Briefwechsel zwischen Leibniz und Foucher. 1676(?)-1695
Einleitung
1676(?)-1695.
Simon Foucher, 1644 zu Dijon geboren, trat in den Priesterstand und wurde Canonicus in seiner Vaterstadt. Er blieb jedoch nur wenige Jahre in dieser Stellung; um seiner Neigung für die Wissenschaften zu leben, begab er sich nach Paris, wurde Baccalaureus der Sorbonne und erwarb sich einen großen Freundeskreis. Baillet (im Leben des Descartes) berichtet, daß Foucher ausersehen wurde, die Leichenrede auf Descartes zu halten. Seine Studien richteten sich namentlich auf die Philosophie Plato's, so daß man ihn »le restaurateur de la philosophie académicienne« nannte. In Folge angestrengter Arbeiten starb er in der Blüthe seines Lebens im Jahre 1696.
In einem Briefe an Nicaise aus dem Jahre 1697 giebt Leibniz über Foucher folgendes Urtheil: Je suis fâché de la mort de M. Foucher. Sa tête étoit un peu brouillée. Il ne s'arrêtoit qu'à certaines matières un peu sèches; et il me semble qu'il ne traitoit pas ces matières mêmes avec toute l'exactitude nécessaire. Peut-être que son but n'étoit que d'être le ressuscitateur des académiciens, comme M. Gassendi avoit ressuscité la secte d'Epicure; mais il ne falloit donc pas demeurer dans les généralités. Platon, Cicéron, Sextus Empiricus et autres lui pouvoient fournir de quoi entrer bien avant en matière, et sous prétexte de douter il auroit pu établir des vérités belles et utiles. Je pris la liberté de lui dire mon avis là-dessus; mais il avoit peut-être d'autres vues dont je n'ai pas été assez informé. Cependant il avoit de l'esprit et de la subtilité, et de plus il étoit fort honnête homme: c'est pourquoi je le regrette. - Hiermit stimmen auch die Urtheile Nicaise's und Huet's, des Bischofs von Avranches (vergl. Cousin, Fragments philosophiques. Philos. moderne, II. part. p.151 sqq.).
Die Schriften Foucher's, die zum Theil in Bruchstücken und als Broschüren erschienen, beziehen sich besonders auf die Philosophie der Alten, namentlich Plato's. Er hat außerdem im Jahre 1675 verfaßt: Critique de la Recherche de la Vérité, où l'on examine en même temps une partie des principes de M. Descartes, lettre par un académicien, welche von dem Benedictiner Dom Robert des Gabetz durch: Critique de la Critique de la Recherche de la Vérité, im folgenden Jahre 1676 erwiedert wurde. Obwohl Malebranche in der Vorrede zur nächsten Auflage der Recherche de la Vérité Foucher's Critik einer sehr scharfen Beurtheilung unterwarf, so standen doch beide später wieder in freundschaftlicher Beziehung zu einander, wie aus Malebranche's Brief an Leibniz vom 8. Decembr. 1692 und aus verschiedenen Stellen der vorliegenden Correspondenz hervorgeht.
Die Correspondenz zwischen Leibniz und Foucher betrifft namentlich die Tages- und Streitfragen, welche damals die gelehrten Kreise in Paris bewegten, besonders die Recherche de la Vérité und andere Schriften Malebranche's und Foucher's. Sie giebt zugleich einen interessanten Einblick in das wissenschaftliche Leben der damaligen Zeit: die französischen Gelehrten theilten einander die eintreffenden Briefe oder Abschriften davon mit, und es war gewissermaßen ein Ereigniß, wenn ein solcher Brief, besonders von Leibniz, ankam (vgl. auch Cousin, Fragments philosoph. besonders in der Correspondenz zwischen Leibniz und Nicaise). Es war schwierig auf anderem Wege als durch Briefe gelehrte Nachrichten aus dem Auslande zu erhalten; die wissenschaftlichen Zeitschriften waren eben erst im Entstehen, und die französischen Journale wollten vermöge ihres Privilegiums die fremden Journale nicht zulassen.
An die erwähnten Streitfragen knüpfen die philosophischen Erörterungen Leibnizens an. Gewissermaßen um sie unmöglich zu machen, discutirt er in seinem ersten Schreiben an Foucher, das eine mündliche Begegnung vorauszusetzen scheint, die Grundlage unserer Kenntnisse und die Basis des menschlichen Wissens; nur dann verstehe man eine Sache vollkommen, wenn man sie beweisen könne. Es sei dazu nöthig, sie bis auf ihre letzten Gründe zu prüfen; es habe zwar viel auf sich, eine Sache, wie klein und leicht sie auch erscheinen möge, vollkommen zu verstehen, aber nur dann könne man weiter vorwärts schreiten und würde auf die Erfindungskunst kommen. Dieses »filum meditandi« führe zur wahren Philosophie.1 Höchst interessant ist das Bekenntniß, das Leibniz über seinen eigenen Studiengang dabei einflicht; dergleichen wiederholen sich zwar in seinen Schriften, aber das in Rede stehende ist vielleicht eines der frühesten. - Desselben Inhalts sind auch die ersten Briefe, die Leibniz nach Wiederanknüpfung der Correspondenz von Hannover aus an Foucher richtet. In den spätern, namentlich in den nach der Rückkehr von seiner großen Reise (1690) geschriebenen, ist hauptsächlich von den Principien der Dynamik die Rede. Leibniz hatte wahrend seines Aufenthalts in Italien ein größeres Werk über die Dynamik verfaßt, welches bis auf die letzte Section vollendet war, in der Anwendungen enthalten sein sollten. Er hatte das Manuscript einem Freunde, dem Freiherrn von Bodenhausen, der unter dem Namen eines Abbé Bodenus als Erzieher der Söhne des Herzogs von Toscana in Florenz lebte, übergeben, um eine Reinschrift davon zu nehmen und es zum Druck vorzubereiten. Dieser aber verzögerte sich, da Leibniz die letzte Section nicht fertig machte. Nach dem Tode Bodenhausen's kamen zugleich mit seinen Papieren das Originalmanuscript und die Reinschrift wieder in Leibnizens Besitz; beides ist in seinem Nachlaß noch vorhanden.
Die Correspondenz zwischen Leibniz und Foucher ist zuerst herausgegeben von Foucher de Careil in: Lettres et opuscules inédits de Leibniz, Paris 1854. Da nicht wenig Flüchtigkeiten sich darin vorfinden, so war eine neue Vergleichung mit den Originalen auf der Königlichen Bibliothek in Hannover nothwendig.
- 1Denselben Gegenstand behandelt Leibniz in seinem ersten Aufsatze philosophischen Inhalts, den er an die Acta Erudit. Lips. im Jahre 1684 einsandte: Meditationes de cognitione, veritate et ideis.