Einleitung

GerhardtGerman

Um die Würde eines Baccalaureus der Philosophie auf der Universität Leipzig zu erlangen, verfaßte Leibniz in seinem sechszehnten Jahre die Dissertation De Principio Individui.1 Er vertheidigte sie öffentlich am 30. Mai 1663 unter dem Vorsitz seines von ihm hochgeehrten Lehrers Jacob Thomasius, der nach der Sitte der Zeit eine Vorrede dazu geschrieben hatte. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Leibniz obiges viel umstrittenes Thema gewählt hatte, um seine Belesenheit in den Schriften der Scholastiker und seine Vertrautheit mit ihrer Methode zu zeigen. In seinen im reiferen Lebensalter verfaßten Selbstbekenntnissen hebt Leibniz ausdrücklich hervor, wie eingehend er mit den Hauptschriftstellern der scholastischen Philosophie sich beschäftigt, und mit welcher Leichtigkeit er sie las.2

Nachdem Leibniz im Jahre 1665 Baccalaureus der Jurisprudenz geworden, disputirte er im folgenden Jahre 1666 pro loco, um sich in der philosophischen Facultät der Universität Leipzig einen Platz zu sichern, durch die Abhandlung: Disputatio Arithmetica de complexionibus. Sie enthält den Anfang der in demselben Jahre 1666 erschienenen ersten größeren Schrift Leibnizens: Dissertatio de Arte Combinatoria, die hier nach dem in der Königlichen Bibliothek zu Hannover vorhandenen Originaldruck wiedergegeben ist. Der mathematische Inhalt dieser Schrift ist, wie Leibniz wiederholt bemerkt hat,3 unbedeutend, dagegen hat sie einen besonderen Werth für den Entwickelungsgang Leibnizens, insofern sie die ersten Spuren des riesigen Unternehmens enthält, das Leibniz sein ganzes Leben hindurch nicht aus den Augen verloren hat: der allgemeinen Charakteristik. Es war ein in frühester Zeit seiner Studien gefaßter Gedanke, daß alle Begriffe in eine kleine Anzahl einfacher, widerspruchsloser Elemente sich zerlegen lassen, und daß, wenn es gelänge. für diese letzteren bezeichnende Charaktere aufzufinden, die Möglichkeit gegeben wäre, durch Combination dieser Charaktere nicht allein alle bereits bekannten Wahrheiten sofort für jeden verständlich auszudrücken, sondern auch neue Wahrheiten zu entdecken. Es könne auf diese Weise gewissermaßen ein Alphabet der menschlichen Gedanken geschaffen und durch Combination der Zeichen dieses Alphabets und durch Analysis der daraus gebildeten Wörter alles sowohl gefunden als beurtheilt werden. »In Philosophia, schreibt Leibniz in seinem dritten Briefe an den Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg, habe ich ein mittel funden, dasjenige was Cartesius und andere per Algebram et Analysin in Arithmetica et Geometria gethan, in allen scientien zuwege zu bringen per Artem Combinatoriam, welche Lullius und P. Kircher zwar excolirt, bey weiten aber in solche deren intima nicht gesehen. Dadurch alle Notiones compositae der ganzen welt in wenig simplices als deren Alphabet reduciret, und aus solches alphabets combination wiederumb alle dinge, samt ihren theorematibus, und was nur von ihnen zu inventiren müglich, ordinata methodo, mit der zeit zu finden, ein weg gebahnet wird. Welche invention, dafern sie wils Gott zu werck gerichtet, als mater aller inventionen von mir vor das importanteste gehalten wird, ob sie gleich das ansehen noch zur zeit nicht haben mag. Ich habe dadurch alles was erzehlet werden soll, gefunden,

