Series II Band 2 · No. 257.

EHRENFRIED WALTHER VON TSCHIRNHAUS AN LEIBNIZ

Kießlingswalde, 27. Februar 1694. [254.261.]

German

[ ... ] Was Mein Wertister Freund, von einer Societät gedacht in vorigen, und in ietziegen wieder Urgiren meine gedancken hierüber zu eröffnen; So vermeine; daß in Meiner Medicina Mentis, circa sextum impedimentum, in dem Remedio deßelbigen, weitläufftig davon gedacht (da die rechte Artem ditescendi pro Philosopho sed brevibus enthalten) an welchen orthe, auch eben dieß gedencke, wie Mein Herr ietzo referirt, daß Leute, die ohne Erben leben, und die Philosophie liebten, solche mittel hierzu desti[ni]ren solten; sed surdo narratur Fabula; es wird noch viel müße[n] davon geschrieben werden, ehe es Leute thun werden; man dencke was der Des Cartes, Gallilaeus etc. vor Leute geweßen, die viel sachen leicht hatten praestiren können; das andere nicht mitt großer mühe außrichten werden; es ist den Leuten genung bekandt geweßen, hatte es nicht Des Cartes in dissertatione de Methodo so deutlich gesaget, daß Er hülffe von andern verlange, aber wehr hatt es gethan, und ob zwar in Holland gutte anstalt hierzu Scheinet, Ich auch etwas hierin schon lange gearbeitet, so sehe doch keine große apparenz hierzu; deßwegen Mich wohl bedünckt; daß kein beßer expedienz, als das zuletzt bey erwähnten Remedio gedacht, aber brevibus; daß es nur kluge mercken wohin ziehle. Nehmlich was Mich betrifft, so habe Mir erwehlet die Opticam zu excoliren, und wan Mir gutte Freunde an der hand stünden; so wollte so viel lucriren als Mir iehmahlen und andern zu Philosophiren nöthig: Ex. gr. Ich habe eine Machine die nicht leicht iemand erfinden wird, und wan iemand drauff kähme; so hatt Er nicht bald die Commodität so alhie auff dem lande habe, in städten gehets nicht so wohl an; da kan lentes Opticas von unglaublicher größe, und so vollkommen verfertigen; als iemahls das kleinste glaß geschlieffen, und poliret worden. [ ... ]

[ ... ] wie Ich nun also hierin verfahre, so solten andere gelehrte leute auch thun; wir wolten bald einen considerabeln fond haben; dieser fond nun müste destiniret sein vor alle Membra der Societät. Aber die gröste difficultät ist was die Membra selbst anlangt; dan vorerst müste keiner darzu genommen werden; als der gewieß in einer gutten Methode was außzufinden wohl exerciret; zum andern Einen Eügnen trieb und Ardorem was außzufinden hatt; das ist daß seine Passio Dominans, die über alle seine ander Passiones; sey die Erforschung der warheit; 3tes daß Er kein lucrum nicht ansehe wie mein H. wohl saget kein Mercenarius sey, die warheit vor sich selbst, und Ihrer großen Vergnügung wegen hoch schätze und liebe ohne ansehung einziges zeitlichen nutzens; 4tes: Gloriam so hoch zwar aestimire, daß Er in der weld in gutten ansehen als ein Ehrlicher Man lebe, und in gutten concept bey iederman sey; aber in Scientiis solches durch aus nicht ansehe: was solches vor großen schaden dem Augmento Scientiarum bieshero gethan, werde in der Newen Edition Medicinae Mentis, in einer Präfation darthun; Ich bin Gottlob! von dieser Passion so herunter; daß wan Leute Mir gelegenheit wolten machen das inoffenso pede in untersuchung der warheit köndte fortgehen: Ich wolte alle meine inventa (die gewieß ohne Vanität in publicirung Mir einen großen nahmen solten machen) communiciren, auch was noch finden würde, und wie Ich drauff gefallen, und verlangte nicht in geringsten vor den Authoren zu passiren; sondern es möchte unter der Societät Nahmen publicirt werden: daß kein Mercenarius bin. Erweise klar dardurch; daß alle gelder so in Opticis inventis oder andern sachen fallen werden nicht vor Mich; sondern vor dergleichen Societät destiniret sollen sein, da nicht mehr als pro rata auff Meine persohn felt habe. Mein H. zeuge Mir dergleichen Leute von diesen berührten Eügenschafften, so wihl gerne Mich einlaßen, und Ein Membrum mitte abgeben. Aber Ich sorge Es sind leyder! wenig die die warheit einzig und allein Ihres grosen Nutzens wegen so Sie dem Menschlichen geschlechte bringen würde lieben; sondern nur Ihres particulieren geld oder Ehrgeitzes wegen. Doch genung von diesen, indem Mich der Ardor Scribendi von einen so löblichen instituto bies zum 3teⁿ bogen kommen laßen. [ ... ]