Series VI Band 4 · No. 446.
Kurze Schrifft ob die Religion oder Gottesfurcht der Menschlichen Vernunfft gemäß sey, aufgesezet durch Georg Herzog von Buckingham 1685
[Frühjahr bis Sommer 1685 (?)]
RELIGION. DEUTSCHE ÜBERSETZUNG
[Frühjahr bis Sommer 1685 (?)]
Kurze Schrifft ob die Religion oder Gottesfurcht der Menschlichen
~~Vernunfft gemäß sey*,
aufgesezet durch Georg Herzog von Buckingham
1685*~~
~~*Vorrede an den Leser
~~Als ich anfing von dieser materi zu schreiben, geschahe es auß bloßer begierde zu erfahren, was ich auß der Vernunfft gegen solche Leute sagen köndte, die sich einbilden daß die Verachtung der religion ein sonderbares zeichen der scharffsinnigkeit sey. Und weilen ich wenig schrifften von diesen dingen gesehen habe, so nicht langweilig seyen, habe ich mich zum wenigsten befleißen wollen, diese so kurz zu machen, als ich kan.
Drucken habe ich sie laßen, weil ich solches nicht hindern können, indem einige denen ich dieses zu lesen gebe es andere abschreiben laßen, die es drucken laßen wollen, und würde mir eben so wenig angestanden haben dagegen zu bitten, als darumb anzuhalten; gleich wie es mir auch iezo da es gedruckt nicht anstehen würde meinen Nahmen zu verleugnen.
Die umbstände und gelegenheit dieser Schrifft haben mich gezwungen mit einer gewißen Meinung solche zu schließen, deren ich mich längst verführet gehalten, nehmlich ~~daß nichts mehr Wieder Christlich, und der Vernunfft zu wieder sey, alß unsern Neben Christen beschwehrlich zu fallen, weil sie nicht eben in allen dingen, so die gottesfurcht betreffen, genau mit unser Meinung übereinstimmen können.*
Und wer die große menge deren bedencket, die in glaubens sachen von einander unterschieden sich unter uns finden, und wie schwach ein iedes theil insonderheit ist, gerechnet gegen die anderen alle zusammen, wird gewißlich glauben daß diese meinung dem gemeinem besten gemäß sey.
Dafern nun eine ernstliche betrachtung des gegenwärtigen zustandes dieses
Königreichs iedem zur genüge ins herz dringen und ihn dahin arbeiten machen köndte
daß die wahre gewißensfreyheit befördert würde, dürffte ich noch hoffen glückseelige
tage in England zu erleben. Vero nicht, und da man das gegentheil thun wird, so darff ich
sagen, ohne mich für einen propheten außzugeben, daß das ende davon seyn werde ein
allgemeines unglück, eine entblößung unsers armen Englandes an Kräfften und manschafft,
und die gefahr einer fremden dienstbarkeit.
[Kurze Schrifft ...]
Nichts ist daß den Menschen mehr mißvergnügen bringet, als wenn sie sich in ihrer hofnung betrogen finden, sonderlich in einer materi daran ihnen Viel gelegen. Daher die so unfehlbare beweiß in glaubenssachen versprechen und in der außübung stecken bleiben, laßen ihren leser unandächtiger als er gewesen, und legen in deßen gemüth mit allen ihren fleiß einen grund zum unglauben. Denn die menschen insgemein sind entweder auß nachlaßigkeit oder weil sie ihrem verstand in etwas dunckeln dingen nicht trauen, mehr geneigt etwas auf ander worth zu glauben, als sich mit einer genauen untersuchung zu plagen; wenn sie sich aber zu solcher untersuchung einmahl durch einen der ihnen unfehlbare beweiß verspricht, verleiten laßen, und finden solchen nicht in der that, so schließen sie nicht allein, daß dieser sie betrogen, sondern fangen an auch die jenigen vor verdächtig zu halten, die dergleichen zu erst auf die bahn gebracht, ohne daß es bewiesen werden könne, und schließen wohl gar zu lezt, daß was nicht kan bewießen werden, vielleicht falsch seyn möchte.
Ich will derowegen in dießer Materi einen andern weg nehmen, und mich vergnügen zu zeigen, was meiner meinung nach am glaubwürdigsten oder probabelsten sey. Maßen ein volliger beweiß oder demonstration in glaubens sachen ganz nicht nöthig und wenn ich einem beweißen kan, daß eine meinung mehr der wahrheit als dem irrthum ähnlich, so steht es nicht in seiner macht sie nicht zu glauben. Denn man glaubet die dinge nicht, weil man will oder nicht will, sondern weil man die wahrscheinligkeit findet, welches alles das jenige ist, so die Religion, in so fern sie in der theori bestehet, von uns erfordert.
