Briefwechsel zwischen Leibniz und Lady Masham. 1703-1705
Einleitung 333
1703-1705.
Lady Masham, Tochter des Philosophen Ralph Cudworth (1617-1688), lebte mit Sir Francis Masham verheirathet zu Oates in der Grafschaft Essex. In ihrem Hause verkehrte Locke in seinen letzten Lebensjahren; er starb daselbst 1704. Vielleicht auf Anregung Locke's übersandte Lady Masham gegen Ende des Jahres 1703 ein Exemplar des Hauptwerkes ihres Vaters: The true intellectual system of the universe. The first part, wherein all the reason and philosophy of Atheism is confuted and its impossibility demonstrated. London 1678, an Leibniz. Die Schrift war ihm nicht unbekannt; er hatte sie bereits während seines Aufenthalts in Italien zu Rom gesehen.
Leibniz ergriff diese Gelegenheit, mit Lady Masham in Correspondenz zu treten, um so eifriger, da er wußte, daß sie im innigsten Verkehr mit Locke stand; er hoffte, vielleicht durch diese Vermittelung mit Locke in nähere Berührung zu kommen1. Die wenigen Briefe Leibnizens, die hier vorliegen, sind besonders sorgfältig ausgearbeitet, um der Lady Masham ein klares Verständniß seines metaphysischen Systems zu vermitteln; Leibniz entwickelt in ihnen in zusammenhängender Darstellung, wie sein philosophisches System entstanden ist. Indem er das Princip der Continuität zu Grunde legt, das die Natur in allen Dingen befolgt, vermöge dessen es möglich ist zu schließen, daß die Substanzen, die sich unserer Beobachtung entziehen, den sichtbaren proportional sind, nimmt er als unzweifelhaft an, daß es in uns giebt »un Estre simple doué d'Action et perception«; ein solches Wesen kann aber nicht lediglich in dem menschlichen Körper vorhanden sein, und deshalb ist weiter anzunehmen, daß solche Wesen (Estres actifs) überall in der Materie enthalten sind. Das »Estre simple«, welches in uns ist und Seele genannt wird, ist begabt mit Perception und Reflexion, was wir an anderen Körpern vermissen, und unterscheidet sich dadurch von den »Estres simples« der anderen Körper. Die Seelen der Thiere und der anderen Geschöpfe werden ebenso wenig vergänglich sein als die unseren; sie können durch die Kräfte der Natur weder hervorgebracht, noch vernichtet werden. Ferner bemerkt Leibniz, daß diese Seelen oder Entelechien immer eine Art organischen Körper haben werden, der ihren Perceptionen proportional ist, so daß nicht allein die Seele, sondern auch das Geschöpf (animal) bleibt; Entstehung und Tod können nur Entwickelung und Einwickelung (des developpemens et enveloppemens) sein. Demnach giebt es keine von der Materie ganz losgelöste Geister, ausgenommen das erste und höchste Wesen. Alles dieses ist eine Voraussetzung, die dem entspricht, was wir in der Gegenwart bemerken. Durch diese Voraussetzung ist Leibniz auf das System der prästabilirten Harmonie geführt worden. Unter allen Hypothesen, um die Verbindung zwischen Seele und Körper zu erklären, ist diese die einzig naturgemäße (seule naturelle) und deshalb ist sie mehr als Hypothese. Dies wird namentlich in dem folgenden Schreiben V. weiter ausgeführt.
Das Schreiben Leibnizens an die Königin Sophie Charlotte, das als Beilage zu dem Schreiben III. folgt, findet hier seine rechte Stelle. Leibniz verwerthet darin die allgemein verständliche Darstellung seiner Philosophie, zu welcher er durch die Correspondenz mit Lady Masham sich veranlaßt sah, und führt sie weiter aus; er ruft am Schluß dieses Schreibens an die Königin Sophie Charlotte mit Recht aus: Voila en peu de mots toute ma philosophie!
Von der Correspondenz Leibnizens mit Lady Masham waren bisher gedruckt die Schreiben Leibnizens III. (unvollständig), V. und X. in: Die Werke von Leibniz, herausgegeben von O. Klopp, 10. Bd. Das Schreiben an die Königin Sophie Charlotte und das Schreiben X. sind dem eben genannten Werk entlehnt; alles übrige wird hier nach den in der Königlichen Bibliothek zu Hannover vorhandenen Originalen veröffentlicht.
- 1Leibniz an Th. Burnett 12 Aout 1704): Je considere la correspondance que j'ay avec Mylady Masham, comme si je l'avois avec Mons. Lock luy même en partie, car puisqu'il estoit chez elle à la campagne à Oates, lorsque cette dame m'écrivoit et me repondoit sur mon hypothese philosophique et marquoit même que Mons. Lock voyoit nos lettres, il y a apparence qu'il y a quelque part, au moins par le jugement qu'il en faisoit sans doute, et qu'il ne dissimuloit pas apparemment aupres de cette dame.