Series II Band 1 · No. 207a.
LEIBNIZ AN JOHANN SIGISMUND ELSHOLZ
Hannover, 24. Juni (4. Juli) 1679. [207b.]
An H. D. Elsholz Churfürstl. Brandenb. Leib Medicum zu Berlin. 24 Junii 1679. WohlEdler Vest undt Hochgelahrter Hochgeehrter Herr.
Deßen letztes sehr angenehmes, samt beylage von Herrn Probst Müllern habe erhalten:
soviel deßen Clavem Sinicam betrifft, so habe ich in vorigen mich gnungsamb erkläret, das ich
solche sehr hoch schätze, bin auch der meinung das sie nicht nur von Churfürstl. Durchl. zu
Brandenburg sondern auch andern Potentaten gesuchet undt belohnet zu werden verdiene. Wie
dan Ihre Hochfürstl. Durchl. mein Gnädigster Herr alß ich selbigen das vorhaben erzehlet ein
sonderbahres gefallen daran bezeiget, undt bin ich versichert das wen man an allen höfen also
geneigt were wie alhier, viel herliche dinge ans licht kommen würden. Daß H. Müller seinen
Clavem heimlich hält darumb verdencke ihn gantz nicht. Was ich aber deßwegen gefraget,
geschicht nicht umb selbigen außzukundtschaffen (welches von meiner gemüthsneigung gantz
entfernet) maßen deren beantwortung auch dazu nicht dienen kan, sondern umb deßen würde
undt wirckung beßer zuschätzen. Nemblich ich habe zuwißen begehret Erstlich ob solcher
Clavis unfehlbahr undt gewis, wie man unser a. b. c oder ziphern lesen kan, oder ob bisweilen
zurahten vonnöhten, wie bey sinbildern zugeschehen pflegt, Vors andere dieweil die Chinesische
schrifft wie bekandt nicht auff die worte sondern auff die dinge gerichtet, so möchte
wißen ob die zeichen allemahl nach der dinge Natur gemachet, Vors dritte ob die gantze
schrifft gleichsamb auff gewiße Elementa oder ein grundt-Alphabeth gebracht auß deßen
zusammenfügung hernach die übrigen zeichen entstehen. Vierdtens ob die ohnleiblichen
dinge durch gleichniß der leiblichen oder sichtbahren auff gewiße maas außgedrucket. Fünfftens
ob die Chinesische Schrifft durch Kunst gemacht, oder ob sie auch wie sonst die sprachen
allmählich durch gebrauch gewachsen undt sich verändert. Sechstens ob die sprache der
Chinesen wie etliche meinen auch durch Kunst gemacht, undt auff einen gewißen Clavem
zubringen. Zum Siebenden ob H. Müller dafür hielte das den Chinesen selbst der Schlüßel
ihrer schrifft ohnbewust. Zum Achten ob er meine das diese schrifft bequem undt mit nutzen
in Europa einzuführen. Zum Neundten ob die jenigen so diese schrifft also gemacht, die
Natur der dinge verstanden undt vernunfft-kündig gewesen. Zum Zehendten ob die zeichen
damit Natürliche dinge als thiere, kräuter, gesteine bemercket, sich auff der dinge eigenschafften
damit eines vom andern unterschieden beziehen. Zum Eilfften also ob undt wie weit auß
dem bloßen zeichen die Natur des dinges zulernen. Zum Zwolfften ob der jenige so diesen
Clavem hette undt darin geübet, alles verstehen könne was in Chinesischer schrifft geschrieben,
es sey auch von was materie es wolle. Zum Dreizehndten ob der jenige so diesen Clavem
hette, auch etwas in Chinesischer schrifft schreiben köndte, undt ob solches würde von einen
gelehrten Chinesen verstanden werden. Zum Vierzehendten Wenn man unterschiedtlichen
Chinesen oder dieses Clavis kündigen etwas so in unser sprach einer geschrieben (zum exempel
das Vater unser) von wort zu wort auff Chinesisch zuschreiben vorgeben würde, ob ihre
schrifften ohngefehr würden zusammen treffen also das einer der auch nicht der schrifft kündig
undt die beiden schrifften gegen einander hielte, dennoch spühren köndte, das es hauptsachlich
einerley sein müße. Geliebet nun H. Probst Müllern sich auff solche undt dergleichen puncte
zuerklären so werde ich ihn verbunden sein undt von dem nutzen undt wichtigkeit des wercks
beßer urtheilen undt reden können, wird auch solches verhoffentlich mehr zu ruhm undt nutzen
als schaden undt nachtheil gereichen, weilen mir nichts angenehmers als wohlverdienten
Leuten dienen zu können.
