Series II Band 3 · No. 254.
LEIBNIZ ÜBER GABRIEL WAGNER
Hannover, 28. Mai (7. Juni) 1698. [253.]
Hannover 28 Maji 1698
Es hat Gabriel Wagner von Quedlinburg burtig mir aus Hamburg im Winter 1697 geschrieben, und gebethen, ich möchte ihm helffen, daß er beßer subsistieren und seinen unterhalt haben möchte. Weil ich nun in den Schrifften so er herausgegeben ein Ingenium und nachdenken vermercket, und vermeynet, daß sich eine sonderbare Liebe der wahrheit bey ihm finde, habe ich mir angelegen seyn laßen, ihm beforderlich zu seyn, dabey aber erinnert, er möchte in seinen Schrifften sich mäßigen, und von denen Reden enthalten, dadurch so viel gelehrte Leute angegriffen, und auch gewiße nachdenckliche Meynungen behauptet würden, welche ich nicht vor gegründet hielte. Und weilen sich eben zu getragen, daß der Hr Graf von Schaumburg und Lippe der seine Residenz zu Bükeburg hat, einen Ajutante di studio von mir begehret, so einige Nachricht in Mathematicis hätte, habe ich ihm wegen des Hrⁿ Grafen geschrieben, und den unterhalt nebst jährlich 200 thl. angebothen, darauff er auch gekommen, und sich bey dem Hrⁿ Grafen eingefunden.
Bei seiner Durchreise alhier hat Wagner mir erzehlet, wie er zu Leipzig, Hall, und Berlin unglücklich gewesen sey und von Hrⁿ D. Thomasio und andern verfolget worden; und wie der Hr von Fuchs nicht zulaßen wollen, daß er zu Berlin collegia zu halten anschlagen laßen dürffen. Ich habe bei ihm einen großen eigensinn verspühret, und dabey solche meynungen wahr genommen, welche ich ihm gern aus reden wollen, und wenigst gerathen, er möchte damit an sich halten. Zu Bükeburg hat er dem Hrⁿ Grafen nicht gefallen, sondern als selbiger ihn wiewohl ohngern auff sein anhalten mit nach Eger in den Sauerbrunn genommen, hat er ihn alsda abgedancket, und ihm einig geld gegeben, der Meynung seiner damit loß zu seyn.
Es ist aber W. ihm zurück in diese Lande gefolget, und hat wie er mir erzehlet, unter wegens eine wunderliche aventure gehabt. Denn als er durch Helmstadt gereiset und alda mit dem Postwagen abgeleget, hat ihn ein Weibsmensch im Posthause gesehen, deren Vater seinet wegen weiß nicht was vor unglück gehabt. Als nun das weibsmensch so alda (glaub ich) gedienet, ihn angeredet und gefraget, ob er nicht der und der wäre. Er aber es verhehlen wollen, hat das Mensch ihn so schimpflich angegriffen daß die Reise Geferten samt dem Postillon bewogen worden ihn darüber zu rede zu setzen, weilen das Mensch beständig und mir vielen umbständen versichert, er wäre zu Leipzig ganz schimpflich verwiesen worden. Daher sie ihm bedeutet, wenn er das Mensch nicht deswegen alsbald gerichtlich vornehme, wolten sie ihn in ihrer Gesellschaft nicht dulden, also daß sie ihn gezwungen zu einem Advocaten zu gehen, und demselben vollmacht gegen das Mensch zu hinterlaßen, es ist auch einer von der Compagni mit dahin gangen. Alß sie auch fort gereiset, haben sie ihn zwischen Helmstadt und Braunschweig sehr schimpflich gehalten, und hatte es nicht viel gefehlet, daß sie ihn zugedecket. Der Postillon auch hat ihm etwas von seinen Sachen verlohren, und die ubrigen wegen weis nicht was vor streit zwischen ihnen nicht abfolgen laßen wollen, sondern in dem hause da sie zu Braunschweig abgeleget nieder gesezet, also daß er die sachen erst hernach mit hulff des Burgerm. kaum erhalten.
