Series VI Band 4 · No. 451₁.

Der güldene Griff

German

DER GÜLDENE GRIFF

Der guldene Griff alle dinge ohne irrthum zu erkennen, vielen Hochgelehrten unbekand, und doch allen Menschen nothwendig zu wissen, durch M. Valentinum Weigelium, *gedruckt zu Hall durch Christoph Bißmarck in Verlegung Joachimi Krusicken 1613*. 4o.

Alle dinge sind ewig und auch zeitlich.

Vorrede. Man muß nicht anderen glauben, sondern die wahrheit selbst smecken, solche wahrheit ist in uns: sich selber nicht kennen und auch Gott nicht ist die hochste blindheit.

Cap. 1. Durch die Scheidung sind alle dinge herfur kommen ans liecht, die Engel kommen aus nichts. Gott schuf die Engel daß sie alles in ihnen selber haben, aus denen kommen hehr die 4 Elemente und Astra, aus denen die Corpora, aus den Corporibus die fruchte. Das leibliche komt aus dem geistlichen, und bleibt doch in ihm, der leibliche sichtbare baum, bleibt im unsichtbaren geistlichen. Alles fließet von innen heraus, und nichts von außen hinein. Der Mensch hat die kunste aus dem gestirn, und die ewige Seele durch das einblasen von gott samt dem heil. geist. Der Mensch ist vor allen buchern, die bucher sind aus dem Menschen. Bey iedem capitel zu dessen ende ist ein gebeth zu gott.

Cap. 2. Erkantnüß fließet nicht aus den buchern, sondern aus dem menschen. Solte die Erkantnüß aus dem Gegenwurff (objecto) genommen werden, so müßte folgen, daß 100 Leser einen einigen ungespaltenen Verstand herauß nehmen werden, da doch so mancher kopf, so mancher Verstand. Einer traut dem anderen, wißen nichts vom ~~inneren Zeignüß*. Das ist die große Verfuhrung vom innern grund nichts wißen.

Cap. 3. Zum sehen gehoren aug als werkzeug, das objectum oder gegenwurff und *drittens eine durchsichtige lufft oder gebuhrende weite so aber erleuchtet seyn muß. Aber das innere auge braucht kein mittel sondern nur einen gegenwurff; und das innere auge hat das liecht bey ihm. Die Schrifftgelehrten verleügnen das innere Zeignuß des himlischen liechts.

Cap. 4. Ein mensch hat ein dreyfaches auge oder begriffligkeit, erstlich die Sinnliche sensualem auff viehische art, dazu gehohrt auch imaginatio, 2) die Vernunfftige rationalem,* *dahin gehoren kunste, handwercke, sprachen, 3) die geistliche, oder Verständige im Verstand oder gemuth, intellectualis sive mentalis auff Englische weise, dessen gegenwurff* *Gott und die Engel sind.

Cap. 5. Die Dinge werden erkand entweder aus dem liecht der Natur, durch fleißiges nachforschen, oder durchs liecht der gnaden in einem stillen Sabbath, da man nicht würcket sondern leidet, da sich gott selber erkennet durch sich selber; jene naturlich diese ubernaturlich durchs liecht des glaubens. Das ist ein schlechter Theologus der nur nach der Schrifft dem äußerlichen Christum und Adam, wie die Histori lautet, ohne krafft und leben, wurckung und geist im himlischen und innern wesen bekent. Christus ist die weißheit gottes, all unser studiren muß aus Christo gehn.

Cap. 6. In der naturlichen erkentnuß wurcket der Mensch durch eigne kräffte und geschwindigkeit, in der übernatürlichen empfahet er sein erkantnuß leidenlicherweise von dem unbegreifflichen gegenwurff von gott selbst. Also sind auch zweyerley Adam, ein irdischer aus der Natur sichtiger, und ein unsichtbarer himlischer mit der gnade als Christus.

Cap. 7. Die imagination siehet ein ding im abwesen, ist aber nur vor leibliche dinge, und gehöhrt also zum oculo carnis, beschleust alles sinnen in sich. Sie siehet, hohret,* *riecht, schmeckt und greifft. Die Vernunfft begreifft dinge so der imagination unmuglich, als daß die welt an keinem orth stehe, und doch nicht falle. Wir haben sinn als thiere, Vernunfft als menschen, und Verstand als Engel.

