dem Liecht von Osten gen Westen gehet, entgegen stellen würde, sondern es richtet sich nach vielem wackeln endlich (die wenige declination deren Ursach mann noch nicht genugsamb weiß, vielleicht aber auß dieser hypothesi mitt der zeit zu finden, außgenommen) zwischen Nordt und Süden. Daß also auß dieser einigen bewegung des Liechts umb die Erde 1) Gewicht, 2) Feder, 3) compass entstehen, auß welchen dreyen alle andern so wohl natürliche als künstliche Uhren undt machinen entspringen. Undt insonderheit von dem principio der gespannten feder auch aller streit zwischen wasser undt feuer, schweffel undt Salpeter, undt wie eß die chymici nennen, Acido und Alcali, undt folglich alle solutiones, praecipitationes, fermentationes, reactiones, die doch so vielfältig undt wunderbahr seyen, herkommen. Dann alß ich lange zeit den ursachen solches streits nachgedacht, hab ich endlich befunden, daß deren eineß zu sehr erschöpffet, das andere zu voll gepresset seyn müsse. Umb besserer erklärung willen wollen wir setzen, das eine so erschöpfft sey wie ein Recipient, darauß der berühmbte Gericke zu Magdeburg die grobe lufft gepumpet, undt der so bald Er eröffnet, solche mitt unglaublicher Gewalt wieder in sich schluckt; das andere so voll gepresset sey wie eine windtbüchse, da die luft hineingepresset. Gesetzt nun daß beyde, sowohl der Recipient als Windtbüchse von glaß wären, undt deren ein gantzer Korb voll durch einander geschüttelt würden, daß sie brechen müsten, so kan mann sich leicht einbilden, was vor ein tumult entstehen, das eine von sich stoßen, das andere in sich schlucken, windt, brausen, Nebel undt durch starcke bewegung endlich hitze sich erzeigen würde. Solche unsichtbare so wohl erschöpffte als zu sehr voll gepressete durch einander geschüttete gläserne bullas muß mann sich einbilden, wann der neue wein undt andere Liquores fermentiren, wann wasser undt feuer, Schweffel undt Salpeter, Vitriol undt Weinstein, Scheidwasser undt spiritus vini, saltz undt silber, Essig undt Krebsaugen, zucker undt gewisses sauerwaßer etc. mitt einander streiten, wie wein undt andere liquores, so der innerlichen widerwärtigkeit noch nicht befreyet, indem die im wege stehenden häfen fallen, durch innerlichen streit fermentiren3; wann scheidwasser das silber, Aqua Regis das goldt, Mercurius beyde, Magnet das Eisen, trockene Erdt das wasser, der rauch das feuer ahn sich zeucht oder in sich schluckt. Ja es folget darauß, so von nicht weniger importantz in re medica, daß erschöpffte durch gepressete, und hinwiederumb gepressete durch erschöpffte dinge doch so einander proportionirt, undt also contraria contrariis substantia, similia similibus gradu curirt werden müßen. Welcheß alleß weitläufftiger, doch Etwaß dunkel, (dieweil es ahn sich selbsten kurtz, und nur ahn die geschrieben so mitt solchen speculationen heutiger philosophie umbgehen) in beygefügten beiden tractätlein, deren eineß ich Theoriam motus abstracti, oder Rationes motuum universales a sensu ot phaenomenis independentes, das andere Theoriam motus concreti oder Hypothesin physicam novam nenne, außgeführet, darvon ich jeneß der Königl. frantzösischen neuen zu erkundigung der natur ahngestellten Academie, dieses der Königl. Englischen Societät zugeschrieben, undt beyde E. Hochfürstl. Durchlt. unterthänigst hierbey zu schicken mir wegen Dero wohlbekannter güthigkeit die Kühnheit nehme, sampt einem vor Etlich jahren von mir zwar ausm stegreiff undt auff der reise auffgesetztem Tractätlein so ich Novam methodum discendae et docendae jurisprudentiae genennet, welches aber gleichwohl unterschiedenen gelehrten Leuthen nicht unahngenehmb gewesen, so gar daß auch ein gelehrter ICtus zu Rostock für sich Eß durchgangen, auch notas undt gar einen so accuraten indicem alß möglich darüber gemacht, masen mir das manuscriptum nach seinem todt zugeschickt worden.