Uberdieß, weil die demonstration eine solche handgreifligkeit ist dadurch man findet, daß das gegentheil unmöglich sey, so ist es etwas ungereimt geredet, wenn man sagt, daß man das jenige glaube, so man gewiß weiß nicht anders seyn zu können, welches eben alß wenn einer sagen wolte, er hoffe das jenige, so er bereits besizet. Da doch die gewißheit den glauben eben so wohl verschwinden machet, und gleichsam verschlinget, als die genießung das hoffen.
Weil nun mein Vorhaben ist, die Religion durch die bloße Krafft der vernunfft zu behaupten, bin ich gezwungen alle die jenigen beweisthümer an die seite zu legen, welche einiger maßen sich auf die heilige schrifft gründen, und werde derowegen also schreiben, als ob ich mit leuten zu tun hätte, die gar keine religion nicht haben.
Die erste hauptfrage, darauff ich diese meine schrifft gründe ist, welches der
~~wahrheit ähnlicher sey, daß die welt wie sie nun ist, sich selbst eingerichtet,
oder daß ein mehr vollkommenes und verständiges wesen, sie
gebildet.* Denn ob die welt aus nichts geschaffen sey, gehöhrt hieher nicht, und wofern*
*nur eine überschwenckliche weisheit uns und die welt gemacht hat sind wir derselbigen
eben soviel furcht und ehre schuldig, als ob sie uns aus nichts geschaffen hätte, doch weil
diese frage nicht so gar zu übergehen als habe einige meine gedanken darüber beybringen
wollen.
Der vornehmste einwurff gegen die Erschaffung der welt, bestehet darinn daß niemand begreiffen kan, wie auß nichts etwas werden könne.
Darauf ich antworte erstlich, daß solche weise etwas zu wiederlegen nicht hoch zu schäzen sey, daß man nehmlich sagen will, etwas könne nicht sein, weil wir es uns nicht können einbilden, da doch eben so wenig zu begreiffen wie die welt könne ewig seyn, als wie sie könne auß nichts entstehen.
Folgends so düncket mich daß eine solche nicht länger bestehe, als sie unverändert bleibet, denn so bald sie auch in dem geringsten theile geändert wird, so ist das ding, als es zuvor gewesen, nicht mehr in der Natur,
drittens daß ieder theil der welt darinn wir leben sich alle augenblick verändert. Darauß folget, daß die ganze welt auch verändert wird, wenigstens in diesem theile, weil sie ja aus allen stücken bestehet, und kan man dahehr nicht sagen, daß diese welt viele jahre gestanden, sondern nur, daß alle ding in der welt von vielen jahren hehr sich geändert.
Diesem zu entgehn werden die so der welt ewigkeit behaupten, gezwungen zu sagen, daß nur die materi, nicht aber die Zufalligkeiten oder Accidentien geändert werden, allein sie selbst lachen die Römisch-gesinneten auß, wenn sie vorgeben, daß in ihrer verwandelung, das wesen des brodts aufhohre, und nur die zufalligkeiten bleiben; da doch ihr eigen vorgeben nicht umb ein hahr beßer, und eins so ungereimt ist als das andere, sagen, daß die materi bleibe wenn ihre Zufalligkeiten sich ändern, als daß die Zufälligkeiten bleiben, wenn die materi oder substanz sich ändert. Und sind jene desto weniger zu entschuldigen weil sie alles kühnlich der Natur zuschreiben, da hingegen die Römischen gestehn, daß ihre meinung ein geheimnüß sey.
Und damit man die schwachheit dieser ihrer meinung beßer sehe, so laßet uns ein wenig untersuchen was ein accidens oder eine Zufälligkeit eigentlich sagen wolle: Ein* *Accident ist ja nicht ein absonderliches wesen, so von dem corper oder der materi unterschieden sondern giebt allein zu erkennen, auf was für weisen eine sache könne betrachtet werden. Zum exempel so fern wir beobachten, daß ein Cörper eine länge, geruch, geschmack hat so betrachten wir solche länge, geruch, oder geschmack als ein accidens des Cörpers. Und ist unsere meinung dabey gar nicht, das etwas könne, länge,* *geruch oder geschmack haben, als was in der that der Cörper ist, wenn auch einig ding seinen [ge]schmack oder geruch verlohren, so komt es dahehr, dieweil ein theil davon, darinn der geschmack oder geruch zuvor gestecket, verlohren gangen also daß ich nach genauer untersuchung in den gedancken stehe, es können keine accidenzien ohne Veränderung des Corpers selbst, verändert werden.
