Einleitung

GerhardtGerman

Pierre Daniel Huet (geb. 1630, Bischof von Avranches seit 1692, gest. 1721) wurde zugleich mit Bossuet im Jahre 1670 die Erziehung des Dauphins übertragen. Er lebte seitdem am Hofe in Paris, und gewann vermöge seiner außerordentlichen geistigen Vielseitigkeit eine hervorragende Stellung in den glänzendsten Kreisen der Gesellschaft. Als entschiedener Verehrer und Bewunderer des classischen Alterthums erachtete er für nothwendig, daß Ausgaben der lateinischen Autoren veranstaltet würden, die in einem zierlichen Aeußern, lediglich auf den Gebrauch der Jugend der höheren Stände berechnet, nur die nothwendigsten Sprach- und Sacherläuterungen, ohne irgend welchen gelehrten Apparat enthielten. Dieser Plan Huet's wurde durch den Herzog von Montausier Ludwig XIV empfohlen und von dem letzteren begünstigt. Besonders interessirten sich jüngere Gelehrte für das Unternehmen, das königlich belohnt wurde. So entstanden die Ausgaben der Classiker in usum Delphini, deren innerer Werth aber dem äußeren Glanz wenig entsprach.

Leibniz machte die Bekanntschaft Huet's wahrscheinlich erst nach der Rückkehr von seiner ersten Reise nach England (Anfangs März 1673); der erste Brief wenigstens ist offenbar bald nachher geschrieben. Er erbietet sich darin, die Bearbeitung des Martianus Capella nach dem Plane Huet's zu übernehmen. Mit seinem zweiten Schreiben übersendet Leibniz eine Probe seiner Bearbeitung dieses Schriftstellers, macht aber zugleich Huet die Mittheilung, daß er durch viele andere Gegenstände, namentlich auf dem Gebiet der Mathematik, von dieser Arbeit abgezogen würde1. Hiermit schließen die Mittheilungen Leibnizens an Huet während seines Pariser Aufenthalts.

Der Briefwechsel beginnt von neuem, als Huet's Schrift: Demonstratio evangelica ad serenissimum Delphinum, Paris 1679, erschien. Huet hatte darin die Wahrheit der christlichen Religion durch eine Beweisführung, wie sie in der Mathematik möglich ist, zu begründen versucht. Die Schrift fand bei Hofe und bei dem höheren Clerus, auch bei den Protestanten des Auslandes allgemeinen Beifall. Leibniz, der dieselbe schon während seines Pariser Aufenthalts in der Vorbereitung sah, hatte veranlaßt, daß diese Schrift baldigst an den Herzog Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg gelangte, von dem er alsdann das Exemplar erhielt. In einem Briefe, den Huet gleichzeitig an Leibniz schrieb, der aber nicht mehr vorhanden ist, hatte er eine Aufforderung zur Conversion an den letzteren gerichtet; Leibniz nimmt deshalb in seiner Antwort die Gelegenheit wahr, ausführlich darauf zu antworten und seinen religiösen Standpunkt in dieser Hinsicht klar darzulegen. Wahrscheinlich veranlaßte diese offene Erklärung von Seiten Leibnizens, daß Huet nicht antwortete und der Briefwechsel wiederum aufhörte.

Die im Jahre 1689 erschienene Schrift Huet's: Censura Philosophiae Cartesianae, und die mehrfachen Entgegnungen von Seiten der Cartesianer auf dieselbe veranlaßte Leibniz, noch einmal einen Brief an Huet zu entwerfen; er gelangte jedoch, wie auf dem Entwurf bemerkt ist, nicht zur Absendung.

Der schriftliche Verkehr zwischen Leibniz und Huet ist von wenig erheblichem Umfang; indeß erwähnt Leibniz sehr häufig den Bischof von Avranches und gedenkt seiner stets mit der höchsten Verehrung2. Dies läßt vermuthen, daß der Umgang und die persönliche Einwirkung Huet's auf Leibniz während seines Pariser Aufenthalts einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt haben - ein Umstand, der in Betreff der geistigen Entwickelung Leibnizens noch wenig in Betracht gezogen ist. Fast auf allen Gebieten des Wissens bewandert und mit voller Hingebung der Wissenschaft lebend, zeigte Huet feine Sitte, Weltkenntniß, geistreiche Unterhaltung und einen stets anregenden Witz. Vielleicht ist auch Leibnizens Opposition gegen Cartesius und seine Schule, welche bereits während seines Aufenthalts in Paris auf dem Gebiet der Mathematik entstand und ihn zu seinen ewig denkwürdigen Entdeckungen führte und die er später auf die Philosophie ausdehnte, auf Huet's Anregung zurückzuführen.

