Series II Band 1 · No. 193.

GOTTFRIED KLINGER FÜR LEIBNIZ

[1678.] [192.194.]

German

^&=05 Demonstratio Philosophica, Esse Deum. Axiomata. Am Rande von Leibniz' Hand: Replicae Erh. Weigelii.

1. Ein mahl eins ist eins. Scholion.

Das ist: Ein gantz eins ist eins. Denn die mahlheit ist nichts anders, als die Gantzheit. Daher kann man auch in Tabula Pythagorica durchgehends vor Mahl substituiren gantz. e. g. zwey gantze zweyen sind viere. Drey gantze vieren sind zwölffe.

2. Das Mahl ist nichts realiter unterschiedenes von der Sache, bey der es stehet. Scholion.

Wie das eins (wenn ich sage, ein Mensch, ein Thier, etc.) kein unterschiedenes thätliches ding ist, von der sache, bey der es stehet, also auch das Mahl, wenn ich sage ein mahl eine Welt, ist eine Welt. Denn sonst were es nicht war, wenn ich sagte, Ein ding ist ein ding; sondern ich müste sagen: Ein ding ist zwey ding. Auch were es nicht wahr, wenn ich sagte: Ein mahl eins ist eins. Sondern ich müste sagen: Ein mahl eins ist dreye. Corollarium.

Ergo wenn das mahl zu gegen ist, ist die Sache selbst zu gegen, bey der es stehet; und wenn das mahl weg, und vergangen ist, ist die Sache selbst vergangen, bey der es stehet. Zum exempel; Wenn ich sage, der Herr komme ein mahl zu mir, so ist es unmöglich, daß er daß mahl schicke, und nicht selber komme. Und wenn ich sage, wir haben noch auff drey mahl Obst zu speisen, wenn die 3 mahle weg sind, ist das Obst auch hinweg.

3. Was nichts ist, in dem es nichts ist, kann nicht machen, daß es etwas werde, oder sey. Observationes.

1. Die Welt und alles was drinnen ist, ist ein mahl nach dem andern warhafftig zu gegen.

2. Außer dem gegenwertigen mahle, sind die vergangenen oder zu künfftigen Mahle pur lauter nichts. Scholion.

Die Mahle werden abgemeßen, durch den motum localem so wohl anderer Corporum, als vornehmlich der Sonnen. Und dahero, so fern wir das Maß der vergangenen Mahle in Gedächtnüs behalten, sind die vergangenen Mahle doch gleichwohl ein Conceptus, die aber ihre existenz nirgends anders, als in memoria cogitantis haben. Definitiones.

1. Die Zeit (zum Exempel, Ein Jahr, ein Tag, eine Stunde), ist nichts anders, als eine gewiße Anzahl der Mahle, in welchen die Welt warhafftig zu gegen gewesen ist; welche mahle auch fortgehen, wenn gleich die Sonne stille stehen, u. kein corpus einen motum localem mehr exerciren solte. Scholion. 1.

Wie groß aber das kleinste mahl sey, können wir Menschen nicht begreiffen, oder determiniren. 2.

Wenn keine Welt were, so were auch keine Zeit. Denn ohne gegenwart eines dinges ist kein mahl. Augustinus, nach dem er lange speculirt hatte, was doch die Zeit sey, sagt zwar, si non cogito scio, si cogito, nescio. Allein er setzt doch darzu (in libris Confessionum): Confidenter *dico, me scire, si nihil esset, non esset praesens tempus, si nihil praeteriret, non esset praeteritum tempus.* Nun mus ja das, so vergehet, was anders seyn, als der conceptus der mahle, oder existentiarum. Sonst were es nugatorium, sagen: si tempus non praeteriret, non esset praeteritum tempus: si tempus non esset praesens, non esset praesens tempus. Was kann aber anders vergehen, als die Welt?

2. Gott heißen wir dasselbe unbegreiffliche ding, welches über die Welt nothwendig zu gegen seyn mus, wenn die Welt da seyn soll. Nun fragt sichs, ob denn die Welt nicht vor sich selbst seyn könne: oder ob ein Gott sey? Propositio.

Es ist ein Gott. Demonstratio.

Denn weil die gantze Welt und alles was drinnen ist, ein mahl nach dem andern warhafftig zu gegen ist (per Axiom. 1. et observ. 1.), so das das vorige mahl gantz nichts ist, wenn das gegenwertige verhanden ist (per observat. 2. omnibus hominibus notam, sonst were gestern heute), und aber wenn das mahl weg ist, die Sache selbst weg ist, bey der es stehet (per axiom. 2.), auch was nichts ist, in dem es nichts ist, sich nicht zu etwas machen kan (per ax. 3.), da doch die Welt sich immer so fort ein mahl nach dem andern in der that praesentiret, ohngeacht ein iedes mahl von dem andern realiter unterschieden ist (per definit. 1.), So ist ein Gott (per def. 2.). Q.E.D.