Einleitung

GerhardtGerman

In der Vorrede zur Theodicee hat Leibniz selbst ausgeführt, daß seit dem ersten Anfang seiner wissenschaftlichen Studien die Probleme über die göttliche Vorsehung, über den freien Willen des Menschen und den Ursprung des Uebels in der Welt seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätten1. Zu einer weiteren Beschäftigung mit diesen Problemen bot sich ihm Veranlassung, als er bei seinem Eintritt in das praktische Leben am Chur-Mainzischen Hofe in Folge der Bekanntschaft und Protection des Freiherrn von Boineburg, der als Convertit an den Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Katholiken den lebhaftesten Antheil nahm, in die religiösen Controversen der damaligen Zeit hineingezogen wurde; eben darauf führte ihn auch das Interesse für die zahlreichen, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Deutschland vorhandenen religiösen Secten. Bereits im Jahre 1671 hatte Leibniz, wie aus einem Schreiben an den Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg hervorgeht (Bd. I. S.55), einen Aufsatz verfaßt »vom freien willen des menschen, göttlicher Vorsehung, glück und unglück und versehen oder schickung, Gnadenwahl, mitwirkung mit dem Thun und Lassen der creaturen, gerechtigkeit und verlassung des einen und annehmung des andern, und von recht oder unrecht, so den Verdammten geschieht«. Desgleichen brachten ihn juristische Arbeiten, namentlich in Betreff des Naturrechts, auf die erwähnten großen Probleme2. -

Bekanntlich erhielt Leibniz seit dem Ende des Jahres 1676 eine feste Stellung am Hofe des Herzogs von Braunschweig-Lüneburg (Hannover). Der Herzog Johann Friedrich war zum Katholicismus übergetreten; in Folge dessen war der Hof von Hannover ein Mittelpunkt für die katholischen Reunionsbestrebungen geworden; es war demnach Leibniz wiederum Gelegenheit gegeben, mit den gedachten Problemen sich zu beschäftigen. Seine desfallsigen, sehr umfangreichen Correspondenzen mit Pellisson, Bossuet u.s.w. sind bekannt. Später, am Ende des 17. Jahrhunderts, hatte Leibniz selbst einen Plan zur Vereinigung der protestantischen und reformirten Kirche zur Verhandlung gebracht.

Demnach konnte Leibniz mit vollstem Recht von sich sagen, daß in diesem Labyrinth3, in dem unsere Vernunft so oft den leitenden Faden verliert, wenige Personen mehr gearbeitet als er selbst (En effet il y a peutestre peu de personnes qui y ayent travaillé plus que moy).

Die nächste Veranlassung zur Abfassung der Theodicee wurde das berühmte Werk Pierre Bayle's: Dictionnaire historique et critique, und das Verhältniß, in dem Leibniz zur Königin Sophie Charlotte von Preußen stand. Es ist nöthig, dies im Folgenden näher auszuführen.

Im Jahre 1680 folgte der Herzog Ernst August seinem Bruder Johann Friedrich als Regent des Herzogthums Braunschweig-Lüneburg. Seine Gemahlin Sophie galt als eine der gebildetsten Fürstinnen ihres Zeitalters; sie liebte es, einen Kreis von wissenschaftlich hervorragenden Männern um sich zu versammeln und an ihren philosophischen Discussionen sich zu betheiligen. Leibniz wurde der Mittelpunkt dieses Kreises; er wurde der unentbehrliche Umgang der Herzogin Sophie, der auch als Vertrauter und Rathgeber in der Politik und in den Geschäften ihr treu zur Seite stand; sie führte, wenn er von ihr entfernt war, den fleißigsten Briefwechsel mit ihm. In nicht minderem Grade hatte Leibniz das Vertrauen des Herzogs (seit dem Jahre 1692 Churfürsten) Ernst August4.

