Einleitung
Kriege. Es ist bekannt, daß damals die Jesuiten ein reiches Feld ihrer Thätigkeit fanden, und daß eine Anzahl protestantischer Fürsten Deutschlands ihnen zum Opfer fiel. Auch Landgraf Ernst trat mit seiner Gemahlin im Anfang des Jahres 1652 zu Cöln zur römischen Kirche über. Es waren keinerlei weltliche Rücksichten, vielmehr die durch eigene Forschung erworbene Ueberzeugung von der katholischen Wahrheit, die ihn zu diesem Schritt bewog. Wenige Jahre nachher trat er als Schriftsteller auf, zuerst anonym, später auch unter seinem Namen, um seine Conversion zu rechtfertigen. Seine Hauptschrift, die gegenwärtig sehr selten ist, da sie nur in 48 Exemplaren gedruckt wurde, hat den Titel: Der so wahrhaft als ganz aufrichtig und discret-gesinnte Katholische. Da darin die Gebrechen beider Religionsparteien mit gleichmäßiger Freimüthigkeit beleuchtet werden, so machte diese Schrift das größte Aufsehen. Der Hauptzweck des Landgrafen war, den Protestanten die Rückkehr zur alleinseligmachenden Kirche, den Katholiken die Reform ihrer anstößigen Mißbräuche anzurathen. Landgraf Ernst hatte ein Exemplar dieser Schrift an den katholisch gewordenen Herzog Johann Friedrich von Hannover geschickt, nach dessen im Jahre 1680 erfolgtem Tode er es wieder zurückverlangte. Dieser Umstand wurde die Veranlassung zur Correspondenz zwischen dem Landgrafen und Leibniz, die bis zum Tode des ersteren im Jahre 1693 dauerte. Sie ist von Rommel in zwei Bänden herausgegeben1. Die hier folgende Correspondenz ist ein Theil dieses Briefwechsels, in welchem jedoch der Landgraf mehr die Rolle des Vermittlers der Briefe Leibnizens an Arnauld spielt.
Antoine Arnauld (geb. 1612, gest. 1694 in einem Dorfe unweit Lüttich), der unermüdliche Vorkämpfer und Wortführer der Jansenisten in Frankreich, war und blieb von Herzen ein eifriger Katholik; er bemühte sich wiederholt Leibniz zu bekehren. In steter Fehde mit den Jesuiten, deren verderbliche Sittenlehre er schonungslos angriff, wurde er durch den mächtigen Einfluß derselben im Jahre 1656 aus seinen Lehrämtern an der Pariser Universität und an der Sorbonne verdrängt; es gelang ihm indeß seine Aussöhnung mit Rom 1668 zu Stande zu bringen, und er kehrte, gefeierter als je, nach Paris zurück. Seitdem durch die Verhältnisse genöthigt, die Jesuiten und Ultramontanen zu schonen, richtete Arnauld seine polemische Thätigkeit um so ernstlicher gegen die Reformirten, je mehr ihm daran gelegen war, den durch die Aehnlichkeit seiner Prädestinationslehre mit der Calvinischen erweckten Verdacht einer Annäherung an die verfolgten Hugenotten abzuwehren. Es ist deshalb auch leicht erklärlich, daß Arnauld auf den im ersten Bande veröffentlichten Brief, den Leibniz von Frankfurt am Main (1671?) an ihn schrieb, nicht antwortete. Auch scheint Leibniz während seines Aufenthalts in Paris zu einer näheren Bekanntschaft (»inneren Admission«2) mit Arnauld nicht sofort, sondern erst nach seiner Rückkehr aus England im Jahre 1673 gelangt zu sein. Da derselbe ein tüchtiger Mathematiker war, so hat vielleicht die Mathematik die Annäherung beider Männer vermittelt3. Leibniz schreibt in Betreff Arnauld's an den Landgrafen Ernst von Hessen- Rheinfels (à Zellerfeld ce 4/14 d'Aoust 1683): Quand j'estois à Paris, nous nous sommes entretenus quelques fois sur la Géometrie; c'est pourquoy je supplie V. A. S. de luy envoyer de ma part les papiers cy joints sur quelques decouvertes géometriques. Car parmy tant d'autres belles connoissances il sçait parfaitement bien, ce qu'il y a de plus beau dans la Géometrie. Ce que je luy envoye a déja esté approuvé et estimé par les premiers Mathematiciens
de France et d'Angleterre, et je me souviens de luy en avoir parlé en France; j'avoue cependant très volontiers que ces sortes de curiosités n'ont point de meilleur usage que celuy de perfectionner l'art d'inventer et de raisonner juste4. Als Leibniz diese Zusendung an Arnauld machte, befand sich derselbe in den Niederlanden; er hatte, um den Verfolgungen der Jesuiten auszuweichen, 1679 Frankreich verlassen. Man findet nirgends eine Andeutung, daß Arnauld auf diese Zusendung Leibnizens geantwortet.
