Einleitung

GerhardtGerman

In der ersten philosophischen Abhandlung: Meditationes de Cognitione, Veritate et Ideis, die Leibniz im Jahre 1684 veröffentlichte, hatte er die Grundlagen der menschlichen Erkenntniß festgestellt; er erklärte die adäquate und zugleich intuitive Erkenntniß als die vollkommenste. Am Schluß fügt er hinzu: Quod ad controversiam attinet, utrum omnia videamus in DEO .... an vero proprias ideas habeamus, sciendum est, etsi omnia in DEO videremus, necesse tamen esse ut habeamus et ideas proprias, id est non quasi icunculas quasdam, sed affectiones sive modificationes mentis nostrae, respondentes ad id ipsum quod in DEO perciperemus: utique enim aliis atque aliis cogitationibus subeuntibus aliqua in mente nostra mutatio fit; rerum vero actu a nobis non cogitatarum Ideae sunt in mente nostra, ut figura Herculis in rudi marmore. Diese im Geiste schlummernden Vorstellungen, diese angebornen Ideen (idées innées) anzunehmen, hielt Leibniz für nothwendig, um die Natur des Geistes zu begreifen. (Habet anima in se perceptiones et appetitus, iisque natura ejus continetur, schreibt er an Bierling, Hanoverae 12. Augusti 1711. Et ut in corpore intelligimus antitypian, et figuram generatim, etsi nesciamus, quae sint figurae corporum insensibilium: ita in anima intelligimus perceptionem et appetitum, etsi non cognoscamus distincte insensibilia ingredientia perceptionum confusarum, quibus insensibilia corporum exprimuntur.) Auch war es ihm dadurch nur möglich, die nothwendigen Wahrheiten, das heißt diejenigen, welche durch Demonstration erkannt werden, zu beweisen, insofern die Sinne zwar lehren was geschieht, aber nicht was nothwendig geschieht. Solche dem Geiste angeborne Ideen sind nach Leibniz die Begriffe der Substanz, der Identität, des Wahren und Guten.

Es konnte nicht fehlen, daß die Schrift des Mannes, der diese Hauptgrundlagen des Leibnizischen Systems in Frage stellte und verwarf, Leibnizens ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Es war John Locke (geb. 1632 zu Wrington bei Bristol, gest. 1704 zu Oates in der Grafschaft Essex im Hause des Sir Francis Masham, dessen Gemahlin eine Tochter Cudworth's war), der in seinem berühmten Werk: An essay concerning human understanding in four books, London 16901, den Ursprung, die Gewißheit und den Umfang der menschlichen Erkenntniß ebenfalls zu ermitteln suchte, aber die Existenz von angebornen Vorstellungen und Sätzen verneinte und behauptete, der Geist sei ursprünglich gleich einer unbeschriebenen Tafel (tabula rasa). In dem ersten Buche des genannten Werkes sucht Locke darzuthun, daß es angeborne Vorstellungen, mithin auch angeborne Sätze und Wahrheiten nicht gäbe; der Verstand sei von Natur gleich einem unbeschriebenen Blatt Papier. Das zweite Buch enthält den Nachweis, woher der Verstand seine Vorstellungen erhält. Da es keine angebornen Begriffe und Sätze giebt, so kann der Ursprung aller Vorstellungen nur in der Erfahrung liegen. Die Erfahrung aber hat ein doppeltes Gebiet, das der äußeren und der inneren Wahrnehmung; die erstere bezeichnet Locke als Sensation, die zweite als Reflexion. Sensation ist die durch die Sinne vermittelte Wahrnehmung äußerer Gegenstände; Reflexion die Wahrnehmung der Thätigkeiten der Seele in Beziehung auf die durch die Sinne dargebotenen Vorstellungen. Die Vorstellungen sind theils einfach, theils zusammengesetzt. Einfache Vorstellungen entstehen durch die einzelnen Sinne; ferner durch mehrere Sinne, wie Ausdehnung, Gestalt, Bewegung, Ruhe; durch Reflexion allein, z.B. die Vorstellung des Denkens und Wollens; durch Verbindung von Sensation und Reflexion, wie Kraft, Existenz, Einheit. Die zusammengesetzten Vorstellungen sind dreierlei Art: Modi, Substanzen, Relationen. Die Modi (d.h. zusammengesetzte Begriffe, welche nichts für sich Bestehendes enthalten) sind entweder reine (simple modes), wie Raum, Zeit, oder gemischte (mixed modes), wie Denken, Bewegung, Kraft. - Unter Substanzen versteht Locke diejenigen Verknüpfungen einfacher Vorstellungen oder Vorstellungsgruppen, die mit der Voraussetzung gedacht werden, daß sie bestimmten wirklich existirenden Dingen entsprechen, dergestalt, daß die für sie und in ihnen vorausgesetzte Substanz (Substrat) als der Anknüpfungspunkt für die übrigen in der Vorstellungsgruppe enthaltenen Bestandtheile gehalten wird. Von der Substanz hat man keinen deutlichen Begriff; er ist nach Locke werthlos. Nach ihm ist dieser Begriff nicht auf einzelne Dinge beschränkt, sondern er erstreckt sich auch auf Collectivvorstellungen mehrerer Dinge; so ist eine Armee, eine Schaafheerde ebenso eine Substanz, wie der einzelne Mensch oder ein Schaaf. - Die Relationen entspringen aus der Vergleichung mehrerer Dinge mit einander, wie die Begriffe von Ursache und Wirkung, Zeit- und Ortsverhältnisse, Identität und Verschiedenheit.