Dies änderte sich, als der Churfürst Ernst August starb (28. Januar 1698). Zu seinem Nachfolger, dem Churfürsten Georg Ludwig, stand Leibniz niemals in vertrautem Verkehr; seine Stellung in Hannover blieb zwar äußerlich dieselbe, aber durch die ganz verschiedene Persönlichkeit Georg Ludwig's sah er sich in seinen bisherigen Beziehungen zum Hannöverschen Hofe in den Hintergrund gedrängt. So wurde in Leibniz der Wunsch immer lebhafter, eine Stellung an dem hochstrebenden Brandenburgischen Hofe zu gewinnen. Er hoffte, daß dadurch zugleich der Plan, den er sein ganzes Leben hindurch verfolgte, nach dem Beispiel der Akademien in Paris und London eine gelehrte Gesellschaft in Deutschland zu gründen, verwirklicht werden könnte. Als ein ausgezeichneter Anhaltspunkt dazu bot sich, daß die Tochter der Churfürstin Sophie, Sophie Charlotte, seit 1684 mit dem Churprinzen von Brandenburg, nachmaligem Churfürsten Friedrich III vermählt war; sie hatte die höchste Verehrung für Leibniz und ließ ihm auf jede Weise ihre hohe Protection zukommen. Sophie Charlotte war bis zum Jahre 1697 am Brandenburgischen Hofe ohne Einfluß5; erst nach dem in diesem Jahre erfolgten Sturz des allmächtigen Ministers Dankelmann änderte sich ihre Stellung in dieser Hinsicht. Es gelang nun den vereinten Bemühungen von Seiten Sophie Charlotte's und ihrer Mutter, der Churfürstin Sophie, den Wünschen Leibnizens in Betreff seines Verhältnisses zum Brandenburgischen Hofe zu genügen.

Die erste Veranlassung zu dem späteren Verhältniß Leibnizens zur Churfürstin Sophie Charlotte findet sich in einem an dieselbe gerichteten Schreiben vom November 1697 erwähnt; Leibniz reproducirt darin die folgende ihm zugekommene Mittheilung: Son Altesse Electorale, Madame, estant venue à parler à un des predicateurs de la cour au sujet de l'Academie des peintres et sculpteurs et de ce que cela commençoit à aller si bien, a adjouté qu'il seroit bon qu'on établit aussi un observatoire, comme il y en a un à Paris. Sur cela on pense à y travailler, et comme on n'aura qu'à elever un peu un certain pavillon des nouvelles écuries, et l'accommoder pour les observations, les instrumens se trouveront, et des observateurs aussi, de sorte qu'on espere que cela reussira. In demselben Schreiben nimmt Leibniz sofort die Gelegenheit wahr, die Churfürstin auf die Gründung einer gelehrten Gesellschaft in Berlin, wie solche in Paris und London bestanden, aufmerksam zu machen und dafür zu interessiren. Seitdem wird in den folgenden Mittheilungen Leibnizens an die beiden Churfürstinnen dieser Plan unausgesetzt behandelt. Der Churfürst Georg Ludwig verweigerte zwar anfangs Leibniz den Urlaub zu einer Reise nach Berlin; nachdem aber der Churfürst Friedrich III von Brandenburg für den Plan gewonnen war - besonders seitdem Leibniz im Jahre 1699 Mitglied der französischen Akademie geworden - und dieser sich an den Churfürsten Georg Ludwig mit der Bitte wandte, Leibniz zu beurlauben, erhielt letzterer im März 1700 durch den Hofprediger Jablonski eine Einladung nach Berlin zu kommen. Um die Mitte Mais 1700 traf Leibniz in Berlin ein und verweilte daselbst bis zum August. In dieser Zeit entfaltete sich, trotz der rauschenden und glänzenden Feste, wie sie der Churfürst Friedrich liebte, der geistige Verkehr zwischen der Churfürstin Sophie Charlotte und Leibniz zur schönsten Blüthe. Eine zweite Einladung nach Berlin zu kommen erhielt Leibniz, als Sophie Charlotte nach der Königskrönung in Königsberg sich nach dem Schlosse Lützenburg (Charlottenburg) zurückgezogen hatte; Leibniz lebte in ihrer Nähe vom September 1701 bis Neujahr 1702. Auch in den folgenden Jahren war er öfters auf längere Zeit in Berlin. Durch den mündlichen Verkehr zwischen Sophie Charlotte und Leibniz, so wie in dem ununterbrochenen Briefwechsel zwischen ihnen - leider sind die meisten Briefe der Königin an Leibniz nach ihrem Tode verbrannt worden - gestalteten sich die ersten schriftlichen Aufzeichnungen zur Theodicee. -