Sonsten habe unterthänigst beygefügt einen kurtzen geschriebenen Discurs den ich einßmahls auff begehren De usu et necessitato demonstrationum immortalitatis Animae auffgesetzet, darinnen ich eineß undt das andere de Demonstrationibus meis circa Naturam Dei et Mentis gedenke. Obgleich solche Demonstrationes selbst wegen ihrer unzertrennlichen Kette, damitt sie einander nicht allein bestärcken, sondern auch erläuttern, extracts oder stückweise verständtlich beyzufügen unmöglich gewesen. Dann auch meine Demonstrationen gegründet sein auff der schwehren doctrina de puncto, instanti, indivisibilibus, et conatu; dann gleich wie Actiones corporum bestehen in motu, so bestehen Actiones mentium in conatu, seu motûs, ut sic dicam, minimo vel puncto; dieweil auch mens selbsten eigentlich in puncto tantum spatii bestehet, hingegen Ein Corpus einen platz einnimbt. Welches ich, nur populariter davon zu reden, daher klarlich beweise, dieweil das gemüth sein muß in loco concursus aller bewegungen, die von den objectis sensuum unß imprimirt werden; dann wann ich schließen will, daß ein mir vorgegeben corpus gold sey, so nehme ich zusammen seinen glantz, Klang und gewicht, und schließe darauß daß eß gold sey, muß also das gemüth ahn einem orth sein, da alle diese Linien visus, auditus, tactus zusammen fallen, undt also in Einem punct. Geben wir dem Gemüth einen größern platz als einen punct, so ist eß schon ein Cörper, undt hat partes extra partes, ist daher sich nicht selbst intime praesens, undt kan also auch nicht auff alle seine stücke undt Actiones reflectiren. Darinn doch die Essentz gleichsamb deß Gemüthes bestehet. Gesetzt nun das Gemüth bestehe in Einem punct, so ist es unzertheilig undt unzerstörlich. Auß welchen und anderen dazu genommenen fundamenten ich viel wunderlich dingß von eigenschafft der menschlichen Seele undt inßgemein aller verständigen Gemüther bewiesen, daran wohl bißher niemandt gedacht, obgleich die wahrheit der Religion, der Göttlichen Providentz, der Unsterblichkeit unserer Seele undt vieler hohen mysterien (als der gerechtigkeit, der praedestination und gegenwart im sacrament4 müglichkeit auff gantz niemahlß gesehene manier darauß flieset: Welches alleß ich einßmahlß so klar als Etwaß sein kan, zu machen und damitt bey allen Verständigen, den jetzo einreißenden Atheismum hassenden undt umb die Ewigkeit sich bekümmernden Menschen einigen Danck zu verdienen hoffe.

