Series II Band 1 · No. 95a.
LEIBNIZ AN CHRISTIAN ALBRECHT MEISCH (?)
[Herbst 1671.]
Pp. Ss.
Diesen Inschluß spare der H. zu lesen, bis er eben sonst nicht viel zu thun hat. Ich bringe
demselben einen alten und vornehmen Cameraden seiner neüen himlischen Meinungen. Der H.
erzehlte einmahl daß er eine Monden-Finsternüß früh morgens als es schohn heller liechter tag
gewesen, gesehen, hielte auch gänzlich dafür, wenn er auf dem nächsten Berge gewesen hätte
er die aufgehende Sonne und den verfinsterten Mond zugleich sehen wollen, und also müste
falsch seyn, was die Himmels-kündige davor hielten, daß nehmlich die Monden-Finsternüß von
eintritt der Erden zwischen Sonn und Mond herrührten. Darauf ich damahls geantwortet, daß es
schohn hell und tag seyn könne ehe die Sonne über den Horizont oder gesichtsCraiß komt, weil
die Lufft wie ein Spiegel das Liecht mehr ausbreitet als die Sonne selbst, dahehr es auch in den
Cammern liecht ist, wenn gleich die Sonne nicht hinein scheinet, dieweil wo nicht die gleichen
(directi) doch die ab-prallenden Sonnenstrahlen (reflexi Radii) durch beföderung der glenzenden
Lufft dahin kommen. Ich hab auch dazu gethan, wiewohl ich nicht dafür hielte, daß der H.
aufm Berg würde beydes Sonne und Mond zugleich gesehen haben, dennoch, wenn auch
solches geschehen were, folgte doch nicht daß beyde zugleich überm Horizont gewesen,
dieweil aus der Gesichtkunst (optica) bekant, daß die Sonne offt gesehen werde, ehe sie über
den gesichtsCrais (Horizont) komt, und zwar vermittelst der in den wolcken gebrochenen
Strahlen (Refraction). Gleichwie ein Thaler in einen zuber mit waßer nicht scheint unten im
grunde, sondern an der Öbersten Fläche (superficie) zu liegen; und wenn man ein dick glas über
ein beschrieben weis papyr leget, wenn gleich das glas eines fingers dick, so scheints doch als
wenn die Buchstaben nicht unten sondern überm glase weren. Daß aber die wolcken offt die
stelle des glases oder waßers vertreten, ist auß den Neben-Sonnen, Regenbogen, und dergleichen
Augen-Blendungen gewis und unlaugbar. Daß auch der Sternkündigen Säze, wegen
ursach der Finsternüßen unwiedertreiblich, hab ich aus immerwerender zutreffung ihrer Rechnung
geschloßen, welche (wie ich denn mit fleiß in ihren Ephemeriden oder tage-büchern, in
welchen schohn auff viele Jahre hinaus gerechnet, nachgesehen, und mir der H. hierinn glauben
zustellen, es auch augenscheinlich aus dem Argolo und Origano dargethan werden kan) nicht
auff eine gewiße distanz oder unterschied der zeit (weil solcher unterschied stets sich endert
und fast nimmermehr zutrifft) sondern auf die Bewegung, und den zwischen eintritt der Erden
gegründet. Denn der ganze grund der Rechnung bestehet darauf; ob wohl Sonne und mond den
ThierCrais (Zodiacum) beyde durchlauffen, so sind doch die Circel so sie machen nicht gleich
just unter einander, sondern der Sonnen-weg (Ecliptica) und des Monden weg durchschneiden
gleichsam einander in zweyen gegeneinander stehenden puncten welche man den Drachenkopf
und Drachen-schwanz nennet. Weil nun die Sonne alle Jahr, der Mond alle Monath den
ThierCrais durchlaufft so kommen zwar alle vollmonath Sonn und Mond gegen einander über
(und dahehr leüchtet der ganze [Mond]), doch nicht so just, daß die Erde allemahl dazwischen
treten müße, weil wie gedacht der Sonn und Monden weg nicht so gerad unter einander seyn,
sondern die Erde komt nur alsdenn darzwischen wann Sonn und Mond zugleich in die einander
entgegen gesezte Durchschnitte der Circel kommen, oder doch nahe dabey, und nicht weiter als
5 grad oder das 72te theil des Circels davon.
Unterdeßen hab ich unlängst ohngefehr gefunden, daß schohn vor mehr als 1000 jahren kurz nach des Hrn Christi geburth, der berühmte Plinius eben dieses, was der H. und noch ein mehrers vorgegeben, nehmlich er erzehlet daß gar einsmahls Sonn und Mond zugleich gesehen worden, und doch eben damahls der Mond verfinstert gewesen. Ich hab aber auch dabey in acht genommen, daß wie dem Hrn ich damahls ausm Stegreif, eben also auch mit guthen bedacht die Sternkündige dem Plinio (doch mit bedingung, wenn seine Histori gewis were) geantwortet. Zu dem Ende will ich die wort eines fürnehmen Autoren lateinisch hieher schreiben, und zugleich ins teütsche nur zu dem ende übersezen wollen, damit man sehe daß dergleichen Sachen sich in teütscher Sprache ohne lateinische flickereyen, eben so wohl geben laßen.
Leibniz hat den lateinischen Text, der hier auf der von ihm eigens vorgesehenen linken Spalte folgt, in unserem Konzept bis auf die Quellenangabe weggelassen.
Joh. Henricus Alstedius Encyclopaediae lib. 17. Uranometriae parte 2. cap. 14. num. 6. pag. 447.
[Magnus illae naturae interpres Plinius hist. nat. lib. 2. c. 13. testatur, lunam in occasu defecisse aliquando, utroque sidere conspicuo. Verum haec assertio repugnat principiis Theoriae planetarum. Necesse siquidem est, ut terra sit medio inter solem et lunam loco, et radios ad lunam projectos intercipiat, si debeat fieri eclipsis solaris. Sic itaque statuendum: vel non fuisse veram eclipsin, [ ... ] vel si vera fuit eclipsis, non solem, sed imaginem solis in nubibus refractam apparuisse: quod fieri posse docetur isto experimento. Projiciatur nummus in vas aliquod apertum, puta poculum. Deinde recedatur a poculo, dum nummus in fundo non amplius videatur, sed a lateribus sit interceptus. Tertio aqua immoto oculo infundatur poculo, et statim imago nummi videbitur.]
^&!s*
*Joh. Henrich Alsted in seiner Allerleykunst im 17. Buch vom Himmelmeßen im 14. Capitel 6ter Zahl 447. seite: Plinius der große dolmetscher der natur in seiner Natürlichen Histori im andern buch am 13teⁿ Capitel erzehlet daß der Mond bey seinem untergang einsmahls verfinstert worden, als sonn und Mond zugleich sich sehen laßen. Aber dieses vorgeben ist den ur-säzen der Planeten-kunst zuwieder. Denn es muß die erde zwischen Sonn und Mond seyn, und der Sonnen strahlen auffangen, wenn eine Monden-finsternüß werden soll. Ist also dieses davon zu halten, es sey entweder keine wahre Verfinsterung gewesen, oder es sey nicht die Sonne, sondern nur dero gestalt in den Wolcken gesehen worden. Daß dieses seyn könne lehrt folgender Versuch. Wirff einen Pfenning in ein offen geschirr zum exempel in einen becher; als denn weich vom becher solang und nicht weiter weg, biß du den Pfenning nicht mehr siehest. Bleib also stehen und laß einen andern den becher voll waßer schütten, als bald wird sich das bild des Pfennings wieder sehen laßen. ^&!r+