und hoffe noch ein mehreres zu wege zu bringen.« Durch die Zuhülfenahme der Wege und Ausdrucksweise, welche die Mathematik darbietet, glaubte Leibniz die eigentliche Logica inventiva, die »Erfindungskunst« (ars inveniendi et dijudicandi) gefunden zu haben, durch die er die wahrhafte Begründung und Erweiterung der Wissenschaften zu ermöglichen meinte. Sie ist die »methodus ordinata« oder der »filus meditandi«, wodurch einem jeden Menschen die Möglichkeit geboten wird, zur Erkenntniß der Wahrheit zu gelangen. Später, wo die in Leibnizens Nachlaß vorhandenen Bruchstücke über die Scientia generalis und die allgemeine Charakteristik zusammengestellt werden, wird ausführlich davon die Rede sein; hier soll nur hervorgehoben werden, daß Leibniz auf dem Gebiet der mathematischen Wissenschaften, wo lediglich die Form des Gegebenen zur Betrachtung kommt und deshalb das Aufsteigen von den einfachen Fällen zu den zusammengesetzteren mit nicht so vielen Schwierigkeiten verknüpft ist, die »Erfindungskunst« mit bewunderungswürdiger Meisterschaft zu handhaben wußte und dadurch zu den schönsten Erfolgen gelangte, wozu alle seine Auflösungen von den großen Problemen aus dem Bereich der höheren Analysis die Beweise liefern. Desgleichen hat die frühe Erkenntniß, wie unendlich viel für die Vervollkommnung und Erweiterung einer jeden Wissenschaft von einer passend gewählten Zeichensprache stets zu erwarten steht, auf dem Gebiet der mathematischen Wissenschaften die schönsten Früchte gebracht. Der von ihm so glücklich gewählte Algorithmus für die höhere Analysis ist lediglich als ein Ergebniß dieser Erkenntniß zu betrachten; er ist ursprünglich nichts anderes - und Leibniz selbst bezeichnet ihn so - als eine Charakteristik, als ein Operationscalcül.