Cap. 8. Das inwendige ist alzeit höher und mächtiger, die sinne sind wie ein schatten gegen die imagination, so ihre unitat ist, hingegen ist die imagination wieder also gegen die Vernunfft, und diese gegen den Verstand. *Potentia superior potest quod inferior, et multo excellentius, non contra.* Wer alle außern sinnen samt der imagination* *kan stillhalten und sich hinein kehren in den inwendigsten grund der seele, in stiller gelaßenheit auff gott warten in ihm selber, und in ein Vergeßen kommen, sein selber und aller dinge, der wird in seinem Verstande von gott erleüchtet, und das heißet von Gott lernen, solches mag ein ieder in ihm selbst erfahren. Das unterste muß stillstehen, wenn das obere wircken soll. Wie David sagt, *ich will hohren, was der Herr in mir reden wird*. Das obere kan zwar ohne das untere würcken, kan aber doch von dem Untern* auffgehalten werden. Ein iedes objectum, ist einem ieden wie er selbst ist, oder wie sein *auge ist, denn daher komt die erkentniß und nicht aus dem gegenwurff. Den Literanten ist die Bibel eine Verfuhrung, den glaubigen ein lieblich Zeügnüß.

Cap. 9. Wenn die erkentnüß herflöße aus dem gegenwurff, müße von einem einigen gegenwurff eine gleichformige ungespaltene erkändtnüß kommen, da doch von einem einigen gegenwurff mancherley Urtheil fallen. Am Rande: bene sentit male probat. Es ist wahr, wäre das buch nicht da so* *kondte ichs nicht lesen noch erkennen, aber die kunst zu lesen und zu erkennen ist in mir. Das Naturliche auge also, halt sich würcklich und nicht leidenlich, alle Erkendtniß ist im Menschen, die bücher dienen sowohl zum Zeigniß als auch zum memorial der einfältigen.

Cap. 10. Soll eine kuh ein neu thor ansehen, so gehöhrt freylich das thor, die kuh, und das auge dazu, aber wir reden nicht von dem viehischen sondern menschlichen inwendigen sehen, da nimt das innerliche auge seinen gegenwurff, begreifft und durchdringet ihn. Eine erkentnuß ist geschwinder als die andere, ich sehe bey tage in einem augenblick daß der gegenwurff ein viereckter thurm sey, aber des [nachts] komme ich zum thurm, und fiele ein theil nach dem andern, biß ich erfahre das er viereckt und ein thurm sey.

Cap. 11. Der Mensch ist selbst das Auge, das werkzeug muß nicht für den Menschen gehalten werden. Der Mensch ist alles selber was er kan, gleichwie ein Engel, Naturlicherweise davon zu reden, sonst übernaturlicherweise ist gott alles im Engel und Menschen. Der Mensch ist nicht der leib, der im tode abgeschieden wird, sondern der geist der sich wie ein schmid des werkzeugs bedienet. Das bild in der imagination des steinmezen ist im innern Menschen, der ist der steinmez und mahler, wenn gott sagt producat *terra animam viventem*, so thut es nicht das sichtige corpus sondern der unsichtige geist.

*Cap. 12. In der ubernaturlichen erkendtnuß stehet das Urtheil nicht beym Menschen sondern beym objecto, so gott ist, weil sich der Mensch leidentlich verhält, komt doch* *nicht von außen, weil der gott und geist in uns ist. Derowegen ist bey den gläubigen einigkeit oder concordanz und bey den Naturlichen sind Rotten oder secten. Der Naturliche Mensch ist in der Schrifft als ein blinder blinden leiter, der als ein idololatra sich* *und andern creaturen göttliche kräffte zueignet. Das liecht komt weder vom buchstaben noch von der Vernunfft, sondern vom geist in uns. Die Heilige Schrifft komt mit dem innerlichen Zeugnüß überein, bey ihnen ist keine Spaltung im heiligen glauben, es ist auch kein Antichrist unter ihnen, wie wohl sie unter dem Antichrist wohnen müßen,~~ ~~weil die Erleuchtung doch durch den einigen Heiligen Geist komt, zwar von innen herauß, aber nicht wurcklich sondern leidentlich nicht creaturlich sondern göttlich.

Cap. 13. Die falschen Literatischen Theologi meinen der buchstabe sey wie ein wagen darauff das worth gottes ins Herz fahre, da doch solche creaturliche erkentnüß nur von dem eußerlichen objecto eine erinnerung nimt. Gott wird vergebens von außen hie* *und da gesucht. Der Antichrist bindet das reich gottes an gewiße Personen, Volcker, Orthe, gebehrden, caeremonien, und andere irdische vergängliche dinge. Gott wird nicht funden in den Creaturen, denn allein in seinem bildniß worth, das auß Gott im Menschen menschliche gestalt angenommen, und als der Sohn des Vaters selbst in uns lebet, dieweil er sich in den Creaturen finden lassen, uns seelig und gerecht zu machen und sich durch das liecht des glaubens erkennen zu lassen. Der mensch muß im sabbath feyren und still halten, nicht wurcken, sondern sich gott ergeben im gehorsam des glaubens. Solches feyren ist nicht wenigers als in den todt gehen und sterben, ja in die holle geworffen~~ ~~werden, und ganz im Unglauben ergriffen seyn, das ist die wiedergeburth.

