Briefwechsel zwischen Leibniz und Conring

GerhardtGerman

Hermann Conring (geb. 1606 zu Norden in Ostfriesland, gest. 1681 zu Helmstedt) gehört zu den berühmtesten Männern des 17. Jahrhunderts. Seine ausgebreitete Gelehrsamkeit und seine hervorragenden Leistungen auf fast allen Gebieten des Wissens, in der Philosophie, Theologie, Geschichte, Jurisprudenz und Medicin, nicht minder seine Thätigkeit als politischer Schriftsteller und sein staatsmännisches Wirken stempeln ihn zu einem Vorgänger Leibnizens.1

Conring war einer der vertrautesten Freunde des Freiherrn von Boineburg; beide unterhielten einen sehr lebhaften Briefwechsel.2 Letzterer überschickte 1668 an Conring die anonym erschienene Schrift: Methodus nova discendae docendaeque jurisprudentiae, nannte Leibniz als ihren Verfasser und war seines Lobes voll. So wurde zuerst Leibnizens Name Conring bekannt. Sehr bald trat nun auch Leibniz auf Veranlassung Boineburg's mit Conring in Correspondenz, um dessen Urtheil über seine rechtswissenschaftlichen Arbeiten, mit denen er um das Jahr 1670 beschäftigt war, zu vernehmen. Conring billigt die Bestrebungen Leibnizens auf diesem Gebiet und ermuntert ihn darin rüstig fortzufahren; dagegen äußert er unverhohlen seinen Tadel, als Leibniz seine kosmologischen Ideen zur Sprache bringt. Wenn auch Conring unter 16/26 Febr. 1671 schreibt: Vetera et nova soleo conjungere, so leuchtet doch überall durch, daß er ein entschiedener Anhänger des Althergebrachten

ist. Scharfe Wendungen Conring's, wie: Nova quoque habent facilem imperiti vulgi assensum, sed brevi iterum evanescunt et a veteris Philosophiae gnaris statim in ipsa janua rejiciuntur, interdum cum risu et quadam ignominia, rufen eine ebenso bestimmte Erwiederung Leibnizens hervor, daß auch er den Aristoteles kenne, und daß das was in demselben enthalten sei, sich sehr wohl mit den Entdeckungen der neueren Zeit vereinigen lasse. Mittamus praejudicia, bemerkt er, faveamus ingeniis omnium aetatum. Hiermit bricht der Briefwechsel zwischen beiden ab.

Leibnizens Thätigkeit war in der zweiten Hälfte des Jahres 1671 durch politische Entwürfe und durch die Vorbereitungen für seine bevorstehende Sendung an den französischen Hof vollauf in Anspruch genommen. Bekanntlich trat er den 19. März 1672 seine Reise nach Paris an, und blieb daselbst bis gegen Ende des Jahres 1676. Kaum hatte Conring von der Rückkehr Leibnizens nach Deutschland gehört und daß er eine Stelle am Hofe des Herzogs von Hannover bekleidete, so knüpfte er die alten Beziehungen von neuem an, wesentlich wie es scheint deshalb, um durch Leibnizens Vermittelung die Gunst des Herzogs sich zu wahren, da er damals in religiöse Streitigkeiten mit den Katholiken verwickelt war. Leibniz ergreift sofort die Gelegenheit, Conring daran zu erinnern, daß er seine Studien auf dem Gebiet der Medicin und der Naturwissenschaft (naturalis scientia) nicht vernachlässige und das was er hierin vorbereitet habe, herausgebe. In seiner Erwiederung bemerkt Conring, daß die Principien, die er in seinen Studien auf dem gedachten Gebiete zu Grunde lege, die Erfahrung und die apodiktische Beweisführung (experientia et apodictica ratiocinatio) sind; selbige würden aber von den meisten nicht befolgt; er habe sämmtliche Schriften der neueren Zeit, die sich auf die Erfahrung stützen, gelesen, aber er sei eben dadurch bestärkt worden, bei Aristoteles stehen zu bleiben. Hiermit beginnt der frühere Streit zwischen Conring, dem Vertreter des Althergebrachten, und Leibniz, der zugleich den Fortschritten der neueren Zeit huldigt, von neuem. Leibniz hatte während seines Pariser Aufenthalts vorzugsweise mathematische Studien getrieben; er hatte in der Mathematik die glänzendsten Entdeckungen gemacht, die sämmtlich noch unveröffentlicht in seinen Papieren ruheten; vornehmlich aber hatte er sich überzeugt, daß die wissenschaftliche Methode, deren Grundzüge bereits in seinen ersten Schriften, namentlich in der Dissertatio de arte combinatoria, sich finden, zu richtigen Resultaten führe. Er hält deshalb Conring gegenüber daran fest. Ego semper putavi - so schreibt er - demonstrationem nihil aliud esse quam catenam definitionum vel pro definitionibus, propositionum jam ante ex definitionibus demonstratarum aut certe assumtarum. Analysis autem nihil aliud est quam resolutio definiti in definitionem, aut propositionis in suam demonstrationem, aut problematis in suam effectionem. In Betreff der Erfahrungswissenschaften hält Leibniz an der auch von andern aufgestellten Behauptung fest, daß alles in der Natur nach mechanischen Gesetzen vor sich gehe (omnia in natura fieri mechanice); das sei auch die Ansicht des Aristoteles und der alten Peripatetiker. Ausgenommen sind die Operationen der Seele, die nicht durch Bewegung und Figur zu erklären sind; dagegen können die Gesetze der Physik nur durch geometrische Behandlung verständlich gemacht werden, und deshalb gereue es ihn nicht, während seines Aufenthalts in Frankreich geometrische Studien eingehender getrieben zu haben, denn seit dieser Zeit habe er angefangen über alle Dinge sorgfältiger zu urtheilen. - Mit den von Leibniz aufgestellten Grundzügen seiner wissenschaftlichen Methode kann sich aber Conring nicht befreunden, nicht allein weil sie neu, sondern auch weil sie mit dem Wahren im Widerstreit sind; er hofft, daß Leibniz durch Berufsgeschäfte genöthigt, mit solchen Dingen sich nicht weiter beschäftigen werde. Conring weist somit die weitere Discussion über das von Leibniz Behauptete zurück, und hiermit hört der Briefwechsel zwischen beiden auf.

  1. 1Siehe Stobbe, Hermann Conring, der Begründer der deutschen Rechtsgeschichte, Berlin 1870.
  2. 2Herausgegeben im Prodromus Commercii epistolici Leibnitiani von Gruber. Hannov. 1745.