Series II Band 1 · No. 58.

LEIBNIZ AN HERZOG JOHANN FRIEDRICH VON HANNOVER

Mainz, 21. Mai 1671. [42.59.]

German

Durchleuchtigster Hertzog, Gnädigster Fürst undt Herr.

Nachdem ich von dem Hrⁿ Baron von Boineburg, alß meinem sonderbahren förderer verstanden daß Ewer Hochfürst. Durchl. dero mir ehemahlen erzeigte hohe gnade annoch continuiren, alß habe meine unterthänigste schuldigkeit zu sein erachtet bey dieser gelegenheit zu bezeugen, wie sehr ein so unverdientes glück mich vergnüge, undt waß eß mir doch auch hingegen für unruhe erwecke, so lang ich nicht in der that erweisen kan die unterthänigste devotion so zu Ewer Hochfürst. Durchl. ich schuldigster masen trage.

Ewer Hochfürst. Durchl. geruhen sonsten sich gnädigst zu erinren, waß einßmahls von vorhabender Rationali jurisprudentia ich unterthänigst berichtet, undt welcher gestalt ich mich getrawe, solche in dergestalt wenige, clare, undt bißher fast unberührte Regeln zu bringen, daß wer dieselbe sich eingebildet, oder gleichsamb in einer taffel vor sich hat, darauß alleß waß nicht allein in Römischen Rechten vernunfftmäsig erörttert, sondern auch iemahlß sich zutragen undt gestritten werden kan, leicht undt gründtlich entscheiden könne. Wie auch im Process solche newe vortheil anzugeben, daß mann zu aller betrangten wohlfarth, zu erhaltung der Justitz, zu abwendung der ruin so vieler familien mitt einer so viel möglich sicheren geschwindigkeit zur warheit kommen könne.

Gleich wie ich nun darinn Gottlob nicht wenig fortgang gehabt, undt zimblich auff den grundt kommen zu sein verhoffe, so werde doch durch die Römischen Rechte sehr auffgehalten, dieweil alle Leges deß gantzen Corporis juris gegen solche vernunfftmäsige gründe natürlichen Rechtß gehalten, in solche eingetheilt, undt also in eine natürliche ordnung bracht, undt entweder da sie eß leiden darauß geführt undt demonstrirt, oder aber da sie solchen zu wieder oder doch zum wenigsten etwaß auß blosem willen deß Gesetzgeberß dazuthun, auch solches ahngezeigt, undt die pur undt schlechter ding willkührliche Römische Rechte ebenmäsig in einem kurtzen alleß in sich begreiffenden undt zu entscheidung der iemahlß vorkommenden sachen gnugsamen Kern gleichsamb zusammen gepresset werden sollen.

Doch hoffe eß werde vielleicht der nutzen einbringen, waß die Langsambkeit geschadet. Dann weil mich die begierde so ich von Jugendt auff gehabt in diesen sachen auff einen beständig[en] grundt zu kommen, getrieben weiter zu gehen, undt die natur deß Gemüthß, der Gedancken undt Affecten zu untersuchen; so hab ich mitt suchen allezeit newe materie zu suchen funden, undt nicht geruhet biß ich zu den letzten ursprünglichen Gründten kommen, so in der von grosse, figur undt bewegung handlenden Kunst, das ist in der mathesi undt Physica sich befinden.

