Series II Band 1 · No. 62.
OTTO VON GUERICKE AN LEIBNIZ
Magdeburg, 6./16. Juni 1671. [54.75.]
WohlEdler Vest. undt Hochgelarter,
Insonders großgünst. hochgeehrter Herr,
Deßelben angenehmes de dato Franckfurth den 3 Maii, habe allererst den 11 Junii Stil.
Nov. vom hiesiegen Buchführer, auch dabey daß Tractätlein, mit dienstlicher bedanckung, zu
recht erhalten; Verstehe anfanges daß Meinem hochgeehrten Herren, nebest andern vornehmen
liebhabern verlange nach meinem Tractat de Spatio Vacuo, welchen zu drücken Herr Johan
Janson von Waeßberge zu Amsterdam, vor länger den 11/₂ Jahren uff sich genommen, Wir
haben einen richtigen Contract mit einander, Er aber differiret daß werck von einer zeit zur
andern, mit guten vertröstungen, Also daß ich davor halte, Er habe so viel zu drücken uff sich
genommen, daß eines nach dem andern warten muß, welches mihr dan zu schaden nicht allein
gereichet, sondern meine Jahre kommen heran, undt wehre beßer daß es zeitig genuch
bey meinem leben herauß kehme; Ich wünsche nuhr daß andere Ihn auch hart anmahneten, so
müste Er desto ehender forth; Ietzo gibt Er nuhn wieder die vertröstung gegen künfftige
herbstmäße, wohferne daß Buch nicht zu groß; da ich Ihm doch geschrieben, daß es über 31/₂
alphabet in fol. nicht werden wirdt, Die drey ersten Bücher nebest allen kupffer Platten, deren
20, habe ihm schon vorm Jahre zugeschicket, Undt weil dieses Buch nicht hoch ins geldt
lauffen wirdt, weiß ich gewiß, daß Er in 3 Monaten alle materien loß werden kan.
So viel daß hauptwerck betrifft, bestehet alles vornehmblich uff die rechte verständnüs
oder erkendnüß des Universalis vasis seu Continentis omnium rerum, welches ich zwardt brevi
verbo Spatium nenne, aber nicht in solchem verstande, ut Vulgus Spatium secundum trinam
*dimensionem concipere solet, sed in quo omne corpus seu omnis substantia suum
esse vel subsistere aut habet aut habere potest: quod nulli cedit, nec tantum cedit
quantum est corpus receptum, sed permanens est atque immobile, ubique in omnibus per
omnia, sive corporea vel incorporea, cuique nihil infert esse hic vel alibi, repletum vel inane.*
Davon dan so deütlich in meinem Buche gehandelt wirdt, daß unmüglich zu contradiciren;
Anfangs werdenß zwardt Paradoxa zu sein düncken, undt sich viel opponenten, aber hernach,
wan erst gespühret worden, waß es vor ein licht in allen natürlichen dingen geben wirdt, sich
desto mehr defensores finden. Zu mehrer nachricht, überschicke einige Exemplaria librorum et
Capitum hujus mei tractatus.
Daß mein hochgeehrter Herr schreibet: An verum sit, quod narraverunt, me posse globum
in aëre libero pendentem alterius applicatione, novo quodam Magnetismi genere circumducere,
Daß wirdt gewiß die kugel sein, davon in lib. 4, cap. 15, außführlich geschrieben. Eß
sindt unterschiedliche mineralia so mit Schwäffel, in eine ronde kugel, in
der größe zwoer faüste groß, zusammengegoßen: Wodurch einige Virtutes Mundanae
(wie ich sie nenne, davon daß gantze 4te Buch tractiret) oculariter demonstriret werden;
Also: da Tycho de Brahe schreibet: Er wolte gerne dem Copernico beypflichten, wan nicht der
Erdboden ein so schwär Corpus wehre, hergegen demonstrire ich hirdurch, daß der Erdboden
nicht so schwär alß die allerleichteste Plumula sey. Item gedencket Galilaeus in seinem tractat:
Daß man nicht begreiffen könne, wohher es komme, daß der Mond immer der Erden folge,
undt auch immer eandem faciem gegen dieselbe behalte. So demonstrire ich mit derselben
kugel, daß solches durch sonderliche Virtutes Mundanas geschehe, Ex. gratia: Wan die kugel
zuvor etwaß mit der handt überstrichen, undt sodan eine gar leichte Plumula daran
gehalten wirdt, so zeügt die kugel die Plumulam anfangs an sich, stoßet sie aber baldt
wiederumb so weit abe, alß es ihr orbis Virtutis vermagk, undt woh also dan die kugel
hingehet, da gehet auch die Plumula in der lufft schwebende hin, so daß man sie uff jedes
begehrtes punct, ia uff jemandes Nase bringen kan; Sie behelt auch immer eandem faciem,
globum versus, so daß man sie vermittelst dieser kugel in der lufft umbdrehen kan, wie man sie
haben will. Item es können gar viel andere wunderbahre dinge durch diese kugel demonstriret
werden, so daß man siehet, daß nicht eine, sondern etliche viventes virtutes darinnen verborgen,
gleich wie man vom Magnetstein siehet, in welchem die virtus directiva Telluris, kein mehrers
aber, stäcket; Also hirinnen andere virtutes, so zu weithlaüfftig zu schreiben etc.