Aber ferner zu gehen, wenn die frage ist, welches glaubwürdiger sey, daß die welt oder das gott von ewigkeit hehr gewesen, so düncket mich ich dürffe kühnlich das jenige so der contradiction am nächsten komt, weniger glaublich halten, was kan aber der contradiction näher kommen, oder einem selbstwiederspruch ähnlicher seyn, als daß das jenige ewig sey, oder allezeit währe, das in steter änderung bestehet, und nicht einen augenblick bleibet was es gewesen. Dahehr ich schließe daß einem andern wesen von mehrer vollkommenheit, so keiner änderung unterworffen solche ewigkeit mit mehr wahrscheinligkeit zuzulegen.
Dieses wesen nun von größerer Vollkommenheit nenne ich Gott, und die jenigen,~~
~~so auß einem närrischen wiederwillen so sie gegen den Nahmen Gottes tragen, es ~~Natur~~~~
~~nennen, haben keine andere Meinung davon, ob sie gleich den Nahmen andern und
dadurch weisen daß sie mehr eine ungereimte Ehrsucht vor Atheisten gehalten zu werden,
alß einigen grund dazu haben.
Die nächste frage besteht darinn ~~dafern ein Gott ist, ob es wahrscheinlich, daß er eine sonderbare sorge vor das Menschliche geschlecht trage, mehr als vor bestien und andere thiere.* Darauff ich dieses zu sagen habe, wie wohl gewisse geschlecht der thiere seyn, darinn einige Vernunft zu seyn scheint, daß dennoch solche die Vollkommenheit bey weiten nicht haben, so sich bey Menschen findet. Maßen niemals einiges thier das geringste Zeichen gegeben, darauß zu spühren, daß es einige gedancken von einer gottligkeit, oder von einer andern welt habe, dahingegen niemahls einiger Mensch gefunden worden, so nicht einige gedancken oder muthmaßung davon gehabt, mehr oder weniger. Darauß ich schließe, daß der Mensch, der göttlichen Natur näher verwand, und daher hinwiederumb glaublich daß Gott eine sonderbarere sorge vor uns trage.
Wofern nun Gott ewig, und etwas in Uns ist, so der göttlichen Natur verwand, so ist auch glaublich, daß dieses theil in uns nicht sterbe.
Es ist auch wahrscheinlich daß was wir hochzuschäzen geneigt seyn, und vor die höchste vollkommenheiten und tugenden halten, zu der göttlichen Natur gehöhre.
Nun unter allen guthen beschaffenheiten oder tugenden, ist die Gerechtigkeit die jenige so iederman auch an anderen am höchsten schäzet, wenn er auch gleich selbst das glück nicht hat solche gegen andere zu verüben. Denn die Gerechtigkeit ist die tugend, so alle andere tugenden hochschäzen macht, ja sie ist die tugend ohne welche alle andere tugenden gleich als laster gehalten, und gehaßet oder mit einem abscheu angesehen werden.
Denn wer ungerecht, und doch sinnreich verständig und tapfer ist, vor dem hat man desto mehr abscheu, denn iemehr er geist, nachsinnen und nachdruck hat, ie gewißer wird er ein bößer schädlicher Mensch seyn, und wer keine gerechtigkeit, und doch viel Vermögen hat, vor dem hat man auch desto mehr abscheu, denn ie mehr er krafft hat desto mehr ist man gewiß, daß er ein bößer schädlicher Mensch seyn werde. Und daher halte ich dafür es sey ein sehr unvernünfftig ding, daß ein Mensch gottes allmacht zu erhöhen ihm seyne gerechtigkeit nehme, ohne welche doch die macht an sich selbst nichts als einen abscheu erwecket. Und, lieber, was kan doch immermehr der ehre Gottes mehr zu wieder seyn, als glauben daß er uns umb der dinge willen straffe, dazu er uns von aller Ewigkeit hehr versehen, daß ist dazu er uns zwinget. Welches eine solche that, deren ich kaum glauben kan, daß iemahls einiger Mensch, so grausam er auch gewesen im höchsten grad seiner rachgierigkeit sich schuldig gemacht. Und gleichwohl soll dieß eine beschaffenheit des höchsten vollkommensten gottes seyn, welches auch dem schlimsten menschen bey der elendesten gemüthsbewegung zu gering ist. Und daher ist meiner meinung nach der Vernunfft mehr gemäß zu glauben, daß gott der allmachtige uns aus Liebe zu dem Menschlichen geschlecht eine Unsterbliche Seele gegeben, daß ein Unsterbliches Wesen und ein freyer Will ihrer Natur nach von ein ander untrennlich und daher weil unsere Thaten von unserem willen hehrrühren, gott mit guthen recht uns in einer anderen welt belohnen und straffen könne, wegen des guthen und bößen, so wir in dieser welt begehn. Dieß aber sage ich nicht daß auch unsere beste thaten uns der höchsten freüde des himmels würdig machen, welches wir allein, wie auch alles andere guthe, vor eine bloße gnade und güthigkeit gottes zu erkennen haben.