Diese arbeit ist auch ahn sich selbsten nicht unnützlich gewessen: dann in diesen Wissenschafften selbst ich eines undt das andere entdecket, so bißher nicht in acht genommen. Ich habe gewiesen waß die wahre ursach in den Dingen sey, warumb das eine leicht zu trennen, das andere aber auß fest zusammen haltenden stücken bestehet, so ich einer innerlichen subtilen bewegung zuschreibe, vermittelß deren iedeß theil auff seinen Nachbar dringet. Ich habe eine Hypothesin formirt und gewiesen, daß ein einiger von niemandt verneinlicher Universal motus ahn unser Erdtkugel fast aller wunderlicher Effecten der natur ursach sey. Nemblich ich setze daß die starcke bewegung so das Licht, oder der subtile mitt dem Licht oder Sonnen sich bewegende Aether, alle 24 stunden umb den Erdkreiß thut, eine ursach sey, gravitatis, Elaterii, et verticitatis, das ist: 1.) warumb die dinge so mann schwehr nennet zu boden fallen; 2.) warumb gewisse, gespannte oder gepressete dinge, alß gespante Bögen, federn in uhren, die gepressete lufft in den Windtbüchsen, etc. mitt solcher gewalt, so bald sie befreyet, sich in vorigen standt stellen. 3.) warumb der Magnet undt andere dinge (doch nicht alle in gleicher vollkommenheit) wann sie sich frey bewegen können, ihre Enden nicht zwischen Osten undt Westen oder anderß sondern zwischen Nordt undt Süden stellen. Welches alleß Dreyes auß dieser bewegung deß Lichtß gar klar entstehet. Dann diese starcke alleß durchdringende, geschwinde (dieweil das Licht in 24 stundten umb die Erdte gehen, das ist wohl 5400 teutsche meilen lauffen muß) ventilation bemühet sich alle dicke undt grobe Dinge, so deßwegen die subtile bewegung verhindern, undt turbiren, entweder zu zerstrewen so viel sie kan, undt das thut sie in allen nur frisch gespanten sachen, welche sie wieder in ihren vorigen standt restituirt: Wann sie sie aber nicht weiter zerstrewen kann, dieweil sie von langer zeit durch ihren eigenen motum intestinum genugsamb befestiget undt gleichsamb gewölbet, so stösset sie solche zu boden, das ist näher zum centro alwo die bewegung schwächer undt daher die verhinderung eher vertragen werden kann: Ferner, wann etwaß frey stehet, daß eß sich wenden kann wie eß will, alß eine magnet nadel, so kann eß sich nicht wohl zwischen Osten undt Westen, eß sey gleich oder schräg, setzen, dann eß sich dardurch dem torrenti aetheris moti, als der von Osten gen Westen gehet, entgegen stellen würde, sondern eß richtet sich nach vielem wackeln endlich (die wenige declination, deren ursach mann noch nicht genugsamb weiß, vielleicht aber auß dieser hypothesi mitt der zeit zu finden, außgenommen) zwischen Nordt undt Süden. Daß also auß dieser einigen bewegung deß Lichtß umb die Erdt, 1.) Gewicht, 2.) feder, 3.) Compaß entstehen, auß welchen dreyen alle andere so wohl natürliche alß künstliche uhren undt machinen entspringen: undt in sonderheit von dem principio der gespannten feder auch aller streit zwischen wasser undt fewer, schweffel undt Salpeter, undt wie eß die Chymici nennen Acido undt Alcali, undt folglich alle solutiones, praecipitationes, fermentationes, reactiones, die doch so vielfaltig undt wunderbahr seyn, herkommen. Dann alß ich lange zeit den Ursachen solches streitß nachgedacht, hab ich endlich befunden daß deren eineß zu sehr erschöpfft, das andere zu voll gepresset sein müse. Umb besserer erklärung willen wollen wir setzen, das eine so erschöpfft, sey wie ein Recipient, darauß der berühmbte Gericke zu Magdeburg die grobe lufft gepumpet, undt der so bald er eröffnet, solche mitt unglaublicher Gewalt wieder in sich schluckt; Das andere so voll gepresset, sey wie eine Windtbüchse, da die lufft hinein gepresset. Gesetzt nun daß beyde, so wohl der Recipient alß Windtbüchse von glaß wären, undt deren ein gantzer Korb voll durch einander geschüttet würden, daß sie brechen müsten, so kann mann sich leicht einbilden waß vor ein tumult entstehen, das eine von sich stossen das andere in sich schlucken; windt, brausen, Nebel undt durch starcke bewegung endlich hitze sich erzeigen würde. Solche unsichtbahre so wohl erschöpffte als zu sehr voll gepressete durch einander geschüttete gläserne bullas muß mann sich einbilden, wann der newe wein undt andere Liquores fermentiren, wann wasser undt fewer, Schweffel undt Salpeter, Vitriol undt Weinstein, Scheidwasser undt spiritus vini, saltz undt silber, Essig undt Krebßaugen, Zucker undt gewisses sawerwasser etc. mitt einander streitten, wann scheidwasser das silber, Aqua Regis das goldt, Mercurius beyde, Magnet das Eisen, trockene Erdt das wasser, der rauch das fewer ahn sich zeucht oder in sich schluckt. Ja es folget darauß, so von nicht weniger importantz in re medica, daß erschöpffte durch gepressete, undt hinwiederumb gepressete durch erschöpfte dinge doch so einander proportionirt, undt also contraria contrariis substantia, similia similibus gradu curirt werden müsen. Welcheß alleß weitlaufftiger, doch etwaß dunckel (die weil eß ahn sich selbsten kurtz, undt nur ahn die geschrieben so mitt solchen speculationen heutiger Philosophi umbgehen) in beygefügten beyden tractätlein, deren eineß ich Theoriam motus abstracti oder Rationes Motuum universales, a sensu et phaenomenis independentes, das andere Theoriam motus concreti, oder Hypothesin physicam novam nenne, außgeführet, darvon ich jeneß der König. Frantzösischen newen zu erkündigung der natur ahngestelten Academie, dieses der König. Englischen Societät zugeschrieben, undt beyde Ewer Hochfürst. Durchl. unterthänigst hierbey zu schicken, mir wegen dero welt-bekandter Güthigkeit die Kühnheit nehme, sampt einem vor etlich Jahren von mir zwar ausm stegreiff undt auff der reise auffgesetzten Tractätlein so ich Novam methodum discendae et docendae jurisprudentiae genennet, welches aber gleichwohl unterschiedenen gelehrten Leuthen nicht unahngenehmb gewessen, so gar daß auch ein gelehrter ICtus zu Rostock für sich eß durch gangen auch notas undt gar einen so accuraten indicem alß müglich darüber gemacht, masen mir das manuscriptum nach seinem todt zugeschickt worden.