Die folgenden philosophischen Schriften hat Leibniz während seines Aufenthalts in Frankfurt am Main und Mainz (1667-1672) verfaßt. Er stand hier in sehr nahem Verhältniß zu dem berühmten Staatsmann, dem Freiherrn von Boineburg, der die eminente Begabung und das Wissen des jungen aufstrebenden Gelehrten erkannt hatte und ihn durch seine weit verbreitete Bekanntschaft mit dem berühmtesten Männern der damaligen Zeit zu fördern suchte. Der Freiherr von Boineburg war im reiferen Alter von der protestantischen zur katholischen Kirche übergetreten, vielleicht aus Ueberzeugung, denn ihm war die Religion Herzenssache, die ernsteste Angelegenheit des Lebens. Er stand auch den Bemühungen nicht fern, die die Vereinigung der beiden Kirchen anstrebten. Auf der anderen Seite betheiligte er sich aufs lebhafteste an den Kämpfen gegen die religiösen Secten und philosophischen Schulen, welche die Glaubenslehren des Christenthums und die Grundwahrheiten der natürlichen Religion zu untergraben drohten,4 und gegen die Freigeisterei, die unter den höheren Ständen damals besorgnißerregend um sich griff. An diesen Bestrebungen nahm Leibniz, durch Boineburg veranlaßt so wie aus eigenem Antrieb, den regsten Antheil. Er meinte, durch eine gesunde Philosophie alle Angriffe gegen das Christenthum und gegen die Religion überhaupt niederschlagen und überwinden zu können. Quod superest, schreibt er in dem Briefe VI. an Jacob Thomasius, illud confirmare ausim, Atheis, Socinianis, Naturalistis, Scepticis nunquam nisi constituta hac philosophia solide occursum iri: quam ego profecto munus Dei credo senectae mundi datum velut unicam tabulam, qua se viri pii ac prudentes in incumbentis nunc Atheismi naufragio servaturi sunt. Ego quantulacunque mihi fuit ab exiguo tempore virorum doctorum notitia, horresco tamen, quoties cogito, in quot simul et ingeniosos et prorsus atheos inciderim. Et volitat per manus hominum Bodini liber ineditus (atque utinam, ut cum Naudaeo opto, nunquam edendus) grandis certe, quem ille vocat, arcana sublimium, in quo professus hostis est religionis Christianae. Vanini dialogi ludus sunt, si comparentur. Legi non perfunctorie, et Deo ex animo gratias ago, quod iis me praesidiis philosophiae (in qua ingratus sim, si tibi multa debere negem) instruxerit, quibus ejus tela nullo negotio repuli. Laudandus est Cl. Spizelii labor, quem ille eradicando Atheismo nunc rursus impendit. Epistolam ejus de hoc argumento his nundinis emissam videris opinor. Accipe, quid mihi cum eo contigerit. Conscripseram aliquando per otium, tumultuaria tamen opera in diversorio duas circiter plagulas, quibus de demonstranda solito accuratius immortalitate animae et existentia Dei agebam. Has communicaveram amico. Per hunc venere in manus Pl. Reverendi Speneri, Pastoris Francofurtensium, auctore tamen merito dissimulato. Spenerus Spizelio transmittit; Spizelius suae illi epistolae ad Ant. Reiserum de eradicando Atheismo nuperae lini adjecit, sub tit. Confessio naturae contra Atheistas. Sed ego non improbo, verum doleo, quod mendosissime illud schedion impressum est, imprimis sorites ille, quo demonstrare conatus sum immortalitatem animae, mutatis linearum initialibus mire perturbatus est. Spizelius fatetur se auctorem ignorare. De ipsa demonstrandi ratione judicium exspecto. Neque vero laudem, sed examen peto, quando religionis interest non perfunctorie defendi. Quanquam interim in utraque longe altius penetrasse mihi videor. Die vorstehenden Worte enthalten zugleich das Nähere über Leibnizens Abhandlung: Confessio Naturae contra Atheistas, die zuerst als Postscriptum in Theo. Spizelii de Atheismo eradicando ad Virum praestantissimum Dn. Antonium Reiserum Augustanum etc. Epistola. Accessit pius literati hominis secessus. August. Vindel. 1669 gedruckt ist. In dem Exemplar, nach welchem der gegenwärtige Abdruck veranstaltet ist, finden sich Correcturen von Leibnizens Hand; an dem Sorites hat er nichts geändert. Derselbe ist nach einer Abschrift, die in der Correspondenz Leibnizens mit dem Helmstedter Professor Koch aus dem Jahre 1709 aufgefunden wurde, hier wiedergegeben.

Socinianer hatten nach ihrer im Jahre 1663 erfolgten Vertreibung aus Polen, durch den Churfürsten von der Pfalz, Carl Ludwig, in Mannheim ein Asyl gefunden. An der Spitze derselben stand Wissowatius; mit ihm hatte der Freiherr von Boineburg eine Correspondenz über die Lehrmeinungen der Socinianer angeknüpft, wie aus dem Briefe des Wissowatius an ihn aus dem Jahre 1665 sich ergiebt. Nach mehreren Jahren, als Boineburg zu einer Reise nach Polen sich anschickte, um auf dem polnischen Reichstage für den Pfalzgrafen Philipp Wilhelm von Neuburg als Bewerber um die polnische Krone zu wirken, erhielt Leibniz den erwähnten Brief des Wissowatius von Boineburg zugestellt, um in einer Widerlegung der Behauptungen des Socinianers seine Kräfte zu versuchen. Dies ist die Entstehung der folgenden kleinen Schrift: Defensio Trinitatis per nova Reperta Logica contra adjunctam hic Epistolam Ariani non incelebris ad Illustrissimum Baronem Boineburgium autore G. G. L. L., die im Jahre 1669 abgefaßt ist und nach ihrer Aufschrift zu schließen für die Oeffentlichkeit bestimmt war.5