Die Vorstellungen und ihre Verknüpfungen geben sich in der Sprache zu erkennen; deshalb beginnt Locke im dritten Buche mit einer Erörterung über die Sprache, insofern unsere Erkenntniß, obgleich sie sich auf die Dinge bezieht, an Worte gebunden ist und Worte ein unvermeidliches Mittelglied zwischen den Gedanken und den Dingen sind; es sei deshalb der Umfang und die Gewißheit der Erkenntniß mitbedingt durch die Beschaffenheit und Bedeutung der Worte. - Im vierten Buche spricht Locke das abschließende Urtheil über den Umfang und die verschiedenen Grade der Gewißheit der menschlichen Erkenntniß2.

Leibnizens Aufmerksamkeit war bereits durch den oben erwähnten, von Locke selbst in der Bibliothèque universelle veröffentlichten Auszug aus seinem Werk auf den englischen Philosophen gelenkt worden. Als später Locke's Werk in seine Hände gelangte, entwarf er nach seiner Gewohnheit, indem er das Werk durchblätterte, einige Bemerkungen3; sie folgen hier unter der Aufschrift: Sur l'Essay de l'entendement humain de Monsieur Lock. Leibniz schickte sie zum beliebigen Gebrauch an Thomas Burnett, mit dem er in Correspondenz stand4. Durch diesen kamen sie zur Kenntniß Locke's, der aber unter nichtigen Ausflüchten jede Antwort darauf ablehnte5. Als Leibniz von Burnett unter andern die Mittheilung erhielt (26. July 1698), daß Locke sich dahin geäußert, er verstände die Bemerkungen Leibnizens in Betreff seiner Schrift zum Theil nicht hinlänglich, entschloß er sich zu einer Umarbeitung derselben. Zwei Bruchstücke aus dem Jahre 1698 sind davon vorhanden; sie sind hier zum ersten Male gedruckt unter der Aufschrift: Echantillon de Reflexions sur le I. Livre de l'Essay de l'Entendement de l'homme. - Echantillon de Reflexions sur le II. Livre. - Leibniz übersandte sie wiederum an Burnett, durch den sie Locke erhielt; aber auch dieser Versuch von Seiten Leibnizen's blieb ohne Erfolg, wie aus Burnett's Schreiben an Leibniz vom 23. October 1700 hervorgeht.

Im Jahre 1700 erschien die von Pierre Coste herausgegebene französische Uebersetzung von Locke's Werk6; sie war nach der 4ten Ausgabe veranstaltet und enthielt demnach auch die Zusätze, welche Locke zu den vorhergehenden Ausgaben seiner Schrift gemacht hatte. Zunächst nahm Leibniz davon Veranlassung, einen Aufsatz für den »Monatlichen Auszug aus allerhand neu-herausgegebenen, nützlichen und artigen Büchern« für das Jahr 1700 (September S.611-636) zu schreiben. Derselbe folgt hier unter Nr. III. zugleich mit dem Zusatz aus dem folgenden Jahre 17017. In diesem Aufsatz bespricht Leibniz zwei der wichtigsten Zusätze Locke's, die zwei besondere Capitel einnehmen, nämlich cap. 33 des zweiten Buches, worin Locke von der Association (Vergesellschaftung) der Ideen handelt, und sodann cap. 19 des 4ten Buches, in welchem von dem Enthusiasmus die Rede ist.