Als nun W. also zu Hanover ankommen hat er mich gebethen bey dem Hrⁿ Grafen vor ihm noch umb einigen Nachstand anzuhalten, so der Hr Graf aber abgeschlagen, ihn als er nach Bukeburg kommen, aus dem schloß weisen, und seine Sachen hinaus in die stadt tragen laßen, auch ihm hernach ferner selbst in Hanover angedeutet daß er ihm nichts mehr geben wolle. Darauff W. mich umb hulffe gebethen, daß er nacher Wien möchte reisen konnen, weilen er vermeinte Kayserl. Mt sehr wichtige Dinge anzutragen zu haben. Ich habe ihm aber bedeutet, daß eine solche reise ohne zimlich geld zu thun wieder alle Vernunfft; ich wolte ihn aber inzwischen einen gewißen laborem zu dienst der Herrschaft in Historicis auftragen daß er biß zu einer anderweitigen gelegenheit seine substistenz finden köndte. Habe ihn darauff mit nacher Wolfenbutel geschickt und ihm alda bucher geben laßen, darauß er gewiße Historica excerpiren sollen. Unterdeßen aber sowohl zu Hanover als Wolfenbutel vor ihn bezahlet, als ich aber zu Zeit der Braunschweiger Sommer Meß selbst nach Wolfenbutel kommen, habe ich befunden, daß nichts geschehen und daß er sich mit allerhand lecturen aufgehalten. Daher ich ihm gerathen, weil eine stelle bey dem Gymnasio zu Göttingen ledig, sich dahin zu begeben, selbst aber ihn zu recommendiren bedencken getragen. Er ist aber alda zu spät und bald darauff wieder zu mir nacher Hanover kommen
Nun hat er immer mehr und mehr seine böse art entdecket, und sich nicht gescheüet vor zu geben, ich wäre schuldig ihm wieder zu helffen, weil ich ihn aus Hamburg bracht alda er (scilicet) so wohl gewesen, und was der boßen mehr, da er doch so hoch gebethen ich möchte ihm eine gelegenheit zu seiner subsistenz verschaffen, und ich nichts andres gethan, als ihm des Hrⁿ Grafen vorschlag zu überschreiben ohne etwas zu rathen. Nun hatte ich zwar große ursach gehabt die Hände von ihm abzuziehen, ich betrachtete aber nicht sowohl was er verdienet, als den elenden zustand darinn er sich befand, und entschloß mich endlich nicht allein ihm vorzustrecken, was zu seiner auslösung und Kleidung nöthig, sondern auch ihn abermahl zu Wolfenbutel zu einer andern arbeit zu gebrauchen da zu er bequem erschiene. Nahme ihn derowegen mit mir dahin und erhielte bey Hrⁿ Herzog Anton Ulrichen Durchl. daß sie ihm den tisch bey der Academi geben und daneben quartaliter 30 thl. reichen zu laßen sich gnädigst entschloßen, und solte er dafur an dem Catalogo reali Bibliothecae arbeiten. Er hat sich aber alda so wunderlich betragen, daß ihn einige junge Edelleute als einen Narren zu tractieren angefangen, und auf viele weise beschimpfet, und weil der Hr von Steinberg, so als obermarschall die oberinspection hat nicht sofort die sach remediren konnen, hat er mir in gar ungereimten terminis von ihm und andern geschrieben; ist auch endtlich gar davon gangen, und zu fuß nach Hanover zu mir gelauffen gleich als ob ich in allen seinen abgeschmackten unternehmen ihm helffen müßte. Ich habe mich doch über ihn erbarmet, ihn abermahls auff der Post zuruck geschickt, und weil ich bald darauf in den lezt verwichenen Osterfeyertagen nach gewohnheit zu Wolfenbutel mich eingefunden, habe ich dahin gebracht, daß Hr Herzog Anton Ulrichs Durchl. ihm abermahls 30 thl. auszahlen laßen, und er wieder auff der Academi introduciret und dabey denen jungen Leuten in nahmen der Herrschaft scharff eingebunden werden sollen ihn mit frieden zu laßen. Als ich aber daruber mit solchen verlaß verreiset, hat er neue schwuhrigkeiten gemacht und anstatt der abrede nach sich auf die Academi wieder fuhren zu laßen, etwas schrifftliches an den Hrⁿ Obermarschall abgehen laßen, ihm so zweifelsohne impertinent gewesen sey muß, weil dieser ihm darauff die dimission ankündigen laßen.
