Leibniz an den Herzog Johann Friedrich
Daß E. Hochfürstl. Durchlt. meiner Sich Gnädigst erinnert, habe aus des Frey Herrn von Boineburg seel. kurz vor seinem absterben an mich abgelaßenem Briefe verstanden. Und als ich solche Gnade durch ein unterthänigstes Berichtschreiben an E. Hochfürstl. Durchlt. von meiner studien fortgang einiger maßen erkennen wollen, ist nicht allein der unverhoffte Trauerfall wohlgedachtes Herrn von Boineburg, sondern auch die Engländische Reise des Freyherrn von Schönborn, Maynzischen Envoyé, welcher gelegenheit ich mich England zu sehen auch bedient, dazwischen kommen, so verursachet, daß ich auch aus hoffnung mehrer schreibwürdigen materi bis nach meiner rückkunfft solches verspart.
Weil ich nun, Gottlob, wieder zu Paris angelanget, so habe meine unterthänigste Schuldigkeit ins werck zu setzen nicht länger verschieben wollen.
Berichte demnach E. Hochfürstl. Durchlt. unterthänigst, daß ich sowohl zu Paris als zu London die gelegenheit gehabt in Kundschafft trefflicher Leute, sowohl erstlich die Religions- und Staats-Sachen, als auch vors andere, in scientien, Künsten und curiositäten, zu gerathen, welches auszuführen aniezo zu lang und E. Hochfürstl. Durchlt. verdrießlich fallen möchte. Doch kan ich zweene Puncte unerwehnet nicht laßen, wie daß ich nehmlich, was jenes betrifft, bey dem weltberühmten Monsieur Arnaud zu einer inneren admission gelanget, und dann was diese belangt, die einsmahls bey E. Hochfürstl. Durchlt. von mir erwehnte Arithmetische Machine, so alle species ohne einige arbeit des gemüths verrichtet, nach großer Muse und nicht geringen Kosten zu wege gebracht. Wohlgedachter Herr Arnaud ist ein Mann von den tieffesten und gründtlichsten gedanken, die ein wahrer philosophus haben kan, sein zweck ist nicht nur ein Religions-Liecht in den gemüthern anzuzünden, sondern auch die durch passionen der Menschen verdunckelte flamme der vernunfft wieder zu erwecken, nicht allein Kezer, sondern auch welches aniezo die größte Kezerey, Atheisten und ruchlose zu bekehren, nicht nur wiedersinnige zu überstreiten, sondern auch die seinigen zu beßern. Denn dahin gehen seine gedanken, wie, da es müglich, durch Reformirung eingerissener öffentlicher Misbräuche den Dissidenten die ursach der Scheidung benommen werde: dazu er dann in unterschiedenen wichtigen puncten den anfang gemacht, und als ein verständiger Mann stufenweis gehet. Es ist mir leid daß, als ich des Herrn Arnaud kundschafft gefunden, wir den Seel. Herrn von Boineburg verlohren; denn ich dieser beyden Persohnen, so an rechtschaffener solidität einander sehr ähnlich, nähere correspondenz zu wege zu bringen gehofft. Es hat gewislich sowohl die Kirche als das Vaterland an diesem Manne einen großen Verlust erlitten, den aber E. Hochfürstl. Durchlt. beßer wißen als ich beschreiben kan. Maßen E. Hochfürstl. Durchlt. in allen dingen auf den Grund sehen und verstehen, wen und was man dem Strohm der allgemeinen Irrthümer und Mängel entgegen sezen könne.
Die Arithmetische Machine ist sowohl hier als zu London, ob man zwar nichts als ein ungeschlachtes unvollkommenes Model davon gesehen, vor eine der considerabelsten Inventionen dieser zeit, ohne ruhm zu melden, gehalten worden, maßen dergleichen bishehr nicht einmahl vorgenommen, geschweige dann gesehen. Die größe des Nuzens aber leicht zu erachten, so mit der Arithmetick selbst sich gleich weit erstrecket. Und weil ich mich erinnere, daß E. Hochfürstl. Durchlt. einsmahls einige erwehnung dieses Wercks nicht unangenehm, so habe ich iezo da es zur execution kommen, mir die Kühnheit nehmen wollen, deßen etwas ausführlicher wie wohl kürzlich zu gedencken.
Demnach dessen zweck und aniezo effect ist, daß die Rechnung im höchsten Grad leicht, geschwind, gewiß sey; leicht, dieweil man keiner einigen arbeit des Gemüths, nachsinnens, im Sinn behaltens, rathens, ja mit einem worth Rechnens bedarff, denn (welches gar notabel) anstatt daß man in der division auffn papier offt rathen und achtung geben muß, daß man Keinen gar zu großen quotienten nehme, und dahehr offt von nöthen hat, etlichmahl zu versuchen, bis man den größten so müglich trifft, so find er sich hier in der Machine selbst. Geschwind, dieweil man zum exempel eine zahl von einer ganzen Reihe Zipfern, sie sey so lang sie wolle, (nach proportio der größe der Machine) in einem umbgang eines rades auff einmahl durch eine gegebene zipfer multiplicirt, anstatt daß die Feder eine iede a part multipliciren muß; Item dieweil man weder in der multiplication des addirens, noch in der division des subtrahirens bedarff: in addition und subtraction selbst aber keines im Sinne behaltens, noch übertragens vonnöthen. Gewiß, dieweil so lange an der Machine nichts versehret wird, ohnmüglich zu fehlen, und dahehr keine probe erfordert wird. Welches denn vor Rechen-Cammern, Contoirs, Meß-Kunst, fortification, Schiffart, ja ganze Mathesin und Mechanick, auch Commercien und financen einen unglaublichen Nuzen haben, die Menschliche Arbeit darin auff die helffte mindern, auch so gar unnöthige Menge der dazu brauchenden personen und viele gagen ersparen kan. Zu geschweigen wie allerhand Tabulae in obgedachten scientien, einmahl vor allemahl zu erleichterung Menschlicher arbeit, dergestalt durch dazu bestelte Leute auszurechnen, da sonsten bekand, daß an den Tabulis Logarithmorum, so ein herrliches werck, unterschiedene dazu besoldete personen über 20 jahr zubracht. Diese in einem unausgearbeiteten model probirte Machine wird iezt in Meßing vollkommentlich ausgemacht, und von curiosis mit verlangen erwartet, hoffe sie werde in wenig wochen fertig seyn. Sie hat mich nicht wenig gekostet, ehe ich es so weit gebracht, dann das Model wohl 100 mahl verändert, und drey viertheil Jahr daran gearbeitet worden. Die demonstration ist vor beyden Königlichen Societäten zu Paris und London mit großem applausu geschehen.