Im Jahre 1697 war Bayle's Dictionnaire historique et critique zu Rotterdam in 2 Bänden in fol. erschienen, in welchem alle Fehler, die in historischen Wörterbüchern und in andern großen Werken der Art vorkommen, bemerkt und berichtigt werden sollten6. Leibniz, der mit dem Verfasser seit dem Jahre 1687 in Correspondenz stand, schätzte ihn wegen seiner Gelehrsamkeit, wegen seines philosophischen Scharfsinns und seines vorzüglichen Talentes für die gründliche Prüfung und Erforschung der Wahrheit. Da Bayle's hauptsächlichstes Bestreben darauf hinausging, weniger die wichtigsten Dogmen der Philosophie und Religion anzugreifen, als vielmehr die schwachen Seiten der Beweise und Ueberzeugungsgründe in Beziehung auf Freiheit, Unsterblichkeit der Seele, Gottes Dasein, Vereinigung des Bösen mit den göttlichen Vollkommenheiten aufzudecken, und da Bayle speciell in Betreff von Leibnizens neuem System, über die prästabilirte Harmonie zwischen Seele und Leib, in seinem Wörterbuch gelegentlich des Artikels Rorarius Schwierigkeiten und Ausstellungen erhoben hatte, so fand sich letzterer bewogen, ihm eingehend zu antworten. Er beleuchtete (1698) die Einwände Bayle's in einem ausführlichen Schreiben an Basnage de Beauval, den Herausgeber der Histoire des ouvrages des sçavans (Bd. IV. S.517ff.). - Bayle's Dictionnaire wurde mit ungemeinem Beifall aufgenommen; das Werk wurde viel gelesen, so daß, obwohl es in Frankreich verboten, schon ein Jahr nach seinem Erscheinen die Exemplare vergriffen waren. Die zweite, sehr vermehrte Ausgabe von Bayle's Dictionnaire erschien im Jahre 1702 in 4 Bänden in fol. Auch mit dieser hat sich Leibniz sehr ausführlich beschäftigt (Bd. IV. S.524ff.). Zwei Jahre später gab Bayle den ersten Band eines Sammelwerkes: Réponse aux questions d'un Provinzial, Rotterd. 1704, heraus, worin verschiedene historische, literarische, philosophische Untersuchungen enthalten waren, wozu er den Stoff bei seinen andern Arbeiten gesammelt hatte. Er hat das letztere Werk bis zum 5ten Bande fortgesetzt.

Am Königlichen Hofe in Berlin wurden die Schriften Bayle's viel gelesen7; besonders lieferten die Artikel des Dictionnaire ergiebigen

Stoff zu philosophischen Unterhaltungen zwischen der Königin Sophie Charlotte und Leibniz. Theologische Controversen, namentlich in Betreff der Union der Protestanten und Reformirten, woran Leibniz so großen Antheil nahm, waren damals an der Tagesordnung; eine reiche Quelle von Zweifeln auf dem Gebiete der Philosophie und Theologie boten die Artikel in dem Wörterbuch Bayle's. Dieser Unterredungen mit der Königin Sophie Charlotte gedenkt Leibniz öfters in seinen Briefen; hier mag nur Folgendes aus zwei Briefen hervorgehoben werden. Leibniz schreibt den 10. Juli 1705 an William Wotton, Doctor der Theologie in Cambridge: Quo minus tecum aliisque amicis hoc anno commercium literarium colerem, ut solebam, perturbatio ingens fecit ex morte Reginae Prussorum, quae mihi favebat ultra spem votaque, volebatque ut crebro secum essem; ita fruebar saepe sermonibus tantae Principis, qua neque ingeniosior neque humanior ulla unquam fuit, assuetoque huic suavitati publici luctus sensus ex privata causa acerrimus fuit. Quando illa Hanoverae obiit, eram Berolini, quod statim sequi non licuisset, nemoque ibi tam tristem nuntium expectabat, eo acerbius percussi sumus; ego certe a periculoso morbo parum abfui meque aegre collegi. Erat enim incredibilis in Regina et notitia rerum non obviarum et cupiditas noscendarum, mecumque agitabat consilia, quibus curiositati suae satisfaceret magis, non mediocri aliquando in publicum fructum, nisi mors intercepisset. - Ausführlicher noch über die Art dieser Unterredungen ist die Mittheilung an den schottischen Edelmann Thomas Burnett vom 30. October 1710: Mon livre intitulé: Essais de Théodicée sur la Bonté de Dieu, la liberté de l'homme, et l'origine du mal, sera bientôt achevé à Amsterdam chez Jaques Troyel. La plus grande partie de cet ouvrage avoit esté faite par lambeaux, quand je me trouvois chez la feue Reine de Prusse, où ces matieres estoient souvent agitées, à l'occasion du Dictionnaire et des autres ouvrages de M. Bayle, qu'on y lisoit beaucoup. J'avois coutume dans les discours de repondre aux objections de M. Bayle, et de faire voir à la Reine qu'elles n'estoient pas si fortes que certaines gens, peu favorables à la Religion, le vouloient faire croire. Sa Majesté m'ordonnoit assés souvent de mettre mes reponses par écrit, afin qu'on les pût considerer avec attention. Apres la mort de cette grande Princesse, j'ay rassemblé ces pièces et augmenté à l'exhortation des amis qui en estoient informés, et j'en ay fait l'ouvrage dont je viens de parler.