Er ist darauff iezo zu mir wieder nach hanover Donnerstag den 26 Maji kommen und hat geld von mir haben wollen, umb nacher Franckfurt zu reisen, als ich ihn aber darauf befraget was er dann mit denen papieren gemacht die ihm behuf des Catalogi Realis Bibliothecae Augustae zugestellet worden, hat er mir gesagt, daß er sie in seinem quartier liegen laßen; und als ich ihm das verwiesen, mit dem bedeuten daß an den geschriebenen Sachen gelegen, und er sie vor allen dingen wieder zu liefern schuldig, auch denen secretariis so die Bibliothec beobachten einhändigen sollen, hat er so trotzig geantwortet, daß ich mich von ihm abgewendet, und ihn von mir gehen laßen, so er mit ungestüm gethan und (welches lächerlich) dieses zulezt gesagt, so gehe es, undanck sey der welt lohn; gleich als ob ich ihm, und nicht er mir schuldig wäre, und ich nicht seine obligation wegen eines theils deßen so zu seiner subsistenz gethan, in handen hätte.
Sein ungluck scheinet von einem unglaublichen stolz hehr zu kommen, den er bey sich heget. Denn weil er von schlechten ansehn, und nicht wohl zu leben weiß, auch nicht wohl redet, und doch wenn er redet alles tadeln will auch solche sachen saget die wieder die angenommene Meynungen lauffen und den leuten wunderlich vorkommen, so wird er gar bald verachtet und ausgelachet; wenn man nun doch dabey seinen stolz spühret, so fangen die Leute an ihn zu beschimpfen, und wollen ihm weisen, daß stultus und stolz auff einem holz wachsen. Zu Leipzig hatte er glaub ich einer gewißen schlechten frau etwas so sie von ihm gefordert auff des Rectoris außspruch nicht geben wollen, und weilen er sich in worten gegen den Rectorem und Professores vergriffen, hat man ihn ins Karzer gestecket, alda er lange blieben, weil er es immer mit worten ärger gemacht, also daß es nicht viel gefehlet daß er nicht darin rasend worden, weil er endtlich nicht mehr eßen wolen, haben ihn also aus besorgung eines tragischen ausgangs loß gelaßen, und in perpetuum weis nicht ob cum infamia relegiret. Daher er einen großen haß, nicht nur auff Leipziger sondern auch andere Professores geworffen, und sonderlich auff Logicam, Metaphysicam und Ethicam die er vor keine scienzen halten will.