Und wiewohl ich glaube, dafern auch von mir niemahls etwas anders praestiret werden solte, mein gedächtnuß dadurch dem publico genugsam zu hinterlaßen, so hoffe doch andere nicht weniger, ja mehr wichtige Dinge zu haben, zu deren execution aber mir nichts als Zeit undt appuy von nöthen. Ich habe mit den gelertesten Leuten unser Zeit theils correspondenz bereits, theils eine offene thür dazu; ich habe sowohl durch speculation als dazu kommene practick sowohl unterschiedene arcana der Künstler und werckleute erfahren, als auch de meo gefunden; ich habe in negotio Religionis et philosophiae verae atque interioris wichtige demonstrationen gethan. Meine Elementa Philosophica de Mente (denn wir bishehr nur philosophiam de Corpore haben) darinnen scientiae divinae et moralis grund gelegt, verlangen unterschiedliche treffliche Leut ausgemacht zu sehen, Jurisprudentiam emendandam, deren ich genugsam anderwärts gedacht, aniezo zu übergehen. So hab ich auch die Histori und affairen nicht versäumen müßen; Maßen anderer Dinge zu geschweigen ich vor weniger zeit ein mit dem seel. Herrn von Boineburg überlegtes hochwichtiges bedencken auf deßen anregen weitläuffig ausgeführt, so endtlich jüngst seel. verstorbene Churfürstl. Gnaden zu Maynz selbst sich höchlich belieben laßen, und sogar zur execution, so viel an ihr bringen zu lassen, vorgenommen, deßen ich genugsamen beweiß in händen habe, undt auch einiger consideration und confidenz rühmen kan, als eben dem Allmächtigen Gott gefallen, Höchstgedachte Churfürstl. Gnaden von dieser welt abzufordern. Wenn ich die Weisheit und genereuse condescendenz E. Hochfürstl. Durchlt. nicht wüste, würde ich mich nicht erkühnen solche Dinge an Sie von mir zu schreiben; ich weis aber daß E. Hochfürstl. Durchlt. bereits anderwerts zu verstehen geben, an meinen wenigen gedancken ein gnädigstes gefallen zu haben. Zu dem habe ich allezeit die früchte meiner arbeit, so gering sie auch seyn, E. Hochfürstl. Durchlt. gewidmet, als deren hoher Verstandt auch das tieffeste ergründet, deren sonderbare güthe auch das schlechteste, doch wohl gemeinte für gut aufnimt und deren genereuses gemüth sich eine glorie macht aus beförderung gemeinen Nuzens, welches recht fürstlich und der einige weg sich unsterblich zu machen.
Demnach bitte E. Hochfürstl. Durchlt. unterthänigst, Sie geruhen Sich gnädigst zu versichern, daß dero Befehl zu was zeit, orth und weise es sey, zu gehorchen, deren glorioser desseinen ein geringes instrument zu seyn, unter deren autorität einige nüzliche Dinge zu werck zu richten, alle mein Wunsch sey. Wie ich dann zu dero gnädigster verordnung alles remittire. Unterdessen dafern E. Hochfürstl. Durchlt. einiger erwehnten Dinge fernere erclärung, oder von anderen meinen desseinen ausführlichen Bericht oder meiner weniger correspondenz und decouverten fernere communication begehren, oder auch sowohl sonsten als hier, da ich einigen aditum bey considerablen leuten, selbst Ministris habe, mir etwas gnädigst anzubefehlen, auch wohl gar, da es beliebig, eine Zipfer zuzuschicken und sowohl die weise zu correspondiren als sonst zu dienen, vorzuschreiben gnädigst verordnung thun lassen wollen, werde ich nicht allein alle schuldigste müglichkeit anwenden, sondern auch vielleicht verhoffentlich alhier in dieser kleinen welt und theatro nicht allein der affairen, sondern auch sapientiae Divinae humanaeque allezeit materi haben nicht nur dero curiosität zu contentiren, sondern auch vielmehr dero hohen gemüth allerhand solidiora alimenta zu finden.
Dafern nun etwa E. Hochfürstl. Durchlt. mich eines gnädigsten befehlichs würdigen wolte, köndte solcher entweder nach Maynz in das Boineburgische Haus, oder an Monsieur Heißen Chur Trierischen Residenten nach Paris adressiret werden. Und ich werde mir für ein hohes glück schäzen, dafern ich dadurch gelegenheit finden werde zu bezeigen, daß ich bin, gnädigster Herr E. Hochfürstl. Durchlt. u.s.w.
Paris den 26 Martii An. 1673.