Series VI Band 4 · No. 485₂.
In margine
IN MARGINE
Typus medicinae moralis, das ist, Entwurff einer vollständigen Sitten-Lehre, nach *art der leiblichen Artzney-Kunst. Mit Verteutschung aller Kunst-Wörter abgefasset. Dabey eine etwas weiter außgeführte, auch dem Christenthum anbequemete DIAETA MORALIS PHILOSOPHICO-CHRISTIANA. Das ist Christliche Sitten-Pflege, Fürstellende allerhand vernünftige und geistliche Mittel zum tugendsamen Leben, so nach anleitung der täglichen Leibes-Verpflegung, stets erinnerlich zu gebrauchen: durch VINCENTIUM PLACCIUM J. U. L. Phil. Pr. et Eloqu. PP. Hamburg im Jahr Christi 1685. Zu finden bey dem Auctore, auch in Francfurt am Mayn, bey Joh. Dav. Zunner.*
Entwurffs der Sitten-Lehre, oder Sitten-Artzney-Kunst Einleitung. Wie die Sitten-Lehre zur Welt-Weißheit gehöre, und an sich beschaffen, auch am besten zu lehren sey.
[S. 2 f.] V. Die Thaten-Weißheit hat 2 Theile, (1.) Die Sitten-Lehre (Ethica, Moralis Philosophia) welche da lehret, was ein jedweder Mensch ihm selbst gelassen, oder für sich, und ohne Zuthun anderer Menschen mehr, zu seinem höchsten Gute tuhn könne.
(2.) Das Natürliche Recht, (Jus naturale)
Der Sitten-Lehre oder Sitten-Artzney-Kunst Erstes Theil: Die Sitten-Naturforschung. (Physiologia Moralis.) Das ist Von des Menschen Natur, Seelen und Leibes Beschaffenheit, sampt dero Gütern ins gemein, und was dem anhängig, so das höchste Gut befordern oder hindern könne.
Das I. Capittel. Von dem Guten und Bösen, auch Wirckungen des Menschen ins gemein: sampt denen Eigenschafften des höchsten Gutes, so daraus zu schliessen.
[S. 5 f.] I. Das Gut BonumPerficere est augere essentiae gradum. Conferens est requisitum ad aliquem modum existendi^#.] des Menschen (wie auch eines jedweden andern Dinges) ist so
weit es innerlich, das ist, in dem Menschen (oder andern Dinge) selbst bestehend ist,
1. sein so woll algemeines Wesen, (esse commune, existentia) Existit quod distincte perceptibile est. Ens est quod distincte concipi potest.^#.]Essentia rei est, quo ejus possibilitas concipitur^#.]
[S. 6 f.] ... Das jenige aber, so alle Güter in sich hat, wird vollenkommen,
(Perfectum) und der Begriff aller Güter, 8. die Vollenkommenheit (Perfectio) genennet.
Weilen auch umb des Guten halben alles gethan, geübet, und gewircket wird, und
wann man solches erreichet hat, alßdann sothane Wirckungen geendiget werden, als wird
dahero auch das Gut 9. ein Ende, (Finis) Ziel, und Zweck (Scopus) wie auch End-Ursache
(caussa finalis) genennet. Felicitas est laetitia durabilis vel est notabilis continuus in perfectione progressus^#.]
[S. 7] II. Hergegen wird 1. ein Böses (Malum) Malum est quod confert ad imperfectionem^#.]Miseria
III. Ungut oder Mitelding (Indifferens, adiaphorum) ist das jenige, so weder gut
noch böse ist.
[S. 7 f.] IV. Wie nun solcher Unterscheid des Guten und Bösen eine Veränderung in
sich begreiffet, als sind die unterscheiden solcher Veränderungen wiederum sehr merckwürdig.
Sintemahlen dahero rühret, daß 1. Tuhn (actio) oder Wircken (operatio) (wo
rinnen des Menschen gantzes Leben bestehet) welches nichts anders ist, als eine selbstveruhrsachte
Veränderung*, Agere dicitur id ex cujus natura ratio mutationis distinctius reddi potest vel actio est exercitium (Darüber: variatio) perfectionis.^#.]
[S. 9] ... Und zwar wird die Wirckung, so zu einem gewissen Zweck gerichtet ist,
eine 13. Bewerbung, oder Nachstrebung, oder Suchung: (Quaesitio). Wann sie
aber den Zweck erreichet, eine 14. Erwerbung (acquisitio) genennet. Hergegen die
Wirckung, so zur Beraubung oder Entbehrung eines Dinges gehet, wird eine
15. Meidung: (vitatio) und wann sie die Beraubung erhält, Vermeidung, Entledigung,
Entohnigung*, oder 16. evitatio) genennet. ...
*[S. 11 f.] VI. Auß Expetendum quod expetitur ab intelligente. Fugiendum quod fugitur ab intelligente.^#.]
1.
2. Das Böse soll man meiden, (malum vitandum) und folglich böse Thaten nachlassen und vermeiden.
3. Mitteldinge mag man verabsäumen, (Indifferentia negligenda).
VII. Der Haupt-Unterscheid aller menschlicher Güter bestehet darinnen, daß etliche
Güter oder Ziele und Zwecken ihrer selbst halben: Andere aber wiederumb zu einen
andern Zweck, oder einem andern gut gesuchet werden. Diese werden 1. Unter oder
Mittelziele, Zwecke, oder Mittel, auch dienliche Güter (media): Jene 2. Ober-
oder End-Zwecke (Finis) genennet. Und ist der Endzweck immer besser als der Mittel-Zweck.
3. Der Oberste Zweck aber, oder letzter und bester Endzweck, oder Endziel
(Finis ultimus) wird 4. das höchste Gut (summum bonum)
*IIX. Hieraus fliessen alsofort unterschiedliche Eigenschafften des höchsten Gutes: als
1. Daß es für sich, und sein selbst halben gesuchet werde.
2. Daß
3. Daß es den gantzen Menschen Gut und vollenkommen mache.
4. Alle menschliche Güter in sich begreiffe.
5. Der menschlichen Natur eigentlich gemäß, nicht aber mit
~~andern Dingen gemein sey.*
6. In der Wirckung des Menschen, nicht aber in blosser Nachlassung bestehe.
~~[S. 12 f.] IX. Die Mittel-Ziele sind eben das jenige, was wir 1.
[S. 13 f.] X. Nun ist der Haupt-Unterscheid der Mittel, daß eines schlechter oder besser, und hergegen das entgegen-gesetzte Böse eines schlimmer oder erträglicher als das ander ist, das ist ein Nutzen oder Schaden grosser ist, als der ander. Solches nun kömpt her
1. Von der Näherung zu dem End-Zweck, dahero allemahl das Gut besser,~~
~~welches dem Endzweck näher ist, hergegen das Böse schlimmer ist, welches dem eussersten
Elend am meisten sich nahet. Wie dann allemahl das Wiederspiel des Guten dem
Bösen zuzueignen ist.
2. Nach der Zeit zu rechnen, ist das dauerhaffte besser denn das Vergängliche, das Gegenwertige, dann das Künfftige.
3. Auß der Zusammensetzung der Güter rühret es her, daß mehr Güter zusammen
besser sind dann eins, und je grösser Menge der Güter, je besser. Wie auch das ein
zusammengesetztes aus lauter Guten, besser ist dann das jenige, wo etwas Böses mit
einkompt. Welches wiederum unterschieden ist, nachdem das eingemengte Gute oder
Böse, gegenwertig oder zukünfftig, auch sonsten kleiner oder grosser ist. Weilen~~
~~auch die Beraubung alles künfftigen bösen Sicherheit (Securitas) genennet wird, dem
die Gefährlicheit (Periculum) oder Mögligkeit des künfftigen Bösen entgegen stehet:
als folget darauß, das je sicherer Gut, je besser dasselbe sey.
[S. 14 f.] XI. ... Welche wir aber ... verbey gehen, und bloß einige neue Eigenschaften
des höchsten Gutes*, so hieraus folgen, anmercken wollen: als nemlich, daß*
*das höchste Gut ... 9. Mit keinem übel vermenget
[S. 16] XIV. ... Diese Gewohnheit, wenn sie starck wird, doch so, daß sie noch
wieder kan durch andere Gewohnheit auffgehoben werden, wird sie 2. nicht mehr zu heben ist, 3. eine Grundfertigkeit~~
~~(Habitus). ...
*Das II. Capittel. Von dem Menschen, und seiner Seelen ins gemein.
[S. 20] II. Unter dem Nahmen ~~Leib, verstehen wir hier alles was in
~~die Länge, Breite, und Höhe sich erstrecket, und also getheilet werden
kan.*
III. Die Seele (Animus, Anima) des Menschen nennen wir ~~alles übrige in dem Menschen*, dessen Wirckungen die Gedancken, und das gedenckende Theil des* *Menschen dahero, unter den Nahmen Seele von uns verstanden wird.
Das III. Capittel Von dem Gemühte, und desselben unterschiedenen Kräfften und Wirckungen.