Durch die französische Uebersetzung wurde Leibniz das Werk Locke's erst recht zugänglich8. Er erkannte die Wichtigkeit seines Inhalts in vollstem Umfange; zugleich mußten die überaus große Verbreitung und die allseitigste Anerkennung, die durch die schnell auf einander folgenden Ausgaben sich aussprach, einen tiefen Eindruck auf ihn machen. Offenbar aus diesen Gründen faßte Leibniz den Plan, dem Werke Locke's eine größere Schrift entgegenzustellen. Sie wuchs aus oft eilig hingeworfenen Bemerkungen hervor, die er gelegentlich in den auf das Jahr 1700 folgenden Jahren aufsetzte, zu Zeiten, in welchen ihm nicht verstattet war, eine zusammenhängende Arbeit vorzunehmen9. Um die Spuren dieser Arbeitsweise zu verwischen, hielt Leibniz für gerathen, seine Schrift, bevor er sie veröffentlichte, hinsichtlich der Fassung und des Stils dem Urtheil von Nationalfranzosen zu unterbreiten. Diese Revision verzögerte sich bis zum Jahre 1705, wie aus einem Schreiben, das keine Namensunterschrift hat, hervorgeht10. Eine andere Verzögerung trat dadurch ein, daß Leibniz im folgenden Jahre 1706 mit Pierre Coste, dem Uebersetzer von Locke's Werk, in Correspondenz kam; derselbe theilte ihm mit (20. April 1707), daß die Uebersetzung von Locke selbst geprüft und mit wichtigen Verbesserungen versehen worden wäre; er gäbe ihm (Leibniz) den dringenden Rath, die Veröffentlichung seines Werkes auszusetzen, bis er von diesen Aenderungen Locke's Kenntniß genommen. Dies, so wie der bereits im Jahre 1704 erfolgte Tod Locke's, ferner daß er die abfälligen Urtheile des letztern in dessen Briefwechsel mit Molyneux erfuhr, alles dies änderte Leibnizens ursprünglichen Plan11.

Um seinen Ideen leichtern Eingang zu verschaffen und seine Leser zugleich mit denen Locke's bekannt zu machen, hatte Leibniz seine Schrift in dialogischer Form abgefaßt; zwei Freunde, Philalèthe und Théophile, unterhalten sich, der erstere trägt die Ansichten Locke's vor, der zweite knüpft seine (Leibnizens) Bemerkungen daran. Diese Fassung gedachte Leibniz aufzugeben; er schreibt an Th. Burnett 26. Mai 1706: La mort de M. Lock m'a oté l'envie de publier mes remarques sur ses ouvrages; j'aime mieux publier maintenant mes pensées independament de ces d'un autre. Dagegen bemerkt er, fast scheint es im entgegengesetzten Sinne, demselben drei Jahre später 12. Mai 1709: Mes remarques sur l'excellent ouvrage de M. Lock sont presque achevées; quoyque nous ne soyons pas du même sentiment, je ne laisse pas de l'estimer et de le trouver estimable.

Leibnizens Werk blieb wenigstens der Form nach unvollendet, ein großartiger Torso, und unveröffentlicht12. Er wandte sich zur Abfassung der Théodicée. Erst 50 Jahre nach seinem Tode wurde es zum Druck befördert in Oeuvres Philosophiques latines et françoises de feu Mr. de Leibnitz. Tirées de ses manuscrits qui se conservent dans la bibliothèque Royale à Hanovre, et publiées par Mr. Rud. Eric Raspe. Avec une Préface de Mr. Kaestner Professeur en Mathématiques à Göttingen. A Amsterdam et à Leipzig 1765. Der vorliegende Abdruck ist mit dem Original, so weit es noch vorhanden, von neuem verglichen worden13. Die von Nationalfranzosen vorgeschlagenen Correcturen in Betreff des Stils sind nicht berücksichtigt, um Leibnizens Ausdrucksweise nicht zu verwischen; sie beziehen sich auch nur auf die ersten Bücher.

