Briefwechsel zwischen Leibniz und des Bosses. 1706-1716

GerhardtGerman

Einleitung 287

1706-1716.

Der Jesuit Bartholomaeus des Bosses hatte von Hildesheim aus, wo er im Collegium seines Ordens als Lehrer der Theologie wirkte, Leibniz in Hannover zu Anfang des Jahres 1706 aufgesucht und gesprochen1. Da dieser in ihm einen Mann erkannte, der zwar nicht auf der Höhe der Wissenschaft stand, den aber ein edeles Streben beseelte und dem es vor allem um die Ermittelung der Wahrheit zu thun war, so meinte er in des Bosses einen gefunden zu haben, nach dem er lange schon sich gesehnt hatte, einen der in seiner Nähe wohnte, mit welchem er mündlich und schriftlich über philosophische Fragen verhandeln konnte2. Es war um diese Zeit für Leibniz mehr als je Bedürfniß geworden, durch Unterredung oder durch Correspondenz immer neue Anregung zu wissenschaftlichen Untersuchungen und besonders zur Klärung von philosophischen Begriffen zu gewinnen. Wahrscheinlich

hatte schon bei der ersten Begegnung Leibniz bemerkt, daß des Bosses ebenso von extremen, fanatischen Ansichten entfernt war und eben solche vermittelnde und versöhnende Principien verfolgte wie er selbst; um so mehr hielt er ihn für wissenschaftliche Unterhaltung geeignet. Ohne Rückhalt legt Leibniz in seinem ersten Briefe ein dahin gehendes Bekenntniß ab, das zugleich den Charakter seiner Philosophie enthüllt: eo semper animo fui, ut mallem recepta emendari quam everti. Nicht minder interessant ist dieses erste Schreiben insofern, als darin Leibniz ausspricht, daß seine Ansichten über die Natur der Körper und über die Begründung seiner Philosophie noch unverändert dieselben sind wie wir sie in seinen Briefen aus dem jugendlichen Alter kennen. Des Bosses geht auf Leibnizens Wünsche bereitwilligst ein; er will die von Leibniz aufgestellten Begriffe so viel als möglich der Ausdrucksweise des Aristoteles anpassen und mit den Dogmen der Kirche in Uebereinstimmung bringen. Um dazu eine sichere Grundlage zu gewinnen, stellt er fünf Sätze auf, die aus der Metaphysik des Aristoteles entlehnt sind und von denen er annimmt, daß sie mit den Leibnizischen Principien übereinstimmen: 1. Ens et unum convertuntur. 2. Continuum est divisibile in infinitum. 3. Infinitum actu non datur in natura. 4. Unitas est principium numeri. 5. In causis et principiis non progrediendum in infinitum, sed standum alicubi. Diese fünf Sätze bilden namentlich den Gegenstand der Correspondenz bis zur Mitte des Jahres 1708; es kommen dabei fast sämmtliche Begriffe der Leibnizischen Metaphysik zur Besprechung.

Mit dem Beginn des Jahres 1709 lenkt des Bosses die Correspondenz auf die früheren philosophischen Erörterungen zurück, indem er das Bedenken äußert, ob die Entelechie d.i. die ursprünglich vorhandene Kraft, die unzerstörbar, mit der Substanz unzertrennlich verbunden ist und sie beseelt, immer mit der letztern gleichzeitig geschaffen wird oder nicht. Leibniz entscheidet sich für das Erstere; er geht sofort auf dieses Bedenken ein und bespricht umständlich den Begriff der Monade. Von Interesse ist hierbei die Darstellung die Leibniz in einem unterdrückten Postscriptum über die allmählige Ausbildung des Begriffs der Seele seinerseits giebt. Von dieser Zeit an, vom Jahre 1709, bis zum Tode Leibnizens im Jahre 1716 bietet nun die Correspondenz zwischen Leibniz und des Bosses die eingehendsten Erörterungen über die Leibnizische Metaphysik; keine andere ist ihr in dieser Hinsicht zu vergleichen. Sie enthält zwar nicht eine zusammenhängende Untersuchung der metaphysischen Begriffe, insofern Leibniz gelegentlich der vorgebrachten Zweifel und Einwürfe von Seiten des Bosses' die Entwickelung der Begriffe anknüpft, aber sie bildet den ausführlichsten Commentar zu der Abhandlung, welche Leibniz während seines Aufenthalts zu Wien (1713 und 1714) für den Prinzen Eugen von Savoyen aufgesetzt und welcher man die Aufschrift: La Monadologie gegeben hat. In dieser Abhandlung ist das in Zusammenhang gebracht, was in der Correspondenz zwischen Leibniz und des Bosses bruchstücksweise sich findet. Neben den rein philosophischen Untersuchungen werden in derselben noch theologische Fragen, über die protestantische Auffassung des Abendmahls, über die Rechtfertigung der katholischen Lehre der Transsubstantiation, über die Erbsünde u.s.w. verhandelt und philosophisch begründet; anderes bezieht sich auf das Wesen der Körper.

Von der Correspondenz zwischen Leibniz und des Bosses waren bisher durch Dutens 70 Leibnizische Briefe3 in Leibnit. op. omn. tom. II. p.265-323 und tom. VI. p.173-201 veröffentlicht. Derselbe hatte sie durch D. Gobet aus der Bibliothek des Collège Clermont (Jesuitencollegium) zu Paris erhalten; nach Angabe des Catalogs dieser Bibliothek waren daselbst die Leibnizischen Briefe theils im Original theils in Abschriften vorhanden.

Der folgende Abdruck der Correspondenz zwischen Leibniz und des Bosses enthält 128 Briefe, darunter 71 Leibnizens (der Brief n. 66 fehlt bei Dutens) und 57 von des Bosses, die bisher noch nicht edirt waren, nach den Handschriften der königlichen Bibliothek zu Hannover. Von einer Anzahl Leibnizischer Briefe (n. 17. 20. 24- 28. 34-39. 42. 48. 54. 57. 62. 64. 69. 77. 79. 80. 83. 85. 87. 91. 99. 104. 109. 118. 121. 124. 125. 127. 128) fehlen daselbst die Originale; sie sind hier nach der Ausgabe Dutens' abgedruckt.

  1. 1Ueber die Lebensverhältnisse des Bosses' kann ich nur das beibringen, was er selbst in der vorliegenden Correspondenz erwähnt. Er nennt Limburg als seine Vaterstadt. Bis gegen Ende des Jahres 1709 war er als Lehrer der Theologie im Jesuitencollegium zu Hildesheim thätig, darauf bis zu Ende des Jahres 1711 als Lehrer der Mathematik in Cöln, alsdann wiederum als Lehrer der Theologie in Paderborn bis 1713. In diesem Jahre ging er nach Cöln wieder zurück. Des Bosses übersetzte die Theodicee Leibnizens ins Lateinische; die Uebersetzung erschien 1716 ohne seinen Namen.
  2. 2Leibniz hat des Bosses in dem der Theodicee vorausgehenden Discours de la conformité de la foi avec la raison ein Denkmal gesetzt, es heißt daselbst in n. 86: Le R. P. des Bosses, qui enseigne maintenant la Théologie dans le Collège des Jésuites de Hildesheim, et qui a joint une érudition peu commune à une grande pénétration qu'il fait paroître en Philosophie et en Théologie, m'a appris que etc.
  3. 3In einer Anmerkung in tom. II. p.265, sagt Dutens, er habe 75 Leibnizische Briefe von Gobet erhalten.