[S. 22] I. 1. Das Gemüht
[S. 29 f.] IX. ... Der vollenkommeste 1. Schluß-Begriff Grund- oder gründlicher
Schluß* (Demonstratio) genennet, ist welcher von einem Grundsatz anfänget,
und durch klahre oder klahr gemachte Gemühts-Begriffe zu dem Schluß-Satz geleitet
wird: worzu dann klahr ist, daß eine gewisse nicht auß solchen Grund-Satzen anfangen, machen nur das
Falsche 2. scheinbahr, (probabile) oder das Wahre 3. der Wahrheit ähnlich (verosimile)
allein urtheilen, so wir 4. düncken (putare) oder fürkomnen heissen. Beiderseits,
so wol die gründliche als scheinbahre Schlüsse müssen wolgeordnet seyn, alsdann
man sie richtig nennet, (recta Ratiocinatio) und der gesunden Vernunfft (recta
Ratio) gemäß. Die aber übel geordnet seyn, heissen unrichtig, und 5. bloße Schein-Schlüsse,
(Sophismata) so fern sie noch einen schein rechter Ordnung haben, sonsten
aber gar 6. Fehl-Schlüsse (Paralogismi) weil sie würcklich nichtes schliessen, sondern
ihres Zweckes verfehlen. c. 1. § 16. ...
Das IV. Capittel Von dem Willen, und dessen Eigenschafften, und Wirckungen.
[S. 47 f.] IX. ... Zwar ist ein Unterscheid unter freywillig, (Spontaneum) oder
freymühtig, wilkührlich, gerne wollen: und ungerne, unfreymühtig (invitum)
wollen. Dann jenes ist, das Wollen so mit Vorbedacht aller Umbständen, und da aller
Ursprung des Thuns in uns selber ist, geschiehet. Dieses aber wiederum zweyerley
1. Unwissender, unverständiger und irriger Wille, (invitum per ignorantiam) der
auff Unwissenheit, Unverstand oder Irthumb folget. 2. Wiederwilliger Wille,
[S. 50] XI. Die Seelen-Bewegungen sind zweyerley Arten. Dann entweder gehet des
Willens Wirckung vorher, und endet sich in der Wirckung des Gemühtes, welche wir
1. Gemühts
*[S. 53] XV. ... Solche Liebe nun mit dem Urtheil von Grösse des geliebten Dinges
verbunden, nennen wir (6.) Würdigung (Dignatio): derselben ist entgegen gesetzet*
(7.) der Greuel, (Horror) oder Haß mit dem Urtheil, daß das gehassete Böse sehr groß
*sey, verbunden.
*[S. 55 f.] XX. Aus dem Absehen auff das Zukünfftige rühren wieder her neue Arten der Liebe, als nemlich (20.) das Verlangen, (Desiderium) oder Liebe mit dem Neben-Urtheil* *der Zukünfftigkeit, welches dann bey aller Liebe (als die sonsten nur auff einem Augenblick beruhen würde,) sich finden muß, und demnach ein groß Theil an dem Leben unserer Seelen hat. Dieses Verlangen mit der Würdigung verknüpffet, und daher vergrössert, heisset (21.) Eifer (Zelus). ...
*XXI. Gleicher Gestalt sind die Arten und Gattungen des Hasses denen vorigen entgegen gesetzet. Als nemlich (26.) die Meidung, (Fuga) oder Haß eines künfftigen* *Ubels: welche allezeit ein Verlangen, gleich wie der Haß eine Liebe mit sich führet. (27.) Der Abscheu, (Aversatio, Abominatio) oder Meidung mit dem Greuel verknüpffet.* *...
Der Sitten-Lehre Vierter Theil: oder Die Sitten-Prüfung (Semeiotica Moralis) Das* *ist Von denen Zeichen der Güte und Boßheit, unserer und frembder Leute Sitten, sampt der Weise dieselbe zu erkündigen.
Das II. Capittel Von der dreyfachen Sitten-Prüfung, nach dem Unterscheid der Sitten selbst.
[S. 193] I. Der fürhin angemerckte Unterscheid der ^#.[allgemeinesten,
Geschlecht-Weise*^#.], und ^#.[
~~beobachten: weilen diese dreyerley unterschiedene Nutzen bringen, auch unterschiedene
Hülffen eine der andern leisten, so dann unterschiedene Gewißheiten, auch unterschiedene
Schwierigkeiten haben. ...entzelweise^#.] gemachten Sitten-Prüfung ist wol zu
Anhang Von dem jenigen, was auf diese Sitten-Lehre weiter noch zu bauen.
[S. 286] I. ... Dann einmahl die aus jedweder herschenden Sünden entstehende
grosse Verblendung, nicht zulässet, daß man der obigen allgemeinen Lehre eigentlichere
Application oder ^#.[Anbequemung^#.] auf seine Laster, womit man selbst behafftet, so
leichtlich ohne viel versehen und versäumen, als mancher wol meinet, sonder genauere
Anführung mache. ...