Mit einer zweiten Sendung an Arnauld ebenfalls durch die Vermittelung des Landgrafen Ernst beginnt die folgende Correspondenz.
Leibniz hatte einige Tage der Ruhe außerhalb Hannover's benutzt, um über eine Reihe von metaphysischen Sätzen theologischen und philosophischen Inhalts, die sich ihm als die Frucht längeren Nachdenkens ergeben hatten, eine zusammenhängende Darstellung zu entwerfen. Es war ihm nicht unbekannt, daß Arnauld mit dergleichen Studien sich beschäftigt hatte und daß er das competenteste Urtheil darüber abgeben konnte. Leibniz übersandte deshalb durch die Vermittelung des Landgrafen an ihn eine Inhaltsangabe seiner Abhandlung. Arnauld, der damals durch unausgesetzte Kämpfe über religiöse Fragen sehr in Anspruch genommen und auch körperlich leidend war, hatte nicht Zeit über Leibnizens Sätze ruhig nachzudenken; er nimmt N. 13 heraus, der über die Prädestination handelt, einen Gegenstand, über welchen, wie oben erwähnt, Arnauld bereits gearbeitet hatte. Die Angriffe und Consequenzen, die er zieht, werden von Leibniz leicht zurückgewiesen. Da aber Arnauld sich herbeiläßt, auf diese Frage näher einzugehen, so wird sie für Leibniz Veranlassung, eine besondere Untersuchung
darüber anzustellen, die er folgendermaßen zusammenfaßt: La proposition dont il s'agit est de tres grande importance, et merite d'estre bien establie, car il s'ensuit, que toute ame est comme un monde à part, independant de toute autre chose hors de Dieu: qu'elle n'est pas seulement immortelle et pour ainsi dire impassible, mais qu'elle garde dans sa substance des traces de tout ce qui luy arrive. Il s'ensuit aussi, en quoy consiste le commerce des substances, et particulierement l'union de l'âme et du corps ......, il se fait suivant l'hypothese de la concomitance, qui me paroist demonstrative. C'est à dire chaque substance exprime toute la suite de l'univers selon la vûe ou rapport qui luy est propre, d'où il arrive qu'elles s'accordent parfaitement, et lorsqu'on dit que l'une agit sur l'autre, c'est que l'expression distincte de celle qui pâtit, se diminue, et s'augmente dans celle qui agit, conformement à la suite des pensées que sa notion enveloppe. Es ist diese Stelle mit dem Schluß des Leibnizischen Schreibens vom 14. Juli 1686 zu vergleichen. Nachdem daselbst Leibniz das große Princip erwähnt, auf dem er seine philosophischen Untersuchungen basirt: il faut tousjours qu'il y ait quelque fondement de la connexion des termes d'une proposition, qui se doit trouver dans leur notions, und nachdem er das Obige noch ausführlicher dargethan, geht er einen Schritt weiter, indem er hinzusetzt: On sera peut estre plus surpris, que je nie l'action d'une substance corporelle sur l'autre qui semble pourtant si claire. Mais outre que d'autres l'ont déja fait, il faut considerer que c'est plustost un jeu de l'imagination qu'une conception distincte. Si le corps est une substance et non pas un simple phenomene comme l'arc en ciel, ny un estre uni par accident ou par aggregation comme un tas de pierres, il ne sçauroit consister dans l'étendue, et il faut necessairement concevoir quelque chose qu'on appelle forme substantielle et qui repond en quelque façon à l'ame. J'en ay esté enfin convaincu comme malgré moy, apres en avoir esté