Briefwechsel zwischen Leibniz und Coste. 1706-1712
Einleitung 379
1706-1712.
Pierre Coste (geb. 1668 zu Uzes in Languedoc, gest. 1747 zu Paris) lebte seit 1697 in England in den Häusern angesehener Familien, wie des Sir Francis Masham, des Grafen Shaftsbury, als Hofmeister und Erzieher der Kinder. Er übersetzte viele englische Schriften ins Französische, namentlich Locke's berühmtes Werk, Newton's Optik, und andere. Eine solche französische Uebersetzung einer Abhandlung über die göttliche Liebe, die von Lady Masham verfaßt, gegen John Norris1 gerichtet war, sandte er an Leibniz, und damit beginnt die Correspondenz zwischen Leibniz und Coste, die die Fortsetzung des Briefwechsels zwischen Leibniz und Lady Masham bildet. Der Gegenstand war für Leibniz nicht neu; er hatte ihn bereits in der Vorrede zu dem im Jahre 1693 erschienenen Codex Iuris Gentium Diplomaticus berührt und einige Jahre später in einer Zuschrift an Nicaise (sieh. die Beilage zu dem Schreiben XV. an Nicaise, Bd. II S.576-580) behandelt. Leibnizens erstes Schreiben an Coste bildet eine nicht unwichtige Ergänzung zu den eben erwähnten Ausführungen über die Liebe zu Gott. In seinem zweiten Schreiben kommt er noch einmal auf den Gegenstand zurück und äußert sich zusammenfassend so: Je tiens pour demonstré, que tout ce qui arrive à une substance simple, telle que l'ame, ne sauroit luy venir apres Dieu que de son propre fonds, et qu'excepté les miracles, Dieu n'y a part que par son concours conservatif commun à toutes les creatures. Ainsi nos idées sont en nous, mais elles se developpent peu à peu d'une maniere qui repond au mouvement des organes, en vertu de l'Harmonie préétablie.
Cependant on peut dire, en un sens, que Dieu est le seul objet immédiat externe des ames, luy seul pouvant agir sur elles. C'est dans ce sens, qu'on peut sauver quelques unes des expressions du R. P. de Mallebranche.
Ein anderes wichtiges Interesse bieten die Mittheilungen Coste's in Betreff seines Verhältnisses zu Locke. Coste's französische Uebersetzung von Locke's Werk über den menschlichen Verstand war im Jahre 1700 erschienen; letzterer hatte den Uebersetzer auf darin vorkommende Fehler aufmerksam gemacht und kurz vor seinem Tode (1704) Zusätze hinzugefügt, welche namentlich das Capitel über die Freiheit betrafen. Da Coste erfuhr, daß Leibniz auf Grund seiner Uebersetzung an einer Widerlegung Locke's arbeitete, so hält er für seine Pflicht, diesen davon in Kenntniß zu setzen. Er übersendet auch an Leibniz auf dessen Wunsch sämmtliche Bemerkungen Locke's. Die Zusätze desselben in Betreff der Freiheit waren in Folge eines Streites über die als gültig begründete Wahlfreiheit (liberté d'indifférence) entstanden; auf Bitten Coste's, der Leibnizens Urtheil darüber zu vernehmen wünscht, erörtert dieser in einer ausführlichen Auseinandersetzung, wie die Begriffe der Nothwendigkeit und der Zufälligkeit (contingence) zu fassen sind.
Die Correspondenz zwischen Leibniz und Coste ist von 1708 bis 1711 unterbrochen. Bei der Wiederanknüpfung übersendet Coste an Leibniz zuerst die Uebersetzung einer Schrift über die Spötterei des Grafen Shaftsbury, und ein Jahr später eine Sammlung von Schriften desselben Verfassers in 3 Bänden, damit Leibniz ein Urtheil darüber abgebe. Daß diese Schriften Leibnizens Interesse in Anspruch nahmen, obwohl er anfangs den Namen des Verfassers nicht kannte, beweisen seine Briefe an Thom. Burnett und an Remond; er schreibt an den ersteren den 23 Aug. 1713: M. le Comte de Shaftsbury, mort depuis peu à Naples, m'a fait present de ses trois volumes in octavo, remplis de belles choses, et en a demandé mon jugement. J'ay eté surpris de trouver un grand nombre de pensées qui s'accordent avec mes principes. Cependant j'ay adjouté quelques petites animadversions, et il a eu la sincérité et la moderation de me faire savoir que mes petites censures ne luy deplaisoient pas. La perte d'un esprit si beau et si sublime n'est pas petite. Il etoit fort revenu des pensées qu'il avoit eues en donnant sa petite piece sur l'usage de la raillerie; alors il n'avoit pas encor assés medité. Und an Remond den 11. Februar 1715: Je ne savois pas que Mylord Shaftsbury etoit l'auteur d'un petit livre sur l'utilité de la raillerie, lorsque je fis des remarques là dessus. Aussi ne les donnay je à personne, me contentant de les avoir fait lire à Madame l'Electrice. Je trouvay par après que M. le Comte de Shaftsbury s'etoit merveilleusement corrigé dans le progrès de ses meditations, et que d'un Lucien il etoit devenu un Platon: metamorphose asseurement fort extraordinaire, et qui me le fait fort regretter. Ainsi je luy parlay tout d'un autre ton, en faisant des reflexions sur ses caracteres. Cependant je vous envoyeray une copie de mes premieres remarques. - Die ausführlichen Besprechungen der erwähnten Schriften Shaftsbury's von Seiten Leibnizens folgen hier als Beilagen.
Von der Correspondenz zwischen Leibniz und Coste war bisher nur der Brief Leibnizens V. in Leib. op. philosoph. ed. Erdmann pag. 447 sqq. gedruckt.
- 1John Norris (1677-1711) bekannte sich nicht zu Locke's Philosophie; er war ein Anhänger des Cartesianismus im Sinne Malebranche's. Leibniz schreibt an Thom. Bournett 22. Februar 1707: M. Coste m'a envoyé le Livre de l'Amour de Dieu contre M. Norris, et je luy ay repondu un peu amplement, ayant autresfois epluché cette matiere. M. Coste me fait assez connoistre que Mylady Masham en est l'auteur elle même: ses sentimens sont assez conformes à ceux de M. Locke.