Ich habe auff erinnern des Herrn Barons von Boineburg welcher zu verstehen geben, daß ein solches E. Hochf. Dchlcht. vielleicht sich gnädigst gefallen lassen möchten, bey obgedachtem discurs ahngehengt Appendicem de Resurrectione Corporum. Nemblich ich bin fast der meinung, daß ein jeder leib, sowohl der Menschen alß Thiere, Kräutter und mineralien einen kern seiner substantz habe, der von dem capite mortuo, so, wie es die chymici nennen, ex terra damnata et phlegmate bestehet, unterschieden. Dieser kern ist so subtil daß er auch in der asche der verbrandten dinge übrig bleibt, undt gleichsamb in ein unsichtbarliches centrum sich zusammen ziehen kan. Wie mann dann auff gewisse maase sich der asche der gewächse zum saamen gebrauchen kann, undt in dem foetu oder frucht der thiere das punctum saliens den kern des gantzen Cörpers bereits in sich begreifft. Nun glaub ich ferner daß dieser kern der substantz in einem Menschen weder ab- noch zunehme, obgleich sein kleidt und decke in stetem fluß begriffen, und baldt weg raucht, bald wiederum auß der lufft oder speise sich vermehrt. Daher wann ein Mensch von anderen verzehrt wird, bleibt der kern eineß jeden wer und wie Er gewesen, undt wirdt also niemahlß die substantz des einen durch die substantz des andern ernehrt. Wirdt nun einem Menschen ein gliedt abgeschnitten, so ziehet sich dieser kern der substantz zurück zu seinem Brunnquell und behält auff gewisse maase die bewegung, alß wan das gliedt noch da wäre. Wie dann Leute deren einer arm abgehauen, sagen, daß ihnen offt dünke, sie hätten ihren arm noch und fühleten alle finger, welches von den zurückgebliebenen spiritibus, oder kern der substantz herrühren muß. Kan nun das geschehen, wan Ein Gliedt abgeschnitten wirdt, so kann es auch geschehen, wann sie alle gelöst und zerstöret werden, weil ohne das solches nicht in einem instant, sondern per partes geschieht; dann sich nichtß desto minder der kern deß gantzen körpers in eine solche subtilität zusammen ziehen wirdt, daß ihm weder feuer noch wasser, noch einige sichtbahre gewalt schaden könne. Wann nun dieser kern der substantz in puncto physico consistens (proximum instrumentum et velut vehiculum Animae in puncto mathematico constitutae) allezeit bleibt, so ist ja wenig ahn gelegen, ob alle grobe materie, so ahn uns ist, die doch ohne das in steter veränderung, undt täglich entweder außrauchet, oder wo sie sitzen bleibt, in sordes so mann abspülen muß, coagulirt wirdt, übrig bleiben: maaßen clar daß solche exuviae wohl fast alle Jahr gantz neu sein, sonderlich wann mann Sanctorii experimenta so Er in medicina statica beschrieben Etwaß genauer ahnsiehet. Können wir sie nun in diesem Leben salva identitate corporis nostri verändern, viel weniger werden die verklärten leiber daran gebunden sein. Wir5 werden mit eben dieser unser haut, das ist, mit alle dem, so in ihrer substantz und kern ist, wieder umbgeben werden. Ein mehres begehren, ist sich selbst in unnöthige scrupel stecken und verständige Menschen mit einem so wunderlich ausgelegtem articel, daß nehmlich millies transfundirte fuligines, steubgen und sordes aus allen vier enden der Welt zusammen gelesen werden müsten, ärgern.

Dieß undt anderß nun seindt meine gedanken dazu mich die genaue Untersuchung der Jurisprudentz geleittet, welche auff vorgedachten meinen principiis von natur deß gemüths allerdingß gegründet, undt dannoch so practisch ist, daß deren wenig Regeln genug sein alle Fälle der Vernunft nach wie oberwehnt zu erörtern, welches ich mitt dem Exempel Römischer Gesetze, alß welche noch biß dato nicht allein die ausführlichsten, sondern auch die insgemein gültigsten, die ich alle sofern sie rational, auß diesen regeln heraus führen will, zu erweisen hoffe.

Daß nun diese gantze seriem meines vorhabens bei E. Hochfürstl. Dchlcht. mit solcher weitläufigkeit zu erzehlen ich mich unternommen, wollen E. Hochfürstl. Dchlcht. in gnaden vermerken undt darfür halten daß solcher Excess von nichtß anderß alß einer eiffrigen begierde herrühre meine unterthänigste Devotion, so gut ich jetzo kan, zu erkennen zu geben, undt inß künfftige die zeit zu erleben, darinnen ich genugsamb seyn möge mitt mehrer realität zu zeigen, daß ich auch ohne einigen anderen effect und absehen, als auf Dero Gnädigste stets werende Gewogenheit mit höchster vergnügung sey undt bleibe u.s.w.

Maynz 21 Maji 1671.

  1. 1Die Worte: und das corpus - centrum proprium, fehlen in der mir vorliegenden Abschrift.
  2. 2In der Abschrift folgt nach Universal-motus: ahn unsere Erdtkugel; das daraus Folgende bis »gehe die Erd« fehlt.
  3. 3Die Worte: wie wein und andere liquores - fermentiren, fehlen in der Abschrift.
  4. 4Die eingeklammerten Worte fehlen in der Abschrift.
  5. 5Das Folgende bis zum Absatz fehlt in der Abschrift.