Leibniz an Nicaise. 1692-1701

GerhardtGerman

Einleitung 523

Leibniz an Nicaise.

1692-1701.

Nicaise, Canonikus zu Dijon (gest. 1701, 78 Jahre alt, zu Villay-sur-Tille ohnweit Dijon, wohin er sich nach wechselndem Aufenthalt zu Paris und Dijon zurückgezogen hatte) bewegte sich in dem literarischen Kreise, zu dem in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die gefeiertsten Namen Frankreichs, Ant. Arnauld, Nicole, der Cardinal von Retz, Bossuet, Fénélon, Huet, Ducange, Mabillon, Ménage, Saumaise gehörten. Sie standen unter einander in sehr lebhaftem Briefwechsel; ihre Briefe und die sie von Berühmtheiten des Auslandes erhielten, gingen von Hand zu Hand. In diesem Kreise hatte sich Nicaise durch seine Rührigkeit und Mittheilsamkeit nach allen Seiten hin eine gewisse Stellung errungen, in welcher er sich namentlich durch die Correspondenzen, die er mit hervorragenden Männern des Auslandes angeknüpft hatte, wie Cüper, Graevius, Kircher, Spanheim, Bayle, Jean de Witt, zu erhalten wußte. Da Leibniz mit mehreren der oben genannten in Briefwechsel stand, und da sein Ruhm als wissenschaftliche Autorität in den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts immer höher stieg, so mußte Nicaise daran gelegen sein, auch mit ihm in Verbindung zu kommen. Ein Brief Leibnizens an Foucher über die Philosophie Platon's, der in Nicaise's Hände gelangte, veranlaßte ihn sich unmittelbar an Leibniz zu wenden1. In diesem ersten Briefe, datirt Paris le 1er de may 1692, erwähnt Nicaise, daß Leibniz von Rom aus durch die Vermittelung von Auzout Beiträge das Leben von Descartes betreffend, ihm überschickt habe2.

Nicaise beschäftigte sich vorzugsweise mit antiquarischen Studien, die das Alterthum betrafen; seinem ersten Schreiben an Leibniz legte er eine Abhandlung über die Sirenen bei. Ein besonderes Studium verwandte er auf die Numismatik; er stand deshalb mit dem berühmten Numismatiker André Morell, der als Rath des Grafen von Schwarzburg in Arnstadt sich aufhielt, in Briefwechsel. Morell gehörte auch zu den Correspondenten Leibnizens; aus einem seiner Briefe, datirt Arnstat 10 Juin 1697, mag hier eine Stelle angeführt werden, die eine Charakteristik Nicaise's enthält: Pour nostre M. l'abbé Nicaise, je luy fais reponse cy joint: il est fort bon homme et a le coeur droit, mais il n'a pas tout le jugement requis pour juger des choses en soy: il regarde toujours le courant de l'eau et se laisse eblouir par les apparences du dehors au lieu qu'un homme veritablement raisonnable doit regarder et faire reflexion sur la simple verité, dont il a conviction en soy meme. Il n'est pas fort scavant, cependant il a une demangeaison forte de le paroistre et ce seroit la plus grande joye pour luy si son nom paroissoit tous les jours dans les livres et Journaux des Scavans, ce qui est fort naturel à un genie mediocre. Je l'aime à cause de sa bonne intention, s'il pouvoit seulement pardonner aux Jesuites qui luy ont fait perdre un benefice3. - Dasselbe Urtheil ergiebt sich aus den zahlreich vorhandenen Briefen Nicaise's an Leibniz; sie enthalten lediglich einzelne Notizen über Tagesliteratur, Auszüge aus neu erschienenen Schriften u.s.w. und verdienen deshalb nicht den Abdruck. Als Probe der Schreibweise Nicaise's folgt unten einer seiner Briefe an Leibniz.

Die Briefe Leibnizens an Nicaise sind zum Theil ein Spiegelbild von denen des letzteren; sie zeigen einen sehr bunten Inhalt Historisches, Sprachliches, Antiquitäten, literarische Notizen sind reichlich darin vorhanden. Was die Philosophie betrifft, so ist hervorzuheben, daß in dem ersten Briefe Leibnizens eine sehr vollständige Zusammenstellung der Ausstellungen, die Leibniz gegen Descartes erhob, sich findet. Nachdem Leibniz durch die Erfindung des Algorithmus der höheren Analysis über die von Descartes aufgestellten Methoden zur Behandlung mathematischer Probleme weit hinausgegangen, nachdem er den Cartesianern eindringlich gezeigt, daß sie die Probleme der Mathematik, die er mit Hülfe der höheren Analysis leicht bewältigte, durch die Cartesianischen Methoden nicht zu lösen vermöchten, nachdem er ferner im Jahre 1686 dargethan, daß die Dynamik des Descartes nicht ohne Irrthümer sei - hatte er sich zur Prüfung der Cartesianischen Philosophie gewandt und über die Principia philosophiae seine Bemerkungen niedergeschrieben. Mit diesen vereinigte Leibniz hier in seinem ersten Schreiben an Nicaise alle die sonstigen Angriffe auf Descartes, zumal in Frankreich selbst Huet, Bischof von Avranches, mit welchem Leibniz seit längerer Zeit in Correspondenz stand, als Gegner des Descartes sich erhoben hatte. In seiner Censura philosophiae Cartesianae, die im Jahre 1689 erschien, hatte Huet die Cartesianische Philosophie als der rechtgläubigen Kirche schädlich und höchst gefährlich angegriffen. Die Vertheidigung des Descartes übernahm in Frankreich Silvain Regis (Reponse au Livre qui a pour titre: Petri Danielis Huetii, Episcopi Suessionensis designati, Censura Philosophiae Cartesianae, servant d'eclaircissement à toutes les parties de la Philosophie et sur tout à la Metaphysique), in Deutschland Joh. Eberhard Schweling, Professor in Bremen (Exercitationes Cathedraticae, Brem. 1690).