Daß M. h. H. sich einige meiner gedancken betreffent die wahre Naturkündigung gefallen
laßen, ja gar sich erboten zu deren Vollenstreckung zuhelffen, darauß verspühre das M. h. H.
warhafftig das gemeine beste, undt nützlicher wißenschafften auffnehmen suche: solte dergleichen
etwas anzustifften sein, so begehre ich gantz keinen Vortheil dabey sondern wünsche
vielmehr das man zusammen die sachen am besten überlege. Den grundt dazu glaub ich legen
zu können in dem ich zweene dinge in meiner macht zu haben achte, nemblich erstlich wie
man die Mechanica oder die arten der bewegungen zu einem calculo Geometrico bringen, das
ist ein problema mechanicum ad terminos problematis pure Geometrici reduciren könne. Vors
andere wie die Physica ad terminos pure mechanicos zubringen, undt also die grundtregeln
der kräffte undt veränderungen recht zusetzen, auff das man hernach zu vollenkommener
erclärung eines Phaenomeni nichts anders alß eine gnungsahme zahl von experimenten
bedürffe, auch, da die zahl nicht gnungsamb, wißen könne was annoch ermangele undt was für
experimenta annoch vorzunehmen umb den punct gleichsamb zufinden da sich unterschiedene
wege durchkreutzen. Dieß ist was ich glaube zu haben, bin auch einsmahls willens zweene
kurtze Claves: Mathematicam et Physicam zuverfertigen, deren jene weise wie alles so sich
schätzen und beschräncken läßet zu rechnungen undt figuren zubringen; diese aber, wie die
natürliche ding sonderlich aber die kräffte undt deren würckungen oder die darauff folgende
verenderungen zuschätzen und zubeschrencken. Allein was ich annoch verlange ist, das man
die bereits bekandte erfahrungen auff eine gewiße maaße in taffeln undt listen oder Register
bringe undt zusammen ordene, das man sie gleichsamb im gesicht haben könne. Gleich wie ein
Buchhalter oder gegenschreiber bey handelungs- undt Cammersachen zuthun pfleget, gleich
wie auch der jenige so eine verborgene schrifft aufflösen will sich allerhandt taffeln machen
kan welche ihm zur erfindung dienen. Undt bin ich versichert das solange solches nicht
geschicht man nicht weit kommen werde. Dan Verulamius hat zwar viel nützliches die experimenta
betreffent erinnert, allein zwey dinge haben ihn gemangelt, erstlich wie man die
Physicam ad Mathematicam reduciren solle, welches gewißlich annoch weinigen bewust, Vors
andere wie man die experimenta selbst zusammen ordnen solle damit sie einander erleuchten
undt zum mathematico Calculo dienen können. Wolten nun etzliche gelehrte undt vernunfftkündige
auch der Natürlichen dinge liebhabende Persohnen solche zusammenordnung undt
eintäffelung der dazu nötigsten experimenten wie ich sie beschreiben würde, vornehmen undt
unter sich theilen, so wolte ich unter deßen meine beiden Claves außarbeiten, undt wen meine
Claves undt ihre Inventaria fertig wolten wir sie zusammen nehmen undt gewislich balt
communi studio weit damit kommen, zum weinigsten soweit als ex datis müglich, das ist wen
müglich die ursachen auß den gegebenen experimentis zuerrahten, wolten wirs bereit durch
einen unfehlbahren weg thun; were es aber annoch nicht müglich in einer oder ander materi, so
würde sich auch solches illa methodo aüsern undt erscheinen was noch für experimenta ad
datorum supplementum nötig. Mein hochg. H. wolle mir seine gedancken darüber eröfnen. Und
ich verbleibe etc.
Leibniz.