Ebenfalls auf Veranlassung seines Gönners, des Freiherrn von Boineburg, veranstaltete Leibniz im Jahre 1670 eine neue Ausgabe der Schrift des Marius Nizolius: Anti-Barbarus seu de veris principiis et vera ratione philosophandi contra Pseudophilosophos, Parmae 1553.6 In dieser Schrift hatte der durch seine Arbeiten über Cicero für seine Zeit nicht unberühmte Verfasser gegen die unverständliche und schwülstige Ausdrucksweise, wie sie in der scholastischen Philosophie üblich war, geeifert und auf eine klare und allgemein faßliche Rede gedrungen. Leibniz verfolgte dasselbe Ziel, obschon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Darstellung in den philosophischen Schriften durch Baco, Descartes und deren Schüler, so wie in Deutschland durch Jacob Thomasius bereits eine andere geworden war. Nizolius hatte mehr die äußere Darstellung betont und Eleganz des Ausdrucks gefordert, Leibniz dagegen erfaßte in der vorausgeschickten Dissertatio de stylo philosophico Nizolii den Gegenstand viel tiefer: er verlangt nicht nur Deutlichkeit und Klarheit, sondern auch Bestimmtheit

und Wahrheit, d.h. der Ausdruck soll das Wesen des Gegenstandes vollständig zur Anschauung bringen. Er erwähnt dabei, daß die deutsche Sprache ganz besonders zur philosophischen Darstellung sich eigne (huic tentamento probatorio atque examine philosophematum per linguam aliquam vivam, nullam esse in Europa linguam Germanica aptiorem). Viel weniger aber billigt Leibniz, daß Nizolius die Irrthümer der Scholastiker auf Aristoteles zurückführt; er behauptet im Gegentheil, daß die neuere, reformirte Philosophie mit der Aristotelischen in Uebereinstimmung zu bringen sei und die eine durch die andere erklärt werden müsse, daß sogar das was jene als Eigenthum beanspruche, aus Aristotelischen Principien folge. Deshalb ließ Leibniz ein längeres Schreiben an Jacob Thomasius,7 mit welchem er damals in Correspondenz stand, hier theilweise umgearbeitet abdrucken. In diesem Schreiben verbreitet er sich ausführlich über den Standpunkt, den er damals (1669) in der Philosophie einnahm. Man ersieht daraus, daß Leibniz in der Philosophie seinen eigenen Weg ging, weder Cartesianer war, noch sonst einer Schule sich anschloß.8