Die Königin Sophie Charlotte starb unerwartet in der Blüthe des Lebens den 1. Februar 1705 während eines Besuches ihrer Familie in Hannover. Leibniz befand sich, von Geschäften zurückgehalten, in Berlin; er wurde durch die Nachricht von dem Tode der Königin tief erschüttert; er war, wie er an W. Wotton schreibt, einer gefährlichen Krankheit sehr nahe und konnte sich schwer wieder erholen.

Auf Bitten seiner Freunde, wie Leibniz an Thomas Burnett mittheilt, gewiß aber auch um dem Andenken der verklärten Königin Sophie Charlotte ein literarisches Denkmal zu setzen, formte er aus den einzelnen, zu verschiedenen Zeiten aufgesetzten Materialien die Theodicee.

Ueber den Inhalt der Theodicee, die schon in Folge ihrer Entstehung kein in sich zusammenhängendes Ganze bildet, hat Leibniz in dem wiederholt erwähnten Briefe an Thomas Burnett am ausführlichsten wie folgt sich ausgesprochen: Outre un petit abregé methodique en Latin, joint à l'ouvrage François, il y a un discours preliminaire sur la conformité de la Raison et de la Foy, où les difficultés de M. Bayle sont encor examinées avec soin. Il y a encor une digression sur la dispute entre M. Hobbes et l'Eveque Bramhall, et une autre digression au sujet du livre de M. King sur l'origine du mal. Il y a aussi par cy par là des eclaircissemens sur mon systême de l'Harmonie préétablie, et sur quantité de matieres de la Philosophie generale et de la Théologie naturelle, où je pretends que tout se peut regler demonstrativement, et j'en ay donné les moyens. Si j'estois debarrassé de mes travaux historiques, je voudrois me mettre à établir ces Elemens de la Philosophie generale et de la Theologie naturelle, qui comprend ce qu'il y a de plus important dans cette Philosophie pour la Theorie et pour la Pratique. Mais ce present ouvrage peut servir d'avantcoureur, comme aussi les pieces detachées que j'ay données dans les journaux d'Allemagne, de France et de Hollande. J'espere que ces Essais de Theodicée ou de la justice de Dieu ne deplairont pas en Angleterre. Et en raisonnant contre M. King, j'ay parlé si honnetement que je me flatte que cela ne le choquera pas, d'autant plus que j'approuve et loue quasi la moitié de son ouvrage, quoyque je me trouve obligé d'en contredire l'autre moitiè. Je suis faché que Mylady Masham soit morte, car j'aurois esté bien aise d'en avoir son jugement, mais plus encor celuy de M. Locke. Je m'ecarte assés des sentimens du dernier, mais aussi sa philosophie et la mienne différent beaucoup: cependant il auroit pû juger si j'ay raisonné consequemment. - Deutlicher noch in Betreff der Fassung der Schrift schreibt Leibniz an Hugony8 in demselben Jahre 1710: Mes Essais sur la Bonté de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal ont esté imprimés en Hollande, mais je n'ay point voulu qu'on y mit mon nom. C'est un tissu de ce que j'avois dit et écrit autresfois à la Reine de Prusse, qui se plaisoit à la lecture de M. Bayle et chez laquelle on parloit souvent des difficultés qu'il fait sur ces matieres. Je tache de m'y expliquer un peu familierement sur une partie de mes pensées. Il y en a qu'on ne peut donner cruement, comme vous le savés, parceque les gens sont sujets à les prendre de travers par rapport non pas à la religion qui y est fort favorisée, mais aux sens. Je pense pourtant à un ouvrage latin où je tacheray de developper mon systeme entier. Le Pere Lami Benedictin en avoit combattu une partie (dans son livre de la Connoissance de soy même), c'est à dire l'harmonie préétablie dont je me sers à expliquer la correspondance qui est entre l'ame et le corps. J'y ay repondu il y a environ un an dans un des Journaux des Savans de Paris, et j'ay été faché d'avoir été obligé de chercher les objections dans les objections mêmes. Il est obligé d'avouer que mon systeme est bien plausible, et il écrit (dit il) pour se fortifier contre son faux brillant.

Leibnizens Theodicee wurde schnell das Lese- und Lehrbuch aller Gebildeten; es war damals die Zeit der theologischen und philosophischen Controversen, sie waren darin ohne zelotische Angriffe auf Gegner, in feinem Ausdruck und gebildeter Darstellung allgemein verständlich besprochen. »Leibniz hatte den rechten Ton getroffen, zu erbauen und zugleich zu unterrichten, und durch manche natürlich eingeschaltete Abschweifungen aus dem Gebiet der Geschichte, der Cultur, der Physik, alles aus dem Schatze seiner unermeßlichen Belesenheit und seiner eigenen Erfahrung, zu unterhalten«9. Die Theodicee ging aus dem innersten Geist und Bedürfniß ihres Jahrhunderts hervor, und dies ist der Grund der außerordentlichen Wirkung, die sie unter den Lesern aller Confessionen und Länder, von den Fürsten und Fürstinnen bis zu den Gelehrten und vielen Frommen im Volke hervorbrachte10.

Das Manuscript der Theodicee hatte Leibniz dem Buchhändler Isaak Troyel in Amsterdam zum Druck übergeben. Auf die Abänderungen, die derselbe vornahm, wie die geschäftsmäßige Veränderung des Titels, Zerlegung in zwei Theile, Veränderungen in der Schreibung des Französischen, die damals noch nicht feststand, scheint Leibniz kein Gewicht gelegt und nachträglich darin gewilligt zu haben. Der vorliegende Abdruck ist nach dem noch vorhandenen Manuscript veranstaltet. Der Index, den Leibniz selbst gemacht hat, durfte nicht fehlen; nur die Seitenzahlen sind verändert, sie beziehen sich auf den vorliegenden Abdruck.

Aus den oben angeführten eigenen Mittheilungen Leibnizens geht hervor, daß die Theodicee kein wissenschaftliches Werk ist; er selbst bezeichnet sie in seinem Schreiben an Hugony als ein »tissu«; die Abfassung einer lateinisch geschriebenen Schrift stellte er in Aussicht, in welcher er sein philosophisches System wissenschaftlich zu behandeln gedachte. Es scheint jedoch, daß Leibniz nach Vollendung des Manuscripts das Bedürfniß fühlte, die darin berührte Streitfrage in formgerechten Schlüssen zu behandeln, um dem Anspruch der Wissenschaft zu genügen. Er fügte deshalb als ersten Anhang den Abregé de la Controverse reduite à des Argumens en forme hinzu. In einem zweiten Anhang behandelt Leibniz die Schrift von Hobbes: The Questions concerning liberty, necessity and chance, clearly stated and debated between Dr. Bramhall Bishof of Derry and Thomas Hobbes of Malmesbury, London 1656. Näheres darüber giebt Leibniz selbst zu Anfang dieses Anhangs. Ebenso bespricht Leibniz in einem dritten Anhang die Schrift des Bischofs von Derry, King, De origine mali, London 1702. - Auf ähnliche Weise wie der erwähnte Abregé de la Controverse ist höchst wahrscheinlich die kleine, lateinisch geschriebene Schrift entstanden, die Leibniz unter dem Titel: Causa Dei, asserta per Justitiam ejus, cum caeteris ejus Perfectionibus cunctisque Actionibus conciliatam, bei demselben Buchhändler Isaak Troyel zu Amsterdam drucken ließ und die zugleich mit der Theodicee im Jahre 1710 erschien11. Leibniz nennt sie in dem oben angeführten Schreiben an Th. Burnett ein abregé methodique (der Theodicee); von des Bosses wird sie als eine Epitome quae a toto opere discriminanda videtur bezeichnet (28. Januar 1712). Sie folgt hier als Beilage zur Theodicee, zugleich mit einem Bruchstück einer deutschen Bearbeitung des Discours Preliminaire sur la Conformité de la Foy avec la Raison. Es läßt sich nicht ermitteln, ob der ursprüngliche Text, der in einer Abschrift vorhanden ist, von Leibniz herrührt, derselbe ist aber von ihm so gründlich verbessert, daß dieses Bruchstück als von ihm herrührend betrachtet werden kann. Er hat auch eigenhändig den Titel auf der ersten Seite des Manuscripts geschrieben. Die Verbesserungen Leibnizens sind insofern interessant, als er jedes fremde Wort wo möglich durch ein deutsches ersetzt12.

Besonders ist noch das Verhältniß Leibnizens zu dem Jesuiten des Bosses in Betreff der Theodicee zu erwähnen. Mit ihm, dessen scharfes, unbefangenes Urtheil Leibniz hoch schätzte13, unterhielt er seit dem Jahre 1706 bis zu seinem Tode einen lebhaften, ununterbrochenen Briefwechsel (Bd. II. S.285ff.). Um des Bosses' Urtheil zu vernehmen, schickt er ihm, noch ehe die Theodicee vollständig erschienen war, die Revisionsbogen, die er aus der Druckerei erhalten hatte. Zu Anfang des Jahres 1711 war des Bosses unter den ersten, welchen Exemplare der Theodicee zukamen, und er sendet sofort umfangreiche Bemerkungen darüber an Leibniz. Noch in demselben Jahre (7. September 1711) bemerkt Leibniz, daß ihm von gewissen Seiten der Wunsch ausgesprochen wäre, die Theodicee lateinisch zu haben, worauf des Bosses sich bereit erklärt, eine lateinische Uebersetzung derselben anzufertigen, unter der Bedingung, daß Leibniz die Revision übernehme und erläuternde Bemerkungen dazu mache. Um die Mitte des Jahres 1712 war die Uebersetzung vollendet; indeß der Druck derselben verzögerte sich in Folge der Abwesenheit Leibnizens von Hannover und seines längern Aufenthalts in Wien (Ende 1712 bis 1714). Erst im Juni 1715 meldet Leibniz, daß er die Uebersetzung aufmerksam durchgelesen und einiges darin geändert habe. So geschah es, daß sie erst nach seinem Tode, im Jahre 1716, erschien14.