Sonsten habe unterthänigst beygefügt einen kurtzen geschriebenen Discurs den ich einßmahlß auff begehren De usu et necessitate Demonstrationum immortalitatis Animae auffgesetzt, darinn ich eineß undt das andere de Demonstrationibus meis circa Naturam Dei et Mentis gedencke. Obgleich solche Demonstrationes selbst wegen ihrer unzertrennlichen kette damitt sie einander nicht allein bestärcken, sondern auch erläuttern, extracts- oder stückweise verständtlich bey zu füegen unmöglich gewessen. Dann auch meine Demonstrationen gegründet sein auff der schwehren Doctrina de puncto, instanti, indivisibilibus, et conatu; dann gleich wie Actiones Corporum bestehen in motu, so bestehen Actiones mentium in conatu, seu motus, ut sic dicam, minimo vel puncto; Dieweil auch mens selbsten eigentlich in puncto tantum spatii bestehet, hingegen ein Corpus einen platz einnimbt. Welches ich, nur populariter davon zu reden, daher klärlich beweise, die weil das Gemüth sein muß in Loco concursus aller bewegungen die von den objectis sensuum unß imprimirt werden. Dann wann ich schliesen will, daß ein mir vorgegeben Corpus gold sey, so nehme ich zusammen seinen glantz, klang undt gewicht, undt schliese darauß daß eß gold sey, muß also das gemüth ahn einem orth sein, da alle diese Linien visus, auditus, tactus zusammen fallen, undt also in einem punct. Geben wir dem Gemüth einen grösern platz alß einen punct, so istß schon ein Cörper, undt hat partes extra partes, ist daher sich nicht selbst intime praesens undt kann also auch nicht auff alle seine stücke undt Actiones reflectiren, darinn doch die Essentz gleichsamb deß Gemüthß bestehet. Gesetzt nun das gemüth bestehe in einem punct, so ist eß unzertheilig undt unzerstörlich. Auß welchen undt andern dazu genommenen fundamenten ich viel wunderlich dingß von eigenschafft der Menschlichen Seele undt inß gemein aller verständigen gemüther bewiesen, daran wohl bißher niemandt gedacht, ob gleich die wahrheit der Religion, der Göttlichen Providentz, der unsterblichkeit unserer seelen undt vieler hohen mysterien müglichkeit auff gantz niemahlß gesehene manier darauß flieset: Welches alleß ich einßmahlß so klar alß etwaß sein kan zu machen undt damitt bey allen verständigen, den ietzo einreisenden Atheismum hassenden undt umb die Ewigkeit sich bekümmernden Menschen einigen danck zu verdienen hoffe.