Die metaphysischen Speculationen, auf die Leibniz kam in dem Bestreben, die neuere Physik mit der des Aristoteles in Uebereinstimmung zu bringen, sind in der im Jahre 1671 erschienenen Hypothesis physica nova niedergelegt. Diese Schrift besteht aus zwei Abhandlungen: die erste, Theoria motus concreti seu Hypothesis de rationibus phaenomenorum nostri Orbis, widmete Leibniz der Königlichen Societät in London, mit deren Secretär, Oldenburg, er in Correspondenz stand; die zweite, Theoria motus abstracti seu Rationes motuum universales a sensu et phaenomenis independentes, übersandte er der Pariser Akademie der Wissenschaften.9 Auch an andere in der Wissenschaft hervorragende Männer, wie Honoré Fabri,10 Otto von Guericke u.s.w. theilte er diese Schrift mit, gewiß nicht lediglich deshalb, um mit ihnen in Verbindung zu kommen und ihr Urtheil über den Inhalt derselben zu vernehmen, vielmehr erhellt daraus, daß Leibniz damals durch die Schrift vielen Ruhm einzuernten meinte. Die erste Abhandlung hat folgenden Inhalt.11 Leibniz nimmt an, daß die Sonne, die er in die Mitte unsers Weltsystems setzt, und die Planeten von Anfang an eine Axendrehung haben; daß ferner das Weltall von einem feinen Körper, dem Aether, der schwerlos ist und ursprünglich in vollständiger Ruhe sich befindet, erfüllt ist. Diesen Aether nennt Leibniz »ein Kind der Sonne« und identificirt ihn mit dem von der Sonne ausgehenden Licht (circulatio aetheris seu corporis cujusdam subtilissimi, in quo et lux consistit). Derselbe wird durch die Axendrehung der Sonne von Osten nach Westen und durch das von der Sonne ausgehende Licht in Circulation versetzt (gyrationem autem ei imprimi a luce, et rationi opinor et Aristoteli consentaneum est). Aus dieser Bewegung des Aethers, zugleich mit der Axendrehung der Erde von Westen nach Osten, folgen alle regelmäßigen Bewegungen der Planeten um die Sonne, der Winde und des Meeres, so wie die Erscheinungen des Gewichts (gravitatis), der Elasticität (elaterii) und der Polarität des Magneten (directionis magneticae) (quae circulatio, etsi insensibilis, omnium corporum sensibilium poros penetrat et plerorumque phaenomenorum causa est). Aus dem Gewicht und der Elasticität ergeben sich alsdann weiter alle übrigen Erscheinungen der Körperwelt. Hieraus folgt, daß »ein einiger von niemand verneinlicher Universal-Motus und circulation des Liechts umb unsere Erdkugel alle 24 stunden, so kein Tychonicus noch Copernicanus verwerffen kan, es stehe gleich oder gehe die Erd, fast aller wunderlicher effecten der natur ursach sey.« Leibniz hebt ausdrücklich hervor, daß er in dieser Hypothese sich mit Aristoteles in Uebereinstimmung befände, welcher den Himmel als Ursache von Allem setzte, der Himmel aber durch Bewegung wirke (Certe omnium causam statuit coelum, coelum autem agere per motum. Et recte, nam et Lux nihil aliud quam rei agitatio intestina, tam fortis, ut conatus ejus extrorsum tendentes ad quodlibet et ex quolibet puncto sensibili directe et reflexe oculum feriant). Auch in Betreff der Annahme des Aethers meint Leibniz von Aristoteles nicht abzuweichen (mihi aether meus nec ab Aristotelico, neque a tuo valde differre videtur, schreibt er an Jac. Thomasius). Alles dies ist in Uebereinstimmung mit seinen Selbstbekenntnissen über den Gang seiner Studien; er gesteht darin, daß ein glücklicher Zufall ihm zuerst die Schriften der Alten in die Hände gespielt habe.12 An diese schloß sich Leibniz an im Aufbau seiner kosmischen Physik und entlehnte nichts von den Neueren. In seinem Schreiben an Honoré Fabri, in welchem er den Inhalt der Hypothesis physica in einer Reihe von Lehrsätzen zusammengefaßt wiederholt, bemerkt er ausdrücklich, daß er die gedachte Schrift verfaßt habe, bevor er das Cartesianische System vollständig gekannt hätte.