So will ich auch nicht über mich nehmen, etwas von den unterschiedenen Stuffen der himlischen freude zu errathen. Unsere verdunkelte Sinnen laßen uns ebenso wenig zu von diesen dingen wohl zu urtheilen, als einem blindgebohrnen müglich wohl von farbe zu sprechen. So will ich auch keinesweges zu urtheilen über mich nehmen, wie lang oder viel gott der mahl eins straffen wird, denn eben die ursach so uns verbindet ihn zu halten vor einen gott der gerechtigkeit, zwinget uns auch zu schließen, daß er sey ein gott der gnade.
Dieß allein glaub ich gänzlich, daß ie mehr wir ihn lieben ie mehr auch er
~~uns liebe und ie weniger wir ihn lieben, ie ärger werde es vor uns seyn*.
*Gleichwie nun diese empfindung so wir von der gottheit haben, der grund unsers glaubens ist, also soll sie auch billich bey dem glauben unser Wegweiser oder leuchte seyn. Denn wofern dieß die starckeste ursach ist zu glauben daß gott mehr vor uns als andere thiere sorge, weil etwas in unser Natur ist so der Natur Gottes mehr verwandt als in allen andren thieren, so soll auch dießes theil unsers wesens, so gott am meisten verwand ist uns bey erwehlung unßer Religion und weiße Gott zu dienen, führen und leiten.
Darauß folgt nun meines bedünckens ein ander schluß, daß dieß eine der grösten Sünden, deren ein Mensch sich kan theilhafftig machen, sey, uns zwingen gegen die Religion zu handeln, die Gott in unserem Herzen erwecket, denn weil unsere innerliche empfindung von der verwandnuß mit Gott hehrrühret, so ist die versündigung dagegen etlicher maßen verwand mit der sünde gegen den heiligen geist.
Weil es nun glaubwürdig, daß ein gott sey, und daß dieser Gott das guthe und böße dieses lebens hernachmahls belohnen und bestraffen wird, derowegen so ist einem ieden hoch vonnöthen daß er genau und ernstlich untersuche, welches der beste weg sey Gott zu verehren und ihm zu dienen.
Wofern es nun wahrscheinlich, daß die empfindung von Gott die wir in uns haben, eine verwandschafft mit Gott ist so ist die Religion die beste welche uns dießjenige am meisten einbindet, welches dieser unser innerlichen empfindung nach wir vor tugenden zu halten geneigt seyn, und darff ich mich wohl erkühnen, daß die christliche Religion eben dieselbige sey.
Eben darauß folget auch, daß unter Christen die Religion die beste sey, welche tugend und guthen wandel am meisten treibet.
Und hier will ich einem ieden die Mühe über laßen, solche unter denen anderen außzusuchen, und für sich selbst zu wehlen, weilen ieder vor seine eigene Seele Gott rechenschafft zu geben hat.
Ich habe diese Schrift angefangen als ob ich nur mit denen zu thun hatte, so gar keine religion haben, nun aber wende ich mich zu den Christen, und hoffe, es werde es niemand übel nehmen wenn ich mit diesen unsers seeligmachens worthen endige: *bittet, so wird euch gegeben, suchet so werdet ihr finden, klopfet an so wird euch aufgethan*.
Nur bitte allein erlaubnuß allen denen insgemein so sich selbst Christen nennen, noch einige wenige fragen vorzustellen.
Erstlich ob einig ding mehr wieder die lehre und das leben Jesu Christi streite, als~~
~~andere in glaubens sachen zwingen wollen, und ob nicht die so es thun sie seyn von was
vor Kirche oder Secte sie wollen Antichristus seyn.
Vors andere ob etwas unmenschlicher, barbarischer, und lächerlicher könne erdacht~~
~~werden als eines menschen Verstand durch etwas anders als Vernunfftgründe
überzeugen wollen? Es ist ja so lächerlich, daß auch schuhljungen deswegen streiche
bekommen, wenn einer des anderen argument nicht mit vernunfftigen worthen, sondern
stößen beantwortet.
Drittens ob dieses thun nicht in allen landen verderblich gewesen, sie werden
gleich von einem allein, oder von vielen regiert, und ob nicht andere die das gegentheil
gethan, sich allzeit dabey wohl befunden.
Ich schließe mit dieser wohlgemeinten erinnerung, daß die vor vernünfftig und gewißenhafft gehalten werden wollen, andere durch guthen rath und guth exempel zu einem solchen leben zu bringen trachten sollen, dabey sie ihre seele erhalten mögen, und nicht ewig zancken noch ein ander umb das leben bringen, umb solcher dinge willen, welche ihrer aller geständtnüß, nach zur seeligkeit nicht durchauß nöthig seyn.