~~Cap. 14. Einer hat mehr liechtes als der andre, und ist doch keine Spaltung. Der Unterschied komt nicht von Gott sondern vom Menschen, nach maaß der gelaßenheit oder glaubens. Von solcher gelaßenheit liese die Schrifften Tauleri.

Cap. 15. Die erste geburth in uns ist auß dem Saamen ex limo terrae, die andre auß* dem spiraculo oder geist Gottes, oder Christo in uns durch den glauben wohnhafft. Der *Mensch hat die welt und alle geschöpfe in ihnen, und wird von der welt begriffen, mag außer der welt nicht seyn. Weiter ist der mensch auch gemacht, aus spiraculo vitae mit* *einer ewigen seele, samt dem göttlichen geist, hat Gott in ihm und wird von gott~~ ~~umbgriffen und beschlossen. Man schreibet bucher und lernet kunste daß die weisheit die in uns ist erwecket, erkennet und überzeuget werde. Gleich wie das gesez in steinerne tafeln gebildet, da es doch in unsern herzen wahr, gleich wie das worth fleisch worden und Christus leiblich kommen, da doch sein geist in uns war, daß wir nehmlich des innern schazes möchten gewahr werden. Theoph. Paracelsus lehret dergleichen in seinem buch Vom fundament der weisheit: keiner, sagt er, *kan sich rühmen er habe mehr weisheit als der andre, wie der Kayser also auch der bauer, wie Christus also auch der mensch: wenn man in eine gemeine zusammen komt, so kan niemand nichts, biß etwa einer aufftritt, und einen vorschlag thut, da sagen die bauern mit einander: bey Gott er ist recht daran und ist also wie er sagt. Wenn nun der guthe rath nicht in dir gewesen, wie hattestu ihn denn konnen kundschafft geben, und bezeügen daß er recht daran sey. Hast dich nur dessen nicht erinnert*. So weit Paracelsus.

*Cap. 16. Keiner kan sich fromm oder geschickt lesen, die bucher dienen nur zur erinnerung und zeugnus, wie auch die caeromonien und geseze. Wären wir im geist blieben, so hatten wir deren nicht bedurfft. Ein mensch der sich vom eusern entschleget und einkehrt zu Gott, weiß mehr denn alle bucher.

Cap. 17. Alle dinge haben zwey Urtheil eines wie ein ding vor Gott ist, das andere wie es fur den menschen scheint. Daher die Weltweisen narren genennet werden. Theophrastus sagt: gott braucht nichts (scil. absolute). Hermes: *gott brauchet und wurcket alles* *scil. respectu ad creaturas, secundum internum hominem Christianus nec mori nec peccare potest*. Es streiten offt zwey und haben beyde recht. ~~Die sünde ist ein* accidens, wenn man betrachtet, daß sie nur im willen. Wenn man siehet auff die früchte der sunden, daß der leib verderbet ist, und der mensch den ganzen leib durch die sunde verlohren und auch per renascentiam substantialem einen neuen himlischen leib auß Christo* bekomt, so ist die sunde eine substanz, gott schaffet keine neue* ~~*seele wie er einen neuen himlischen leib schaffet.

~~Cap. 18. Eine statt hat einen ubelthater, lasset eine frage abgehen an die rechtsgelehrten, die antworten aus ihrem Justiniano oder Bartolo, also fragt immer ein mensch den anderen, wären wir aber Christen so kondten wir sehen mit unsern eignen augen, und durffen nicht folgen dem buchstaben oder der autoritat der menschen. Der buchstabe ist ein beydenhänder, ieder kan ihn gebrauchen wie er will, die lehrer sind unter einander uneinig. Der aber kein urtheil auß dem glauben des geistes schopfet, der bleibt unbeweglich. Man muß die wahrheit schmecken sehen und fülen in seinem herzen.

Cap. 19. Daß urtheil dadurch man siehet oder erkennet, was recht oder falsch ist, und keinem unrecht thut, ist nichts anders als der wahre seeligmachende glaube oder Christus in uns durch den glauben, Coloss. 1., 2. Cor. 13, Rom. 8. Der rechte glaube erneuert das herz ist ein lebendes empfinden oder erfahrung, man kan darauff sterben, ist kein toder wahn, wie der Buchstäbler erdichtete schrifft oder wahnglaube. Der glaube ist ein wesentlich empfinden und gehöhr im menschen, nun kan ich mit eines andern ohr nicht hohren. Gott ist es allein der den glauben wurcket und urtheil gibt zu prüfen alle geister und schrifften. Herr laß mich hohren sehen schmecken, mit den propheten und dem gläubigen Abraham den tag und die krafft in mir.