In der Vorrede zu seinem Werk, in welcher Leibniz die Differenzpunkte zwischen seinem System und dem Locke's zusammengestellt hat, bemerkt er zunächst, daß Locke's Versuch über den menschlichen Verstand eines der schönsten und schätzenswerthesten Werke der Zeit sei; er habe sich entschlossen Bemerkungen darüber zu machen, da er selbst seit langer Zeit über denselben Gegenstand nachgedacht habe und es für eine gute Gelegenheit erachte, auf diese Weise seinen Ideen einen günstigen Eingang zu verschaffen. Zwar unterscheide sich sein System von dem Locke's bedeutend, insofern als das letztere mehr Beziehung zu Aristoteles, das seine dagegen zu Plato habe; jenes sei mehr allgemein verständlich, das seine abstracter. Indeß hoffe er, dadurch daß er seine Bemerkungen in Form einer Unterredung zweier Personen gekleidet, von denen die eine die Ansichten Locke's vorträgt, die andere seine Bemerkungen daran knüpft, das Trockene, welches abstracte Bemerkungen haben, zu vermeiden; zugleich werde dem Leser die Mühe erspart, die in Rede stehenden Stellen im Locke'schen Essay zu vergleichen. - Der erste wichtige Differenzpunkt, in dem sich Leibniz von Locke unterscheidet, ist zu wissen, ob die Seele an sich leer ist wie eine tabula rasa, wie schon Aristoteles behauptet hat, und daß sie alles durch sinnliche Wahrnehmung und durch die Erfahrung aufnimmt, oder ob die Seele ursprünglich die Principien von mehreren Begriffen und Lehren hat, wie Leibniz mit Plato meint. Hieraus entsteht eine andere Frage, ob alle Wahrheiten von der Erfahrung abhängen, oder ob es noch ein anderes Princip giebt. Die Sinne sind nothwendig für unsere wirkliche Erkenntniß, aber sie geben uns nur Beispiele, d.h. individuelle Wahrheiten, die nicht ausreichend sind, um die allgemeine Nothwendigkeit einer Wahrheit zu begründen. Die nothwendigen Wahrheiten, die man in der reinen Mathematik findet, scheinen auf andern Principien zu beruhen, deren Beweis nicht von der Erfahrung und von dem Zeugniß der Sinne abhängt, was wohl zu beachten ist. Die Logik, die Metaphysik, die Moral sind voll von solchen Wahrheiten, die nur von solchen Principien kommen können, die man angeborne nennt. Es ist indeß möglich, fährt Leibniz fort, daß mein Widerpart sich nicht allzuweit von meiner Ansicht entfernt. Denn nachdem er im ersten Buche seiner Schrift die angebornen Ideen verworfen hat, beginnt er das zweite Buch damit, daß die Ideen, die ihren Ursprung nicht in der Sensation haben, durch Reflexion entstehen. Was ist aber die Reflexion anders als ein Achthaben auf das was in uns ist und uns angeboren ist? Das sind die Vorstellungen des Seins, der Einheit, der Substanz u.s.w. Wenn in Betreff des Bisherigen, meint Leibniz, vielleicht leicht ein Einverständniß mit seinem Widerpart herzustellen wäre, so dürfte es mehr Schwierigkeit machen rücksichtlich der Behauptung, daß der Geist nicht immer denkt, ebenso wie die Körper nicht immer Bewegung haben. Dem stellt Leibniz die Behauptung gegenüber, daß die Körper immer in Bewegung sind und daß eine Substanz nicht ohne Thätigkeit sein kann; es giebt in der Seele eine Menge Eindrücke, die zu klein sind als daß sie einzeln unterschieden werden können, wohl aber vereint eine Wirkung hervorbringen, wenn auch nur undeutlich, wie das Geräusch der Wasserwogen. Diese kleinen Wahrnehmungen sind von größerer Bedeutung als man denkt. Durch diese unmerklichen Wahrnehmungen wird die prästabilirte Harmonie zwischen Seele und Leib erklärt. Ebenso sind sie von großer Wichtigkeit für die Physik, denn es beruht darauf das Gesetz der Continuität. Diese kleinen unmerklichen Wahrnehmungen sind auch die Ursache, warum es nicht zwei vollkommen ähnliche Seelen oder Dinge von derselben Art giebt.