In der zweiten Abhandlung, in der Theoria motus abstracti seu Rationes motuum universales a sensu et phaenomenis independentes, behandelt Leibniz die Bewegung auf mathematisch-demonstrative Weise. Er meint dadurch, wie er in der vorausgeschickten Zuschrift an die Pariser Akademie ausführt, zur Aufhellung der verwickelten Begriffe des Continuirlichen und der Zusammensetzung der Bewegungen und so zur Feststellung der Fundamente der Wissenschaften einen Beitrag zu liefern, die Geometrie des Untheilbaren und die Arithmetik des Unendlichen fest zu begründen, und über die innerste Natur des Denkens und die Fortdauer des Geistes deutliche geometrische Beweise beizubringen. Nach seinen eigenen Bekenntnissen war aber Leibniz damals in der Mathematik überhaupt und namentlich in den höheren Theilen derselben noch wenig bewandert;13 auch faßte er damals nach dem Vorgange von Descartes und Gassendi den Körper lediglich als eine träge Masse; daher ist es nicht zu verwundern, daß Leibniz auf Schlüsse kam, die mit den Vorgängen in der Natur und den Principien der wahren Metaphysik in Widerspruch stehen. In späteren Jahren hat er dies offen bekannt, unter andern in dem Briefe XI an Foucher aus dem Jahre 1693 (Bd. I. S.415f.): Il est vray que j'avois fait deux petits discours il y a vingt ans, l'un de la Theorie du mouvement abstrait, où je l'avois consideré hors du systeme comme si c'estoit une chose purement mathematique, l'autre de l'Hypothese du mouvement concret et systematique, tel qu'il se rencontre effectivement dans la nature. Ils peuvent avoir quelque chose de bon, puisque vous le jugés ainsi, Monsieur, avec d'autres. Cependant il y a plusieurs endroits sur lesquels je crois d'estre mieux instruit presentement, et entre autres, je m'explique tout autrement aujourdhuy sur les indivisibles. C'estoit l'essay d'un jeune homme qui n'avoit pas encor approfondi les mathematiques. Les loix du mouvement abstrait que j'avois données alors devroient avoir lieu effectivement, si dans le corps il n'y avoit autre chose que ce qu'on y conçoit selon Des Cartes, et même selon Gassendi. Mais comme j'ay trouvé que la nature en use tout autrement à l'egard du mouvement, c'est un de mes argumens contre la notion receue de la nature du corps. ....14

Trotz dieses abfälligen Urtheils von Seiten Leibnizens findet sich, ebenso wie in der Dissertatio de Arte Combinatoria, in dieser Jugendarbeit eine Fülle bemerkenswerther Ideen: die Annahme eines den ganzen Weltraum erfüllenden, alle Körper durchdringenden Aethers, und die Vorstellung vom Licht, zu der man in neuerer Zeit zurückzukehren sich veranlaßt gesehen hat, um eine genügendere Erklärung sämmtlicher Lichtphänomene geben zu können;15 ferner die ersten Spuren des Gesetzes der Continuität, und der Lehre von den Monaden - Ideen, die Leibniz in späterer Zeit zur Grundlage seiner philosophischen Speculation gemacht hat.16

//IV10// physica ist mir durch die Güte des Hrn. Oberbibliothekars Dr. von Heinemann aus der Wolfenbüttler Bibliothek zugekommen.