assez éloigné autres fois. Cependant quelque approbateur des Scholastiques que je sois dans cette explication generale et pour ainsi dire metaphysique des principes des corps, je suis aussi corpusculaire qu'on le sçauroit estre dans l'explication des phenomenes particuliers, et ce n'est rien dire que d'y alleguer les formes ou les qualités. Il faut tousjours expliquer la nature mathematiquement et mecaniquement, pourveu qu'on sçache que les principes mêmes ou loix de mecanique ou de la force ne dependent pas de la seule étendue mathematique, mais de quelques raisons metaphysiques. In dem zweiten Schreiben von demselben Datum, das überhaupt dadurch interessant ist, daß Leibniz einen Ueberblick über seine Leistungen auf allen Gebieten des Wissens giebt, fügt er in Betreff der Metaphysik hinzu: Et quant à la metaphysique, je pretends d'y donner des demonstrations geometriques, ne supposant presque que deux verités primitives, sçavoir en premier lieu le principe de contradiction .... et en deuxieme lieu, que rien n'est sans raison, ou que toute verité a sa preuve a priori, tirée de la notion des termes, quoyqu'il ne soit pas tousjours en nostre pouvoir de parvenir à cette analyse. Auch bemerkt Leibniz daselbst, daß er die ganze Mechanik auf einen einzigen metaphysischen Satz gründet.
Da Leibniz erkannt hatte, daß in der Metaphysik wie in der natürlichen Theologie, ohne Kenntniß von der wahren Bedeutung des Begriffs Substanz kein Schritt vorwärts gemacht werden könne, und daß sich daraus überraschende Folgerungen ergeben, die alle Zweifel in Betreff des Verhältnisses von Gott zu den Geschöpfen, in Betreff der Vorherbestimmung, des Zusammenhanges von Leib und Seele, des Ursprungs des Bösen und anderer Dinge zerstreuen5, so ist der letzte Theil der Correspondenz hauptsächlich der Entwickelung des Begriffs Substanz gewidmet. In einem der letzten längeren Schreiben vom 9. October 1687 faßt Leibniz das Ergebniß seines Nachdenkens zusammen in den Worten: Je tiens que toute substance renferme dans son estat present tous ses estats passés et à venir et exprime même tout l'univers suivant son point de veue, rien estant si éloigné de l'autre qu'il n'ait commerce avec luy, et sera particulierement selon le rapport aux parties de son corps, qu'elle exprime plus immediatement, et par consequent rien ne luy arrive que de son fonds, et en vertu de ses propres loix, pourveu qu'on y joigne le concours de Dieu. .... Quant aux substances corporelles, je tiens que la masse, lorsqu'on n'y considere que ce qui est divisible, est un pur phenomene, que toute substance a une véritable unité à la rigueur metaphysique, et qu'elle est indivisible, ingenerable et incorruptible, que toute la matiere doit estre pleine de substances animées ou du moins vivantes, que les generations et les corruptions ne sont que des transformations du petit ou grand ou vice versa, et qu'il n'y a point de parcelle de la matiere, dans laquelle ne se trouve un monde d'une infinité de creatures, tant organisées qu'amassées. Hiermit ist das letzte Schreiben Leibnizens zu vergleichen, das er auf der Rückkehr von seiner italienischen Reise von Venedig aus an Arnauld richtete, in welchem er die ganze Untersuchung noch einmal in einzelnen Sätzen zusammenstellt.