Ein anderer Differenzpunkt zwischen Leibniz und Locke ist in Betreff der Auffassung des Wesens der Materie. Letzterer betrachtete die kleinsten Theile der Materie als starre Körper, und nahm deshalb an, daß der Raum leer sei, sonst wäre eine Bewegung nicht möglich. Leibniz dagegen setzt den Raum als erfüllt mit einer flüssigen Materie, die bis ins Unendliche theilbar ist; er hebt hervor, daß Locke, der sich anfangs zu der von Leibniz stets bestrittenen Gravitationstheorie Newton's, d.h. daß die Körper aus irgend welcher Entfernung, ohne sich zu berühren, auf einander wirkten, bekannte, später von dieser Annahme Newton's sich frei gemacht habe.

Bei Erörterung der Begriffe von Raum, Zeit und Zahl hatte Locke bemerkt, daß nur mit diesen Begriffen der der Unendlichkeit verbunden werden könne. Leibniz ist mit ihm darin einverstanden, daß es weder einen unendlichen Raum, noch eine unendliche Zeit, noch eine unendliche Zahl gäbe, daß es überhaupt das Unendliche nicht gäbe in dem was aus Theilen zusammengesetzt sei. Aber das wahre Unendliche, setzt Leibniz hinzu, ist in dem Absoluten, welches ohne Theile ist. Aus demselben geht der Begriff des Endlichen durch Begränzung hervor.

Zu Anfang des dritten Buches hatte Locke die Sprache als den Ausdruck der Erkenntnißformen einer Erörterung unterzogen. Er hatte dabei einen Unterschied zwischen dem nominellen und reellen Wesen gemacht. Diese Unterscheidung wird von Leibniz als eine verwirrende Neuerung verworfen. Die Dinge, behauptet Leibniz, haben nur ein Wesen, aber es sind von ihnen verschiedene Definitionen, Nominal- und Realdefinitionen möglich.

Der Inhalt des vierten Buches, in welchem von der Erkenntniß der Wahrheit gehandelt wird, giebt Leibniz keine Veranlassung eine wichtigere Streitfrage zu erheben. In Betreff der Axiome, deren Unentbehrlichkeit für wissenschaftliche Untersuchungen von Leibniz behauptet, von Locke bestritten wird, geht ersterer auf eine längere Auseinandersetzung ein. Ebenso wendet er sich gegen die Meinung Locke's, daß die Anwendung der Logik ziemlich unfruchtbar sei.

Le 2. Fevrier 1705.