Von Leipzig hat er sich nach Halle begeben, ist aber alda mit Thomasio zerfallen, weil dieser seine grillen und gefahrlichen meinungen nicht billigen wollen[.] Er hat auch ein buch gegen Thomasium geschrieben unter dem Nahmen Realis de Vienna, weil er sonderlich guth Kayserl. seyn will, und nur reale wißenschaft hoch schazen, dergleichen seiner meinung nach die Logick und Metaphysick nicht ist; weilen es nun alda auch nicht mit ihm fortgewolt, komt er nach Berlin, insinuiret sich bey Hrⁿ Stoschio geheimen secretario, von dem er angenommen worden sein Kinder zu informieren; als aber Stoschius ihn angefangen recht zu kennen und seinen narrischen stolz gesehen, hat er ihn dimittiren müßen. Darauff wolte er zu Berlin lesen, so ihm aber verbothen worden und gibt er Thomasio schuld, daß der dem Hrⁿ von Fuchs gegen ihn geschrieben. Hr Cuneau geheimer secretarius hatte sich seiner erbarmet, und einige seiner versezten Sachen eingelöset, scheinet aber nicht daß er guth gefunden sich seiner weiter anzunehmen. Darauff kommt er nach Hamburg, und hat alda bald händel mit den gelehrten, weil er gewiße vernunfftübungen herauszugeben angefangen so aber bald liegen blieben, und ist eine spötliche lateinische scharteque gegen ihn herauskommen. Von Hamburg ist er oberzehlter maßen zu dem Hrⁿ Grafen zu Bückenburg kommen, alda er auch unglücklich gewesen zweifels ohne weil der H. Graf auch einen importunen stolz bey ihm gespuhret, dahero als er sich wieder nach der Egrischen reise alda eingefunden, er schimpflich aus dem schloß gewiesen, und von dem hofgesinde verspottet worden. Hr Probst Müller so als Professor zu Jena ihn unter seiner disciplin und im hause gehabt, als er noch ein junger Mensch gewesen, sagte mir, daß er ein böser mensch, an dem hopfen und malz verlohren, habe seinen eigenen Bruder einmahl übel tractiret und sonst unzahlbare Narren poßen vorgenommen; erzehlte mir auch wie ers bey Hrⁿ Stoschio gemacht.
Seine principia sind[:] die welt selbst sey Gott und geschehe alles darinn bruta necessitate, ohne providenz und ordnung so auff das guthe sehe, welches er mir so gar schriftlich gegeben als ich ihn von dergleichen schadtlichen meynungen befreyen wollen. In zwischen hat er doch wunderliche einbildungen de magia et somniis, meinet es stecke darinn was sonderliches, komt mir also vor wie Duson der glaubte nicht an die Bibel und glaubte doch an Nostradamus. Weil er sich auch unglucklich siehet und doch meinet er hatte groß gluck verdienet, so ist er umbsoviel mehr dagegen wenn man sagt gott regire alles weislich, belohne das guthe und straffe das böse; sagt man ihm vom künfftigen leben, so lacht er drüber. Sonderlich wird er böse wenn man sagt[,] ein jeder mensch sey gemeiniglich sibi faber fortunae, denn er will nicht zugeben, daß er schuld an seinem ungluck sey, da ers doch mit handen greiffen kan. Die Logick, Metaphysick und Ethick kan er ganz nicht leiden, da doch ihm nichts mehr von nothen ware als eben diese wißenschafften; die logick der vernunfft zu folgen die Ethick die Affecten zu zwingen und die Metaphysic, von gott und der seele rechte meinungen zu haben. Inzwischen will er von physick und mathesi viel sagen, die er doch nicht verstehet; will dabey ein großer politicus sein. Seyn Capital Werck soll sein[,] Deutschland zu helffen, theils die erudition von joch der Logick zu befreyen; theils dem Kayser guthe anschläge zu geben, hat Bechers grillen gelesen, und glaubt deßen auffschneidereyen als Evangelia. Sonderlich ist er ein feind der rechte und freyheiten der Teutschen Fürsten und stände; scheinet daß er sich dadurch zu Wien zu insinuieren vermeinet. Er ist aber auch dabey ein feind der geistl. aller orthen. Die Franzosen kan er auff den todt nicht leiden. Hat ein buch unter dem Nahmen Teutschlands Ehre geschrieben, darinn er auch viel gelehrte Leute unter den Franzosen verächtlich halt nur weil sie Franzosen seyn. Er vermeinet durch dieses buch dermahleins seine fortun zu machen, daher sucht er nicht mehr als daß es gedrucket werden möge, wolte aber gern viel geld vom Verleger haben. Er meinet auch durch das buch werden allen Leuten die augen aufgehen und große Herrn würden ihn suchen. Wenn das nicht angehe, sagt er, so wurde er desperieren, scheint fast als ob er des vorhabens sey, wenn er durch schrifften seinen haß gegen andere ausgeübet, sich selbst umbs leben zu bringen, denn ander wohlstand ist ihm Gifft und Galle und haßet er die welt die er doch vor gott halt, weil er vermeinet, daß ihm darinn so unrecht geschehe.