Als ein zweiter Gegenstand, der Leibniz zu einer philosophischen Erörterung Veranlassung gab, ist der Streit zwischen Fénélon, Erzbischof von Cambray, und Bossuet, Bischof von Meaux, zu erwähnen. Der erstere nahm die Anhänger des Spaniers Molinos, der in seinem zu Rom 1675 erschienenen Erbauungsbuch Guida spirituale dem unruhigen Treiben der Mönchsorden gegenüber die Ruhe und die Seligkeit eines in Gott versunkenen Gemüthes gepriesen und vielen Beifall gefunden hatte, in Schutz, obwohl der Quietismus, wie die Lehre des Molinos genannt wurde, bereits von dem römischen Stuhle verurtheilt worden war. Gegen Fénélon erhob sich Bossuet, der zuletzt auch im Jahre 1699 ein päpstliches Breve gegen die Quietisten erwirkte. Bevor dieser Streit in Frankreich ausbrach, hatte Leibniz in seiner nächsten Nahe ähnliche religiöse Schwärmereien zu beobachten Gelegenheit gehabt4; sie hatten ihn angeregt über dergleichen Erscheinungen des menschlichen Geistes nachzudenken. Vergebens hatte er, der bekanntlich in Betreff der Religion sehr versöhnlicher Natur und von großer Duldung war, seine milden Ansichten am hannöverschen Hofe zur Geltung zu bringen versucht. Dieselben Ansichten über die Duldung der religiösen Secten wiederholt Leibniz hier in seinen Briefen an Nicaise gelegentlich des Streites in Betreff der Quietisten, und da es sich hierbei namentlich über die Auffassung der göttlichen Liebe handelt, so entwickelt er in einem besondern Memoire seine Ansichten über die reine, interesselose Liebe zu Gott, und überschickt es an Nicaise zur Verbreitung unter seinen Freunden.

Die Briefe Leibnizens an Nicaise erschienen zuerst in der Revue des deux Bourgognes im Jahre 1836 nach den Originalen abgedruckt, die damals in der Bibliothek zu Lyon aufbewahrt wurden, gegenwärtig zum Theil in Lyon, zum Theil in Paris sich finden. Cousin hat diese 18 Leibnizischen Briefe in den Fragments philosophiques, Tom. IV. p.74-198 reproducirt. Die vorliegende Ausgabe enthält sämmtliche Leibnizische Briefe, 22 an der Zahl, nach der in der Königlichen Bibliothek zu Hannover vorhandenen Correspondenz zwischen Leibniz und Nicaise. Es wird bemerkt, daß sämmtliche Leibnizische Briefe mit den Originalen von neuem verglichen worden sind.

  1. 1Es ist dies wahrscheinlich das Schreiben Leibnizens an Foucher, datirt Janvier 1692. Siehe Bd. I. S.402ff.
  2. 2Damit stimmt die Angabe Baillet's in der Vorrede zu seinem Leben Descartes' (Vie de Descartes, préface p. XXVI): Il (M. l'abbé Nicaise) a pris la peine d'écrire à Rome, d'où M. Auzout, qui a vû M. Descartes à Paris, et M. Leibnitz, qui a eu communication des originaux chez M. Clerselier, ont envoyé ce que la mémoire a pu leur suggérer sur ce sujet. - Cousin (Fragments philosoph. Tom. IV, welcher die Briefe Leibnizens an Nicaise enthält) meint, daß dem unten folgenden ersten Schreiben Leibnizens an Nicaise ein früheres vorausgegangen sei. Dem ist jedoch nicht so, denn es heißt in dem oben erwähnten ersten Briefe Nicaise's an Leibniz: Agreez, monsieur, que ie m'en acquitte icy en mon particulier et que ie prenne occasion en meme tems pour reparrer le passé de vous remercier aussi des beaux memoires que vous m'envoyastes de vostre grace de Rome pour la vie de mons. des Cartes par nostre amy deffunct mons. Auzout, que je me contentai de prier de vous en remercier de ma part.
  3. 3Unter den Papieren Leibnizens findet sich folgendes »Epitaphe de l'Abbé Nicaise«, das er nach dem Tode des letztern von Paris zugeschickt erhielt:
  4. 4Ueber die Visionen des Fräuleins von Asseburg, über die Pietisten, Chiliasten u.s.w. siehe Guhrauer, Leibniz, 2ter Theil S.40ff.