  1. 1Zu vergleichen ist hierbei eine Stelle aus einem Briefe Leibnizens an den Hofprediger Jablonski in Berlin, datirt Hannover 23. Januar 1700 (Joh. Erhard Kappens Sammlung einiger Vertrauten Briefe, welche zwischen dem weltberühmten Freyherrn Gottfried Wilhelm von Leibnitz und dem berühmten Berlinischen Hof-Prediger Herrn Daniel Ernst Jablonski u.s.w. gewechselt worden sind, Leipzig 1745, S.133): Ich habe von meiner zarten Jugend an, schreibt Leibniz, als ich kaum solcher Dinge fähig, über diese Materie meditiret, da mir, ehe ich noch ein Academicus worden, eines Theils Lutheri Buch de servo arbitrio, andern Theils Jacobi Andreae Colloquium Mompelgardense und des Aegidii Hunni scripta zu Handen kommen. Worauf ich ferner nicht nur viele Streitschriften der unsrigen und Reformirten darüber zu lesen begierig gewesen, sondern nach der Hand auch theils der Jesuiten und Arminianer, theils der Thomisten und Jansenisten Bücher zu Rath gezogen, hernach auf meinen Reisen mit viel vornehmen Theologis und andern, sonderlich dem berühmten Arnaud, darüber conferiret. Habe aber von dem 16ten Jahr meines Alters, aus sonderbarer Schickung Gottes, wie es scheinet, mich zu einer sonst an sich selbst schwehren, und dem Ansehen nach, unannehmlichen Untersuchung angetrieben gefunden, aber für wenig Jahren erst mich völlig vergnüget, als ich rationes contingentiae recht ausgefunden, da ich zuvor des Hobbii und Spinosae argumentis pro absoluta omnium, quae fiunt, necessitate nicht so vollkommen Genüge thun können, als ich gewollt. Ich hatte mir einsmahls vorgenommen eine Theodicaeam zu schreiben, und darinnen Gottes Gütigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit, so wohl als höchste Macht und unverhinderliche Influentz zu vindiciren. Aber es wird besser angewendet seyn, wenn mir Gott einsmahls die Gnade verleihen solte, solche Gedanken (davon sie noch nur kleine Echantillons gesehen) bey mündlicher Conferentz mit vortrefflichen Leuten, zu Gewinnung der Gemüther und Beförderung der Einigkeit der Protestirenden Kirchen, glücklich anzubringen. Nur werden bequeme Gelegenheiten dazu erfordert.
  2. 2Am ausführlichsten hat sich Leibniz in späterer Zeit in einem Briefe an Magliabechi (Hannov. 20/30 Septembr. 1697) darüber ausgesprochen: Multi anni sunt, quod promisi illustrare Jurisprudentiam, et amplissimum Juris Oceanum ad paucos revocare fontes limpidos rectae rationis, ut appareat, tum quid pronuntiandum esset, si nullas leges haberemus, tum quibus modis recepto Jure a simplicibus Naturae placitis sit recessum, aut cur oporteret aliquid illis addi. Nam multi quidem tractavere Jus Naturae, sed pauci eorum simul ab interiore Philosophia et a Juris Romani cognitione fuere admodum instructi. Ita non satis nobis ipsarum actionum exceptionumque et ut verbo dicam, postulationum radices demonstrare potuere. Cum vero nihil aliud apud me justitia sit, quam caritas ad normam Sapientis, et qui amat is felicitatem alterius asciscat in suam, atque ideo jurisprudentia vere universalis etiam jus divinum comprehendat, nihil Deo dignius amari et vicissim Deo curae est felicitas Creaturarum Intelligentium quantum patitur Harmonia rerum; hinc Theodicaeae quaedam elementa nonnihil affecta dudum habui, quae ni fallor Theologis omnium partium poterunt pro maxima parte probari, et fortasse conferent aliquid ad minuendas lites. Jam tum enim cum vestris nostrisque contuli non paucis neque contemnendis. Et sane persaepe cum magnis Theologis et fuit mihi et est nunc quoque de rebus ipsis et coram et per literas communicandum, idque expertus sum fieri non sine fructu.
  3. 3Il y a deux Labyrinthes fameux, où nostre raison s'egare bien souvent: l'un regarde la grande Question du Libre et du Necessaire, surtout dans la production et dans l'origine du Mal .....
  4. 4Guhrauer, Leibniz, 2ter Theil S.16ff.
  5. 5In einer Schilderung des Brandenburgischen Hofes, die unter den Papieren Leibnizens vorhanden ist, heißt es: L'Electrice ne se mêle de rien, et passe sa vie en entendant la musique. On n'a pas le moindre égard à ses recommendations, et il semble même qu'on prend le contrepied. Comme elle est honneste et genereuse, elle ne sçauroit souffrir certains badinages et puerilités, et ne sçauroit se contraindre ny déguiser ses sentimens.
  6. 6Ueber die Ankündigung von Bayle's Dictionnaire findet sich unter den Leibnizischen Papieren ein bisher unedirtes Manuscript, in welchem sich Leibniz über die Idee des Werkes verbreitet und sie critisirt. Es folgt als Beilage zu dieser Einleitung.
  7. 7Die Königin Sophie Charlotte hatte auf einer Reise, die sie in Begleitung ihrer Mutter //VI9// im October 1700 durch Holland machte, Bayle persönlich kennen gelernt und sich mit ihm unterhalten.
  8. 8Hugony war ein französischer Militär; er stand bis 1707 in preußischen Diensten, und war so mit Leibniz bekannt geworden. In diesem Jahre kehrte er nach Frankreich zurück. Leibniz correspondirte mit ihm.
  9. 9Guhrauer, Leibniz, 2ter Theil S.253.