Neben diesen rein metaphysischen Speculationen steht die Discussion über die Gesetze der Bewegung, welche dadurch herbeigeführt wird, daß Leibniz ein Exemplar der kleinen Abhandlung des Jahres 1686: Brevis demonstratio erroris memorabilis Cartesii et aliorum circa legem naturalem, secundum quam volunt a Deo eandem semper quantitatem motus conservari etc. an Arnauld überschickt, um dessen Urtheil zu vernehmen. Indem in Betreff dieses Gegenstandes auf die ausführliche
Einleitung zur Leibnizischen Dynamik verwiesen wird, soll hier nur hervorgehoben werden, daß Leibniz die Zunahme in der Geschwindigkeit eines schweren fallenden Körpers von dem Antrieb eines unsichtbaren Fluidums herleitet, oder wie er es in seinem letzten Schreiben an Arnauld ausdrückt: tout mouvement d'un solide dans le fluide, qui se fait en ligne courbe, ou dont la vélocité est continuellement difforme, vient du mouvement du fluide même. In diesem letzten Schreiben hat Leibniz ebenfalls die Ergebnisse seiner Untersuchungen über Kraft und Bewegung in kurzen Sätzen zusammengestellt.
Leibniz hat in seinen Briefen mehrmals geäußert, daß er seine Correspondenz mit dem Landgrafen Ernst von Hessen-Rheinfels und mit Arnauld wegen der Wichtigkeit ihres Inhalts drucken lassen wolle. Er legte alles das zusammen was veröffentlicht werden sollte, und eine noch vorhandene Abschrift dieser Briefe beweist, daß er der Ausführung des Planes näher getreten ist; er blieb indeß schließlich unausgeführt. Erst C.L. Grotefend hat sie als ersten Band der philosophischen Schriften Leibnizens herausgegeben6. Für den vorliegenden Abdruck sind die Originale in der Königlichen Bibliothek in Hannover von neuem verglichen worden.
- 1Leibniz und Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels. Ein ungedruckter Briefwechsel über religiöse und politische Gegenstände. Mit einer ausführlichen Einleitung und mit Anmerkungen herausgegeben von Chr. von Rommel. Frankfurt am Main 1847.
- 2Siehe Leibnizens Brief an den Herzog Joh. Friedrich. Bd. I. S.65.
- 3Arnauld war ein Freund Pascal's, an dessen Lettres provinciales er mitarbeitete. Die von ihm herausgegebenen Nouveaux Elémens de Géométrie werden von Ch. Wolf (Kurzer Unterricht von den vornehmsten Mathematischen Schriften, Wien 1763) unter den hervorragendsten Büchern der damaligen Zeit angeführt.
- 4Was Leibniz hier an Arnauld überschickt, sind sicherlich nicht die Regeln des Calcul différentiel, wie die Herausgeber von Arnauld's Werken meinen; über diese Regeln schreibt Leibniz erst in dem Briefe an Arnauld vom 14. Juli 1686. Es sind vielmehr die Ergebnisse der arithmetischen Quadratur des Kreises, wovon der Entwurf mit der Ueberschrift: Ad Antonium Arnaldum, unter den Leibnizischen Papieren noch vorhanden ist. Außerdem findet sich noch der Entwurf eines Briefes mathematischen Inhalts an Arnauld vom 12. December 1675.
- 5Siehe das Bruchstück aus dem Schreiben an den Landgrafen Ernst, November 1686.
- 6Briefwechsel zwischen Leibniz, Arnauld und dem Landgrafen Ernst von Hessen-Rheinfels aus den Handschriften der Königlichen Bibliothek zu Hannover herausgegeben von C.L. Grotefend, Hannover 1846.