  1. 1Dieses Werk war bereits im Jahre 1687 vollendet; ein von Locke selbst gemachter Auszug erschien im folgenden Jahre 1688 ins Französische übersetzt in Leclerc's Bibliothèque universelle Tom. VIII. p.49-142. Auch wurde der Inhalt des Werkes, nachdem es im Jahre 1690 vollständig veröffentlicht war, von Leclerc in der Biblioth. univers. Tom. XVII. p.399 sqq. sehr ausführlich mitgetheilt. Die bereits in der nächsten Zeit schnell auf einander folgenden neuen Ausgaben in den Jahren 1694, 1697, 1699, 1705 beweisen, welch einen mächtigen Eindruck Locke's Werk auf die gebildeten Kreise machte. 1700 erschien Coste's französische Uebersetzung von Locke's Werk; sie wurde von ihm selbst mit Verbesserungen und Zusätzen bereichert. Dieser französischen Uebersetzung ist Leibniz bei der Abfassung seiner Nouveaux essais gefolgt.
  2. 2Für das Vorstehende sind benutzt. Hartenstein, Locke's Lehre von der menschlichen Erkenntniß in Vergleichung mit Leibniz's Kritik derselben. Leipzig 1861. - Ueberweg, Grundriß der Geschichte der Philosophie. 3. Theil. Berlin 1880.
  3. 3Sie sind nach dem Jahre 1693 entstanden, da Locke's Schrift über die Erziehung: Thoughts on education, London 1693, darin erwähnt wird. Gedruckt sind sie zuerst in Some Familiar Letters between Mr. Locke, and Several of his Friends, Lond. 1708, S.196-205.
  4. 4Leibniz an Th. Burnett 7/17 Mars 1696: Je trouvay aussi dernierement un brouillon que j'avois déja fait copier autresfois, des remarques que j'avois faites en parcourant l'excellent Essay de M. Lock sur l'entendement de l'homme; je prends la liberté de vous en envoyer une copie. - Leibniz an Th. Burnett 17/27 Juli 1697: Ce que je vous ay envoyé de mes Reflexions sur l'important livre de M. Lock est entierement à vostre disposition, et vous le pouvés communiquer à qui bon vous semble; et s'il tombe entre ses mains, ou celles de ses amis, tant mieux; car cela luy donnera occasion de nous instruire et d'eclaircir la matiere.
  5. 5Höchst charakteristisch ist das was Burnett an Leibniz unter dem 23. July 1697 mittheilt: Il faut que je vous conte un bon mot de Monsr. Lock l'autre jour sur cette affaire. Nous commençames à parler des guerres des savants avec ceux de ce pays. Il disoit: il me semble, nous vivons fort paisiblement en bon voisinage avec les Messieurs en Allemagne, car ils ne connoissent pas nos livres, et nous ne lisons pas les leurs, tellement que la conte (? le compte) fût bien ajousté de chaque part. - Dagegen findet sich ein sehr abfälliges Urtheil Locke's über Leibniz und seine Bemerkungen in seinem Briefe an Dr. Molyneux vom 10. April 1697: I must confess to you, that Mr. L.-'s great name had raised in me an expectation which the sight of his paper did not answer, nor that discourse of his in the acta eruditorum, which he quotes, and I have since read, and had just the same thoughts of it, when I read it, as I find you have. From whence I only draw this inference, That even great parts will not master any subject without great thinking, and even the largest minds have but narrow swallows. - Nicht minder herabwürdigend urtheilt Locke über Leibniz in dem folgenden Schreiben an Molyneux vom 3. Mai 1697. - Die Correspondenz zwischen Locke und Molyneux ist in der bereits angeführten Schrift: Some Familiar Letters between Mr. Locke etc. enthalten.
  6. 6Essai Philosophique concernant l'Entendement humain, où l'on montre, quelle est l'etendue de nos Connoissances certaines et la maniere dont nous y parvenons, traduit de l'Anglais de Mr. Locke par Mr. Pierre Coste, sur la quatrieme edition, revue, corrigée et augmentée par l'Auteur. A Amsterd. 1700. 4. Diese erste Ausgabe von Coste's Uebersetzung war mir nicht zugänglich, ich habe die zweite: Essai Philosophique concernant etc. Traduit de l'Anglois par M. Coste. Seconde Edition, revue, corrigée, et augmentée de quelques Additions importantes de l'Auteur qui n'ont paru qu'après sa mort et de quelques Remarques du Traducteur. A Amsterd. 1729. 4. benutzen können.
  7. 7Dieser »Monatliche Auszug« erschien in 3 Jahrgängen von 1700 bis 1702. Guhrauer (Leibnitz's deutsche Schriften, 2ter Band) hat in einem sehr ausführlichen Exkurs nachzuweisen versucht, daß Leibniz der eigentliche Herausgeber dieser Zeitschrift war. Sicherlich rührt der Aufsatz über Locke's Schrift von ihm her.