  10. 10Ueber die Theodicee und die Aufnahme, die das Buch fand, äußert sich Leibniz in einem Briefe an den schwedischen Canzler des Herzogthums Zweibrücken de Greiffencranz, datirt Hannover 2de May 1715: Quant à mes Essais de Theodicée sur la Bonte de Dieu, la liberté de l'Homme, et l'origine du mal, car c'est là le titre du livre, et Theodicée signifie la doctrine de la justice de Dieu, je vous diray, Monsieur, que la feue Reine de Prusse a donné occasion à cet ouvrage, car étant quelques fois plusieurs mois d'esté avec Elle à Lizenbourg, maison de campagne pres de Berlin, qu'on nomme maintenant Charlottenbourg, Elle se faisoit lire en ma presence des passages croustilleux des ouvrages de M. Bayle, qui contiennent mille choses curieuses et agreables, mais où il fait des objections contre la providence et contre d'autres articles de la Theologie naturelle, et moy je tachois d'y repondre. Et comme mes reponses ne deplaisoient point à Sa Mte, elle vouloit de temps en temps que je les misse par ecrit. C'estoient plusieurs lambeaux que j'ay cousus ensemble pour en faire un ouvrage à l'exhortation des amis qui en avoient connoissance. Ce qu'il y a de curieux est qu'il a plû à des excellens Theologiens des trois religions. Nos Theologiens en ont été contens à Leipzig, un celebre professeur en Theologie à Geneve m'a complimenté là dessus; les Jesuites mêmes l'ont fait reimprimer à Paris, et le R. P. de Tournemine m'en a fait tenir un exemplaire. La premiere Edition est in 8o à Amsterdam, celle de Paris est in 12o, mais on n'y a pas mis Paris, pour ne point avoir besoin de censure, car j'ay parlé //VI13// honorablement et comme je devois de Luther et de Calvin, mais je rends pas moins justice aux habiles gens de l'Eglise Romaine.
  11. 11Die vor mir liegende Ausgabe der Theodicee vom Jahre 1710 enthält diese Schrift. Es wird dadurch die Annahme beseitigt, daß Leibniz diese Schrift für die des Bosses'sche Uebersetzung geschrieben habe, mit der sie zuerst erschienen wäre.
  12. 12Der Plan, von der Theodicee eine deutsche Uebersetzung zu veranstalten, entstand bereits im Jahre 1712. Leibniz äußert sich darüber in dem Postscriptum eines Briefes an Goldbach, Hannov. 17. April. 1712: Dn. Fritschius Theodicaeam meam germanice verti vellet. Ego putem in hanc rem opus fore interprete, qui non tantum stylo nostrate valeat, sed et argumento et meditatione delectetur, ut satis in rei interiora penetrare possit. Es ist möglich, daß das vorliegende Bruchstück eine Probe einer solchen Uebersetzung ist, die Leibniz in dem ausgesprochenen Sinne verbessert hat. - Die erste deutsche Uebersetzung der Theodicee erschien 1720 unter dem Titel: ESSAIS DE THEODICEE, oder Betrachtung der Gütigkeit Gottes, der Freyheit des Menschen und des Ursprungs des Bösen, nebst der durch ihre selbst eigene Gerechtigkeit vertheidigten göttlichen Sache, welcher vorgefügt ein Discours von der Uebereinstimmung des Glaubens mit der Vernunfft, samt angehängeten Anmerkungen über Mons. Hobbes, alles in französischer Sprache geschrieben von dem Herrn Baron von Leibnitz; anitzo aber seiner besondern Fürtreffligkeit wegen in die Deutsche Sprache gebracht. Dem noch beygefügt dieses Hochgelahrten Herrn Barons Lebens-Beschreibung. Amsterdam, In Verlegung Cornel. Boudestein 1720. 8. Sie enthält das ganze Leibnizische Werk, nebst der Uebersetzung der Abhandlung Causa Dei etc. Der in bibliographischer Hinsicht zuverlässige C.G. Ludovici bemerkt in Betreff dieser deutschen Uebersetzung (Ausführlicher Entwurff einer vollständigen Historie der Leibnitzischen Philosophie, Leipzig 1737, 1ster Theil S.479): »Nach dieser (lateinischen) Uebersetzung sahe man im 1720. Jahre eine in Deutscher Sprache, welche Hr. M. Lentner, Rector in Breßlau, verfertiget haben soll. Ohnerachtet zwar wohl auf dem Tittel Amsterdam stehet, so ist sie doch in Deutschland zum Vorschein in 8. gekommen und von dem Hanöverischen Buchhändler, Hrn. Förstern, verleget worden. Diese Deutsche Uebersetzung ist mit des Hrn. von Fontenelle ins Deutsche übersetzte Lebens-Beschreibung des sel. Hrn. Barons von Leibnitz und einem Verzeichnis der Leibnitzischen Schriften ausgeziehret worden. Der Hr. von Eckard hat dieses Verzeichnis aufgesetzet und die Fontenellische Lebens-Beschreibung in Deutschen Habit //VI15// eingekleidet«. Eckhart hat Fontenelle's Lebensbeschreibung mit Anmerkungen versehen und vier Anhänge mathematischen Inhalts hinzugefügt.
  13. 13Leibniz schreibt an des Bosses (30. Juni 1715): Vellem vacares mihi redigere totam meam Metaphysicen in disciplinae formam, ad eum modum quo Theodicaeam sub finem brevi libello Latino methodice tractavi, quod tum demum rite fit, cum totam tractationis formam in tabula spectandam exhibere licet.
  14. 14Die erste Ausgabe der lateinischen Uebersetzung der Theodicee war mir nicht zugänglich; die zweite hat als Titel: GODEFRIDI GUILIELMI LEIBNITII TENTAMINA THEODICAEAE DE BONITATE DEI LIBERTATE HOMINIS ET ORIGINE MALI Latine versa et Notationibus illustrata a M. D. L. Ab ipso Auctore emendata et aucta. Tomus Prior. Francofurti, Sumptibus Caroli Josephi Bencard. M.D.CCXIX. Sie enthält nur die Theodicee nebst der Abhandlung Causa Dei, die oben angeführten drei Anhänge fehlen. Der Uebersetzer beabsichtigte einen zweiten Theil folgen zu lassen, der einen Commentar der Theodicee enthalten sollte: dieser zweite Theil ist nicht erschienen.