Die Briefe zwischen Leibniz und Huet sind nach Abschriften aus der Bibliothek zu Hannover zuerst gedruckt in Anecdota Historico-Ecclesiastica novantiqua, oder Sammlung ungedruckter gelehrter Merkwürdigkeiten u.s.w. von Johann Dietrich Winklern, 4. Stück, Braunschweig 1755. In dem folgenden Abdruck sind sie mit den Originalen von neuem verglichen worden.

Vous m'avez sensiblement obligé en m'envoyant un extrait de la lettre de Mr. Leibnitz sur le sujet de la Philosophie Cartesienne. J'avois déja leu quelques unes des choses qu'il vous a ecrites, dans les lettres qu'il a ecrites à Mr. Pellisson. Ce ne m'est pas un petit sujet de joye et de gloire, de voir le jugement que j'ay fait de Mr. des Cartes et de sa doctrine, confirmé par celuy d'un aussi excellent homme que Mr. Leibnitz. Car je ne l'ay pas moins loué, et je ne l'estime pas moins, que Mr. Leibnitz le loue et l'estime. Mais toute cette estime ne m'a pas si fort aveuglé, que j'aye reconnu plusieurs defauts de sa Methode et de sa Philosophie. Si des employs plus importants ne me detournoient pas de ces etudes, je prendrois plaisir à faire voir la pauvreté et la foiblesse des reponses que l'on a opposées à ma Censure. Mr. Leibnitz le fera mieux que moy, et vous rendrez un grand service à la Rep. des lettres, si vous pouvez l'y engager. Je vous supplie, Monsieur, de le saluer de ma part, de l'assurer que ny l'eloignement ny le temps ne changent rien sux sentimens d'estime, ny au desir d'avoir part à sa bienveillance, que je luy ay fait paroistre autresfois. Je crois enfin, que les exemplaires de mon livre du Paradis terrestre sont arrivez en Hollande. Une des personnes qui avoit part à la distribution, m'a mandé qu'elle a receu le sien. Je vous demande en grace de savoir de Mr. Leibnitz s'il a receu l'exemplaire qui luy estoit destiné. Je vous felicite sur l'agrement de vostre demeure, et de vos etudes. Je suis sur mon depart, pour aller en un pays, où je trouveray des occupations bien differentes des vostres, et qui me rendent le secours de vos prieres bien necessaire. Ne me les refusez pes, ny la grace de me croire etc.

A Paris le 12. 7bre 1692.

  1. 1Daß Leibniz für das Unternehmen Huet's sich interessirte, zeigt seine Correspondenz mit Oldenburg. Er schreibt an diesen (Paris 8. Mart. 1673): Si Oxonii responsum accepisti circa Vectium Valentem, cujus copiam sibi fieri Nobiliss. Huetius desiderat, fac ut sciam. Sumtus describendi lubens exsolvet, modo favore Tuo sit, qui rem in se suscipiat; und ausführlicher (Paris 16/26. April 1673): Obligatissimus favori tuo rescripsissem dudum, sed promissas a cl. Huetio literas in dies expectanti, quas fluxio quaedam oculi ejus incommoda distulerat, tempus elapsum est; eas nunc ubi primum accepi, statim mitto. Sententiam ejus facile intelliges. Ea viri eruditio est, ut publici, ea humanitas, ut obligantis intersit, eum beneficio ejusmodi obligari. Ea vero promptitudo officiositatis tuae, ut ab ea quidvis sibi polliceantur eruditi. Huetium fortassis non ignoras Delphini studiis admotum; scis gubernatorem esse Montauserium Ducem, in quo cum aulica prudentia doctrinae profunditas certat, studiorum ejus rector primarius, Episcopus Condomensis, proximus ab hoc Huetius. Iussu Montauserii, rectore Huetio, coepta res est ad amoeniores literas, fugientemque antiquitatis eruditionem velut revocandam perutilis. Certis enim hominibus doctis id negotii datum est, ut scriptores veteres latinos, quos classicos vocant, alio quam hactenus more tractent, adjecta quadam velut paraphrasi ubi opus est lucida ac brevi, ut facilis juventuti reddatur veterum lectio, rejectis in notas, quae ad autoris intelligentiam ex historia scientiisve repeti debent. Inter caeteros, Vitruvius quoque et Celsus ea lege tractabuntur. Sed Huetius ipse alia agitat, utilia sane etiam ad scientias severiores, nec vobis ingratas. Nam praeter Vectium Valentem, hactenus ineditum, habet Heronis Spiritalia acceptiora multo quam extant, Naumachiam item, non Leonis tantum, sed et Basilii cujusdam patricii: eikonas item Philostrati cum scholiis hactenus ineditis, ut alis non memorem.
  2. 2Vergl. die Briefe Leibnizens an Nicaise (Bd. II. S.533ff.). Aus dem ersten hatte Nicaise an Huet die Stelle mitgetheilt, worin Leibniz über Cartesius und Huet's betreffende Schrift sich verbreitet. Huet richtete darauf folgendes Schreiben an Nicaise, das in Abschrift unter den Leibnizischen Papieren vorhanden ist: