Leibniz an Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg, Antoine Arnauld und Thomas Hobbes
1670-1673.
Als Leibniz in Diensten des Churfürsten von Mainz stand und die besondere Protection des Freiherrn von Boineburg genoß, machte er die Bekanntschaft des Habbeus von Lichtenstern, des schwedischen diplomatischen Agenten bei den rheinischen Fürsten. Durch ihn wurde er 1669 dem Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg als eine gewandte und in Staatsgeschäften brauchbare Persönlichkeit empfohlen. Daß Leibniz auf Grund dieser Empfehlung sich sofort an den Herzog gewandt, ist höchst wahrscheinlich; diese ersten Schreiben Leibnizens sind jedoch noch nicht aufgefunden, sie scheinen nicht mehr vorhanden zu sein.
Erst aus dem Jahre 1671 liegen die Schreiben Leibnizens an den Herzog Johann Friedrich vor. Sie sind höchst interessant, insofern wir daraus ein vollständiges Bild seiner gesammten wissenschaftlichen Thätigkeit in damaliger Zeit gewinnen. Insbesondere enthält das Schreiben III eine Uebersicht von dem, was Leibniz bisher erreicht hat und noch zu leisten gedenkt. Hierher gehört zweierlei, worauf er namentlich hinweist: das große Problem des Alphabets der menschlichen Gedanken (von ihm Scientia generalis genannt) und die Ideen, die er in seiner Hypothesis physica niedergelegt hat. Ueber letztere verbreitet sich Leibniz in diesem Schreiben, sowie in dem I, mit besonderer Ausführlichkeit, so daß wir über den Zusammenhang der Grundidee mit den daran geknüpften Schlüssen Aufklärung erhalten.
Der durch die Axendrehung der Erde in Circulation gesetzte, alle Körper durchdringende Aether, führt Leibniz aus, bringt die inneren Theile derselben in eine »subtile Bewegung« und verursacht »eine das corpus gleichsam wölbende circulation umb ein centrum proprium«. Aus dieser Bewegung des Aethers lassen sich die Schwere, die Elasticität, die Polarität des Magneten und viele andere Erscheinungen der Körperwelt erklären. Aber selbige Bewegung in den Körpern kann nicht ohne »mens« sein (nisi accedat mens); diese »mens« besteht im »centrum« (mentem consistere in puncto seu centro, ac proinde esse indivisibilem, incorruptibilem, immortalem). »Gleichwie in centro alle strahlen concurriren, so laufen auch in mentem alle impressiones sensibilium per nervos zusammen und also ist mens eine kleine in einen punct begriffene welt, so aus deren ideis, wie centrum ex angulis, bestehet.« An einer andern Stelle bemerkt Leibniz weiter: »Gleich wie Actiones corporum bestehen in motu, so bestehen Actiones mentium in conatu, seu motus, ut sic dicam, minimo vel puncto; dieweil auch mens selbsten eigentlich in puncto tantum spatii bestehet, hingegen Ein Corpus einen platz einnimbt.« Mit diesen Ideen steht offenbar die Vorstellung von einem »kern der Substanz« im Zusammenhang (wiewohl Leibniz auf diesen Zusammenhang nicht speciell hinweist). Dieser Kern ist in allen Körpern vorhanden und »ist so subtil, daß er auch in der asche der verbrannten dinge übrig bleibt, undt gleichsamb in ein unsichtbarliches centrum sich zusammen ziehen kan«. Leibniz bezeichnet ihn auch als »proximum instrumentum et velut vehiculum Animae in puncto mathematico constitutae«.
Es ist schon mehrfach darauf hingewiesen worden, daß hier bereits die ersten Spuren der Vorstellung von den Monaden gefunden werden. Leibniz will den Dualismus zwischen Körper und Geist aufheben und sucht eine Verbindung zwischen beiden herzustellen. Er zieht dazu die abstracten mathematischen Vorstellungen, namentlich die über den Punkt herbei; auch ist die Methode des Untheilbaren Cavalieri's1 auf die Leibniz in der Hypothesis physica speciell hinweist, von Einfluß gewesen. Doch wie sich Cavalieri nirgends bestimmt darüber ausspricht, was er unter »indivisibilia« versteht, so wird auch hier bei Leibniz Durchsichtigkeit und Klarheit der Begriffe vermißt. -
Die Correspondenz zwischen Leibniz und dem Herzog Johann Friedrich ist nach den noch vorhandenen Originalen auf der Königlichen Bibliothek zu Hannover zuerst von O. Klopp (Die Werke von Leibniz, erste Reihe, dritter Band S.239ff.) vollständig herausgegeben worden. Einige offenbare Ungenauigkeiten erforderten eine nochmalige Vergleichung der Manuscripte. Von dem Schreiben I lag mir nur eine von Leibniz revidirte Abschrift vor, in welcher die Leibnizische Orthographie zum Theil verändert ist.
- 1Cavalerii Geometria indivisibilibus continuorum nova quadam ratione promota. Bonon, 1635.