Ich habe auff erinren deß Hrn Barons von Boineburg welcher zu verstehen geben, daß ein solches Ewer Hochfürst. Durchl. vielleicht sich gnädigst gefallen lasen möchten, bey obgedachten discurs ahngehengt Appendicem de Resurrectione Corporum. Nemblich ich bin fast der meinung, daß ein ieder leib, so wohl der Menschen alß Thiere, Kräutter undt mineralien einen Kern seiner substantz habe, der von dem Capite mortuo, so wie eß die Chymici nennen ex terra damnata et phlegmate bestehet, unterschieden. Dieser kern ist so subtil, daß er auch in der asche der verbrandten dinge ubrig bleibt, undt gleichsamb in ein unsichtbarliches Centrum sich zusammen ziehen kann. Wie mann dann auff gewisse maase sich der asche der gewächse zum saamen gebrauchen kann, undt in dem foetu oder frucht der Thiere, das punctum saliens den Kern des gantzen Cörperß bereits in sich begreifft. Nun glaub ich ferner, daß dieser Kern der substantz in einem Menschen weder ab noch zu nehme, obgleich sein Kleidt undt Decke in stetem fluß begriffen undt bald weg raucht, bald wiederumb auß der lufft oder speise sich vermehrt. Daher wann ein Mensch vom andern verzehrt wirdt, bleibt der Kern eineß jeden wer undt wie er gewesen, undt wirdt also niemahlß die substantz deß einen durch die substantz deß andern ernehrt. Wirdt nun einem Menschen ein gliedt abgeschnitten, so ziehet sich dieser Kern der substantz zurück zu seinem brunnquell undt behält auff gewisse maase die bewegung, alß wann das gliedt noch da wäre. Wie dann Leute denen [ein] arm abgehawen, sagen, daß ihnen offt düncke sie hätten ihren arm noch undt fühleten alle finger, welches von den zurück bliebenen spiritibus, oder Kern der substantz herrühren muß. Kann nun das geschehen wann ein Gliedt abgeschnitten wirdt, so kann eß auch geschehen wann sie alle gelöset undt zerstöret werden, dann sich nichtß desto minder der Kern deß gantzen Cörperß in eine solche subtilität zusammen ziehen wirdt, daß ihm weder fewer noch wasser noch einige sichtbahre gewalt schaden könne. Wann nun dieser Kern der substantz in puncto physico consistens (proximum instrumentum et velut vehiculum Animae in puncto mathematico constitutae) allezeit bleibt, so ist ja wenig ahn gelegen, ob alle grobe materie so ahn unß ist, die doch ohne das in steter veränderung, undt täglich entweder außrauchet, oder wo sie sitzen bleibt, in sordes so mann abspülen muß, coagulirt wirdt, ubrig bleibe: Maasen clar, daß solche exuviae wohl fast alle Jahr gantz new sein, sonderlich wann mann Sanctorii experimenta so er in medicina statica beschrieben, etwaß genauer ahnsiehet. Können wir sie nun in diesem Leben salva identitate corporis nostri verändern, viel weniger werden die verklärte leiber darann gebunden sein.

Dieß undt anderß nun seindt meine gedancken dazu mich die genaue untersuchung der Jurisprudentz geleittet welche auff vorgedachten meinen principiis von natur deß gemüths allerdingß gegründet, undt dannoch so practisch ist, daß deren wenig Regeln gnug sein alle fälle der vernunfft nach, wie oberwehnt zu erörtern, welcheß ich mitt dem Exempel Römischer Gesetze, alß welche noch biß dato nicht allein die außfürlichsten sondern auch die inßgemein gültigsten, die ich alle so fern sie rational, auß diesen regeln herauß führen will, zu erweisen hoffe.

Daß nun diese gantze seriem meineß vorhabenß bey Ewer Hochfürst. Durchl. mitt solcher weitläufftigkeit zu erzehlen ich mich unternommen, wollen Ewer Hochfürst. Durchl. in gnaden vermercken undt darfür halten daß solcher Excess von nichtß anderß alß einer eifferigen begierde herrühre meine unterthänigste Devotion so gut ich ietzo kann zu erkennen zu geben undt inß künfftige die Zeit zu erleben darinne ich gnugsamb seyn möge mitt mehrer realität zu zeigen, daß ich auch ohne einigen andern effect und absehen, als auf dero Gnädigste stets werende Gewogenheit mitt höchster vergnügung sey undt bleibe

Ewer Hochfürst. Durchl. unterthänigster Diener

Maynz 21 Maji 1671. Gottfried Wilhelm Leibniz. J.U.D.