  8. 8Leibniz an Th. Burnett 17/27 Juillet 1696: Je souhaitterois d'avoir la même connoissance de la langue Angloise (wie der französischen Sprache); mais n'en ayant eu l'occasion, tout ce que je puis, est d'entendre passablement les livres écrits en cette langue. Et à //V8// l'âge où je suis, je doute si j'en pourray jamais apprendre davantage. - Leibniz an Coste 16. Juin 1701: J'ay suivi vostre version Françoise, parceque j'ay jugé à propos d'écrire mes remarques en françois, puisque aujourdhuy ces sortes de recherches ne sont gueres à la mode dans le pays Latin.
  9. 9J'ay fait ces remarques aux heures perdues, quand j'estois en voyage ou à Herrenhausen, où je ne pouvois vaquer à des recherches qui demandent plus de besoin.
  10. 10Les frequentes distractions auxquelles j'ai été exposé, ont été cause que je n'ai pas poussé plus avant mes Remarques. D'ailleurs j'ai été obligé de me partager entre la lecture de vôtre Ouvrage, et les commissions qui m'ont été données par M. le Comte de Schwerin, dont il faut que je lui rende conte. Vous trouverez peu de Remarques sur ce papier; mais j'ai pris la liberté de changer dans l'Ouvrage même, un fort grand nombre d'endroits sur lesquels je ne hesitois point, lorsque j'ai vû que je pouvois le faire sans brouiller le reste de l'écriture. Je n'ai pas touché à ce qu'on appelle proprement le style; mais la confiance dont vous m'avez honnoré, m'oblige de vous dire ici, qu'il a grand besoin d'être reformé, et qu'il semble que vous l'avez beaucoup négligé. Vous savez, Monsieur, jusqu'à quel excés nos François ont poussé leur délicatesse bien ou mal fondée. Les Périodes trop longues les dégoutent; un Et, ou quelque autre mot trop souvent repeté dans la même Période, les offense; les constructions éloignées les embarrassent; Un rien, pour ainsi dire, les choque. Cependant il est juste de s'accommoder à leur goût, si l'on veut écrire en leur langue; et au cas que vous vous déterminiez à faire imprimer vôtre Ouvrage, je croi que vous ferez bien de le retoucher avec un peu plus de severité. Je m'asseure que vous ne serez pas fâché de la liberté avec laquelle je vous parle, puis qu'elle vient d'une personne dévouée à vôtre service.
  11. 11Leibniz an Coste 16. Juin 1707: Le grand merite de Monsieur Lock, et l'estime generale que son ouvrage a gagné avec tant de justice, joint à quelque commerce de lettres que j'avois eu le bonheur d'avoir avec Mylady Masham, m'a fait employer quelques semaines à des remarques sur cet important ouvrage, dans l'esperance d'en conferer avec Mr. Lock luy même. Mais sa mort m'a rebuté et a fait que mes reflexions sont demeurées en arriere, quoyqu'elles soyent achevées. Mon but a esté plustost d'eclaircir les choses, que de refuter les sentimens d'autruy. Cependant je seray ravi, Monsieur, de recevoir les Additions et les Corrections de cet Excellent homme, pour en profiter. - Leibniz an Remond 14. Mars 1714: Il (Hugony) a vû aussi mes Reflexions assez étendues sur l'Ouvrage de M. Locke, qui traite de l'Entendement de l'Homme. Mais je me suis dégoûte de publier des refutations des Auteurs morts, quoyqu'elles dûssent paroistre durant leur vie, et estre communiquées à eux mêmes. Quelques petites Remarques m'échappèrent, je ne say comment, et furent portées en Angleterre par un parent de feu M. Burnet Evêque de Salisbury. M. Locke les ayant vues en parla avec mépris dans une Lettre à M. Molineux, qu'on peut trouver parmy d'autres Lettres posthumes de M. Locke. Je n'en appris son jugement qu'après cette impression. Je ne m'en étonne point: nous estions un peu trop differens en principes, et ce que j'avançois, luy paroissoit des paradoxes. Cependant un ami plus prévenu pour moi, et moins prévenu pour M. Locke, me mande que ce qu'on y a inseré de mes reflexions luy paroist le meilleur de la Collection. Je n'adopte point ce jugement, ne l'ayant point vue.
  12. 12Ueber der Vorrede, die gewiß erst nach Vollendung des ganzen Werkes abgefaßt ist, hat Leibniz als Titel des Werkes geschrieben: Nouveaux Essais sur l'entendement par l'Auteur du systeme de l'Harmonie preestablie; er läßt auch in der Vorrede selbst das Wort »humain« aus. Ebenso lautet die Ueberschrift des vierten Buches: Nouveaux Essays sur l'entendement; bei den drei ersten Büchern findet sich als Ueberschrift: Nouveaux essais sur l'entendement humain.
  13. 13Im Original hat Leibniz die Worte des Philalèthe, der die Ansichten Locke's vorträgt, vielleicht zum Zeichen, daß sie nicht die seinigen sind, mit [ ] eingeschlossen. Raspe hat sie weggelassen.