  1. 1Diese erste Jugendschrift Leibnizens war längere Zeit nur dem Titel nach bekannt; sie schien verschollen, bis sie Guhrauer nach dem in der Königlichen Bibliothek zu Hannover vorhandenen Exemplar, zugleich mit der Vorrede des Jac. Thomasius, von neuem abdrucken ließ. (Leibnitz's Dissertation De principio individui, herausgegeben und critisch eingeleitet von Dr. G.E. Guhrauer. Berlin 1837). Der folgende Abdruck giebt das Original genau wieder.
  2. 2Interea in Zabarella et Rubio et Fonseca aliisque scholasticis non minori quam antea in Historicis voluptate versabar et eousque profeceram, ut Suaresium non minore facilitate legerem, quam Milesias fabulas solemus quas vulgo Romanos vocant.
  3. 3Am ausführlichsten spricht sich Leibniz über den Inhalt dieser Schrift aus in der als Beilage folgenden Notiz, die er in Betreff des neuen Abdrucks derselben in die Acta Erudit. Lips. einrücken ließ.
  4. 4Guhrauer, Leibnitz. Theil I. S.67.
  5. 5Von dieser Schrift waren in Dutens' Ausgabe der sämmtlichen Werke Leibnizens nur die Einwendungen Leibnizens nach Leyser's Adparatus literarii studio societatis colligentium editi, Wittenberg. 1718, veröffentlicht. Erst Lessing (Zur Geschichte der Literatur. Aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel. Erster Beitrag 1773, in Lessing's sämmtlichen Schriften 9ter Bd. S.255ff.) gab sie nach einer nicht ganz genauen Abschrift heraus. Der gegenwärtige Abdruck ist nach dem in der Königlichen Bibliothek zu Hannover vorhandenen Manuscript veranstaltet.
  6. 6Leibniz hat im Titel »Anti-Barbarus« weggelassen. Ludovici (Ausführlicher Entwurf einer vollständigen Historie der Leibnitzischen Philosophie, Leipzig 1737, 1ster Theil S.332) führt eine spätere Ausgabe an: Marii Nizolii Anti-Barbarus philosophicus, sive philosophia scholastica impugnata, libri IV de veris principiis et vera ratione philosophandi contra pseudo-philosophos per G.G. Leibnitium. Francof. 1674. Höchst wahrscheinlich ein neuer Titel zu der Ausgabe von 1670.
  7. 7Das Schreiben VI in der Correspondenz mit Jac. Thomasius. Siehe Bd. I. S.15ff.
  8. 8Siehe die Einleitung zur Correspondenz mit Jac. Thomasius. Bd. I. S.4f. - Bei dem folgenden Abdruck ist das Exemplar der Königlichen Bibliothek zu Hannover benutzt, in welchem handschriftliche Bemerkungen Leibnizens sich finden.
  9. 9Da diese zweite Abhandlung als eine besondere Schrift einige Zeit später erschien, als die erste Abhandlung, und da von der letzteren in London ein neuer Abdruck zur Vertheilung an die Mitglieder der Königlichen Societät veranstaltet wurde, so giebt es Exemplare der Hypothesis physica, die nur die erste Abhandlung enthalten. Ein vollständiges Exemplar der Hypothesis
  10. 10Der Jesuit Honoré Fabri (geb. 1606 oder 1607 zu Le Bugey in Frankreich, gest. 1688 zu Rom) war anfangs Lehrer der Philosophie an dem Collegium seines Ordens zu Lyon, später Groß-Poenitentiarius beim heiligen Uffizio in Rom. Er wird von Leibniz unter den bedeutenden Männern seiner Zeit öfters genannt und rühmend erwähnt. Von seinen Schriften, die gegenwärtig noch kaum gekannt sind, sind anzuführen: Synopsis geometrica. Lugd. 1669, und: Physica seu scientia rerum corporearum, in decem tractatus distributa. Lugd. 1669.
  11. 11Vergl. Leibnizens Schreiben II an Otto von Guericke (Bd. I. S.99f.), ebenso das Schreiben I an den Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg (a.a.O. S.50) und das Schreiben XI an Jacob Thomasius (a.a.O. S.33).
  12. 12Guhrauer, Leibnitz, Theil I. S.14.
  13. 13Cum Parisios appulissem anno Christi 1672, eram ego Geometra autodidactos, sed parum subactus, cui non erat patientia percurrendi longas series demonstrationum. Algebram Lanzii cujusdam puerilem, deinde Clavii puer consulueram; Cartesii implicatior visa est. Videbar tamen ipse mihi nescio qua satis credo temeraria ingenii fiducia par et his futurus si vellem. Audebamque inspicere libros profundiores, ut Cavalerii Geometriam et Leotaudi amoeniora curvilineorum elementa, quae forte Noribergae inveneram, et similia quaedam plane sine cortice nataturus. Nam pene legebam ut Historias Romanenses. Aus einem unterdrückten Postscriptum zu einem Briefe an Jacob Bernoulli.
  14. 14Vergl. hiermit das Urtheil Leibnizens in der Abhandlung: specimen Dynamicum pro admirandis Naturae legibus circa Corporum vires et mutuas actiones detegendis et ad suas causas revocandis, P. I.
  15. 15Lux est motus aetheris ad sensum rectilineus celerrimus in quodlibet punctum sensibile circum circa propagatus.
  16. 16Quaelibet atomus erit infinitarum specierum quidam velut mundus et dabuntur mundi in mundis in infinitum. - Hierbei sind zu vergleichen viele Stellen in den drei ersten Schreiben Leibnizens an den Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg (Bd. I. S.52ff.).