~~Cap. 20. Es ist unmuglich daß das erkantnuß gottes, darinn das ewige leben stehet, Joh. 17. fließe aus dem gegenwurff, der creatur des todten buchstabens. Iede parthey meinet die schrifft gehe sie allein an, und verdammet die anderen. Die Schrifft ist ein spiegel, zeiget, ob du rein seyest oder nicht, kan dich aber nicht rein oder gesund machen.

Cap. 21. Wo nicht in mir gehohr, geschmack etc., wäre wo wolte ich wißen was kalt oder warm, süß oder sauer, daher die erkentniß nicht ist ausm objecto, sondern erkenner.

*Cap. 22. Wem das herz erleuchtet ist der hat guth Schrifft lesen, die Schrifft ist allein dem Rechtsglaubigen und gottesgelehrten clar. Der Antichrist sucht das liecht ausm buchstaben.

Cap. 23. Der Seeligmachende glaube bringt mit sich alle tugenden und was man guthes nennet ist auch die maaß und richtschnur alle dinge zu erkennen, ist ein werck und liecht gottes, in dem gelassenen herzen. Ein ieder glaubiger ist sich selbst entnommen, und gott ergeben, da erkennet sich gott selber im menschen. Aus solcher~~ ~~erkantnuß komt das urtheil uber alle gegenwürffe.

Cap. 24. Ehe ich zum anfang des wahren glaubens kommen und nicht gott sondern der menge der menschen zu gefallen glaubete, wahr ich bekummert umb diesen oder ienen Artikel, mein herz war immer ungewiß. Da sahe ich wie einer dem andern vor weltlicher obrigkeit angebe, und was für ein tappen fehlgreiffen ~~und scharmüzlen umb den Himmel war, und wolte doch niemand hinein* wie auch noch geschicht; wie ich nun also bekummeret war, und mit einem innbrünstigen Herzen zu Gott ruffe, da wiederfuhr mir gnade von oben herab, dann ward mir ein auge gezeiget, welches mich erfreuete und mein Herz erleuchtete, daß ich alle dinge sehen kund viel lauterer wieder die lehrer mit allen ihren büchern. Dieß buch ist in mir und allen menschen, darauß werden alle bücher geschrieben aber wenig können es lesen. Die gelehrten kleben an dem toden buchstaben, und verlassen das buch des lebens das doch mit dem finger eingeschrieben ist in aller menschen Herzen.

Cap. 25. Dieß buch des lebens ist das leben und liecht aller Menschen, es ist gottes worth, durch welches worth und weisheit alle menschen geschaffen, und dadurch erhalten werden. Es ist das bildniß gottes, sein geist und finger, gesez, Christus, Gottes Reich, aus Joh. cap. 1 erscheinet, daß das alles ein ding sey. Das Reich gottes ist inwendig in euch wird gesagt zu den unglaubigen pharisäern. ... Adde Joh. cap. 14. Die falschen lehrer sezen ihren glauben auff menschen, nehmen an mit hizigen affecten, was sie selbst durch den geist weder gesehen noch empfunden. Da doch der geist Christi in uns wohnet Rom. 8. Der geist ist in allem Sap. 11.

Cap. 26. Worumb das innere buch oder worth sichtbar oder eüßerlich worden, durch die steinetaffel und ganze schrifft, durch die incarnation, durch das predigen oder amt des geistes, nehmlich weil auch wir aus dem paradiß getrieben, und eußere weltmenschen worden, dazu verlohren den leib und heiligen geist, daher wir durch die neue geburth in Christo, einen neuen himlischen leib haben musten.

Cap. 27. Das inwendige auge sehet Gott im Sabbath an, und wird zum höchsten erfreüet, aber wie ein kleiner finger vorm auge einen ganzen berg bedecken kan, also verhindert eine schnöde welt lust den ewigen unendtlichen schaz der neuen geburth; alle welt freude ist vor gott unlust, befinden wirs nicht in der zeit so werden wirs in jener welt mit ewigen jammer und schmerzen empfangen. Alle gelehrten suchen ihre ergozligkeit in sprachen und kunsten, andere in Handarbeit, die dritten in fleisches lusten, und wollen ihnen keine einige stunde nehmen in silentio sacro sabbath zu halten, da doch gott selbst will den Siebendten tag in uns arbeiten.

Cap. 28. Man muß hie in der Zeit und nicht erst dort im Himmel von gott gelehret werden. Christus sagt Johan. 6 es stehet geschrieben in den propheten sie werden alle von Gott gelehret werden, aber die buchstäbischen Theologi strafen ihn lügen, wollens ad aeternam Academiam, sprechen spötlich von der Salbung. Kein Mensch kan den verstand des glaubens auß ihm selbst haben, sondern schweigen und still stehen. Der verstand muß durchs beten erlanget werden, aber beten heist im geist und in der wahrheit auff gott warten, und von ihm hören und lernen. Vom geist ist die schrifft selbst gefloßen.