Anlangend meines hochgeehrten Herrens zugeschickten tractat, so sehe darauß daß derselbe
omnia naturae mira dem Circulato aetheri cum luce circa terram undt also auch vim
elasticam, gravitatem, magnetis directionem etc. zuschreibet. Nuhn laße demselben billig seine
vernünfftige sententiam salvam et integram; nach der meinigen geringen aber, ist Aether nichts
anders den daß Spatium purum extra aëream sphaeram in summa altitudine longe lateque
circumfusum. Es schreibet zwardt einer: Quod Spatium a Terra ad ultimum usque mundanorum
*corporum terminum, quod quidam Expansum, Veteres Aetherem vocant, liquidissima aura
refertum sit: et ita quidem refertum, ut nihil sit in rerum natura adeo solidum et durum cujus
poros non penetret, eo fine a Deo constitutum, ne alicubi Vacuo locus concedatur.* Deme
antworte ich: Quia Aura nihil aliud quam rarissimus aër, aër
Eß sindt zwardt auch andere gewesen denen ich die machinulam, worin daß summum Vacuum exhibiret wirdt, davon daß Cap. 8. lib. 3. handelt, gezeyget (deßfals sie auch gestehen müßen, daß darauß augenscheinlich zu sehen undt zu märcken, daß intra aëream Sphaeram von keinem Menschen, es mit demonstrirung des Spatii Vacui, könne höher gebracht werden) die haben wollen vorgeben, daß ein subtilior aër vel aura oder aether so glaß undt alle metallen penetriren könne, ad implendum ejusmodi vitrum evacuatum müße wieder hineinträten; hergegen aber war opponiret worden, doferne solch aether verhanden wehre, der glaß undt andere metallen penetriren könne, daß derselbe auch von anfange schon müße in vase isto vitreo sein, es sey repliret mit welcher materi es wolle; Dann kan ein solcher aether in daß evacuirte vas vitreum succediren, warumb solte er nicht zuvor schon in alle die materi wohmit daß glaß erfüllet gewesen, würcklich sein? Haben derowegen entlich gestehen müßen, daß keine aura oder corporeum quid, ia auch kein also genanter aether, sondern daß Spatium Purum müße hinnein geträten, oder vielmehr schon darin gewesen sein; Dann weil daß glaß die penetrirung nicht hindern kan, so hat sie viel weniger daß waßer oder die lufft im glase hindern können, et per consequens ist die penetrirung schon geschehen, ehe undt bevor daß glaß evacuiret worden.
So viel den motum oder vielmehr die lationem Planetarum circa Solem concerniret, so ist
hirbey mein weniges sentiment auß meinem tractat geschrieben (wie wohl es sich uff die
Virtutem impulsivam undt lationem Telluris referiret, so aber zu weitlaüfftig, undt daher nicht
so wohl wirdt können begriffen werden) worauß abzunehmen, daß wohferne ein solch aether,
der nicht von einem Puro et ab omni materia vacuo spatio verstanden wirdt, solte verhanden
sein, selbiger die lationem periodicam Planetarum nicht alleine verrücken, sondern auch,
wegen der großen distantz, so da ist zwischen der Sonnen undt Planeten, die virtutem Solis
(welche man sonst radios Solares nennet) debilitiren, impediren, oder auffangen
würde, da hergegen in daß Spatium purum, nichts kan agiret oder effectuiret noch durch
daßelbe ichts waß impediret werden.
Die gravitas woher solche entstehe, wirdt mit gedachter Schwäffelkugel augenscheinlich demonstriret, undt weil der Erdboden per virtutem conservativam, alles waß ihm dienlich, an sich helt, consequenter auch die lufft, alß bekömbt sie dadurch zugleich eine gravitatem, per quam se ipsum premit, worauß die vis elastica entstehet, davon ich gar unterschiedene Experimenta; Wohmit aber weitleüfftiger meinem hochgeehrten Herren bey andern vielen geschäfften nicht magk beschwährlich fallen, zumahln schon ietzo geschehen, daß wieder verhoffen ich mit diesen zu weitleüfftig gegangen bin. Empfehle denselben der Göttlichen vorsorge, undt verbleybe
Meines hochgeehrten Herns allezeitt bereitwilligster Diener Otto von Guericke.
Magdeburgk den 6/16 Junii Ao 1671.